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SchulsponsoringDie gekauften Lehrer

Swissmilk-Werbebotschaft auf dem Becher: Tag der Pausenmilch im November 2016. Bild: Manuel Lopez / Keystone

Gratis-Unterrichtsmaterial aus dem Hause UBS, Swissmilk oder Nestlé – wie lauter ist das? Eine Charta soll die Schulkinder vor unerlaubter Werbung schützen.

von Susanne Loackeraktualisiert am 2017 M07 17

In Amerika sind Lehrer der verlängerte Arm des Internetriesen Google. Gratis-Lehrmittel, extrem günstige Computer – Schulen unter Spardruck greifen dankbar zu. 30 Millionen Schülerinnen und Schüler arbeiten bereits mit dem Chromebook von Google. Mit der Software «Google Classroom» erledigen sie Hausaufgaben online – und Lehrer können sie online korrigieren. Auch in der Schweiz verleiten Spar- und Zeitdruck an den Schulen dazu, Geschenke aus der Privatwirtschaft anzunehmen. Bis ins Jahr 2018 werden in den Kantonen mindestens 535 Millionen Franken im Bildungssektor abgebaut. Bereits in den letzten drei Jahren wurden 265 Millionen Franken gestrichen.

Gratis-Lehrmittel werden in den Schulen immer häufiger angeboten – und was gratis ist, hat meist ein Eigeninteresse. Postfinance produziert Videos für den Umgang mit Geld, Swissmilk stellt Material gleich für mehrere Lektionen zur Verfügung und betont, ohne Milch könne man nicht gesund leben. «Einmal musste ich einschreiten, als Swissnuclear ein Lehrmittel anbot, in dem stand, Atomenergie sei die beste und sicherste Energie für die Schweiz», sagt Beat Zemp, Präsident des Lehrerdachverbands LCH und selber Gymnasiallehrer.

Was ist unverfänglich, was Werbung?

Um Privatindustrie und Lobbygruppen, die ins Klassenzimmer drängen, in die Schranken zu weisen, hat der LCH Ende letzten Jahres eine Charta und einen dicken «Leitfaden für die externe Bildungsfinanzierung» veröffentlicht. Er zeigt auf, in welcher Form Bildungssponsoring auftreten kann und wie Lehrpersonen damit umgehen sollen: Wer Unterrichtsmaterial vom Netz lädt, soll mindestens mit der Klasse darüber sprechen und thematisieren, dass da jemand möglicherweise Einfluss nehmen will. Denn von Gesetzes wegen ist klar: Werbung hat in Schweizer Schulzimmern nichts zu suchen.

Die Charta ist ein wichtiger Schritt. Denn noch ist vieles Ermessensfrage, abhängig von den persönlichen Überzeugungen von Lehrpersonen: Was ist bereits Werbung, was unverfängliches Material, das netterweise gratis zur Verfügung gestellt wird?

Die Charta ist nur eine Absichtserklärung

Zu den Unterzeichnern der Charta gehören auch Anbieter, die die Grenze zum Product Placement klar überschritten haben. Noch nicht unterschrieben hat der landesweit grösste Anbieter von Gratis-Onlineschulmaterial aus der Privatindustrie, die Aargauer Firma Kiknet. Auf der langen Liste der Firmen, in deren Auftrag Kiknet Schulmaterialien herstellt, finden sich Namen wie Nagra, Pharmasuisse, Nestlé, UBS, Swissnuclear oder eben Swissmilk. Und das, obwohl der Kiknet-Chef persönlich an der Charta mitgearbeitet hat. Hier wird das Problem des Dokuments klar: Es ist eine Absichtserklärung. Niemand überprüft es ernsthaft, niemand sanktioniert.

«Vor allem für junge Lehrer sind solche gratis abrufbaren Lektionen eine grosse Versuchung.»

Marion Heidelberger, Vizepräsidentin des Lehrerdachverbands LCH

Die Gratis-Lehrmittel sind gemäss Profis von hoher Qualität. «Vor allem für junge Lehrerinnen und Lehrer, denen das Wasser sowieso schon bis zum Hals steht, ist es schon eine grosse Versuchung, wenn fertig präparierte, stufengerechte Lektionen gratis im Netz abrufbar sind», sagt Marion Heidelberger vom Lehrerdachverband.

In der Schweiz trägt die Lehrperson in letzter Instanz die Verantwortung darüber, welches Material sie ergänzend zum obligatorischen Lehrmaterial einsetzt. Deshalb ist es verstörend, wenn Reto Braun von Kiknet sagt: «Unsere Freelancer, die die Unterlagen für uns erstellen, sind alles amtierende Lehrpersonen.» Es gibt also Lehrerinnen und Lehrer, die sich neben dem Lehrerlohn ein Zubrot mit Auftragsarbeiten für privates Product Placement verdienen. Und Marion Heidelberger vom Lehrerverband bestätigt: «Ich habe auch schon Anfragen erhalten, ob ich das Lektorat für solche Lernunterlagen übernehmen würde. Natürlich habe ich abgelehnt.»

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