Die UBS residiert am Paradeplatz 6, die Credit Suisse am Paradeplatz 8. Gleich daneben müsste sich die Schweizer Niederlassung der weitgehend unbekannten US-Finanzgesellschaft General Capital befinden – laut Internetauftritt am Parade­platz 1 in 8001 Zürich.

Die noble Adresse ist aber nur Schein. Ein Haus mit der Nummer 1 gibt es dort nicht, nicht einmal einen Briefkasten. Dass Briefe und Pakete mit dieser Anschrift trotzdem den Weg zu General Capital finden, liegt an einem besonderen Service der Schweizer Post. Jedermann, ob Privatperson oder Firma, kann sich die Post an eine fiktive Adresse senden lassen. Die Post sammelt die Sendungen in einem Verteilzentrum und mailt dem Empfänger das eingescannte Kuvert. Der Empfänger bestimmt, ob die Post den Brief an eine beliebige Adresse weiterschicken soll, ob sie den Inhalt einscannen und mailen soll – oder ob sie ihn ungeöffnet schreddern soll.

Das ist nicht ganz gratis, aber ziemlich billig. «Paradeplatz 1» kostet 45 Franken im Monat, gleich viel wie «Hel­vetia­platz 11» in Bern oder «Quai du Montblanc 33» in Genf. Hinzu kommen die Kosten fürs Scannen, Öffnen, Weiterschicken, Schreddern und Archivieren. Das macht, je nach eingehender Postmenge, schnell ein paar hundert Franken im Monat. Aber billiger als ein real existierendes Büro am Paradeplatz ist das allemal.

Eine AG ohne Registereintrag

Die General Capital kann sich aber offenbar nicht einmal einen Eintrag im Handelsregister leisten. Trotzdem nennt sie sich im Firmennamen «AG». Als «Vorstand», was wohl Geschäftsführer heissen soll, figuriert ein «Mario Papic» – auch er existiert nirgends im Schweizer Handelsregister.

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Vor allem aber mahnt das Geschäfts­modell der General Capital zur Vorsicht. Sie wirbt gezielt um Leute, die wegen einer schlechten Bonität keine Chance haben, bei einer echten Bank am Paradeplatz Geld zu leihen: «Kein Kredit in Aussicht? Wir helfen weiter», verspricht die Internetseite.

Interessenten erhalten aber keinen Kredit, sondern einen «Finanzsanierungsvertrag», gegen Bezahlung natürlich. Mit genau der gleichen Masche operieren zahlreiche weitere Firmen (vergleiche Beobachter Nr. 22: «Teuer erkaufte Kredite»).

Die Post räumt ein, dass sie keinen Handelsregistereintrag verlangt für eine solche «Pres­tige­adresse» (Eigenwerbung der Post), so Mediensprecher Bernhard Bürki. Trotzdem wehrt sich die Post gegen den Vorwurf, luschen Firmen zu Serio­sität zu verhelfen. Der Kern der Dienstleistung sei das Scannen der Post, die Prestigeadressen seien nur ein Nebengeschäft. Im Jahr 2013 habe die Post damit «einige tausend Franken» erwirtschaftet. Das Angebot werde jedoch «derzeit überprüft», sagt Bürki.

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