Wäre die Zürcher SP das Mass aller Dinge, müssten sich Eltern hintersinnen, die sich für die schulische Entwicklung ihrer Kinder engagieren. Denn wenn die Eltern sie bei den Aufgaben unterstützen, verhalten sie sich angeblich unsolidarisch gegenüber andern Eltern, die das nicht tun. Die Jungsozialisten gaben den Anstoss, die Stadtzürcher SP nahm den Ball auf, die Debatte ist lanciert, eine Petition ebenfalls. Sie verlangt, die Hausaufgaben abzuschaffen. Stattdessen soll es obligatorische, durch Lehrer begleitete Aufgabenstunden geben.

Hausaufgaben erfüllen jedoch wichtige pädagogische Ziele, die mit Aufgabenhilfe ausser Haus nicht im gleichen Mass erreicht werden. Unter anderem lernen Kinder, im eigenen Umfeld selbständig zu arbeiten, entwickeln Selbstverantwortung, Eigeninitiative, haben Erfolgserlebnisse und gewinnen Selbstvertrauen. Dank den Hausaufgaben erfahren auch die Eltern, was die Kinder gerade lernen, interessieren sich mehr und können ihre Mitverantwortung besser wahrnehmen.

Der Schulerfolg hänge stark vom Elternhaus ab, stellen die Sozialdemokraten richtig fest. Tatsächlich sind Kinder erfolgreicher, wenn die Eltern Bildung schätzen, ein anregendes Umfeld bieten und die Kinder stützen. Umgekehrt leiden die Leistungen, wenn Eltern sich nicht interessieren oder nicht helfen können. Dies hängt auch mit der sozialen Schicht zusammen. In Akademikerfamilien finden Kinder oft bessere Bedingungen vor als in bildungsfernen Familien, etwa weil dort beide Eltern voll arbeiten müssen, selber an sprachliche Grenzen stossen oder weil die Wohnverhältnisse prekär sind. Das Familienumfeld führt tatsächlich zu ungleichen Chancen.

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Eine bizarre Logik

Nur ist es der falsche Schluss, die Hausaufgaben als Ursache zu sehen. Es sind doch nicht die Hausaufgaben schuld, wenn Kinder nicht vorankommen. Es ist das teilweise mangelhafte Engagement der Eltern. Engagierte Eltern sieht die SP aber als «Privileg». Statt unterprivilegierte Kinder aufs gleiche Niveau zu holen, will sie den andern das «Privileg» wegnehmen. Indem man die Aufgaben an die Schule verschiebt, soll der Einfluss der Eltern aufs Fortkommen der Kinder gebrochen werden. So nivelliert man im Namen der Chancengleichheit die Chancen nach unten. Eine bizarre Logik, die zudem ihr negatives Ziel nicht einmal erreicht: Engagierte Eltern würden ja ihre Kinder nicht plötzlich vernachlässigen, sondern sie trotzdem fördern und so ihr «Privileg» erhalten.

Spinnt man die Idee weiter, zeigt sich, wie abstrus sie ist: Schenken Eltern ihren Kindern Bücher, führen intelligente Diskussionen oder gehen gar ins Museum, schädigen sie die Chancengleichheit. Um diese herzustellen, müssten sie also den Kindern die Welt vorenthalten und die Bücher verbrennen. Elterliche Aufgabenhilfe oder gar Nachhilfestunden wären bei Strafe verboten. Damit Eltern garantiert keinen positiven Einfluss auf ihre Kinder haben, müsste man sie ihnen ganz entziehen.

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Kinder anspornen statt bremsen

Hinter der Abschaffung der Hausaufgaben steckt eine schädliche Ideologie: Engagement von Eltern und Kindern wird schlechtgemacht. Unvermögen und Desinteresse werden zum Massstab erhoben, der für alle gelten soll. Wer Chancengleichheit zu diesem Preis will, hat wirklich etwas falsch verstanden. Ebenso gut könnte man verlangen, dass alle Bauern die Ernte zerstören, weil es Hungernde gibt. Dann wäre Chancengleichheit hergestellt – nur würde niemand mehr satt.

Nein – man muss bei jenen Eltern ansetzen, die ihre Kinder nicht genug unterstützen können oder wollen. Am meisten ist Kindern geholfen, wenn man ihnen Aufmerksamkeit und Wertschätzung entgegenbringt, sie ermuntert, lobt, anspornt. Das können die meisten Eltern leisten, unabhängig von Einkommen, Bildung und Herkunft. Für Kinder, deren Verhältnisse so misslich sind, dass dies alles ausbleibt, bieten schon heute viele Schulen gratis Aufgabenhilfe an. Und wenn Eltern die Angebote nicht nutzen wollen und die Kinder übermüdet und ohne Hausaufgaben zur Schule schicken, sollte man sie zu mehr Engagement verpflichten können – notfalls mit Bussen, wie Basel-Stadt es kann.

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Die Lektion ist einfach: Man verbessert die Chancengleichheit nicht, indem man Gutes hintertreibt. Man muss Schlechtes korrigieren. Die Hausaufgaben-Abschaffer sollten nachsitzen: Im Fach Logik haben sie einiges aufzuholen.