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Der Staat AvalonHier herrscht ein Anarchist

Ein Thurgauer Unternehmer ruft seinen eigenen Staat aus und baut ein Gebäude, wo er Hof halten will. Was steckt dahinter, und welche Gemeinde lässt solches zu?

Audienz beim Staatschef: Daniel Model vor einem Modell seines geplanten «Modelhofs»
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Das ist er also, der Mann, der aus lauter Unmut über den bestehenden Staat kurzerhand seinen eigenen gründete. Daniel Model, 50, mittelgross und gut in Form, kurz geschnittenes Haar, lässig-elegant gekleidet. Wie ein Aufständischer sieht er nicht aus.

Seit 1995 führt Model in vierter Generation das gleichnamige Verpackungsunternehmen. Unter seiner Ägide ist die Firma stark gewachsen, beschäftigt heute gegen 3000 Mitarbeiter und setzt jährlich rund 600 Millionen Franken um. Zudem präsidiert Model den regionalen Arbeitgeberverband. Vor vier Jahren sollte er an einer Versammlung der thurgauischen Gemeindeammänner zum Thema «Staat und Unternehmen» referieren. Es kam anders.

Statt einer langatmigen Rede hörten die verwunderten Behördenmitglieder, wie der Vorzeigeunternehmer seinen eigenen Staat ausrief. Später liess er Münzen prägen mit seinem Konterfei und taufte den Staat «Avalon». Das keltische Wort bedeute «Apfelgarten», passend zum Thurgau. Nicht nur Gemeindeammänner zweifeln seither an seinem Verstand. Wie um alles in der Welt kommt einer wie er, immerhin Dr. oec. HSG, auf solch seltsame Ideen? Wir bitten um Audienz.

Der Chef hat Angst um «sein Pflänzchen»

Im Sitzungszimmer, einem ebenerdigen Anbau am Firmensitz in Weinfelden, lässt das selbsternannte Staatsoberhaupt die Besucherin erst mal warten. Ein knallharter Chef soll er sein, las man in der Presse. Einer, der Massenentlassungen den Behörden nicht meldet und Leute ohne Sozialplan auf die Strasse stellt. Minuten verstreichen, fünf, zehn, dann tritt er endlich ein. Ein schneller Händedruck, ein flüchtiges Lächeln und ein Gesicht, aus dem Neugierde, aber auch Skepsis sprechen.

Er geht um den riesigen Sitzungstisch herum und nimmt in gut zwei Metern Entfernung vis-à-vis Platz. Er halte gegenüber der Medienwelt prüfende Distanz, hatte er in einer E-Mail geschrieben. Jetzt überschüttet er die Journalistin mit Fragen: «Wofür steht Ihre Zeitschrift ein? Kritisieren Sie auch die Behörden, wenn diese Fehler machen? Was wollen Sie bezwecken?» Er wolle nur sichergehen, dass niemand böswillig und voreingenommen «sein Pflänzchen» zertrample, erklärt er, und seine blauen Augen funkeln.

Die Währung von Avalon
Quelle: Daniel Ammann

Ein Reich, das von Ideen lebt

Auch nach einem über zweistündigen Gespräch ist schwierig auszumachen, was Model mit seinem eigenen Staat bezweckt. Ein Territorium dafür besteht nur symbolisch, und Bürger gibt es gerade mal deren drei: Model selber und zwei Freunde, die seine Ideen teilen. Doch darum geht es auch nicht. Sein Staat ist eine Art anarchistischer Gedankenstaat, in dem seine Visionen Platz haben. Und die klingen bestechend: «In Avalon werden Tugenden wie Unvoreingenommenheit gepflegt, der gesunde Menschenverstand soll walten, die Freiheit ist ein Ideal, selbständiges Denken Ziel der Bildung. Es soll niemand Zwang auf andere ausüben, das Privateigentum ist gewährleistet, es gibt keine Staatsmonopole, und grundsätzlich gilt: ‹no politics›», erklärt Daniel Model.

Er spricht leidenschaftlich, wirkt mal jungenhaft euphorisch, mal verbissen, dann wieder blitzt Schalk in seinen Augen. Mit sichtlichem Vergnügen erzählt er etwa, wie die Gemeindeammänner beim Apéro nach seiner Aktion einen Sicherheitsabstand zu ihm hielten. «Als hätte ich eine ansteckende Krankheit.» Spielt hier einer bloss das Enfant terrible?

Fest steht: Verrückt ist Model nicht. Aber einer, der vom modernen Sozialstaat wenig hält. Dieser sei eine Produktionsstätte von Illusionen, sauge seine Bürger aus und mache sie zu Abhängigen. «Er meint, man könne via Gesetzeszwang Ideale verwirklichen und über das Tarnwort ‹sozial› Schmerzfreiheit für die Bürger gewährleisten.» Die Umverteilung führe zu einer «rent seeking society», zu einer Gesellschaft, in der jeder bloss versuche, vom Staat Geld zu erhalten. Statt in die Fähigkeiten und die Kraft des Einzelnen zu vertrauen, kultiviere der Staat Misstrauen und Bequemlichkeit. «Er fördert eine Opferkultur und nährt damit die Untugend, auf Kosten anderer leben zu wollen», sagt Model, und sein Blick fixiert das Gegenüber, als wolle er sich absichern, dass die Botschaft ankommt.

Bei aller Überzeugung lässt er sich aber durchaus auf Diskussionen ein. Ist es wirklich bequem, von der Sozialhilfe zu leben? Und sind es nicht gerade die unbequemen Freidenker, die oft als Erste den Job verlieren? Er spricht von der Verantwortung des Chefs, die Stärken der Unangepassten zu erkennen und zu fördern. Doch räumt er ein, dass diese Qualität eher wenig verbreitet ist.

Mitarbeiter, ehemalige und jetzige, beschreiben Daniel Model als umgänglichen, offenen Menschen. Als einen Chef, der bisweilen ungewöhnliche Visionen habe, aber auch andere Meinungen zulasse. Nur den Gewerkschaften verweigert er sich konsequent. Und dennoch: Ausser dem Vorwurf mangelnder Gesprächsbereitschaft hört man auch von dort kaum handfeste Kritik. Die «Massenentlassungen», von denen geschrieben wurde, lassen sich nicht als solche nachweisen, und zumindest teilweise hat Daniel Model Abgangsentschädigungen bezahlt.

Ein Informationsminister ist gefunden

Model beschreibt seine Staatsgründung als Akt der Verzweiflung, denn der Sozialstaat sei nicht mehr reformierbar. Auch wenn seine Aktion daran nichts ändere, so habe sie ihm doch viele interessante Kontakte beschert. Etwa zu Stephan Seydel, der mit rebell.tv einen genauso unkonventionellen Internet-TV-Blog betreibt. Model stieg als Investor ein, rebell.tv ist nun sein Staatssender, Seydel der Informationsminister von Avalon.

Doch Model wurde auch angefeindet, Medien stellten seine Idee als Hirngespinst eines Autokraten dar. Seit ein paar Monaten baut der Verpackungsunternehmer deshalb eine «schützende Hülle für sein Pflänzchen», wie er sagt. «Damit es fortan ungestört weiter gedeihen kann.» Auf rund 2000 Quadratmetern entsteht im zehn Kilometer entfernten Müllheim ein imposantes Gebäude mit Kuppel, der «Modelhof». Dort will das Staatsoberhaupt künftig «Hof halten». Kostenpunkt: «10 bis 20 Millionen Franken.»

Spätestens als im 2600-Seelen-Dorf das Gerücht umging, Model baue hinter der Bahnhofstrasse ein Regierungsgebäude, wurde der Müllheimer Gemeinderat hellhörig. Ein fremder Staatsbau auf dem eigenen Territorium, das geht natürlich nicht. Die Behörde wollte es genau wissen, lud den Bauherrn zum Gespräch. Natürlich ist alles ganz anders. «Herr Model baut hier ein Kultur- und Begegnungszentrum, und es gibt nichts, was gegen eine Bewilligung sprach», erklärt Gemeindeammann Jakob Thurnheer.

Was dereinst wirklich im «Modelhof» stattfindet, weiss aber nicht einmal Model selber so genau. Ein Zentrum jedenfalls sei es nicht, das widerspräche seinem non-zentralen Weltbild. Auch ein Regierungsgebäude könne der «Modelhof» nicht sein, «weil jeder die Regierung in sich trägt – oder nicht». Auf jeden Fall geplant ist eine Akademie, die sich als Kernaufgabe mit Fragen zur neuen Staatsform befasst. Weiter wolle er Räume an verschiedene autonome Schulen vermieten. Schauspiel, Architektur, Philosophie und Musik kämen als Fachrichtungen in Frage. Ausserdem werde es Platz für Veranstaltungen geben. «Es ist ein Hof, an dem Vielfalt und Freude herrschen werden. Wer die Phantasie nicht hat, was ein Hof alles sein kann, soll draussen bleiben», sagt er.

Ein Geschäftsmann mit Sportsgeist

Erstaunlich ist ob der wolkigen Pläne, wie viel Energie Model in sein Müllheimer Projekt steckt. Anwohner Viktor Urweider, ein Alteingesessener, dem das meiste Land gehörte, auf dem Model nun baut, reibt sich die Hände. Über die Kaufsumme sagt er nichts, aber allein die Zusatzverträge, von denen er erzählt, sprechen Bände. Model hat sich verpflichtet, Urweiders alte Scheune, die die direkte Sicht auf den «Modelhof» verdecken wird, noch mindestens neun Jahre stehen zu lassen. Urweider darf sie und die Garage daneben weiterhin frei benutzen. Bricht Model die Scheune später ab, müsste er die Kosten für die Stromversorgung zu Urweiders Wohnhaus übernehmen, weil diese über die Scheune verläuft. «Ich hätte keinen anderen gefunden, der mir so weit entgegenkommt und einen so guten Preis zahlt», sagt Urweider, der Model mehrmals auflaufen liess und einige Angebote ausschlug.

Vielleicht war es der Sportsgeist, der Model antrieb. Davon besitzt er reichlich. Bis vor kurzem fuhr der Autofan – Besitzer mehrerer teurer Sportwagen – hobbymässig Rennen. Zuvor war er Elite-Amateur im Radsport und erfolgreicher Curler, der zwei Schweizer Meistertitel errang und als Skip der Nationalmannschaft an der Weltmeisterschaft 1988 den vierten Rang erreichte. Geld war für einen Model ohnehin noch nie ein Problem, und so liess er sich womöglich von den Absagen Urweiders bloss anstacheln, sein Projekt erst recht durchzupauken.

Die Müllheimer gehen mit dem Prestigebau in ihrem Dorf derweil gelassen um. Es sei doch positiv, wenn einer mal etwas wage und investiere, äussern sich ein paar, die auf einer Festbank vor dem Kiosk zusammensitzen. Für Models Staat «Avalon» haben sie nur ein paar lockere Sprüche übrig. Die Leute seien eher neugierig als ablehnend, meint auch die Bedienung im «Ochsen» unweit der Baustelle.

Im Dorf geht alles seinen gewohnten Gang. Beim Grossverteiler fahren Hausfrauen mit Körbli-Velos vor und wieder weg, zwei Handwerker holen sich ihr Znüni, der Bus 829 hält fahrplanmässig um 9.18 Uhr vor der Post. Es ist ein unspektakulärer Ort, ein «kleines Mittelzentrum mit Entwicklungspotential», wie der frühere Gemeindeammann Beda Balmer sich ausdrückt. Balmer war 24 Jahre im Amt. Er ist ein freundlicher, grossgewachsener Mann um die 70 und wohnt mit Frau Heidi, Hund Heros und einem Garten voller Enten am Hang im Oberdorf.

Während er Kaffee auftischt, unterstreicht Balmer, der auch Dorfpolizist war, wie gesittet hier alles zugeht. Ein bisschen Vandalismus, ja gut, das kommt vor. 2001 habe es negative Schlagzeilen gegeben, weil Rechtsradikale sich in Müllheim trafen. Ansonsten regiert hier das Mittelmass: durchschnittliche Steuerkraft, durchschnittlicher Ausländeranteil, durchschnittliches Wachstum.

So schnell ändert sich ein Strassenname

Neuzuzüger finden sich schnell zurecht. Der Kirchweg beginnt bei der Kirche, die Bachstrasse führt dem Bach entlang, der der Einfachheit halber Dorfbach heisst. Die Müllheimer sind Pragmatiker. Und so verwundert es wenig, dass das Strassenschild zum «Modelhof» auf Wunsch des Bauherrn mit «Hofstrasse» beschriftet ist, obwohl der korrekte Flurname «Fallentor» lautete. «Uns gefiel ‹Hofstrasse› besser, das ist eingängiger», lautet die profane Begründung des Gemeindeammanns Jakob Thurnheer. Gewehrt hat sich dagegen niemand. Genauso wenig wie gegen das Bauprojekt. Keine einzige Einsprache.

Fragt sich, was Staatsgründer Model ausgerechnet in ein Dorf wie Müllheim verschlug. Der Legende nach war ihm zu Ohren gekommen, dass es im Bodensee unbestimmtes Territorium gebe, das keinem angrenzenden Nationalstaat gehört. Ideal für seinen Staat, dachte er. Mit einem kleinen Gefolge fuhr er hinaus, um das Territorium in einem symbolischen Akt in Besitz zu nehmen. Man liess Himmelslaternen steigen, die der Wind – so geht die Geschichte – direkt zurück in den Thurgau trug. «Man ist sich nicht ganz sicher, wo sie gelandet sind, aber möglicherweise sogar in Müllheim», schmunzelt Model über seinen Nationalmythos.

Veröffentlicht am 16. Juli 2010