Vor allem im Osten entstehen neue AKW

Derzeit sind 443 Atomkraftwerke in Betrieb, die 14 Prozent des globalen Stromverbrauchs decken. Die meisten Anlagen stehen in den westlichen Industrieländern, doch der Osten holt schnell auf: China, Indien und Russland wollen 262 oder gut die Hälfte der 478 weltweit projektierten AKW bauen. Europäische Staaten dagegen rücken zunehmend von der Kernenergie ab: Frankreich plant noch ein weiteres Kernkraftwerk, Belgien, Deutschland und Spanien wollen gar keine neuen mehr bauen. In der Schweiz sind drei Gesuche hängig; die Atomwirtschaft möchte zwei neue Anlagen realisieren.

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Quelle: Marina Bräm

So funktioniert ein Reaktor

AKW nutzen die Wärme, die die Spaltung von radioaktivem Uran 235 (1) im Kernreaktor (2) freisetzt. Die Wärme verdampft Wasser, und der Dampf treibt Turbinen (3) an, die im Generator (4) Elektrizität produzieren. Das Element U-235 wird eingesetzt, weil es sich leicht spalten lässt und sehr energiereich ist. Es muss aus dem natürlich vorkommenden U-238 «aufkonzentriert» werden. Ein Kilogramm natürliches Uran hat den gleichen Energiegehalt wie 10 000 Kilogramm Öl.

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Quelle: Marina Bräm

Schweiz: Bundesrat verschiebt Entscheid über neue AKW

Fünf Atomkraftwerke bestreiten knapp 40 Prozent der Schweizer Stromproduktion, Wasserkraft liefert 56 Prozent. Die ältesten AKW Beznau und Mühleberg dürften ab 2020 vom Netz gehen. Die Stromkonzerne Alpiq, Axpo und BKW haben drei Gesuche zum Bau neuer AKW eingereicht. Angesichts der Atomkatastrophe im japanischen Werk Fukushima Daiichi hat Bundesrätin Doris Leuthard das laufende Bewilligungsverfahren für drei neue Anlagen gestoppt. Ob und wann die Bevölkerung über eine allfällige Bewilligung abstimmen wird, ist offen.

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Quelle: Marina Bräm

Natürliche Radioaktivität

Radioaktive Strahlung entsteht nicht nur in AKW, sie kommt auch in der Natur vor – etwa im Boden. Laut Bundesamt für Gesundheit macht die jährliche Strahlendosis aus AKW weniger als ein Prozent der Gesamtdosis aus, der wir ausgesetzt sind. Allein bei Flugreisen ist die Dosis etwa fünfmal höher.

Streitpunkt Stromversorgung

Befürworter neuer AKW in der Schweiz argumentieren gern mit dem Begriff Stromlücke: Würden die ersten Atomkraftwerke ab 2020 abgeschaltet, drohe ein Engpass. Verschärfend komme hinzu, dass die Nutzung umweltfreundlicher Energien (etwa mit Wärmepumpen) und die Elektromobilität den Strombedarf erhöhten. AKW-Gegner fordern den massiven Ausbau erneuerbarer Energien und Sparmassnahmen: Würden die rund 18 Milliarden Franken, die zwei neue AKW kosten, in erneuerbare Energien und die Steigerung der Effizienz investiert, wäre die Stromlücke vermeidbar. Unter dem Schlagwort 2000-Watt-Gesellschaft hat der Bund ein Szenario skizziert, nach dem keine neuen AKW nötig wären – dank reduziertem Energieverbrauch und höheren Energiepreisen.

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Der Weg des Urans von der Mine ins AKW und ins Endlager

In der Natur kommt der Kernbrennstoff U-235 nur in verschwindend kleiner Menge vor. Der Hauptbestandteil in den Uranminen (1) ist U-238. In einem ersten Schritt wird das abgebaute Gestein zu einem gelben Pulver aufbereitet (2), dem «Yellow Cake» mit einem U-235-Anteil von 0,7 Prozent. Danach wird das Uran in einer aufwendigen Prozedur aufkonzentriert: Dafür wandelt man zunächst «Yellow Cake» in einen salzähnlichen Stoff um (3). Von diesem lässt sich U-235 abtrennen und danach anreichern (4). Erst jetzt wird es zu Brennelementen verarbeitet (6). Nach wenigen Jahren im Reaktor (7) sind die Brennstäbe ausgebrannt. Sie speichern aber immer noch Energie und können zu neuen Brennelementen aufbereitet werden. Für die Ausfuhr von Brennstäben in die Aufbereitungsanlagen (11) im Ausland gilt in der Schweiz allerdings bis 2016 ein Moratorium. Sind die Brennstäbe definitiv ausgebrannt, müssen sie zuerst rund 40 Jahre lang in einem Zwischenlager (8) abkühlen, bevor sie während Tausenden von Jahren in einem Endlager (10) weggeschlossen werden.

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Quelle: Marina Bräm

Umstrittene Uranvorkommen

Gemäss Atomindustrie betragen die weltweiten Uranreserven rund 5,5 Millionen Tonnen und reichen für die nächsten 100 Jahre. Diese Angaben aus dem sogenannten «Red Book» der OECD und der Internationalen Atomenergieagentur sind aber umstritten. Laut einer unabhängigen Analyse können nur zwei Millionen Tonnen rentabel abgebaut werden. Das würde für rund 30 Jahre reichen, danach müsste mit mehr Aufwand geschürft werden. Die Rentabilität zurzeit geplanter AKW würde dadurch in Frage gestellt.

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Quelle: Marina Bräm

Wirkung und Risiken radioaktiver Strahlung

Radioaktive Strahlung, wie sie vom spaltbaren Material in Kernkraftwerken ausgeht, stellt für Mensch und Umwelt eine potentielle Gefahr dar. Geringe Dosen sind zwar harmlos, höhere aber können zu späteren Krebserkrankungen führen oder das Erbmaterial so verändern, dass Krankheiten erst in der folgenden Generation auftreteten. Sehr hohe Dosen können zum sofortigen Tod führen.

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Laut deutscher Kinderkrebsstudie (KiKK, 2007) tragen Kinder ein doppelt so hohes Risiko, an Leukämie zu erkranken, wenn sich im Umkreis von fünf Kilometern ein AKW befindet. Die Studie ist allerdings umstritten. Eine vergleichbare Studie für die Schweiz soll 2011 publiziert werden. Aufsehen erregte 2010 eine Studie des Helmholtz-Zentrums in München, laut der im Umfeld von AKW in Deutschland und der Schweiz weniger Mädchen zur Welt kommen. Laut AKW-Betreibern besteht auch hier kein Zusammenhang.

Schwere Atomunfälle in zivilen Anlagen


  • 1957 Majak, Russland: Bei der Arbeit mit Uranlösung wird Material verschüttet, eine Frau stirbt, fünf erkranken.  
  • 1957 Windscale, Grossbritannien: Beim Brand in einem Kernreaktor wird radioaktives Material freigesetzt.  
  • 1961 Idaho Falls, Vereinigte Staaten von Amerika: Ein Forschungsreaktor gerät ausser Kontrolle; drei Todesfälle sind die Folge.  
  • 1969 Lucens, Schweiz: Ein Versuchsreaktor in einer Felskaverne übehitzt und setzt Strahlung frei. 
  • 1986 Tschernobyl, Ukraine: Eine Kernexplosion tötet laut offiziellen Angaben 31 Arbeiter und Dutzende von Rettungskräften. Die Zahl der an Folgeschäden Verstorbenen ist nicht bekannt. 
  • 1999 Tokaimura, Japan: In der Aufbereitungsanlage sterben zwei Arbeiter infolge Verstrahlung.
  • 2011 Fukushima Daichii, Japan: Ein verheerendes Erdbeben und eine nachfolgende Flutwelle haben die japanischen Atomanlagen beschädigt. Besonders getroffen sind die Atommeiler der Anlage Fukushima Daichii. Grössere Mengen Radioaktivität sind ausgetreten, die Hauptstadt Tokio ist bedroht.

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Tschernobyl: Über 300'000 Menschen wurden umgesiedelt.

Quelle: Marina Bräm

Der Vorteil fürs Klima ist global betrachtet klein

Rechnet man den gesamten Urankreislauf sowie den Bau und Rückbau der Kraftwerke mit ein, führt die Produktion einer Kilowattstunde Atomstroms zu CO2-Emissionen von 8 bis 140 Gramm, je nach Studie. Gleich viel Strom aus einem Kohlekraftwerk schlägt mit fast einem Kilo CO2 zu Buche. AKW sind also klimawirksam, wenn sie fossile Kraftwerke ersetzen. Global betrachtet ist das Potential jedoch gering. 2010 lieferten AKW weltweit nur 14 Prozent des Strombedarfs; dieser Anteil macht nur 5,5 Prozent des gesamten Energiebedarfs aus. Laut US-Energieinformationsbehörde werden es auch im Jahr 2035 nur wenig mehr als 6 Prozent sein. AKW können somit nur wenig zur Reduktion des CO2-Ausstosses beitragen.

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Quellen

Schweizerische Energiestifung, OECD/IAEO, «Red Book», Nagra