Auf meiner Gartenterrasse steht seit Jahren ein altes Militärfernrohr. Ich beobachtete damit die Gämsen, Hirsche und Füchse. Jetzt benutzen meine Gäste das Gerät, um an der gegenüberliegenden Bergflanke die Abbruchstelle zu studieren. Man sieht nicht viel, lediglich die orangefarbenen Brüstungen. Sie wurden zum Schutz der Arbeiter angebracht. Die Stelle ist auf fast 100 Metern überhängend. Die Arbeiter bereiten die Sprengung vor, mit der der Rest des lockeren Gesteins zu Tal gebracht werden soll.

Durch die Sperrung der Autobahn ist es hier in Gurtnellen Dorf hörbar und spürbar ruhiger geworden: Im Dorf sind weniger Autos unterwegs, der Umsatz in der Gaststätte ist stark zurückgegangen. Täglich erhalte ich Anfragen von Leuten, die sich erkundigen, ob Gurtnellen erreichbar sei. Tagsüber ist die Strasse geöffnet - in der Gefahrenzone wird man aber nur tröpfchenweise durchgelassen. Daraus ergeben sich teilweise lange Wartezeiten: Für eine Fahrt nach Erstfeld, die üblicherweise 20 Minuten dauert, habe ich kürzlich fast eineinhalb Stunden gebraucht. In der Nacht, ab 21 Uhr abends bis morgens um sechs Uhr, wird die Strasse gesperrt. In der Dunkelheit ist das Risiko zu gross.

Ein unheimliches, grausames Geräusch
Vereinzelten Steinschlag gibt es in der Region immer wieder - vor allem im Frühling, wenn sich der Fels erwärmt. An jenem Abend des 30. Mai aber war es anders. Ich ging kurz nach 23 Uhr zu Bett. Durch das offene Fenster hörte ich drüben an der Flanke über Stunden das Gerumpel der kollernden Steine. Immer wieder schienen sich kleinere und grössere Steine von der Wand zu lösen. Ich konnte nicht einschlafen, blieb wach. Gegen drei Uhr war ich drauf und dran, den Werkhof anzurufen und die Sperrung der Autobahn anzuregen. Ich tat es nicht - ich wollte nicht als Spinner dastehen. Heute bereue ich das. Vielleicht hätte meine Warnung das Unglück verhindert.

Richtig los ging es genau morgens um 6.40 Uhr. Ein unheimliches, grausames Geräusch. Als ich es hörte, war mir sofort klar: Jetzt geht es auf Biegen und Brechen, da stürzt eine gigantische Steinmasse zu Tal. In meinem Kopf lief ein Film ab. Ich erinnerte mich an die beiden früheren Felsstürze, die ich erlebt hatte. 1955, als ich noch ein kleiner Bub war, wurde ein Nachbarsmädchen von einem Stein erschlagen. Das Mädchen hiess Roseli. Ich sehe Roseli noch vor mir, weiss genau, wie sie aussah und wie sie an jenem Tag gekleidet war. Sie war mit ihrem Bruder auf der Schafweide gewesen. Als der Steinschlag niederging, holte mein Vater den Feldstecher und sah sofort, dass etwas Schreckliches passiert sein musste.

Zu jener Zeit wurde an der Bergflanke ein Steinbruch betrieben. Man gewann daraus Granitplatten, unter anderem für den Strassenbau. In den frühen sechziger Jahren, an das genaue Jahr erinnere ich mich nicht mehr, verletzte ein niedergehender Stein einen der Arbeiter. Der Mann wurde mit einem blauen Fiat, Kennzeichen UR 1074, ins Spital gefahren. Die Arbeit im Steinbruch wurde unterbrochen - zum grossen Glück für ein gutes Dutzend Leute, die dort beschäftigt waren. Denn gegen vier Uhr nachmittags kam die grosse Masse. Die Autobahn gab es damals noch nicht, die Gotthardstrasse jedoch wurde verschüttet. Nach diesem Ereignis wurde der Steinbruch geschlossen.

Die Einwohnerinnen und Einwohner von Gurtnellen, aber auch jene der anderen Dörfer im Tal machen wegen der Felsstürze weniger Aufhebens als das übrige Land. Manche fragen nach den Schuldigen. Aber bei der Natur gibt es keine Schuldigen. Schon mein Vater hat mir seinerzeit eingetrichtert: «Auch wenn ihr überhaupt nichts mehr zu fressen habt, geht mit den Ziegen und Schafen ja nicht auf die Wiler Planke.» Wiler Planke, so heisst das Gebiet, wo der Felssturz niederging.

Die Gefahr ist nicht gebannt
Rund 120 Tonnen, so hat man später geschätzt, wogen die grössten Brocken. Ich bin sofort aufgesprungen. Vom Fenster aus konnte ich wegen des Morgennebels nichts erkennen. Also setzte ich mich ins Auto und fuhr unter die Nebelgrenze. Es war ein schlimmes Bild, wie in einem Krimi. Unten standen die Autos kreuz und quer. Ein Wagen wurde von einem Stein getroffen und explodierte, eine Stichflamme schoss heraus. Das totale Chaos. Polizei, Feuerwehr und Ambulanzfahrzeuge brauchten wegen der herumstehenden Fahrzeuge eine Viertelstunde, bis sie an Ort und Stelle waren.

Auch nach der Sprengung ist die Gefahr nicht gebannt. Vor allem im Frühling, wenn es taut, kann es an den steilen Hängen fast überall wieder zu grösserem Steinschlag kommen. Das ganze Gebiet ist labil. Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht. Die Natur hat eben zwei Seiten. Das hat schon der alte Urner Dichter Heinrich Danioth erkannt. Darum hat er den Kanton Uri «die Prunkkammer Gottes und den Irrgarten des Teufels» genannt.

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