Ein Mathematiktest steht auf dem Programm. Und der 17-jährige Marc hatte wieder einmal keine Zeit, sich darauf vorzubereiten. Da «Mathe» nicht gerade seine Stärke ist, hilft er sich mit einem kleinen Zettel über die Runden – voll geschrieben mit den wichtigsten Formeln und im Etui versteckt. Einige Mitschüler mogeln sich ebenfalls mit einem Spick durch die Mathearbeit. Ist der Prüfungsdruck in der Schule zu gross oder die Vorbereitung ungenügend, wird der Spickzettel für viele Schüler zum unverzichtbaren Hilfsmittel, um beim Test nicht gänzlich abzustürzen. Spicken ist mit einer grossen Portion Nervenkitzel und Risikobereitschaft verbunden. «Es gibt Schüler, die das Spicken als wahren Sport betreiben. Meistens hätten sie es gar nicht nötig, doch sie brauchen den Spick als eine Art Kick», sagt Beat Zemp, Gymnasiallehrer und Zentralpräsident des Dachverbands Schweizer Lehrerinnen und Lehrer (LCH).

Im Rahmen des nationalen Forschungsprogramms «Wirksamkeit unserer Bildungssysteme» von 1997 befragten Psychologen der Universität Bern über 2000 Kinder und Jugendliche der vierten bis neunten Klasse aus Bern, Solothurn und dem Unterwallis. Dabei kam auch das Spicken zur Sprache. Laut den Aussagen der Jugendlichen bringt eine Mehrheit von ihnen Prüfungen mit Mogeln oder Spicken über die Runden. 55 Prozent der Befragten hatten im letzten halben Jahr mindestens einmal gespickt.

Mit modernster Technik
Am meisten gemogelt wird in den Schweizer Gymnasien: 77 Prozent der Maturanden haben im letzten Semester gespickt. «Ein kleiner Spick hat manchmal schon etwas Beruhigendes», beschreibt die 18-jährige Gymnasiastin Sarah F. das Gefühl, mit einem Spick als Rettungsanker die Prüfung in Angriff zu nehmen.

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Die Auswahl an Spickmethoden ist gross – und wird von Tag zu Tag grösser. Den Schülern steht heute ein riesiges Arsenal an Tipps und Tricks zur Verfügung. Der 20-jährige Bastian Wilhelms aus dem deutschen Celle betreut im Internet eine der grössten Spickzettelsammlungen der Welt. Sogar Referate und Arbeiten in verschiedenen Fachbereichen können Schüler und Schülerinnen von dieser Internetseite bequem herunterladen. Wilhelms vermittelt auch Nachhilfelehrer. «Es geht mir nicht ums Mogeln, vielmehr möchte ich eine virtuelle Gemeinschaft unter Jugendlichen aufbauen.»

Neben dem klassischen kleinen Spickzettel, der im Etui oder in der Hosentasche versteckt wird, gibt es eine Reihe raffinierter Methoden – oft mit modernster Technik. So schreiben deutsche Zeitungen: «Immer mehr Schüler lassen sich während der Abiturprüfungen Infos per SMS aufs Handy senden.»

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In Nateltelefonen oder Uhren mit einer Datenbank können Geschichtsdaten oder Mathematikformeln gespeichert werden. Schüler nehmen den Prüfungsstoff teilweise auch auf Kassette oder Minidisc auf und versuchen während des Testes darauf zurückzugreifen. Lehrerverbandspräsident Beat Zemp weiss von einer elektronischen Übersetzungshilfe, die erst seit kurzem auf dem Markt ist und bereits in Französisch- und Englischprüfungen illegalerweise zum Einsatz kam.

Manchmal lassen sich aktuelle Modetrends wie etwa die Körperbemalung als Spick missbrauchen: «Trendy sind im Augenblick Tätowierungen. Pythagoras und Trigonometrie ergeben bezaubernde Muster auf den Händen. Unregelmässige Verben machen sich sehr gut auf den Armen», wird auf der Internetseite www.spickzettel.de vorgeschlagen.

An den Schulen sind Spickzettel laut Beat Zemp ein altbekanntes Problem. «Der Umgang mit dem Spick gehört für uns zum Alltag. Im Gegensatz zur mangelnden Disziplin im Klassenzimmer betrachten wir den Spick jedoch als weniger problematisch. Spicken hat einen sehr beschränkten Einfluss auf die Schulkarriere.»

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Im Schulgesetz wird Spicken klar verboten. Ebenfalls im Gesetz geregelt sind die Massnahmen, die gegen das Spicken zu ergreifen sind. Wer beispielsweise bei einer Matura-Abschlussprüfung spickt, wird sofort ausgeschlossen. «Hier kann es zu dramatischen Situationen kommen. Ich rate deshalb meinen Schülern dringend, bei den Abschlussprüfungen auf den Spickzettel zu verzichten, denn es lohnt sich wirklich nicht», betont Zemp.

Die Lehrer wissen Bescheid
Wird ein Schüler während einer «normalen» Prüfung beim Spicken erwischt, erhält er in der Regel eine ungenügende Note. «Wegen einer einzelnen "gespickten" Aufgabe kann nicht eine ganze schriftliche Arbeit mit der Leistungsnote eins bewertet werden, sofern die Lehrperson nicht aus ernsthaften Gründen annehmen muss, alle Resultate seien "fremder Federschmuck"», schreibt Karl Eckstein, Autor des Buchs «Rechtsfragen im Schulalltag».

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Um Missverständnisse aus dem Weg zu räumen, muss der Lehrer seinen Schülern vor einem Test bekannt geben, welche Hilfsmittel (zum Beispiel Taschenrechner oder Wörterbuch) sie benützen dürfen. Damit gar nicht erst der Gedanke ans Spicken oder Abschreiben auftaucht, werden die Schüler auseinander gesetzt. Oder es werden zwei verschiedene Prüfungsserien ausgeteilt.

«Wir sind über die gängigen Spickmethoden im Bild. Taucht ein neuer Trick auf, dann wird im Lehrerzimmer darauf hingewiesen. Auf Spickaktivitäten werden wir spätestens dann aufmerksam, wenn wir beim Korrigieren unerwartete oder nicht hergeleitete Lösungswege vorgesetzt bekommen», sagt Beat Zemp.

Wer den illegalen Rettungsanker jedoch in ein allzu schlechtes Licht rückt, tut ihm unrecht. Schüler, die Spickzettel schreiben, müssen sich mit dem Prüfungsstoff auseinandersetzen und das Wichtigste auf kleinstem Raum zusammenfassen. So gesehen ist der Spick ein gutes Lehrmittel. Das gibt selbst die Lehrerschaft zu. «Ich erlaubte meinen Schülern auch schon, auf einer A4-Seite einen Spick zu schreiben oder alle Unterlagen mitzunehmen. Inhaltlich war die Prüfung dann aber anspruchsvoller. Wer sich nicht richtig vorbereitet hatte, verlor zu viel Zeit mit Blättern und Lesen», sagt eine Aargauer Oberstufenlehrerin.

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In England wird legal gespickt
Schüler in England werden in Zukunft ganz auf ihre Spickzettel verzichten können, wie es scheint. Inspektoren stellten nämlich in über zwanzig Fällen fest, wie die Lehrer ihren Schülern aktiv halfen, während der Prüfung zu mogeln. Aufsatzthemen wurden im Voraus bekannt gegeben, falsche Antworten nachträglich vom Lehrer richtig gestellt. In einem Fall sollen die Schulmeister bei einem «Multiple-Choice-Test» zwischen den Reihen herumgewandert sein und stumm auf das richtige Feld zum Ankreuzen gedeutet haben.

Der Grund für das ungewöhnliche Verhalten liegt im Wettbewerb, der zwischen den Schulen eingeführt wurde. Uber die Leistungen ihrer Schützlinge sollen die Bildungsanstalten zu weiteren Schülern und somit zu mehr Geld kommen. Als Nächstes geben die Lehrer wahrscheinlich Nachhilfestunden im Spicken.

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