Julia liegt leise wimmernd im Bettchen. Helferinnen haben den halbverhungerten Säugling vom Provinzdorf nach Tirana ins Distrofik gebracht, ein Hospiz für unterernährte Kinder. Ein übergrosser Kopf, ein Greisengesicht, ein winziger Mund, der von Zeit zu Zeit leer schluckt, dünne Ärmchen und weissbläuliche Fingerchen.

Alle zwei Stunden bekommt Julia ihren Schoppen. «Seit sie bei uns ist, hat sie recht gut zugenommen», freut sich Schwester Eliuscha. Trotzdem sieht das siebenmonatige Mädchen aus wie ein vierzehntägiger Säugling. Und jetzt, während Julia gewickelt wird, bekommen Ausdrücke wie Hunger und Not ein konkretes Gesicht: geschwollene Gelenke und ein übermässig gewölbter Bauch, ein Hungerbauch mitten in Europa. Julias Zukunft ist ungewiss. Die Eltern seien weg, psychisch krank, hiess es im Provinzdorf.

In dem von der Caritas Schweiz aufgebauten und finanzierten Hospiz leben sechzig Kinder. Spätestens mit drei Jahren sollten die Kinder das Heim verlassen und zu den Familien oder Verwandten zurückkehren können. Doch viele haben keine Eltern mehr. Andere wurden von verzweifelten Müttern ausgesetzt. Für sie sucht Caritas nach anderen Lösungen.

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Die Gänge und Zimmer des Heims sind frisch gestrichen, bunte Bilder von Tieren, Bergen und Schweizer Seelandschaften hängen an den Wänden. Es gibt Spielzeug, alle Buben und Mädchen sind sauber gekleidet. Und doch hört man nur selten unbeschwertes Lachen. Die Gesichter der Zweijährigen wirken alt, von Trauer und Misstrauen überschattet. Einzelne Kinder sitzen apathisch auf dem Boden und schauen vor sich hin; andere wiegen stereotyp mit dem Oberkörper. Viele werden ihr Leben lang geistig behindert sein. «Hunger und Unterernährung machen nicht nur körperlich krank. Es gibt auch eine geistig-seelische Unterernährung, auch die muss man behandeln», sagt Arthur Keel, Kinderarzt aus Kriens LU. Seit bald zwei Jahren koordiniert er die Caritas-Hilfe in Albanien, und für ihn ist klar: «Neben der materiellen Hilfe braucht es personelle Investitionen. Wir brauchen starke Partnerschaften, Stützpunkte in den Dörfern, positives Denken, ein Netz von engagierten Menschen. Dazu zähle ich auch die Schulen.»

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Optimismus, Eigeninitiative, Demokratie und Fortschritt: das alles lässt sich in Albanien nicht einfach herbeizaubern. Das Land trägt schwer an der über vierzigjährigen kommunistischen Diktatur. Der schockartige Wechsel vom stalinistischen System zu Kapitalismus und Marktwirtschaft hat ein gewaltiges geistiges Vakuum hinterlassen. Statt raschen Aufschwungs gab es Hunger und Chaos. Und wie als Symbol für Schock und Depression lastet über der Hauptstadt Tirana ein grausamer Smog, eine Mischung aus verbrannter Kohle, dreckigem Benzin und Abgasschwaden der aus dem Westen abgeschobenen Schrottautos.

In den Städten sind ganze Quartiere am Zerfallen. Die meisten Fabriken stehen still und verlottern. Zu flicken gibt es im Gewirr von zerborstenen Leitungen, einstürzenden Dächern und rostenden Einrichtungen nichts mehr. Gespenstische Ruinen, wie nach einem Krieg, obwohl hier nie Bomben fielen. Nur ein besonderes Souvenir des früheren Diktators Enver Hodha hat sich gehalten: 700000 Bunker, die der wahnsinnige «Volksführer» im ganzen Land bauen liess, um imaginäre Feinde abzuwehren. «Hier sind Liebespärchen ungestört», meint Hassan, der Taxichauffeur, verschmitzt und kann damit den monströsen Hodha-Denkmälern etwas Positives abgewinnen.

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Diella träumt von einem Kugelschreiber
Das Chaos einigermassen überstanden haben auch nützlichere Bauten aus der stalinistischen Diktatur: die Schulhäuser. In jedem Dorf sind die kasernenartigen Einheitsgebäude leicht zu finden. Längliche Rechtecke, drei bis vier Stockwerke hoch, eintönige graue Fassaden mit langen Fensterreihen. Wo früher Fensterscheiben waren, gähnen oft Löcher. Die Mauern bröckeln. Geisterschulhäuser? Nein. Sie sind in Betrieb. Zum Beispiel in Rrabosht, einem Dorf südlich der Provinzstadt Lezhe. Hier unterrichtet Drune Preudi 72 Buben und Mädchen der ersten drei Grundschulklassen. 36 kommen am Vormittag, die zweite Schicht kommt am Nachmittag. Ein Schulzimmer wie aus dem letzten Jahrhundert. Eng zusammengepfercht sitzen die Kinder in ihren Bänken. Im Winter sind sie darüber noch so froh, denn eine Heizung gibt es nicht. «Die Temperatur hier beträgt oft nur sieben oder acht Grad», sagt die Lehrerin.

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Ausser zwei vom Staat abgegebenen Hauptbüchern – eines für Sprache, eines für Rechnen – haben die Kinder nichts. Keine Hefte, keine Farbstifte, kein Zeichnungspapier. Ein Bleistift muss genügen. Kugelschreiber oder Filzstifte? Für Nicole, Marco oder Diella aus Rrabosht sind das unvorstellbare Kostbarkeiten. «Uns fehlt einfach alles. Sogar Kreide für die Wandtafel ist Mangelware», bedauert die Lehrerin. Von den Eltern der Kinder kann sie nichts erwarten. Selbst wenn man irgendwo Schulmaterial kaufen könnte, hätten sie kein Geld, um es zu bezahlen. «Materialhilfe aus der Schweiz, das wäre für uns und für alle Schulen hier wie ein Wunder», sagt die Lehrerin. So recht daran glauben mag sie nicht. «Es kamen auch schon Ausländer hier vorbei, sie versprachen Hilfe, fotografierten uns und unsere Armut; wir haben nie mehr etwas gehört.»

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Das soll sich ändern. Wenn Sie, liebe Leserinnen und Leser, mitmachen, werden die Kinder in Rrabosht Schulmaterial bekommen (siehe «Aktion Schulthek» im Kasten am Ende des Textes).

Auch die 1968 gebaute Schulkaserne von Lezhe, Hauptstadt der gleichnamigen Provinz, achtzig Kilometer nördlich von Tirana, ist am Verlottern. Das Dach rinnt, viele Fenster sind kaputt, Geld für Reparaturen fehlt. Aus diesem Grund müssen die Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums auch im Winter bei offenen Fensterlöchern sitzen.

Geographieunterricht in der Oberstufe von Kallmet, einem Bergdorf im Hinterland der Provinz Lezhe. Thema: Westeuropa. Verlegen steht der Lehrer vor seiner Klasse und dem ausländischen Besuch. Denn wie soll er unterrichten? In der ganzen Schule gibt es keine einzige Karte von Westeuropa.

Lichtblicke und Optimismus
Trotz aller Armut, trotz der miserablen Lehrerlöhne von dreissig Franken im Monat gibt es Lichtblicke. Die Lehrkräfte setzten sich für die Kinder ein. Und die Schüler sitzen nicht gelangweilt oder resigniert in den Bänken. Im Gegenteil: Die meisten strahlen Optimismus aus, sie lachen, sind lebendig, wollen lernen.

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Auch auf der Fahrt von Tirana nach Lezhe und später auf der abenteuerlichen Strasse von Lezhe hinauf ins weitverstreute Bergdorf von Kallmet zeigen sich erste Anzeichen von Hoffnung. Nachdem das Land an Private verteilt wurde, bebauen die Menschen Äcker und Wiesen intensiver als früher. Die Ernährungssituation hat sich verbessert, die Dörfer sollen mehr Selbständigkeit erhalten.

Diese Zeichen von Optimismus und Hoffnung will Caritas mit ihrem Hilfsprogramm in Albanien nutzen. «Ein Schwerpunkt unserer Arbeit liegt in Lezhe, wo wir die Maternite renovieren und die Kinderabteilung des Regionalspitals unterstützen. Zugleich wollen wir in den Dörfern medizinische Stützpunkte aufbauen», erklärt Hildegard Jutz, Caritas-Informationschefin. Einer, der diesen Optimismus in Albanien umsetzt, ist der Caritas-Koordinator und Powermann Arthur Keel. Von der Beobachter-Schulaktion ist Kinderarzt Keel begeistert. Selbst in der bedrückenden Atmosphäre der überfüllten Kinderabteilung am Spital von Lezhe bleibt Arthur Keel optimistisch. Ohne lehrerhaft zu wirken, gibt er Anweisungen, motiviert das Personal, setzt sich dafür ein, dass die Eltern ihre Kinder jederzeit besuchen können. Das löst unglaubliches Staunen aus. Denn hier ist Elternbesuch aus hygienischen Gründen strikt verboten.

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Eine traurige Bilanz
Erschütternde Bilder beim Rundgang durch die Kinderabteilung. In einem Bettchen liegen Zwillinge, einjährige Winzlinge. Bleich, ausgezehrt, mit grossen schwarzen Augenringen. Der Mund ist offen, sie atmen röchelnd. Ein brandmageres Ärmchen ist ans Bett gefesselt. Die Infusionsnadel steckt unter einem Pflaster, die kleine Hand hat sich blau verfärbt. «Nieren- und Lungenentzündung», lautet die Diagnose. Solche Komplikationen entstehen, weil die Kinder in den Dörfern zu spät zum Arzt kommen.

Eine andere Gruppe von Patientinnen und Patienten – besonders Säuglinge – leidet an schweren Durchfällen. 60 von 100 Kindern sind unterernährt oder rachitisch. Allein bis Mitte November 1994 haben 27 Kinder das Spital im Sarg verlassen. Eine traurige Bilanz. Zusammen mit Caritas und mit der Hilfe seiner Leserinnen und Leser will der Beobachter einen Beitrag leisten, um diese unwürdigen Zustände zu beenden.

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Drei Wege zur Hilfe stehen offen:

Hilfe im Kleinen kann Grosses bewirken, setzt positive Energien frei. Bei uns, bei Kindern und Erwachsenen in Albanien. Darum startet der Beobachter zusammen mit der Caritas eine Hilfsaktion. Motto: Hoffnung in Schulzimmern und Spitälern.

Aktion Schulthek
Sie, liebe Leserinnen und Leser, pakken für Kinder in Albanien einen Schulthek. Hefte, Farbstifte, Zeichnungspapier. Das wird in den mausarmen albanischen Schulen Freude und Begeisterung auslösen. Der Beobachter hat symbolisch zwei Thek-Varianten zusammengestellt. Und da die Sendungen aus der Schweiz den Kindern und Erwachsenen in Albanien zeigen sollen, dass andere an sie denken, ist es durchaus sinnvoll, dem Paket oder Schulthek einen Brief, einen persönlichen Gruss, eine Zeichnung oder auch eine Schokolade beizulegen. Sonst aber bitten wir Sie, sich an die oben abgebildeten Vorschläge zu halten. Der Beobachter errichtet für die Pakete eine spezielle Sammelstelle. Unter dem Namen «Aktion Schulthek für Albanien» übernimmt die Post die Taxen für den Transport der Pakete. Das ist der Beitrag der PTT an unsere Aktion. Herzlichen Dank!
In Albanien selber werden die Pakete von Caritas-Vertrauensleuten in die verschiedenen Dörfer gebracht und an die Kinder und Schulen verteilt – zum Beispiel an die Schülerinnen und Schüler von Rrabosht. Der Beobachter wird dabeisein.

Aktion Patenschaft
Interessieren Sie sich als Schule oder als Schulklasse für eine Patenschaft? Dann können Sie sich als Gotte oder Götti beim Beobachter melden. Die Caritas wird die Koordination vornehmen und die ersten Kontakte mit geeigneten Schulen in Albanien knüpfen.

Aktion Geld für Kinderhilfe
Der Betrieb des Hospizes für unterernährte Kinder, die Renovationen in Spitälern und der Aufbau von Stützpunkten in entlegenen Dörfern kosten viel Geld. Ihre Spende, liebe Leserin, lieber Leser, setzt ein Zeichen der Solidarität mit notleidenden und benachteiligten Kindern. Der Beobachter dankt herzlich für Ihre Hilfe und für Ihr Vertrauen.