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Steiner-Schulen«Klischees widerlegt»

In Rudolf-Steiner-Schulen lernen Kinder zu wenig: Mit diesem und anderen Vorurteilen räumt eine neue Studie auf. Erziehungswissenschaftler Clemens Diesbergen sagt wieso.

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Beobachter: Was ist für Sie die wichtigste Schlussfolgerung aus der Befragung, die bei ehemaligen Schülern der Rudolf-Steiner-Schulen durchgeführt wurde?
Clemens Diesbergen: Die Studie belegt, dass die Rudolf-Steiner-Schulen in der Schweiz sehr viele Bildungsziele gut erreichen. Die Schulen scheinen ihre Schüler wirksam dabei zu unterstützen, ihrem Leben eine sinnvolle, befriedigende Ausrichtung zu geben und ihren Platz in der Gesellschaft zu finden. Die Resultate widerlegen insbesondere das Klischee, dass man in diesen Schulen zwar eine schöne Schulzeit hat, aber nicht «auf das Leben draussen» vorbereitet wird. Weniger wichtig, aber ein überraschender Einzelaspekt war für mich die Tatsache, dass unter den Eltern der jüngeren Ehemaligen die Berufsgruppe der Lehrer mit 18 Prozent klar am stärksten vertreten ist.

Beobachter: Was ist daran bemerkenswert?
Diesbergen: Viele professionelle Pädagogen wählten für die eigenen Kinder einen anderen Weg, obwohl die meisten von ihnen Lehrkräfte an staatlichen Schulen sein müssen.

Beobachter: Ist das eine indirekte Systemkritik an den staatlichen Schulen?
Diesbergen: Die Kritik steht hier wohl kaum im Vordergrund. Aber bei der Auseinandersetzung mit der Frage nach der richtigen Schule für die eigenen Kinder scheint die Rudolf-Steiner-Schule für einige die attraktivere Variante zu sein. Das kann man, wenn man will, als eine indirekte Kritik deuten.

Beobachter: Schüler würden weniger lernen als an staatlichen Schulen, lautet ein gängiges Vorurteil. Stimmt das?
Diesbergen: Nein. Das zeigt die Studie deutlich. So hat ein Drittel aller Absolventen später eine akademische Ausbildung gemacht. Die Schule beweist, dass sie leistungsfähig ist. Zugleich muss allerdings gesagt werden, dass auch unter den Eltern der Ehemaligen eine überdurchschnittlich grosse Zahl an Akademikern zu finden ist.

Beobachter: Auffallend ist, dass rund 80 Prozent ihrer ehemaligen Schule gute Noten geben.
Diesbergen: Ja. Eine Qualität zeigt sich aber auch gerade darin, dass die Ehemaligen ihrer Schule gegenüber keineswegs unkritisch gegenüberstehen. Gerade die jüngeren unter den Befragten haben beispielsweise in verstärktem Masse eine gewisse Entwicklungsträgheit festgestellt. Bemängelt wurde auch, dass man zu wenig auf den Umgang mit Leistung und Konkurrenz vorbereitet worden sei.

Beobachter: Wo stehen die Rudolf-Steiner-Schulen im Vergleich mit den staatlichen Schulen?
Diesbergen: Rückblickend über die vergangenen Jahrzehnte kann man sicher sagen, dass sich die staatliche Schule stark weiterentwickelt hat. Der Vorsprung, mit dem sich die Rudolf-Steiner-Schulen früher von der Staatsschule abgehoben haben, ist durch diese Entwicklung der Staatsschule kleiner geworden. Ein meiner Ansicht nach bedeutsamer Kritikpunkt aus der Studie war, dass die Rudolf-Steiner-Schulen zu wenig dabei helfen, das Lernen zu lernen. Diese Thematik wird in der Staatsschule heute an vielen Orten bewusst berücksichtigt.

Ein Drittel geht an eine Hochschule

Die Rudolf-Steiner-Schulen existieren in der Schweiz seit rund 80 Jahren. Derzeit besuchen rund 7000 Kinder die 36 Schulen und 80 Kindergärten. Erstmals liegen nun differenzierte Resultate zur Bildung und zur Lebensgestaltung von ehemaligen Schülern vor. Von 620 Absolventen, die sich an der Umfrage beteiligten, hat ein Drittel eine akademische Ausbildung absolviert - überdurchschnittlich viele. Unter den am häufigsten ergriffenen Berufen finden sich neben Ärzten, Ingenieuren und Geistes- und Naturwissenschaftlern auffallend viele Lehrer (18 Prozent) und sozial ausgerichtete Berufe.

  • 86 Prozent der Befragten sind der Ansicht, sinnvolles und weiterführendes Wissen erworben zu haben.
  • 62 Prozent attestieren der Schule einen günstigen Einfluss auf ihre Fähigkeit, mit wechselnden Anforderungen umzugehen.
  • 60 Prozent jedoch fanden, die Steiner-Schule sei zu wenig leistungsorientiert.
Veröffentlicht am 18. Juni 2007