Mein Kopf ist um sechs Grad schräg nach unten geneigt, ich liege in einem Bett. Medizinisch gesehen befinde ich mich im Weltall. Nicht in einer Kapsel, nicht in schwerelosem Zustand – liegen genügt. Und das in der Raumfahrtklinik in Toulouse. Zimmer sechs. Normalerweise zieht die Schwerkraft die ganze Körperflüssigkeit in die Beine. Jetzt verteilt sie sich gleichmässig.

Das Wasserlösen macht mir Mühe. Wie die tägliche Körperhygiene erledige ich das im Liegen. Die Schale, die ich dafür brauche, ist mir unangenehm. Über intime Dinge wie die Menstruation zu sprechen, fand ich irgendwann normal – ich gewöhnte mich an die vielen Fragen der Wissenschaftler. Sie wollen beispielsweise über meinen Zyklus im Bild sein. Oder fragen, wie es um meine Verdauung steht.

Das Essen ist abwechslungsreich. Es gibt Pasta, Reis, Fisch. Aber nichts Fettiges. Die Menüs sind ganz genau bemessen. Einmal pro Woche gibt es echten «Space-Food», Astronautenmahlzeit – schmeckt ganz gut. Ich darf das Essen nie stehen lassen. Zum Glück habe ich Appetit.

Die Zeit im Liegen nutze ich, um an meiner Website zu basteln, zu mailen und zu telefonieren. Der Kontakt zu meinen Eltern und zu meiner Schwester hat sich intensiviert. Ich darf keinen Besuch empfangen. Das ist aber nicht tragisch; ich schloss Freundschaft mit meiner Zimmergenossin Hanna aus Finnland. Auch sie nimmt an der Studie teil. An einen Abbruch des Experiments denke ich nie. Ich stelle mich mental auf die Zeit danach ein.

Auf keinen Fall aufstehen
60 Tage lang dauerte das Abenteuer: Ich durfte an der Studie der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) teilnehmen. 60 Tage lang lag ich im Bett und achtete darauf, die Schultern nicht zu heben.

Der Tag war verplant. Schon um sieben Uhr ging es los mit Temperaturmessen, Blutdruckmessen und Wägen. Nach dem Frühstück testeten die Wissenschaftler jeweils etwas anderes, etwa die Knochendichte. Denn sie erforschen auch Osteoporose oder Übergewicht.

Auf keinen Fall durfte ich aufstehen und war ständig auf andere angewiesen. Aber das war mir vorher bewusst, und ich fürchtete mich nicht davor. Schliesslich hatte ich es mir in den Kopf gesetzt. Weder bin ich hyperaktiv, noch reagiere ich aggressiv, wenn ich lange warten muss. Wäre ich nicht so ruhig und gelassen, hätte mich die ESA nicht ausgewählt.

Ganz wacklig auf den Beinen
Das Experiment hat im September 2005 mit einer 20-tägigen Vorbereitungszeit begonnen. Damals erfassten die Wissenschaftler die Funktionen meines Körpers im Normalzustand: Wie lange kann ich Velo fahren, bis ich ausser Atem bin? Bin ich anfällig für Thrombosen? Wie gross ist der Fettanteil meines Körpers? Die Daten sind nötig, damit die Forscher nach der Liegezeit überhaupt einen Vergleich anstellen können. Was im Menschen wie genau vor sich geht, weiss man nicht. Der menschliche Körper ist eine Blackbox.

Das Liegen war überhaupt nicht schlimm, denn in der Raumfahrtklinik in Toulouse habe ich mich sofort aufgehoben gefühlt. Die Stimmung war familiär, das Team sehr nett und zuvorkommend. Und auch die anderen Probandinnen waren offen und herzlich. Zudem bin ich ja gesund und wusste, dass ich nach zwei Monaten wieder aufstehen kann.

Ich studiere an der Uni Zürich Geografie. Deshalb interessiert mich die Raumfahrt. Auf der ESA-Website stiess ich vor gut einem Jahr auf das Inserat für Wise (Women International Space Simulation for Exploration): Probandinnen gesucht. Bisher waren wenige Frauen im Weltall, deshalb wollen die Wissenschaftler explizit den weiblichen Körper beobachten und testen, wie sich der simulierte Schwerelos-Zustand auf ihn auswirkt.

Beim Aufstehen, nach den 60 Tagen, nahm ich mir Zeit. Diesen Moment hatten die Wissenschaftler mit Spannung erwartet. Ich war zwar gleich schwer wie vor der Bettruhe, aber meine Wadenmuskeln hatten sich zurückgebildet. Ich stand ganz wacklig auf den Beinen und konnte das Gleichgewicht kaum halten. Sofort musste ich einen Balancetest auf einem Balken absolvieren. Als ich diesen sah, wurde mir schwindlig. Mit offenen Augen schaffte ich das Balancieren erstaunlich gut. Blind fiel ich hin. An das Stehen gewöhnte ich mich schnell. Durst hatte ich! Das Wasser im Körper begann sich langsam wieder in den Beinen zu sammeln. Deshalb trank ich in fünf Minuten einen Liter Wasser. Es war ein komisches Gefühl, so wenig Kraft zu haben.

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Sicher nicht auf den Mars
Es war schön, während der Rehabilitation endlich wieder nach draussen zu gehen und frische Luft zu atmen, das Laub zu riechen und die Düfte des Weihnachtsmarkts. An Heiligabend reiste ich heim nach Schlieren. Ich genoss es, mit der Familie zu feiern und fein zu essen.

Nun hat mich der Unialltag wieder. Mit den 22000 Franken Lohn für das Liegen kann ich mir das Studium finanzieren. Mein Ziel ist zunächst der Abschluss. Ob ich in den Weltraum fliegen werde, weiss ich nicht. Sicher nicht auf den Mars, das wäre mir zu riskant. Die Sonnenstrahlung ist dort sehr stark und kann tödlich sein.

Durch das Experiment habe ich Lust auf noch mehr Abenteuer bekommen. Und gelernt, dass es auch etwas so Einfaches sein kann wie Liegen.