Ich spiele Bassgitarre seit dem 16. Lebensjahr. Seit etwa fünf Jahren übe ich wieder täglich. Als ein Freund eine Band für ein Fest suchte, sagte ich spontan zu. Die «Band» war ich allein: bloss Gesang und Gitarre. Das Publikum war begeistert, ich organisierte Konzerte. Inzwischen gibt es auch Anfragen. So spiele ich mindestens einmal im Monat ein Konzert.

Mein ständiger Begleiter dabei ist das Lampenfieber. Bei einem Konzert war ich so nervös, dass ich ein Stück glatt verhauen habe. Das soll mir nicht mehr passieren: Ich brauche mehr Rou­tine. Also beschloss ich, auf die Strasse zu gehen. Die Ferien in Amsterdam eigneten sich perfekt dazu. Das Praktische an Strassenmusik: Ich kann mich einfach hinsetzen und loslegen. Und wenns gut läuft, kommt sogar noch ­etwas Geld herein. Bezahltes Üben.

Nun will ich das auch in der Schweiz ausprobieren. Doch ich habe Hemmungen, an meinem Wohnort Zürich zu spielen. Also ab nach Winterthur. Dort vergibt die Gewerbepolizei an vier Tagen pro Woche für jeweils 20 Franken Bewilligungen an jeweils zwei Strassenmusiker. Wenn mehr als zwei kommen, entscheidet das Los, wer an diesem Tag spielen darf. Wer zum ersten Mal erscheint, muss dem an­wesenden Polizisten ein, zwei Stücke vorspielen. Damit die Winterthurer sich keine Katzenmusik von kaputten In­strumenten anhören müssen.

Die KV-Lehrtochter lächelt

An einem Mittwoch warte ich mit ­etwa zehn Leuten vor dem Polizeigebäude an der Badgasse, um mich herum Harfenistinnen, Geiger und Gitarristen. Punkt 13.30 Uhr öffnet sich die automatische Tür, die Musiker strömen zum Schalter der Gewerbepolizei. Die KV-Lehrtochter schiebt die Scheiben beiseite und verlangt von jedem einen Personalausweis. Die Ausweise legt sie vor sich hin. Zuerst bittet sie mich und die beiden Harfenistinnen, ein Los zu ­ziehen. Wir sind alle aus der Schweiz, und nach den Regeln dieses Spiels darf keine Nation bevorzugt werden. Ich erwische das richtige Los und bin eine Runde weiter. Doch im zweiten Durchgang ziehe ich eine Niete. Wird heute nichts mit Winterthur.

Illegaler Kurzauftritt fürs Foto: Beat Camenzind in Winterthur

Quelle: Paolo Dutto

Ich warte, bis alle gegangen sind, und frage die freundliche Stiftin, die wir hier Frau Richter nennen wollen, ob ich ihr vorspielen dürfe. Denn sollte ihr meine Musik nicht passen, kann ich mir eine weitere Fahrt nach Winterthur sparen. Sie hört mir zu und grinst. Es kommen weitere Kunden, auch ­ihnen zaubert meine Musik ein Lächeln ins Gesicht. Frau Richter spielt selber keine Musik, soll aber darüber ur­teilen. Zum Glück findet sie meine Darbietung okay. Ich werde also am darauffolgenden Freitag wieder nach Winterthur fahren.

Zurück in Zürich, versuche ich trotzdem mein Glück am See. Da ist Musizieren ohne Bewilligung erlaubt. Mein Publikum besteht an diesem Mittwochnachmittag aus Kindern zwischen drei und neun Jahren. Ein Junge findet meine Musik «supercool». Ein anderer starrt mich mit grossen Augen an. Seine Hose rutscht herunter, bald steht er in Windeln vor mir. Geld verdiene ich keines. Aber ich schaffe es, trotz dem lustigen Anblick weiterzuspielen – immerhin.

«Ein anderer Strassenmusiker hat mir dann den Trick mit dem Glacestand verraten.»

Beat Camenzind, Journalist und Musiker

Am Freitag stehe ich wieder um 13.30 Uhr in Winterthur. Zusammen mit einem deutschen Gitarristen und einem rumänischen Akkordeonisten gehts zur Gewerbepolizei. Ich gebe dem Polizisten meinen Ausweis und ziehe ein Los – eine Niete. Zum Trost gibt mir der Deutsche Tipps, wie das in ­Zürich am besten läuft: Ich soll neben einem Glacestand spielen. Die Leute bleiben wegen der Musik stehen, kaufen sich ein Eis und geben das Herausgeld dann mir.

Heute keine Bewilligung, sorry

Zuerst versuche ich es noch einmal in Winterthur. Am Samstag strahlt die Sonne, die Altstadt ist stark bevölkert. In den Gassen Flohmarkt, Gemüsemarkt, Muslime verteilen Korane, Christen predigen aus der Bibel. Ein, zwei Strassenmusiker könnten da eine willkommene Abwechslung sein, denke ich. Doch bei der Polizei entschuldigt man sich: Heute werden keine Be­willigungen vergeben. Es gebe schon ­Anlässe mit Strassenmusik.

Neben mir steht ein Amerikaner am Schalter. Draussen erzählt er, er habe am Morgen im Bahnhof Aarau gespielt. Ohne Bewilligung, einfach so. Niemand habe sich beschwert. Er lebt seit 16 Jahren in der Schweiz. Die Regeln für Strassenmusik würden immer strenger, die Gebühren immer höher.

Ich mache mich auf nach Zürich. Am See packt ein Mann seine Ukulele aus und lädt mich zum Mitspielen ein. Weiter vorn sitzt ein Akkordeonist, der beim Spielen eine Marionette bewegt. Bei einem Glacestand setze ich mich auf einen Poller und lege los, unterdessen schon mit einer gewissen Routine, wie gewünscht. Viele Spaziergänger bleiben kurz stehen, hören mir zu, ­lächeln. Und ich verdiene meine ersten 16 Franken.