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VolksschuleZurück zum Drill?

Die einen möchten die Schule wie zu Gotthelfs Zeiten: Zucht, Ordnung und Heimatkunde. Die andern sind überzeugt, dass moderne Pädagogik mehr bringt.

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Martin Lampert ist für seine 52 Jahre beneidenswert schlank. «Mit Bierbauch Turnunterricht erteilen, das können Sie vergessen. Da nimmt Sie kein Schüler für voll.» Sekundarlehrer Lampert unterrichtet seit 29 Jahren Mathematik, Biologie, Chemie, Physik, Geographie und Turnen. Nebenher politisiert er für die SVP im Parlament der Zürcher Seegemeinde Wädenswil.

Genauer: Er politisierte. Denn der Pädagoge hat von seiner Partei genug und ist ausgetreten. Dies, nachdem er den «SVP-Lehrplan» gelesen hatte: eine 90-seitige Kampfschrift gegen den geplanten vereinheitlichten Lehrplan der Kantone. «Fehlt nur noch, dass die SVP die Schnürlischrift wieder einführen möchte, das ist total retro», ärgert sich Lehrer Lampert.

Die SVP ortet ein Führungsproblem in der Volksschule – nur noch «Lust und Laune» bestimmten den Schulalltag: «Die Schule ist zu einer Art Vergnügungszentrum geworden», wird behauptet, «in dem jener Lehrer als der beste gilt, der am meisten Unterhaltung bietet.» Die SVP will deshalb, dass die Pädagogen im Schulzimmer wieder mehr «fordern und führen», und meint damit: mehr Prüfungen und Noten, also Auswendiglernen und Büffeln, mehr Disziplin und Fleiss, generell mehr Drill (siehe «Artikel zum Thema»).

Eine repräsentative Umfrage des Beobachters vom Februar 2011 unter 500 Eltern stützt diese Postulate teils (siehe Grafiken am Ende des Artikels). So wünschen 94 Prozent der Befragten Noten in der Schule. Ebenfalls eine Mehrheit von 57 Prozent spricht sich für mehr Disziplin im Schulzimmer aus.

Hinzu kommen jene 57 Prozent, die möchten, dass die Schule auch Umgangsformen vermittelt, also erzieht – und dass im Unterricht mehr auf jedes Kind individuell eingegangen wird. Beides lehnt die SVP ab: «Jeder Schüler soll in selbstgewähltem individuellem Lerntempo durch seine Schulzeit dümpeln dürfen», verspottet der SVP-Lehrplan solche Anliegen.

Fazit des Umfrageleiters Hans-Ruedi Hertig: «Die Forderungen an die Schule schwanken zwischen Extrempositionen: Man verlangt mehr Disziplin und Leistungsmessung, aber auch mehr Erziehung und individuellen Unterricht.» Es dominieren scheinbar unverrückbare Pole, die Mitte bröckelt – wie auch in anderen Bereichen der Politik. Droht die Volksschule, eine der letzten mächtigen Klammern dieser Gesellschaft, auseinanderzubrechen?

Von «Bildungsvogt» bis «Klimalüge»

Ist von Schule die Rede, dann meist nur als Problemzone, als Ort der Unzufriedenheit und des Undanks. Die Ansprüche an sie sind enorm: Neben dem Kerngeschäft, der Wissensvermittlung, wird sie immer mehr zur Reparaturwerkstatt der Gesellschaft. Selten vernimmt man, dass Leistung und Lust keine Widersprüche sein müssen, dass Schulen auch Orte sind, an denen nicht einfach «der Ernst des Lebens» beginnt, sondern wo Kinder etwas fürs Leben lernen. Und das auch noch gern tun.

Lehrpersonen werden pauschal als Jammerlappen, Ferientechniker und faule Eier verunglimpft, was in Sprüchen gipfelt wie: «Lehrer haben vormittags recht und nachmittags frei.» Das grenzt an Diffamierung eines ganzen Berufsstands. Als ob sich die Gesellschaft zu einem Kartell des Schlechtredens verschworen hätte. Und da wundern wir uns, dass kaum jemand mehr den Lehrerberuf ergreifen möchte. Oder nur noch die Untalentierten.

Und nun wird die Schule auch noch zum Wahlkampfthema. Er läuft bereits. Mythische Gestalten wie der «Bildungsvogt» tauchen auf, «linke Gesellschaftsveränderer», die laut SVP «eine dem christlichen Menschenbild widersprechende Sexualpädagogik» in die Schulbücher «schleusen», «Geschichtsklitterung» betreiben und die «Klimalüge» verbreiten.

Solch pauschale Vorwürfe lassen Unbehagen aufkommen. Nicht, dass es verboten wäre, über die Zukunft der Schule öffentlich zu debattieren. Nein, es ist nur das mit einem Wahlkampf einhergehende Verfechten von Extrempositionen, das ungute Gefühle aufkommen lässt, vor allem wenn die Vorschläge in Lehrpläne gegossen werden sollen, die dann jahrelang ausstrahlen – auch wenn sich der Rauch des Wahlkampfs schon längst verzogen hat.

Die SVP bekämpft mit ihren Vorschlägen den «Lehrplan 21». Dieser soll die Ziele für den Unterricht in der Volksschule festlegen. 21, weil 21 Kantone daran beteiligt sind. Ab 2014 soll er in den Kantonen eingeführt werden. Damit erfüllen die kantonalen Bildungsdirektionen einen Auftrag der Bundesverfassung; die schreibt vor, dass die Ziele der kantonalen Volksschulen einander angeglichen werden.

Die SVP fordert die konsequente Benotung von Schulleistungen – wie die grosse Mehrheit der vom Beobachter befragten Eltern. Der «Lehrplan 21» setzt eher auf gesamtheitliche Beurteilungen von Kompetenzen. Während in den neunziger Jahren Noten in der Primarschule in einigen Kantonen abgeschafft wurden, sind sie heute, wie auch die Beobachter-Umfrage zeigt, wieder im Trend. Der Kanton Solothurn hat sie per Volksabstimmung in der Unterstufe soeben wieder eingeführt, ebenso Genf und Appenzell Ausserrhoden.

«Schulnoten sind ein Witz»

Die SVP behauptet, Noten steigerten den Schulerfolg. Doch wissenschaftlich lässt sich das nicht belegen, sagt Rolf Dubs, ehemaliger Professor für Wirtschaftspädagogik an der Universität St. Gallen. Die Studien dazu widersprächen sich. Noch heute lesen künftige Lehrerinnen und Lehrer an den pädagogischen Hochschulen Dubs Bücher. Jahrzehntelang dominierte er die Schweizer Pädagogik, noch letztes Jahr publizierte der 76-jährige Ex-Brigadier die Schrift «Bildungspolitik und Schule – wohin?» (siehe nachfolgender Hinweis «Wie siehts heute an der Schule aus?»). Auch er befürwortet Noten, wenn sie mit einem individuellen Kommentar versehen werden. «Die Kinder wollen wissen, wo sie stehen.» Ausserdem sieht er keine bessere Alternative für die Selektion an eine höhere Schule. «Noten sind eine halbwegs gerechte Entscheidung über Vergabe von Studien- und Ausbildungsplätzen.» Und sie zwängen den Lehrer zu einer Leistungsbeurteilung «ohne Wenn und Aber».

Remo Largo, der berühmte Professor für Kinderheilkunde – seine Bücher «Babyjahre» und «Kinderjahre» sind Bestseller –, widerspricht: «Schulnoten sind ein Witz.» Primarschüler hätten 40 bis 60 Prüfungen pro Jahr, so zwinge man die Kinder zum Auswendiglernen, was ihre Lernmotivation zerstöre. Ihn mache das echt wütend, sagt der Kinderarzt. Laut Pisa-Studie stehe in der Schweiz jeder siebte Neuntklässler auf dem Niveau eines Viert- oder Fünftklässlers. Und das trotz Noten. Dass gewisse Kräfte jetzt wieder Drill und mehr Leistung forderten, habe auch mit den Ängsten der Eltern zu tun, dass es «mit Europa bachab geht». «Deshalb jetzt dieses Affentheater um das Buch der US-Chinesin, die ihre Kinder mit Klavier- und Geigenspiel drillt» (Amy Chua, «Die Mutter des Erfolgs»). Die Chinesen müssten als «Angstbild» herhalten.

An seiner eigenen Biographie illustriert Largo den «Stumpfsinn» des reinen Paukens. Für sein Medizinstudium musste er einst die eidgenössische Lateinmatur nachholen: Er schaffte in neun Monaten, wofür andere Jahre benötigen. Und erst noch brillant mit einem Sechser. «Das war nur eine Frage der Lernstrategie: Wie schaffe ich es, den ganzen Stoff in neun Monaten auswendig zu lernen?» Doch all sein Lateinwissen sei heute weg, verdampft. «Auswendiglernen hat nichts mit Bildung zu tun.»

Der gleiche Unsinn spielt sich seiner Meinung nach in der Schule ab. Immer noch werde zu viel Wert auf Prüfungen und Noten gelegt. «Die Schule ist zur Treibjagd verkommen», kritisiert er. «Die Lehrer sind die Jäger, die Noten und Prüfungen sind die Hunde, die man auf die armen Hasen, die Kinder, hetzt.»

Eltern und Lehrer sind lernresistent

Vordergründig wird zwar um Noten und Prüfungen gestritten, tatsächlich tobt ein grundlegender Kampf um die künftige Ausrichtung der Volksschule. Es geht um nichts weniger als um die Frage, wie Lehrerinnen und Lehrer zu unterrichten haben. Also auch darum, wie Kinder am besten lernen.

Bis in die achtziger Jahre galt das Dogma «Übung macht den Meister». Pädagogen gingen davon aus, dass mit genügend Übung Wissen am besten vermittelt werde. Die Lehrerin sandte ihre Wissensbotschaften, und die Klasse schaltete auf Empfang – oder eben auch nicht. Lob und Tadel waren wichtige Verstärker in diesem Lehrmodell. Es war die Zeit, als der Lehrer die Prüfungen der Note nach zurückgab – zuerst die Besten, am Schluss die Schlechten. Wer nach einer Weile immer noch wartete, wusste, dass er versagt hatte – und alle anderen wussten es auch. Eine besonders sadistische Form der Bestrafung.

Die moderne Didaktik, die Wissenschaft des Lehrens und Lernens, ist längst über solche Brachialmethoden hinaus. Professor Largo, Spezialist für kindgerechte Erziehung, sagt, worauf es beim Lernen ankommt: «Erkläre mir, und ich vergesse. Zeige mir, und ich erinnere. Lass es mich tun, und ich verstehe.» Diese Erkenntnis von Konfuzius sei die Quintessenz echten Lernens. «Es ist aktiv, selbstbestimmt und beruht auf eigenen Erfahrungen.» Das Drama unserer Schule, so Largo, bestehe darin, dass weder Eltern noch Lehrer daran glaubten. «Sie können sich die Schule gar nicht mehr anders vorstellen.» Nach wie vor hielten sie sich lieber an repetitives Üben, das angeblich den Meister mache. Automatisieren, mechanisches Wiederholen, Auswendiglernen. Das aber sei Pseudolernen. Oder wie Albert Einstein es auf den Punkt brachte: «Jeder Idiot kann etwas wissen. Entscheidend ist das Verständnis.» Mit Auswendiglernen verbessere sich nur die Prüfungsnote, nicht aber das Begreifen. Die falsche Vorstellung von Lernen sei es, die den Förderwahn befeuere und die Nachhilfe-Industrie antreibe: «Doch Gras wächst nicht schneller, wenn man dran zieht», zitiert Largo ein afrikanisches Sprichwort.

Er veranschaulicht «echtes» Lernen anhand eines Beispiels von Jean Piaget, dem berühmten Schweizer Entwicklungspsychologen des 20. Jahrhunderts: der Konstanz von Volumina. Volumen könne man über die drei Raumdimensionen definieren und diese Formel auswendig lernen. «Das heisst aber noch nicht, dass das Kind sie kapiert hat.» Wenn es hingegen mit verschiedenen Gefässen und Flüssigkeitsmengen spiele, bis es den Zusammenhang begreife, komme es von selbst auf die Formel. «Wir besitzen sehr viel Pseudowissen, das auswendig gelerntes Zeug ist, aber letztlich – verstehen tun wirs nicht.» Wer kennt nicht Einsteins Formel E = mc²? Doch wer wäre schon imstande, sie auch zu erklären?

«Konstruktivismus» heisst dieses Wissenschaftsmodell, das Lernen als aktiven Prozess begreift. Es setzt sich seit den neunziger Jahren langsam durch. Die Lehrperson ist bei dieser Art von Unterrichten, bei der die Schüler nicht nur zuhören, sondern aktiv Erfahrungen sammeln, eine Art Coach. «Nicht Auswendiglernen», so Largo, «nur Erfahrung führt zum Begreifen.»

Der Glaube an die Superlehrer

Das Lernmodell der SVP zielt letztlich auf die Komplizenschaft mit den Eltern, die denken: «Wir wurden auch benotet, und so schlecht sind wir nicht herausgekommen.» Das mag sein. Doch das wäre wie bei einem Patienten, der sich einem Eingriff am offenen Herzen unterziehen muss und der seinen Chirurgen anwiese: «Lassen Sie mal Ihr modernes Besteck in der Schublade und operieren Sie mich so, wie Sie das 1965 getan hätten.» Kein Mensch käme auf die Idee, in der Medizin freiwillig auf die Fortschritte der Wissenschaft zu verzichten.

Doch genau das tut die SVP, wenn sie die neusten didaktischen und pädagogischen Erkenntnisse ignoriert und sie als «sozialromantisches Phantom», als reinen «Glauben» der Lächerlichkeit preisgibt. Dabei verhält es sich genau umgekehrt. Die SVP glaubt nämlich an eine ominöse Super-Lehrerpersönlichkeit, die den Karren aus dem Dreck ziehen soll. Wie diese das schafft? Der «SVP-Lehrplan» beschreibt es minutiös: etwa in der Unterstufe mit Laubsäge, Raspel und Feile ein Vogelhäuschen bauen, ab der dritten Klasse «wöchentliche Diktate schreiben, Texte abschreiben», in der fünften Klasse die «Gründung der Eidgenossenschaft/Wilhelm Tell» durchnehmen und im ersten Jahr der Oberstufe «mindestens drei Erfindungen da Vincis nennen und erklären können». Das ist Pseudogenauigkeit, die Vorstellung, dass Lernen vor allem Büffeln und Eintrichtern von Wissen sei. Schon der griechische Philosoph Heraklit beschrieb dies als Irrweg: «Bildung ist nicht das Befüllen von Fässern, sondern das Entzünden von Flammen.»

Eine Überdosis Heimatkunde und Mundart

Auch Professor Rolf Dubs lehnt die reine «Wissenspaukerei» ab. Der Doyen der Didaktik, der Noten befürwortet, steht nicht im Verdacht, ein «linker Gesellschaftsveränderer» zu sein. Das Einüben von Grundfertigkeiten findet er okay. Doch die Vorschläge der SVP hält er für «zu schweizerisch, zu wenig weltoffen»: generell eine Überdosis Heimatkunde und Mundart. Aber immerhin werde so eine Diskussion in Gang gebracht, lobt Dubs anerkennend: «Die spüren, wo es brennt.»

Dreh- und Angelpunkt der Schule ist auch für Dubs die Lehrperson. «Wir müssen wieder gute Lehrer bekommen», meint er. Darunter versteht er aber nicht eine Superpersönlichkeit mit eingebautem Lehrer-Gen, einen zum Beruf geborenen Pädagogen sozusagen, sondern einen reifen Menschen, der über ein grosses Register an Methoden verfügt, die er mit leichter Hand zu ziehen weiss. Dieses Ideal vertritt auch der Wädenswiler Sekundarlehrer Martin Lampert, der aus Protest aus der SVP ausgetreten ist und der immerhin über ein Vierteljahrhundert Praxis vorzuweisen hat: «Nur mit Intuition läuft das nicht.»

In der Schweiz ist der Anteil schwacher Schüler, die in einem Text nicht einmal die Hauptidee erkennen, doppelt so hoch wie in Finnland. Finnland, seit zehn Jahren regelmässig an der Spitze der Pisa-Ranglisten, macht vor, wie eine gute Schule aussehen könnte. Mit Noten jedenfalls kann es nicht viel zu tun haben, sie sind dort erst ab der achten Klasse obligatorisch.

Eine der Erklärungen für den finnischen Erfolg, neben dem viel tieferen Anteil ausländischer Kinder in der Schule, sind die Sonderpädagogen, Sozialarbeiter, Schullaufbahnberater, Schulpsychologen und sogar die Schulkrankenschwester, die es in jeder Schule gibt. So werden Kinder mit Schwierigkeiten früh erfasst, und viele erhalten einen individuellen Lehrplan. Ausserdem hat Finnland exzellente Lehrer. Sie erhalten eine Masterausbildung, was den Beruf für Maturandinnen und Maturanden attraktiver macht. Nur die Geeignetsten werden für die Lehrerausbildung zugelassen, auf einen Studienplatz melden sich sieben Bewerber. Der Beruf hat Prestige, die besten Schulabsolventen wollen Lehrer werden.

Lehrer Martin Lampert bildet sich derzeit im Nachwuchsbereich des Fussballclubs Zürich weiter. Den Drill, erzählt er, habe er erwartet, der sei sozusagen beim Fussball gegeben; überrascht habe ihn aber der grosse Anteil individuellen Unterrichts. «Nicht einmal im Mannschaftssport werden alle Lernenden über den gleichen Leisten geschlagen», sagt er zufrieden.

Die Beobachter-Umfrage zur Volksschule (obligatorische Schulzeit, erste bis neunte Klasse) basiert auf Interviews mit 503 Personen aus der Deutschschweiz und der Romandie. ­Dabei wurden nur Haushalte befragt, in denen mindestens zwei Personen sowie Kinder im schulpflichtigen Alter leben (plus/minus zwei Jahre). Die Umfrage wurde im Februar 2011 von Hans-Ruedi Hertig, Projektdienstleistungen, in Zusammenarbeit mit dem Marktforschungsunternehmen GfK Schweiz durchgeführt.

Frage: Welche der folgenden Ziele finden Sie gut? Zustimmung, in Prozent (Mehrfachantworten möglich)

Frage: Wie zufrieden sind Sie mit der Schule, in die Ihre Kinder gehen/gegangen sind? Note 1 = gar nicht zufrieden, Note 6 = voll zufrieden* 

Frage: Wie gut fördert die obligatorische Schule die Fähigkeiten der Schüler in den folgenden Bereichen? Note 1 = schlecht, Note 6 = sehr gut    

Frage: Sind Sie für oder gegen Noten an der obligatorischen Schule?*

* Die fehlenden Werte bis 100 Prozent fallen unter «weiss nicht».

Quelle: Repräsentative Beobachter-UmfrageE (Hans-Ruedi Hertig, Projektdienstleistungen/GFK Schweiz), 503 Personen, Februar 2011; Infografik: Beobachter/DR

Wie siehts heute an der Schule aus?

Zehn Fragen und Antworten:

  1. Erbringen die Schülerinnen und Schüler heute schlechtere Leistungen als früher?
    Das ist wissenschaftlich nicht eindeutig belegbar. Was aber ziemlich sicher ist: Wichtige Grundfertigkeiten in der Muttersprache Deutsch und in Mathematik haben nachgelassen.

  2. Hat die Belastung der Lehrpersonen zugenommen?
    Sie ist jedenfalls hoch, wie bei allen gebenden Berufen. 20 bis 30 Prozent der Lehrkräfte fühlen sich überlastet und zeigen Symptome eines Burnouts (Schlappheit, chronische Müdigkeit, Konzen­trationsstörungen, Kopfschmerzen, Depression).

  3. Frustriert die Reformitis die Lehrer?
    Ein grosser Teil der Unzufriedenheit der Lehrerschaft ist zurückzuführen auf die wachsende Reglementierung der Schule. Neuerdings kommt die Verpolitisierung
    dazu, oft mit bildungspolitischen Mode­forderungen, die zu Schnellschüssen führen.

  4. Sollen Lehrer nach Leistung entlöhnt werden?
    Das hängt stark von der persönlichen Weltanschauung ab. Jedenfalls ist das Spektrum von Lehrpersonen, die sich voll für die Schule aufopfern, und solchen, die aus Resignation, Überforderung oder Enttäuschung zum Minimalismus tendieren, grösser geworden. Erfahrungen aus den USA ­zeigen, dass sich nach etwa fünf Jahren Umgang mit diesem System fast ­alle Lehrkräfte mit dem Ziel, einen Leistungslohn zu erhalten, beurteilen lassen.

  5. Fördern kleine Schulklassen die Schulleistung?
    Zu grosse Schulklassen sind zu vermeiden, vertretbar sind Klassengrössen zwischen 16 und 26 Lernenden. Eine Erhöhung oder Reduktion um vier bis sechs Lernende hat praktisch keine Auswirkungen auf die Leistungen. Anders verhält es sich, wenn es um Gefühle, Empfindungen, Werthaltungen geht: Da sind kleinere Klassen im Vorteil, vor allem im Kindergarten und in der unteren Primarstufe.

  6. Was ist eine erfolgreiche Lehrperson?
    Sie ist fachkompetent, verfügt über ein breites Repertoire an Unterrichtsformen, ist Erzieherin, setzt Regeln, steht zu den eigenen Wertvorstellungen und reflektiert diese immer wieder, interessiert sich für ihre Schüler, ist Einzelkämpferin im Unterricht und Teamplayer in der Schulgemeinschaft, ist physisch und psychisch belastbar, bemüht sich um einen Ausgleich zwischen Beruf und Freizeit, ist gerecht, optimistisch, glaubwürdig und berechenbar. Kurz: eine Künstlerin.

  7. Sind Hausaufgaben sinnvoll?
    Ja. Richtig erteilt, sind sie lernwirksam. Wenn die Aufgaben im nachfolgenden Unterricht lernfördernd ausgewertet, also ausführlich besprochen werden, erhöhen sie nicht die Chancen­ungleichheit, wie dagegen ­eingewendet wird.

  8. Sollen Lehrer Disziplin einfordern?
    Lehrkräfte müssen die Kraft aufbringen, gemeinsame Regeln für das Verhalten aufzustellen und konsequent durchzusetzen. Sinnvolle Sanktionen, Strafen als letz­tes Mittel, müssen von ihnen aber auch innerlich akzeptiert und umgesetzt werden. Vorausgehen muss aber eine aggressionsverhindernde Verhaltenssteuerung.

  9. Sollen Kinder früher oder später eingeschult werden?
    Die frühkindliche Erziehung hat massgeblichen Einfluss auf gleiche Startbedingungen. Weil viele Eltern ihren Erziehungsauftrag aus unterschiedlichen Gründen nicht optimal wahrnehmen können oder wollen, lässt sich die frühere Einschulung rechtfer­tigen. Selbst wenn traditionelle Ansprüche der elterlichen Erziehungsrechte etwas eingeschränkt werden.

  10. Wie kann die Schule Kinder aus fremden Kulturen besser integrieren?
    Selbst kostspielige Investitionen in schulische Integrationsmassnahmen für Immigrantenkinder sind viel billiger als alle sozialen Aufwendungen für die spätere Reintegration von fehlgeleiteten Jugendlichen. Gefördert werden soll der Erwerb der jeweiligen Landessprache. Auch dürfen diese Kinder nicht «kulturlos» werden, deshalb sollen sie in ihrer Erstsprache und in Geschichte und Reli­gion ihres Herkunftslands ergänzend unterrichtet werden.

 
Quelle: Rolf Dubs: «Bildungspolitik und Schule – wohin?»; Kaufmännischer Lehrmittelverlag, 2010, 256 Seiten; 38.90 CHF

Veröffentlicht am 11. April 2011