Beobachter: Kennen Sie den Spruch: «Lehrer haben am Morgen recht und am Nachmittag frei»?
Armin Binotto: Kenn ich (lacht). Das ist ja ein Dauerthema: dass die Lehrer viel ­Fe­rien hätten, Ferientechniker seien…

Beobachter: …und Jammerlappen.
Binotto: Auf solche Anwürfe entgegnete ich stets: «Sattle doch um – und werde auch Lehrer. Dann hast du auch so viel frei.»

Beobachter: Vor 30 Jahren hätte man noch nicht gewagt, zu behaupten, Lehrer seien faule Eier und Jammerlappen.
Binotto: Da bin ich ganz anderer Meinung. Meine erste Stelle war an einer Gesamtschule in einem kleinen Dörfchen am Walensee, auf der anderen Seite, wo man nur mit dem Schiff hinkommt. Der Kassier, der mir jeweils Ende Monat den Lohn von 640 Franken in einem Kuvert brachte, erlaubte sich einmal sogar, damit zwei Wochen zuzuwarten, weil er – wie mir seine Frau ausrichten liess – erzürnt sei über mich. Eine Respektsperson behandelt man anders.

Beobachter: Aber haben Eltern früher wenigstens nicht so dreingeredet?
Binotto: Das hingegen stimmt. Heute reden sie ­sogar in fachlichen Belangen drein. Nicht wenige Eltern möchten sich über ihr Kind gewissermassen verwirklichen.

Beobachter: Jeder drückte mal die Schulbank, jeder glaubt, mitreden zu können. Bringen Eltern aber nicht tiefgefrorene, veraltete Vorstellungen von Schule mit?
Binotto: Ach wissen Sie, so vieles hat sich gar nicht verändert. Auch die Lehrer nicht. Früher gab es autoritäre Typen und sensible ­Typen – wie heute auch. Nicht mal die ­Methoden haben sich gross geändert, nur benennt man die heute anders. Metho­disches Geschick ist doch keine neue ­Erfindung. Wir haben dem halt weniger hochtrabend Theorie gesagt.

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Beobachter: Aber es gibt doch schon Unterschiede: Früher tendierte man zum Frontalunterricht, heute ist es eher angesagt, die Schüler aktiv eine Aufgabe erarbeiten zu lassen.
Binotto: (entrüstet) Das ist doch nichts Neues. Das habe ich schon immer gemacht. Ich kann das nicht mehr hören: Man müsse indi­vidualisieren und ja nicht mehr frontal ­unterrichten. Dann antworte ich: Wie läuft das in einem Orchester? Steht da ein Dirigent vornedran, oder stehen alle Musiker vornedran? Eben. Dass man die Schüler selber und aktiv arbeiten lässt – heute heisst das wohl Werkstattunterricht –, das habe ich doch schon als frischgebackener Lehrer praktiziert. Jeder gute Lehrer hat das gemacht. Jeder gute Lehrer war anschaulich. Nehmen wir das Thema Äpfel: Dazu nahm ich Gedichte durch, stellte ­naturwissenschaftliche Fragen, aber auch: Was bedeutet der Apfel für die Wirtschaft? Man kann zum Beispiel Most daraus pressen. Daran haben meine Schüler indivi­duell gearbeitet. Das Rad erfinden Sie auch in der Pädagogik nicht neu.

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Beobachter: Sind Sie für Noten?
Binotto: Ja, ich liess viele Prüfungen schreiben. Seit je veranstaltete ich mit allen Schülern aber auch Notenkonferenzen: Jeder Schüler konnte zu jeder Note Stellung nehmen. Lehrerkollegen waren entsetzt: Das geht doch nicht, so geben sich alle Schüler eine Sechs! Dachten die. Doch ich verteilte den Schülern meistens bessere Noten, als sie sich selber gegeben hätten.

Beobachter: Sind Noten wichtig?
Binotto: (schweigt lange, ringt um eine Antwort) Ich hätte ohne weiteres auch ohne Noten Schule geben können. Aber das bestimmt ja nicht der Lehrer. Und auf irgendetwas muss der Lehrmeister ja abstellen, wenn er einen Stift einstellt. Natürlich gibt es Firmen, die ihre eigenen Tests machen, weil sie den Schulnoten nicht mehr trauen. Das hängt damit zusammen, dass viele Lehrer sich offenbar nicht getrauen, Noten so zu setzen, wie sie eigentlich… Also ich sage immer: Die gerechte Note gibt es nicht.

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Beobachter: Noten sind ungerecht?
Binotto: Noten sind immer subjektiv. Im Rechnen ist es ja noch relativ einfach: Eine Lösung ist richtig oder falsch. Wobei – ich korrigier­te auch schon falsche Lösungen, die ich aber viel «besser» fand als das «richtige» Resultat. Weil ich merkte: Der oder die hat sich was dabei gedacht. Ich hatte mal einen Seminaristen, der machte mit meinen Schülern eine Geschichtsprüfung. Das ist noch nicht so lange her, es war ein moderner Lehrer. Das war ganz interessant. Er sag­te, die Prüfung sei gut herausgekommen, ausser bei Gisela. Ich aber war hundertprozentig sicher: Gisela hatte eine gute Prüfung hingelegt. Sie hatte aber nicht auf seine Fragen geantwortet. Eine Frage war: «Wie ist es zur Schlacht am Morgarten ­gekommen?» Gisela schrieb, wieso der ­Konflikt ausgebrochen sei, interessiere sie nicht, sondern nur die Frage, wie man ihn hätte verhindern können, schrieb von Heiratspolitik und so weiter. Toll.

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Beobachter: Sie hätten also eine Sechs gegeben, der ­Seminarist eine Zwei. Das ist aber Willkür.
Binotto: Ich sage ja: Noten sind immer ungerecht.

Beobachter: Warum dann nicht abschaffen?
Binotto: Weil sie absolut lebensnah sind. Jeder Bäcker muss sich jeden Tag bewerten lassen, wenn die Leute sein Brot kaufen – oder eben nicht. Leistungsbeurteilung ist einfach eine Realität. Im Sport, in der Kunst, in der Wirtschaft. Überall. Konkret legte ich Prüfungen häufig so an: Es konnten maximal 60 Punkte erreicht werden; 53 Punkte ergaben Note 5,3; 45 Punkte ergaben Note 4,5 und so weiter. Ganz einfach. Ich ver­stehe nicht, warum um Noten ein solches Theater veranstaltet wird.

Beobachter: Vielleicht weil Prüfungen darauf hinauslaufen, dass Schüler stumpf auswendig lernen?
Binotto: (energisch) Das stimmt überhaupt nicht. Auch die modernsten Pädagogen sagen, eine Erfolgskontrolle sei nötig, um zu sehen, was hängengeblieben ist. Beim Schnelllauf behauptet auch kein Mensch, der Letzte sei gleich schnell gewesen wie der Erste.

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Beobachter: Was macht einen guten Lehrer aus?
Binotto: (überlegt lange und schweigt)

Beobachter: Anders gefragt: Waren Sie ein guter Lehrer?
Binotto: Ganz gewiss ein engagierter. Ich habe mein ganzes Berufsleben lang nichts anderes ­gemacht. Hobby und Beruf fielen bei mir immer zusammen.

Beobachter: Leidenschaft ist nicht zwingend auch gut. Was ist ein guter Lehrer?
Binotto: Was ist ein guter Vater?

Beobachter: Ich stelle hier die Fragen. Was also ist ein guter Lehrer?
Binotto: (lacht) Es ist tatsächlich so, man kann es eigentlich gar nicht sagen. Es ist eine unglaubliche Mischung. Einfühlsam muss er oder sie sein, das ist sicher etwas vom Wichtigsten. Da kann ein Mensch über noch so viel Methode verfügen, wenn er diese Antenne fürs Gespür nicht hat, ist er ein schlechter Lehrer. Und ein Lehrer muss liebenswürdig sein. «Man lernt nur von dem, den man liebt», heisst es bei Goethe. Das mag Ihnen jetzt banal vorkommen, aber die wichtigen Dinge im Leben sind immer einfach. Gerechtigkeit ist auch wichtig. Es ist ein Beruf, zu dem man be­rufen sein sollte. Ich wusste schon nach dem ersten Tag in der Primarschule bei Fräulein Mosimann, dass ich Lehrer werden wollte.

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Beobachter: Also sozusagen ein geborener Lehrer. Reicht das?
Binotto: Nein, er muss natürlich auch fachlich und methodisch was draufhaben. Es gibt Lehrer, die leidenschaftlich sind, aber das überhaupt nicht vermitteln können. Wir kennen alle diese Lehrer, die vorne über ­etwas schwatzen, selber komplett weg­getreten sind, aber der Funke springt nicht über.

Beobachter: Sie haben am Seminar auch Lehrpersonen ­ausgebildet: Ergreifen heute die talentierten Leute diesen Beruf?
Binotto: Ach, es gibt natürlich Leute, die ihren Beruf verfehlen. Aber die gab es früher auch.

Armin Binotto, 67, unterrichtete sein Berufsleben lang als Primar- und Sekundarlehrer. Ausserdem ­bildete er am Lehrerseminar während 17 Jahren ­angehende Lehrerinnen und Lehrer aus. Aufgewachsen ist er in Eichberg SG. Sein Vater war ein italienischer Schuh­macher, seine Mutter eine Schweizer Hausfrau. «Ich stamme aus dem unters­ten Gestrüpp des Volkes», sagt Binotto. Er sammelt alles zum ­Thema Neid, hält auch Vorträge darüber. Drei seiner vier Söhne sind ausgebildete Lehrer.

Quelle: STR, Keystone
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Beobachter: Ergreifen viele orientierungslose ­Maturandinnen diesen Beruf?
Binotto: Diese Gefahr besteht. Ich sage es nochmals: Ein Lehrer sollte wie ein Künstler sein, der sagt: «Ich kann einfach nicht ­anders.» Van Gogh ist weiss Gott nicht reich geworden mit seiner Malerei, doch er konnte nicht anders. Diese Leidenschaft bräuchte es beim Lehrer auch.

Beobachter: Ist der Beruf nicht demontiert worden?
Binotto: Wir haben sicher zu wenig gute Lehrer. Aber meinen Sie, alle Banker oder Wissenschaftler seien gut?

Beobachter: Aber die können nicht so viel «kaputtmachen».
Binotto: Ich vergleiche den Lehrer gern mit dem Schreiner. Der hobelt am Brett herum, und wenn er danebenhobelt, nimmt er ein ­neues. Der Lehrer muss viel vorsichtiger sein, weil er an Menschen «herumhobelt». Deshalb braucht es in der Lehrerausbildung mehr verantwortungsbewusste Prak­tiker, weniger ideologisierte Theoretiker.

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Beobachter: Sie meinen die pädagogischen Hochschulen?
Binotto: Da landen nicht selten Lehrer, die in der Schulpraxis nicht reüssiert haben. Die ­gehen dann in die Bildungsindustrie und ­haben im Hinterkopf, dass sie als Lehrer gescheitert sind.

Beobachter: Leiden die Lehrer unter der Reformitis?
Binotto: Ja klar, da hattest du jeden Tag im Lehrerzimmer eine Beige Papier. Bürokratenkram. Statistik. Einmal füllte ich so ein ­Papier aus und dachte: «Das liest ja gar ­keiner.» Um das zu prüfen, gab ich an, ich hätte 52 Wochen Schule gehalten im Jahr und 365 Aufsätze schreiben lassen – lauter solchen Blödsinn. Ich gab das ab, es ging an den Inspektor, das Rektorat, die Erziehungsdirektion. Nichts passierte. Für mich war das der Beweis, dass all das gar keiner liest. Im Jahr darauf weigerte ich mich, ­jenes Formular auszufüllen. Der Rektor ­zitierte mich. Ich fragte ihn, ob das jemand lese. Natürlich, antwortete er. Ich bat ihn, mein Formular vom Vorjahr hervorzuholen. Er las es und sagte: «Spinnst du eigentlich, du hast doch nicht 365 Aufsätze ­schreiben lassen!» Ich sagte: «Siehst du. Kein Mensch liest das.»

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Beobachter: Mit der Schule beginne der Ernst des Lebens, heisst es. Ist denn die Schule eine humorfreie Zone?
Binotto: Ein Lehrer ohne Humor gehört nicht in die Schule. Punkt. Ein humorloser Lehrer nimmt doch alles immer so persönlich, ist die dauernd beleidigte Leberwurst. Humor, um zu Ihrer Frage vom guten Lehrer zurückzukommen, ist sehr, sehr wichtig.

Beobachter: Waren Sie ein strenger Lehrer?
Binotto: Ich wollte mit den Schülern etwas erreichen und forderte sie dementsprechend. Für mich hängen Fordern und Fördern zusammen. Aber ich glaube sagen zu dürfen: Ich war auch mit mir selber streng. Das Vorbereiten von Lektionen ist enorm wichtig: Es geht nicht, dass ein Lehrer vor Schulbeginn einfach noch so husch, husch irgendwas kopiert, um die Kinder zu beschäftigen. Ich liess die Schüler immer auch in ihrem eigenen Tempo arbeiten, schlug nicht alle über den gleichen Leisten. Sie müssen den Schwachen wie den Starken die Chance geben, sich voll zu ­entfalten.

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Beobachter: Haben Sie Schüler bestraft?
Binotto: Natürlich. Im Lauf meiner 44 Jahre Lehr­tätigkeit hats auch ein paar Ohrfeigen ­gegeben. Wenn ein Schüler jemanden anspuckte, war ich sehr streng. Das wussten die auch. Heute erhält ein Kind ja schon einen Orden umgehängt, wenn es nur schon etwas zugibt und einigermassen ordentlich tut. Was selbstverständlich ­wäre. Das ist falsches Lob.

Beobachter: Bedauern Sie denn, dass man nicht mehr ohrfeigen darf?
Binotto: Es ist richtig, dass das verboten wurde.

Beobachter: Sind heutige Schüler aggressiver als früher?
Binotto: Wir haben als Schüler ja noch «Tarzan» mit schlechtem Gewissen gelesen. Heimlich. Comics galten als Schundliteratur. Wie harmlos im Vergleich zu heute. Heute machen sich Schüler scheints in Internet­foren fertig, schwärzen an, agieren aus ­einer ­Voyeurperspektive heraus. Das ­würde mir ernsthaft Sorgen machen, wenn ich noch Lehrer wäre. Raufen, wie wir das getan ­haben, war ja oft recht grob. Aber es ist ­direkter. Ehrlicher irgendwie.

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Beobachter: Wird die Schule zur Reparaturwerkstatt der Gesellschaft?
Binotto: Früher waren gewisse Werte verbindlich und wurden kaum hinterfragt: Anstand, Fleiss, Pünktlichkeit. Sauberkeit, Achtsamkeit. Exaktes, sorgfältiges Arbeiten auch. Dieser Konsens hat massiv abgenommen. Ich war immer gegen das «Pflodere», den Pfusch. Unterrichten ist ja immer auch Erziehung. Das können Sie gar nicht trennen. Doch manche Eltern finden heute schnell mal, das alles gehe den Lehrer gar nichts an. Vielleicht ist es gut, dass ich jetzt pen­sioniert bin. Ein Schüler sagte mal über mich: «Der Binotto ist zwar streng, aber ­gerecht.» Das hat mich gefreut.

Frage: Welche der folgenden Eigenschaften machen eine gute Lehrperson aus?
Antworten als Zustimmung in Prozent (Mehrfachantworten möglich);
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Quelle: STR, Keystone