«Die Kinder, wo in den Chor wollen, sollten ring lernen», verkündet die Lehrerin am Elternabend. Nicht nur die aus Deutschland zugezogenen Eltern schlucken leer. Beim späteren Rundgang durchs Schulhaus erfahren Mütter und Väter, dass «dort der Raum vom Hauswart ist» und dass die Lehrerin «überzogen ist», eine tolle Klasse bekommen zu haben. Zurück im Klassenzimmer, «springt» die Lehrkraft schnell in die obere Etage, um die Telefonlisten zu holen.

Wenn Sie sich jetzt fragen, warum sich nach diesem Abend einige Eltern um die Schulkarriere ihrer Kinder sorgen, stehen Sie mit der deutschen Grammatik vermutlich auf Kriegsfuss. Damit sind Sie nicht allein. Schulbesuche und Elternabende verraten: Auch manche Lehrerinnen und Lehrer tun sich schwer damit.

«Ich bin ein Schweizer, die deutsche Sprache ist mir fremd.»

Albrecht von Haller (1708 bis 1777)

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Schriftdeutsch als Fremdsprache

«Wenn noch Fragen auftauchen, können Sie mir jederzeit anrufen», beendet die Lehrerin den Abend. Mutter Bettina Bühler* beschliesst, sich an die Schulleiterin zu wenden. «Lernt mein Kind jemals richtig Deutsch, wenn die Lehrerin den Genitiv nicht kennt und Relativsätze grundsätzlich mit ‹wo› beginnt?», fragt sie. «Wir sind ­keine Deutschen, wir sprechen Schweizer Standardsprache», entgegnet die Schul­leiterin – und Bettina Bühler ist mittendrin in einer Debatte, die älter ist als die Schweizer Volksschule.

Im 17. Jahrhundert schrieb der Mediziner und Wissenschaftspublizist Albrecht von Haller: «Ich bin ein Schweizer, die deutsche Sprache ist mir fremd.» Und das Verhältnis der Deutschschweizer zum Schriftdeutschen ist vertrackt geblieben: Neuere Studien zeigen, dass eine Mehrheit Schriftdeutsch als Fremdsprache wahrnimmt. Sicher ist auch: «Deutschländerdeutsch» hat in der Schweiz nicht den besten Ruf. Anders als Englisch oder Französisch gilt es als kühl, distanziert und wenig geeignet, um Gefühle auszudrücken.

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Kennt die Standardsprache den Genitiv?

Im Jahr 2000 rüttelte eine Pisa-Studie das Land auf: Schweizer Kinder schafften es in Sachen Lesefähigkeit bloss ins Mittelfeld. Der Anteil Jugendlicher mit geringer Lesefähigkeit war im internationalen Vergleich hoch. Die Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren reagierte und beschloss: «Spätestens ab der Volksschule muss im Unterricht konsequent die Standardsprache zur Anwendung kommen.»

Da ist sie wieder, die Standardsprache. Bettina Bühler will es genauer wissen und lädt sich die Broschüre «Hochdeutsch als Unterrichtssprache» der Pädagogischen Hochschule Zürich vom Netz. Dort liest sie: «Lehrpersonen pflegen unterschied­liche Kulturen des gesprochenen Hochdeutsch.» Im Unterricht kämen vom «Schweizer Schulhochdeutsch» bis hin zu einem lebendigen gesprochenen «Schweizer Hochdeutsch» verschiedenste Varianten zum Einsatz. «Diese Ungereimtheiten haben Folgen für das Lernen und können deshalb nicht einfach als Ausdruck sprachlicher Vielfalt oder als Ergebnis von Methodenfreiheit bagatellisiert werden», schreiben die Autoren.

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Die Schüler hören viel und sprechen wenig

«Jawohl!», denkt Bettina Bühler. Bloss, was heisst Schulhochdeutsch? Schweizer Hochdeutsch? Und kennt die Standardsprache keinen Genitiv?

Peter Sieber, Linguist, Sprachforscher und Mitautor der besagten Broschüre, muss ausholen: «In den letzten Jahren hat sich unter Fachleuten die Erkenntnis durchgesetzt, dass Deutsch eine sogenannt plurizentrische Sprache ist» – also in der Entwicklung von mehreren sprachlichen Zentren beeinflusst wird. Schweizer Hochdeutsch gilt heute als eigenständige Ausprägung des Hochdeutschen. Also selbstbewusst «parkieren» statt «parken», «grillieren» statt «grillen», und neben Nuggi und Finken führt die Ausgabe «Schweizerhochdeutsch» des Dudens Ausdrücke wie Fegnest (das) und Ablöscher (der).

«Dieses neue Selbstverständnis hat auch Auswirkungen auf die gesprochene Sprache im Unterricht», sagt Sieber. Im Schulzimmer dürfe man durchaus hören, dass die Lehrkraft aus der Schweiz kommt. Gute Vorbilder sind für ihn die Nachrichtensprecher des Schweizer Fernsehens. Sieber lobt ihr «schönes, selbstbewusstes Schweizer Hochdeutsch».

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Jonas Huber* studiert an der Pädagogischen Hochschule Zürich. «Dort legt man sehr viel Wert darauf, nicht wie Deutsche klingen zu müssen», sagt der 25-Jährige. Huber geht der Kult ums Schweizerische aber zu weit. «Warum kann man nicht einfach sagen: Es ist okay, wenn man es hört, aber es schadet auch nicht, wenn ihr daran arbeitet?» Tatsächlich sprächen einige seiner Mitstudenten ein «prekäres» Hochdeutsch, das alles andere als fehlerfrei sei. Was Huber stört: «Sprachkompetenznachweise werden von uns nur schriftlich verlangt, obwohl wir später den ganzen Tag vor einer Klasse sprechen werden.»

Tatsächlich hören Schüler viel zu. Erhebungen zeigen, dass sie bis zu 70 Prozent der Unterrichtszeit als Zuhörer verbringen.

Dem werde in der Ausbildung von Lehrkräften durchaus Rechnung getragen, sagt Christoph Hotz, Abteilung Kommunikation der Pädagogischen Hochschule Zürich: «In verschiedenen Fächern steht am Schluss der Ausbildung eine mündliche Prüfung, bei der die Ausdrucksfähigkeit in Hochdeutsch eine erhebliche Rolle spielt. In der berufspraktischen Diplomprüfung halten die Studierenden zwei Lektionen in einer Schulklasse, die benotet werden. Dabei ist die mündliche Sprachqualität ein fixes Beurteilungskriterium.»

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Der Wienerligraben

Längst nicht alles, was nach Mundart klingt, ist laut Duden falsch. Ein Blick ins «Wörterbuch der Standardsprache in der deutschen Schweiz» verblüfft nicht nur «Zuzüger» aus Deutschland: Der «Nussgipfel» ist in der Schweiz genauso korrekt wie «künden» für kündigen, der «Köpfler» für den Kopfsprung oder die «Konfitüre» für den Brotaufstrich beim «Zmorge». Schreibt ein Schüler in einem Aufsatz, der «feisse» Mann am Nebentisch ver­speise gerade das dritte «Wienerli», ist das kein «Misstritt». Auch «Knaben» die beim «Abtischen» helfen, machen keinen Fehler. Erst wenn sie das «Sackgeld» «vertubeln», hebt der deutsche Duden den Mahnfinger.

Schüler im Sprachbewusstsein fördern

Ob das reicht, will Iwar Werlen, emeri­tier­ter Berner Professor für allgemeine Linguistik, nicht beurteilen. Er plädiert aber dafür, dass an den Pädagogischen Hochschulen mehr Wert auf die Entwicklung eines Sprachbewusstseins gelegt wird, das die Beziehung zwischen Mundart und Standardsprache reflektiert. «Besonders fremdsprachigen Schülerinnen und Schüler sind auf Hinweise zur Trennung der beiden Sprachformen angewiesen», sagt Werlen. Lehrkräfte, die Mundart und Hochdeutsch mischten, verwirrten aber auch Schweizer Kinder, sagt der Sprachforscher weiter. Man kenne das aus dem Französischunterricht: «Spricht die Lehrperson Kauderwelsch, sprechen es auch die Kinder.»

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Bettina Bühlers Nerven flattern. Nicht zuletzt, weil sie in der Zeitung auf die Aussagen von Monica Eugster gestossen ist. Eugster unterrichtet an der Kantonsschule Wattwil und ist Präsidentin der Fachgruppe Deutsch des Kantons St. Gallen. Eugster konstatiert, dass etliche Schülerinnen und Schüler bereits beim Eintritt ins Gymna­sium erhebliche Defizite in der deutschen Sprache aufweisen: «Sowohl in Orthographie wie auch im Wortschatz und im Textverständnis zeigen sich Lücken.»

«Der Stellenwert der Grammatik ist heute sicher kleiner als noch vor 30 Jahren», sagt Lilo Lätzsch, Präsidentin des Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverbands. Dass man weniger Wert auf formales Wissen lege, sei eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung. Auch Medienleute seien stilistisch keineswegs sattelfest. So lese sie immer wieder: «Lätzsch gibt Schule.» Dem Genitiv gibt Lätzsch nicht mehr lange. «Der stirbt wohl leider irgendwann aus, nicht nur in der Schweiz, auch in Deutschland.» Sprache entwickle sich, und das sei nicht grundsätzlich falsch, sagt sie. Sie ist überzeugt, dass die sprachlichen Fähigkeiten der Schüler nicht schlechter geworden sind. Heute würden vermehrt andere Kompetenzen gefördert, zum Beispiel das freie Texten oder eben die Fähigkeit, sich mündlich in Standardsprache auszudrücken. Und: «Die meisten Lehrkräfte sprechen ein gutes Standarddeutsch.»

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Nadine Tuor, Sprachforscherin an der Pädagogischen Hochschule Zug, wollte es genauer wissen. In ihrer aktuellen Forschungsarbeit «Überzeugungen von Lehrpersonen zur Mündlichkeit» untersuchte sie unter anderem, wie Lehrerinnen und Lehrer selber ihre mündlichen Sprach­fähigkeiten einschätzen. Nur 50 Prozent der 195 befragten Lehrkräfte gaben an, sie fühlten sich «sehr sicher» im mündlichen Gebrauch von Hochdeutsch. 43 Prozent machten ihr Kreuzchen bei «trifft eher zu», und sieben Prozent würden wohl lieber in Mundart unterrichten. Sie fühlen sich «eher nicht» oder «gar nicht» sicher, wenn sie Standardsprache sprechen müssen.

Auch Lehrer dürfen Fehler machen

Der Winterthurer Seklehrer Martin Haller* gehört zu jenen, die von sich sagen, sie hätten kein Problem mit Hochdeutsch. Trotzdem ärgert ihn der Anspruch, dass eine Lehrperson keine Fehler machen soll: «Die Kinder begeistern und motivieren zu können ist bei einem Lehrer wichtiger als zu klingen wie Gerhard Schröder.»

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Bettina Bühler beruhigt das gar nicht. «Niemand würde einen Lehrer Mathematik unterrichten lassen, der nicht rechnen kann. Aber bei der Sprache drückt man beide Augen zu. Das darf nicht sein», sagt sie. Darum folgt sie Lilo Lätzschs Rat, das Gespräch mit der Lehrkraft zu suchen und ihr Anliegen im Elternrat zur Diskussion zu stellen. Bühler will sich sogar in den Elternrat wählen lassen. Schliesslich hatte die Lehrerin am Elternabend mehrmals darauf hingewiesen, dass sich bisher niemand für dieses Amt «gemolden» habe.

*Name geändert