Er wurde als letztes der neun Schweizer Contergankinder geboren. Doch Bitterkeit ist ihm fremd. Christian Lohr sagt: «Ich bin glücklich.» Nicht bloss: «Ich bin zufrieden.» Und man glaubt ihm.

Lohr arbeitet nicht Teilzeit, sondern mehr als die meisten. Er bezieht keine Invalidenrente, obwohl sie ihm zusteht. Er arbeitet vom Rollstuhl aus, bedient Handy und Tablet mit den Zehen, schreibt für Zeitungen und arbeitet an Vorträgen für alle erdenklichen Veranstaltungen. Die Invalidenversicherung (IV) stellt ihm lediglich den elektrischen Rollstuhl zur Verfügung. Den Lebensunterhalt verdient er selber.

Christian Lohr ist der erste schwer­behinderte Nationalrat der Schweiz. Er mag es nicht, wenn viel Aufhebens darum gemacht wird. «Ich habe gar keine andere Wahl, als authentisch zu sein. Ich kann ­keine Rollen spielen. Ich kann meiner ­Behinderung nicht entfliehen», sagt er. «Das empfinde ich als grosses Privileg.»

«Jegliche Sachlichkeit vermissen lassen»

Dass er Politiker wurde, hängt mit seinem Beruf zusammen. Lohr ist Journalist. Für eine Thurgauer Tageszeitung berichtete er aus dem Gemeinderat und über Sport­veranstaltungen. Politik hat er früh mitbekommen: «Ich stamme aus einer Familie, in der immer gern diskutiert wurde. Meine Eltern und mein grosser Bruder haben mir viel von der Welt vermittelt.» Als Mittdreis­siger entschied sich Lohr, die Politik nicht mehr nur als Journalist zu beobachten, sondern sie aktiv mitzugestalten.

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2000 trat er der CVP bei. Seit Ende 2011 sitzt er im Nationalrat. Er brauchte nur ein Jahr, um dort den ersten Coup zu landen: Lohr verhinderte an vorderster Front und gegen zähen Widerstand Kürzungen der IV für Schwerbehinderte. Er schaffte das mit der ihm eigenen Mischung aus Lobbying und Appellen ans Plenum. Und seine physische Präsenz untermauerte sein Anliegen. «Ich habe gespürt, hier geht es um etwas. Das grosse Vertrauen in die Richtigkeit meines Votums gab mir viel Kraft.»

Sein Auftritt trug ihm Respekt und Lob ein, aber auch Kritik, sogar aus den eigenen Reihen. Parteikollegin Ruth Humbel etwa sagt: «Ich habe grosse Achtung davor, wie positiv Christian Lohr mit seiner Behinderung umgeht und welches Arbeits­pensum er bewältigt. In vielen politischen Fragen sind wir uns einig. Er argumentiert in der Regel sachlich und differenziert. Bei der IV-Debatte allerdings hat er jegliche Sachlichkeit vermissen lassen und mit einem sehr emotionalen Votum reine Betroffenheitspolitik gemacht.»

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Lohr kontert: «Ich wollte nicht meiner Betroffenheit Ausdruck verleihen, sondern derjenigen von schwerstbehinderten IV-Bezügern. Ausgerechnet bei ihnen zu sparen ist für mich inakzeptabel. Mein Votum war authentisch – in der Politik braucht es auch dieses Instrument, um seine Anliegen erfolgreich einbringen zu können.» Dadurch, dass er keine IV-Rente beziehe, ­nehme er seinen Gegnern zusätzlich Wind aus den Segeln: «Man kann mir nicht vorwerfen, dass ich nur für mich schaue.»

Es war nur ein Etappensieg. Die ständerätliche Gesundheitskommission will auf den Entscheid des Nationalrats zurückkommen. Sie empfiehlt die Vorlage zur Ablehnung und will, dass eine volle Rente erst ab einem Invaliditätsgrad von 80 Prozent ausbezahlt wird und nicht, wie von Lohr gefordert, ab 70 Prozent. Am 12. März kommt die Vorlage in den Ständerat. «Ich vermute, der Widerstand kommt aus Wirtschafts- und Arbeitgeberkreisen», sagt Lohr. Doch er lässt sich nicht beirren: «Nun geht es halt in die nächste Runde. Ich halte an meinem Anliegen fest. Es gehört dazu, dass man für seine Überzeugung einstehen und notfalls kämpfen muss.»

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«Offenbar geht es uns zu gut»

Das ist für ihn nicht neu. Lohr ist mit den Mechanismen der Politik vertraut, er weiss, wie Vereine, politische Gremien und Me­dien funktionieren. 15 Jahre lang war er Präsident von PluSport Behindertensport Schweiz, er war Gemeinderat, ein Jahr lang Grossratspräsident, er ist im Thurgau Kantonsrat, er war Medienchef der Schweizer Paralympics-Delegationen in Atlanta und in Nagano, er ist Vorstandsmitglied von Pro Infirmis, er doziert an Bildungsinstituten, arbeitet als Speaker und Berichterstatter an zahlreichen Sportveranstaltungen.

Der Sport hat ihm viel gegeben, gerade auch für seine politische Laufbahn: «Er hat mich gelehrt, was wichtig ist: Anstand und Respekt vor dem Gegner – und dass man Niederlagen mit Würde tragen muss. Ich suche nicht die Konfrontation um jeden Preis. Ich polarisiere nicht, aber ich kann auch einstehen für meine Anliegen.»

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Der Thurgauer CVP-Regierungsrat Bernhard Koch, der das Departement Finanzen und Soziales führt, kennt Lohr aus dem Grossen Rat. «Als er Nationalrat werden wollte, hatte ich zunächst Bedenken, dass ihn das physisch überfordern könnte. Aber sein Wille hat mich beeindruckt, genauso seine geistige Beweglichkeit», sagt Koch. Jörg Schild, als Präsident von Swiss Olympic ein anderer enger Begleiter, sagt über Lohr: «Ich habe selten einen körperlich behinderten Menschen getroffen, der derart natürlich mit seiner Behinderung umgeht. Ich gehe mit dem Wort ‹Bewunderung› sparsam um, aber bei Christian ist es angebracht. Auch wenn er der Letzte ist, der bewundert werden möchte.» Mitleid mag Lohr erst recht nicht: «Ich habe die nötige Hilfe und alles, was ich brauche.» Er wohnt in einer überschaubaren Wohnung, im selben unauffälligen Kreuzlinger Block, in dem er seine Kindheit verbracht hat.

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Die IV-Revision war Lohrs Herzensanliegen, aber auch in der Gesundheitspolitik vertritt er klare Positionen: «Wir haben in der Schweiz die Tendenz, überversichert und übergesund zu sein. Kaum haben wir ein Wehwehchen, kaufen wir ein Medikament.» Die gleichen Tendenzen beobachtet er in der Politik: «Es fehlt oft an der Bereitschaft, nach Lösungen zu suchen, niemand will auf etwas verzichten. Doch ohne Verzicht geht es nicht. Offenbar geht es uns zu gut, und offenbar ist die Schmerzgrenze noch nicht erreicht.»

«Ich glaube an etwas Göttliches»

Lohr möchte in der Politik Wegbereiter für andere Behinderte sein. Trotzdem: «Zuerst bin ich Christian Lohr, erst dann der Christian Lohr mit einer Behinderung.» Und so hält er es auch mit der Parteizugehörigkeit. Manches, was er sagt, passt eher zu Vertretern einer Rechtspartei. Etwa zur Ausländer- oder Asylpolitik: «Ich wohne ein paar hundert Meter vom Kreuzlinger Empfangszentrum entfernt. Da bekommt man vieles mit – Schlägereien, Provokationen. Ich habe gelernt, dass Systeme missbraucht werden. Das darf nicht sein.» Im nächsten Satz klingt er wie ein Linker: «Ich bin für die Gleichwertigkeit aller Menschen. Das ist mein zentrales Anliegen.» Lohr sagt von sich: «Mit der CVP verbindet mich das C. Ich glaube an etwas Göttliches. Und ich habe immer geglaubt, dass mein Leben Sinn macht. Das Wort ‹Berufung› mag ich nicht. Es klingt so überfliegermässig.»

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Von Überfliegern und Karrieristen hält Christian Lohr wenig: «Ob ich der erste schwerbehinderte Bundesrat der Schweiz werden möchte? Das ist für mich kein Thema. Ich will einfach nur ernst genommen werden.»