Der älteste Urner ist kein Freund der Russen. Der Föhnsturm hat das Tal fest im Griff, und an eine Feier im Freien ist an Sotschelnik - wie die Russen ihren Heiligabend nennen - nicht zu denken. Doch morgen ist ja auch noch ein Tag - ihr Weihnachtstag.

Andermatt am 7. Januar, das Wetter garstig, die Stimmung gedämpft, im Urnerland hat der Alltag die Menschen längst eingeholt, die meisten Touristen sind abgereist. Anders die Russen, die entweder im Dorf Ferien machen oder in der Schweiz leben und extra für diesen Tag angereist sind: Ihnen steht erst jetzt der Sinn nach Festen. Dafür sind die Zaren von einst verantwortlich: Sie weigerten sich, den gregorianischen Kalender einzuführen, deshalb hinken die Russen mit Weihnachten nun zwei Wochen hinterher, fahren erst dann in die Ferien, wenn alle anderen auf der Rückreise sind, und helfen damit so manchem Hotelier in den Touristenregionen, das Januarloch zu stopfen.

Das ist in Andermatt nicht anders, auch wenn die Gäste hier auf Prunk verzichten müssen, weil anders als in St. Moritz und Zermatt Luxushotels fehlen. Drei Sterne sind das Maximum, und während vor allem im Oberengadin der russische Jetset logiert, werden hier Jeans und Pulli getragen. Selbst Igor mag es leger - obwohl er viel Geld hat. Wie viel, weiss man im Dorf nicht so genau. Ziemlich viel muss es wohl sein. Es heisst, er mache in Import/Export. Thomas Riedel, Kellner im Hotel Drei Könige & Post, schätzt: «Er gehört sicher nicht zu jenen, die auf die Schnelle und auf dubiose Art reich geworden sind. Er hat sein Geld ehrlich verdient», so der gebürtige Ostdeutsche, der 1989 kurz vor dem Mauerfall aus der DDR geflüchtet ist und heute augenzwinkernd sagt: «Ich bin vor den Russen geflohen und werde von ihnen bis nach Andermatt verfolgt.»

Seit über zehn Jahren kommt Igor nach Andermatt und logiert mit einer Reihe von Freunden und Bekannten wie immer im Hotel, obwohl er hier inzwischen eine Wohnung besitzt. Dass der 40-Jährige mit Nachnamen Utyatnikov heisst, weiss kaum jemand im Dorf. Hier ist er einfach Igor - bleiben wir dabei. Igor also reibt sich die Hände und huscht dann durch die Tür der Hotelküche, um nach dem Borschtsch zu sehen, der Suppe, die hauptsächlich aus Randen, Kohl und Fleisch besteht und schon seit Stunden auf dem Herd vor sich hin köchelt. Er nimmt einen Löffel voll, nickt. Jetzt ab zu den Schaschliks, deren Marinade er schon am Vortag zubereitet hat. Der unauffällige Typ, der auch als Schweizer durchginge, tritt nicht auf wie einer, der den Ton angibt - obwohl er in seiner Heimat ganz bestimmt und ein wenig auch hier der Chef ist. Zumindest überlässt der Geschäftsmann nichts dem Zufall, und schon gar nicht den Hotelköchen, die derweil unbeeindruckt bei Schnitzel und Pommes sitzen. Man kennt sich.

Die ersten Russen kamen schon 1799 in die Urner Berge. Aber nicht zum Spass, sondern als Soldaten unter General Suworow. Am Gotthard kam es zu einer Schlacht gegen Napoleon. Das Denkmal, das daran erinnert, steht nördlich von Andermatt, neben der Teufelsbrücke. Es ist noch heute russisches Territorium und Touristenmagnet. Schon zu Sowjetzeiten kam es daher immer wieder zu Kontakten mit russischen Würdenträgern, intensiviert wurden sie unter der Regie von Ferdi Muheim. 17 Jahre sass der Metzgermeister im Gemeinderat, sechs Jahre als Präsident. Er sorgte dafür, dass Andermatt seit Jahren enge Beziehungen zu der nahe Moskau gelegenen Partnerstadt Taldom pflegt. So verbringen seit 1991 regelmässig Waisenkinder aus der 13'000 Einwohner zählenden Stadt ihre Ferien im Urner Dorf.

Ferdi Muheim, auch der «Russenfreund» genannt, ist mehrmals im Jahr im Osten zu Gast, aus Bekannten sind Vertraute geworden, und der 57-Jährige ist heute selber schon fast ein halber Russe. Zumindest ginge er glatt als solcher durch mit seinen buschigen Augenbrauen, den ebenso dichten, schwarz-grauen Haaren und seiner rundlichen Postur. 2006 hat er vom russischen Aussenminister Sergei Lawrow einen Orden verliehen bekommen für seine «Verdienste und den bedeutenden Beitrag zu den freundlichen Beziehungen zwischen Russland und der Schweiz». In der eigenen Gemeinde zweifelt niemand, dass es dem umtriebigen Metzger, der unter anderem auch im Verwaltungsrat des Eishockeyklubs Ambri-Piotta sitzt, irgendwann gelingt, Wladimir Putin persönlich in Andermatt begrüssen zu können.

Ärger über einseitiges Russenbild
Dass der russische Präsident heuer St. Moritz bevorzugte, kümmert um sieben Uhr abends hinter dem Parkplatz des Hotels niemanden. Umrahmt von vier halbhohen Schneemauern, hinter einem halben Dutzend Weihnachtsbäumen, wendet Igor die Schaschliks auf dem Grill. Im Schnee stehen Wodkaflaschen, mehr oder minder besinnliche Musik rieselt ab Konserve - russische Gemütlichkeit. «Nastrovje», «Prost», «Wer will Borschtsch?», «Wer hat noch nicht vom Glühwein probiert?», «Möchtest du saure Sahne in die Suppe?», «Wodka?». Unter den gut 30 Personen, Russen, Andermattern, bedient jeder jeden, ab und an ruft jemand: «Sehr gut, Igor!»

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In Russland gibt es das Sprichwort: «Ein Bier ohne Wodka ist rausgeschmissenes Geld.»

«Wodka?», fragt Sergei Blazeviz, die Flasche in der Hand. Der 35-Jährige lebt seit einem Jahr in Realp, der höchstgelegenen Urner Gemeinde. Er ist ursprünglich wegen seiner Schwester nach Uri gekommen, die in Andermatt mit einem Einheimischen verheiratet ist. «Sergei ist der beste Heidelbeersammler des Urserentals, bis zu 30 Kilo am Tag hat er im Sommer zusammengetragen. Die haben wir alle verkauft», sagt Ferdi Muheim und klopft dem stämmigen Mann auf die Schulter. «Und das mit einer Hand!» Sergei schaut auf seinen Armstumpf: «Unfall vor 16 Jahren in der russischen Armee.» So viel Lob und Aufhebens um seine Person ist ihm sichtlich unangenehm. Er sagt später schmunzelnd, eigentlich sei er gar kein Russe, sondern Lette, stamme aus der Stadt Daugavpils. Aber an diesem Abend sind alle Russen.

«Immer hört und liest man nur von den neureichen russischen Touristen und den Oligarchen, die anscheinend ganze Schweizer Konzerne aufkaufen wollen», ärgert sich Ferdi Muheim über das seiner Meinung nach allzu einseitig negative Bild, das wir von den Russen haben. Auch unflätiges Benehmen, Trinkorgien, Kaufexzesse von russischen Gästen in der Schweiz trugen zu diesem Image bei. Trotzdem nimmt die Tourismusbranche die Gäste aus dem riesigen Land mit Handkuss - sie geben durchschnittlich pro Kopf und Tag 400 Franken aus. Die Klagen sind deutlich rarer geworden, aber wenn ein russischer Multimillionär in St. Moritz oder Zermatt mit 1'400-Franken-Champagner um sich spritzt, sorgt das natürlich für Schlagzeilen.

Rund 10'000 russische Staatsangehörige leben in der Schweiz, zusammen mit jenen, die aus anderen Teilen der ehemaligen Sowjetunion stammen, sind es schätzungsweise 30'000 Menschen, deren Muttersprache Russisch ist. Die Immigrantengruppe ist heterogen. Alexander Peske, Chefredaktor der Zeitschrift «Russische Schweiz» mit Sitz in Zürich, glaubt, dass heute vermehrt gut ausgebildete Russen in die Schweiz kommen. An der ETH zum Beispiel spräche in einzelnen Abteilungen bald jeder Zehnte russisch. Peskes Blatt erscheint monatlich in einer Auflage von 6000 Exemplaren und biete für Russen in der Schweiz vor allem Orientierungshilfe, wie der 29-Jährige sagt. Um diese Unterstützung seien viele froh, besonders im Alltag, denn hier sei alles viel geregelter als in seiner Heimat. «Zum Beispiel hat ein Russe, der hierherkommt, keine Ahnung, dass man verursachergerechte Müllsäcke verwenden muss.» Das Leben sei hier nicht so stressig, dafür fehle ihm eine gewisse Dynamik und Spontaneität. Dann fällt dem Journalisten noch ein, woran sich Russen hier zuerst gewöhnen müssen: «Wenn ich mich in Russland mit jemandem für nächste Woche verabrede, ist er beleidigt und denkt, er sei mir zu wenig wichtig. Dort ruft man an und trifft sich noch am gleichen Abend. Auch käme es keinem Russen in den Sinn, jetzt schon Sommerferien zu buchen. Obwohl unser Volk gerne reist, wie die Schweizer ja auch.»

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Von Moskau ins beschauliche Andermatt
«Lamb, Lamm ist finish!», ruft Igor und reicht den letzten Fleischspiess weiter, jeder Gast nimmt sich ein Stück, alles im Stehen, inzwischen sind auch der Hotelier mit Frau, der Erstfelder Gemeindepräsident mit Frau, ein Vertreter des Tessiner Parlaments und sein Kollege eingetroffen. Lioudmila wäre sicher auch gerne gekommen, sagt Ferdi Muheim. Doch die ganze Familie habe Grippe. Die 34-jährige Lioudmila stammt aus Moskau und hat vor acht Jahren der Liebe wegen ihre Heimat hinter sich gelassen. Nach Studium und Doktorarbeit in Kulturgeschichte studierte sie in Paris französische Literatur und arbeitete später an der Akademie der Wissenschaften. Bei der Organisation einer Ausstellung in der Schweiz hat sie ihren künftigen Mann kennengelernt: «Wir haben uns Hals über Kopf ineinander verliebt und nur kurze Zeit später schon geheiratet», sagt sie zwei Tage später, als die Familie wieder gesund ist. Sie hätte sich gut vorstellen können, weiter in Moskau zu leben. Doch ihr Mann hatte Angst, dort keinen Job zu finden - also folgte Lioudmila Andreeva ihm nach Airolo. «Ich musste hier wieder bei null beginnen, anfangs war es sehr schwierig, vor allem, weil ich in der Grossstadt Moskau aufgewachsen bin», erzählt die Mutter eines vierjährigen Sohnes und ergänzt, sie habe sich aber nie diskriminiert gefühlt. «Ich habe einfach noch nie in einem Dorf gelebt, daran musste ich mich erst gewöhnen.» Heute unterrichtet die mittlerweile eingebürgerte Schweizerin in Bellinzona Französisch. Ist etwas typisch Russisches geblieben, in ihrem Alltag, ihrer Mentalität? Lioudmila denkt nach und sagt heiter: «Gastfreundschaft ist mir heilig, und wenn wir Besuch haben, koche ich meist viel zu viel.»

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Ex-Gemeindepräsident Ferdi Muheim (Mitte) hat viel für die schweizerisch-russische Freundschaft getan.

«Endlich! Da kommt sie ja», sagt irgendwer und blickt auf Tatjana, die sich über den Parkplatz der russischen Festzone nähert. Auch sie stammt aus Moskau, findet es aber in der Schweiz immer schrecklich kalt - «ich wundere mich, weshalb ihr nicht dickere Jacken tragt». Obwohl sie nichts zu verbergen hat, will die Angestellte eines Transportunternehmens ihren Namen und ihr Bild nicht veröffentlicht haben. Warum? «Einfach so», sagt sie zuerst und fügt an: Ihr Freund habe schlechte Erfahrungen gemacht mit den Medien oder so. Er stammt aus dem Urnerland.

Auch Oleg heisst eigentlich anders. Aus persönlichen Gründen nenne er seinen echten Nachnamen nicht, erklärt der 32-Jährige, der in Zürich als Koch arbeitet. Das meiste, was man über die Russen zu wissen glaube, sei klischiert. «Es hat sich sehr viel getan bei uns, vor allem in Moskau.» Zwei Dinge würden sich aber nie ändern: «Wir Russen leben für unsere Kinder, und wir lieben Wodka.» Nicht umsonst gebe es in Russland das Sprichwort: Ein Bier ohne Wodka ist rausgeschmissenes Geld.

In Andermatt gibt es deshalb erst gar kein Bier. «Prost», «Nastrovje!», langsam wird es wirklich kalt. Die Einzigen aber, die an diesem Abend Pelzmützen tragen, sind der Schweizer Hotelier und der Schweizer Skilehrer. Bärenfell übrigens, das Tier von Igor geschossen.

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