Hätte er nicht praktisch in letzter Minute den Bescheid der Armee erhalten, wäre der 36-jährige Heinz Tschanz wohl an einem kalten Wintermorgen mit seinen drei Töchtern Nina, 2, Manon, 5, und Caroline, 7, in der Kaserne Thun eingerückt. Im Tornister Pampers, Schoppen und andere Kleinkinderutensilien.

Zwar rückten auch schon Bauern mit ihrem Vieh ein, aber ein Vater mit drei kleinen Kindern im Kasernenhof – eine solche Szene wollte sich die Armee ersparen. Nach langer Bedenkzeit informierten die Beamten des Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) den gelernten Metzger und Koch 48 Stunden vor WK-Beginn, seinem Gesuch um Aufschub sei stattgegeben worden.

Zuvor hatte Tschanz monatelang mit verschiedenen Stellen der Schweizer Armee ausführlich Korrespondenz geführt – ohne Erfolg. «Es tut mir Leid, wenn Ihnen der bevorstehende Militärdienst familiäre und organisatorische Schwierigkeiten bereitet», beschied Oberst Jürg Berger dem 36-jährigen Hausmann. «Doch wie Sie wissen, haben wir noch immer in unserem Land ein Milizsystem, die allgemeine Dienstpflicht und andere Auflagen als Staatsbürger.»

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Der Beruf Hausmann existiert für das Schweizer Militär offensichtlich nicht. Das Milizsystem baut auf die uralte Rollenverteilung: Die Frau sorgt für Kinder, Küche und Haushalt, der Mann bringt das Geld heim und verteidigt Staat und Familie. Bei Familie Tschanz aus Därligen bei Interlaken hat sich diese Aufgabenteilung im letzten Sommer grundlegend geändert. Nach Schwierigkeiten bei seiner Arbeit als Fachlehrer in der Unteroffiziersschule für Küchenchefs in Thun kündigte Tschanz im Juni 2002. Seither arbeitet er an ein paar Tagen im Monat für einen Partyservice, im Hauptberuf ist er aber Hausmann.

Wenig einfühlsames Verhalten
Für den finanziellen Unterhalt der Familie ist Ehefrau Nicole zuständig. Eine Regelung, die sich auch finanziell lohnt, denn als Krankenschwester verdient sie mehr als ihr Mann in seinem erlernten Beruf. Auch persönlich ist Tschanz mit dem Rollentausch zufrieden. Den engen Kontakt zu seinen Kindern möchte er nicht mehr missen.

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Als Drückeberger oder Militärgegner kann man Tschanz sicher nicht bezeichnen. 442 Tage Dienst am Vaterland hat er bislang geleistet und etliche Auszeichnungen erhalten. Bis vor kurzem war sein Verhältnis zur Armee absolut intakt, doch das Verhalten «verschiedener Stellen in Bern» hat ihn verärgert.

So schlug ihm etwa der Sozialdienst der Armee vor, seine Frau könne während seines WKs ja unbezahlten Urlaub nehmen. Mit dieser Lösung war aber der Arbeitgeber seiner Frau, das Krankenheim Spiez, ganz und gar nicht einverstanden. Ausserdem hätte das für Familie Tschanz trotz Entschädigung aus der Ausgleichskasse eine beträchtliche finanzielle Einbusse bedeutet. Auch andere vorgeschlagene Lösungen wie etwa die externe Kinderbetreuung erwiesen sich als nicht praktikabel. Denn solche Angebote sind in Därligen schlicht nicht vorhanden.

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Heinz Tschanz ist kein Einzelfall. «Wir haben immer wieder Anfragen von Hausmännern, bei denen sich die familiären Pflichten nicht mit einem mehrwöchigen WK vereinbaren lassen», sagt Ruedi Winet von der Beratungsstelle für Militärdienstverweigerer und Zivilschutz. Und auch Gerhard Saladin, Chef Recht der Untergruppe Personal beim VBS, bestätigt, dass die Zahl der Hausmänner, die wegen der Kinderbetreuung ihren Dienst verschieben möchten, klar zunehme.

Zu ihnen gehört auch der Hausmann Sergio Capanni aus St. Gallen. Auch er ist seit längerem im Clinch mit dem Militär. «Einmal wird Kinderbetreuung als Dispensationsgrund anerkannt, dann wieder nicht», ärgert sich der 35-Jährige. Weil er keinen Betreuungsplatz für seinen damals anderthalbjährigen Sohn gefunden hatte, versäumte er einen WK und wurde deswegen zu zwei Wochen Gefängnis bedingt verurteilt. Ein Antrag für die Umteilung zur Personalreserve, wie ihn Militärdienst leistende Frauen nach der Geburt ihres Kindes stellen können, wurde trotz Gleichstellungsgesetz abgelehnt.

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Bundesrat verspricht Lösung
Zurück nach Därligen. Im 400-Seelen-Dorf am Thunersee wohnt nicht nur Hausmann Heinz Tschanz, sondern auch SP-Nationalrat Paul Günter. Er ist Mitglied der Sicherheitspolitischen Kommission des Nationalrats, die sich des Problems «Hausmann und Armee» angenommen hat. Günter hat diesbezüglich auch schon persönlich bei Bundesrat Schmid interveniert.

Der Militärminister verspricht, eine Lösung für haushaltende Wehrmänner zu suchen, «unter Einbezug aller betroffenen Stellen (Armee, VBS, EDI, Arbeitgeber, Gemeinden) und nach einer eingehenden Analyse der heutigen Situation in tatsächlicher und rechtlicher Hinsicht». Eine Idee Günters aufnehmend, schlägt Schmid konkret vor, die Frauen während der Absenz ihrer dienstpflichtigen Männer von der Arbeit freizustellen. Das würde allerdings eine Revision des Arbeitsvertragsrechts voraussetzen.

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Günter könnte sich auch eine andere Lösung vorstellen: eine Art «Ferienlager» für Kinder von Hausmännern im WK, wo sie speziell betreut würden. «Das wäre praktisch, kostengünstig und gleichzeitig ein gutes PR-Instrument für die Armee.»

Welche Lösung auch immer realisiert wird – Wachtmeister Heinz Tschanz rennt die Zeit davon. 46 Diensttage fehlen ihm noch bis zu seiner Ausmusterung im nächsten Jahr. Auf seinen jüngsten Vorschlag, diese in kleinen, familienkompatiblen Portionen zu leisten, hat er unlängst wieder einen negativen Entscheid erhalten.