«Fuck you Aeschbach!», tönt es aus dem Fahrzeug mit den abgedunkelten Scheiben. «Ihr seid alle Scheisse…» Die Stimme gehört einem Häftling, der noch heute nach Aarau muss. Die S7 spuckt die Pendler auf das Perron des Bahnhofs Kloten. Noch wäre genug Zeit, um einzusteigen. Doch der Polizist und der Gefangene warten auf einen anderen Zug.

Securitas-Angestellte in blauen Kombianzügen und schwarzen Stiefeln schleppen Gepäck. Auf dem Mergelplatz stapeln sich Koffer und Plastiktüten. Die versiegelten Gepäckstücke gehören Häftlingen, die mit dem Strassentransport aus Lugano und Luzern hergebracht wurden.

Der Morgenverkehr wälzt sich über die Schaffhauserstrasse. Eine Passantin bleibt kurz auf der Brücke stehen und blickt hinüber zum Stumpengleis.

«Werden Gefangene verlegt, sind sie so wenig wie möglich den Blicken der Öffentlichkeit auszusetzen», verlangt der Europarat in den «Mindestgrundsätzen zur Behandlung von Häftlingen». Geeignete Massnahmen seien zu treffen, um die Gefangenen vor jeder Beleidigung, Neugier und Zurschaustellung zu schützen.

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«Haben wir noch Zeit?» Nicole Balmer (alle Namen geändert) nickt. Zusammen mit ihrem Kollegen René Handschin begleitet sie diese Woche den Gefangenenzug, auf Neudeutsch: «Jail-Train». Ein Handy klingelt: In Aarau wird ein weiterer Häftling zusteigen.

Schweiz vom Europarat gerügt
Auf Gleis 2 fährt eine Lok mit angehängtem Triebwagen vor. Gepäck wird eingeladen. Zwei Polizisten packen den jungen Mann, der sie soeben noch beschimpft hat, an den Armen und führen ihn in den Zug. Seine Hände sind mit Handschellen auf dem Rücken gefesselt. Er wehrt sich nicht. Aus einem anderen Fahrzeug werden Stimmen laut. «Ja, ja. Einer nach dem anderen», sagt Nicole Balmer.

Der Gefängniszug fährt jeden Tag, von Montag bis Freitag. Noch bis Ende 2001 liessen die Schweizer Kantone ihre Häftlinge in engen Zellen im Gepäckwagen transportieren. Während der Fahrt wurden sie nicht betreut und konnten auch nicht auf die Toilette. Der «Ausschuss des Europarats zur Verhütung von Folter und unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Strafe» rügte die Schweiz 1996 wegen dieser «nicht menschenwürdigen» Transportform. Grundlage für die Arbeit des Europaratsausschusses ist die Konvention zum Schutz der Menschenrechte, die die Schweiz 1974 ratifizierte.

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Die Aufseherin drückt auf einen Knopf der Gegensprechanlage und meldet dem Lokführer: «Securitas von 9032. Verlad ist fertig.» Die neun Männer und zwei Frauen haben Platz genommen. Die 18 Zellen verteilen sich links und rechts des Korridors. Die Häftlinge diskutieren heftig in einem wilden Sprachengemisch.

Dann geht ein Ruck durch den Zug. Die Reise beginnt. René Handschin und Nicole Balmer sortieren die Gepäckstücke. «Wohin geht es?», fragt einer hinter den Gitterstäben. «Nach Aarau, Bern», antwortet die Securitas-Angestellte. Ein anderer muss auf die Toilette. Handschin schliesst die Zelle auf, Balmer öffnet gleichzeitig die WC-Tür. «Toilettengang nur während der Fahrt. Damit gar nicht erst der Gedanke an eine Flucht aufkommt», erklärt Handschin.

Draussen zieht das Mittelland vorbei. Doch das bekommen die Gefangenen nicht mit. Die einzigen zwei Fenster des Zugs sind den Aufsehern vorbehalten. Im Büro müssen sie sich den Platz mit einer klobigen Kommode teilen. In deren Schubladen lagern Handschellen, Verbandsmaterial und ein Zitrusspray gegen Körpergerüche. An der Wand mahnt ein Zettel: «Bei jeder Handlung stets an den Partner und die eigene Sicherheit denken.»

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Für Notfälle sind die Securitas-Angestellten mit einem Pfefferspray bewaffnet. An der Decke zeichnen Videokameras die Fahrt auf. Die Bänder dienen als Beweismaterial für den Fall, dass sich ein Häftling über unkorrekte Behandlung beklagen sollte.

Der Zug holpert über eine Weiche. Die Gitterstäbe vibrieren. Die Klimaanlage kämpft gegen die Wärme. Es beginnt nach Menschen zu riechen. «Durchgang verboten», erinnert ein Schild an der grifflosen Tür zum Lokführer. Bis dorthin sollen die Passagiere unter keinen Umständen gelangen. Einen einzigen – vereitelten – Befreiungsversuch verzeichnet die Securitas bis heute und vier verhinderte Suizide.

Vorspielen falscher Tatsachen
Seit 2002 ist «Train-Street», ein Gemeinschaftsunternehmen der SBB und der Securitas, für den interkantonalen Transport von Häftlingen zuständig. Bund und Kantone teilen sich die Kosten von jährlich 6,35 Millionen Franken für den Gefangenentransport auf Schiene und Strasse. Eine Frau und ein Mann begleiten den Gefängniszug jeweils während fünf Tagen. Die Securitas-Angestellten werden zusammen mit Leuten von der Kantonspolizei Zürich ausgebildet.

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Der Zug braust an Rupperswil vorbei. In der Nähe des Bahngleises hängt eine Frau Wäsche zum Trocknen auf. Securitas-Mann Handschin reibt seine Hände mit Desinfektionsmittel ein und sagt: «Ich transportiere Leute wie ein Taxichauffeur. Ich denke nicht darüber nach, was jeder Einzelne verbrochen haben könnte.» Auf dem Transportauftrag vermerkt sind «Name: L.; Vorname: Mustafa; Geschlecht: m; geboren: 4.8.1982. Herkunft: Libanon». Ein Kreuz bei «ungefesselt»; spezielle Hinweise: «keine». Nur wenn die Polizei ausdrücklich verlangt, dass der Häftling in Handschellen transportiert werden muss, bleibt er auch in der Zelle gefesselt.

Zu einem der Passagiere gibt es eine Begleitnotiz: Der Mann sei vor ein paar Tagen plötzlich zusammengebrochen. Doch das medizinische «Personal auf Platz» habe nichts Ungewöhnliches feststellen können. «Die Person hatte somit letztlich simuliert und dürfte während des Transports durch Vorspielen falscher Tatsachen auf sich aufmerksam machen», haben Polizisten rapportiert und mit Leuchtstift markiert. Doch das Befürchtete tritt nicht ein.

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Aarau. Zug 9032 hält. Die Anzeigetafel zeigt ihn nicht an. Sie meldet den nächsten Regionalzug, der fährt erst in einer halben Stunde. Im Stechschritt eilt ein Bahnangestellter zu den Polizisten, die einen Gefangenen abholen. Ein Reisender sei soeben im Zug ausgeraubt worden, erklärt er den beiden Polizisten. «Können Sie sich um ihn kümmern?» Ohne eine Antwort abzuwarten, winkt er den Reisenden herbei. Er solle warten, raunt einer der Polizisten dem Bähnler zu. Zuerst müssten die Häftlinge verladen werden. Zehn Minuten später geht die Zugfahrt weiter – ohne Halt bis Bern.

Zwei Gefängniszüge verkehren täglich auf dem Schweizer Schienennetz. Der eine kommt aus Genf, der andere aus Zürich; in Bern treffen sie aufeinander, bevor sie an ihren Ausgangsort zurückkehren. Bern und Zürich sind auch Knotenpunkte für die Transporte auf der Strasse.

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Nicole Balmer sperrt eine Zelle nach der anderen auf. Ihr Kollege reicht den Häftlingen eine Flasche Wasser (mit oder ohne Kohlensäure), einen Schokoriegel, eine kleine Packung Knäckebrot, Streichwurst oder Streichkäse.

Fliegender Wechsel in Bern
Langenthal. Ein Traktor kriecht einen Feldweg entlang. Langsam kehrt Ruhe ein im Zug. Die Hauptstadt und der Mittag rücken näher. Der schaukelnde Zug macht schläfrig, die Häftlinge legen sich auf die Pritschen und beginnen zu dösen.

In Bern wendet der Zug und bleibt vor dem Bahnhof stehen. Ein Strassentransporter bringt neue Häftlinge. Sie werden in die Einzelzellen eines Containers geführt. Der Platz ist umzäunt, ein Sichtschutz bewahrt die Gefangenen vor neugierigen Blicken.

45 Minuten später taucht der Genfer Gefängniszug aus dem Dunkeln des Bahnhofs Bern auf. Auf dem Trittbrett steht ein Rangierarbeiter. Er dirigiert den Genfer Gefangenenzug parallel zum wartenden Zürcher Zug. Der Begleiter streckt den Kopf aus der Tür: «Salu. Il y a des bagages?» Gepäckstücke werden aus- und eingeladen. Dann lassen die Betreuer bei beiden Triebwagen Metallplatten herunter. Die beiden Züge sind jetzt über eine Rampe miteinander verbunden: Die Gefangenen werden von Zug zu Zug umgeladen. «Monsieur, bonjour», begrüsst der Securitas-Angestellte jeden neuen Passagier.

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Am frühen Nachmittag bricht Zug 9032 wieder nach Zürich auf. Für die Rückfahrt hat er die neue Zugnummer 9051 und neue Passagiere erhalten. An Bord sind Häftlinge aus Nordafrika, dem ehemaligen Jugoslawien und einer mit unbekannter Herkunft. Ein Schweizer ist diesmal nicht dabei. Das Durchschnittsalter der Gefangenen an diesem Tag liegt zwischen 25 und 30 Jahren. Die Zielorte sind verschieden: Zürcher Stadtpolizei, Strafanstalt Pöschwies, Fremdenpolizei Luzern, Polizei Glarus, Bezirksgefängnis Pfäffikon.

Keine Gewalttätigen Häftlinge
Letztes Jahr transportierte die Securitas knapp 11'000 Häftlinge. Von den mit «Train-Street» Beförderten läuft ein Drittel unter dem Stichwort «Asyl- und Ausländerrecht»: Verhaftete, die ausländischen Botschaften vorgeführt werden, um die Identität zu klären und Papiere zu beschaffen – und Leute, die ausgeschafft oder ausgeliefert werden.

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Die zweite grosse Gruppe bilden Untersuchungshäftlinge, die zur Anhörung in denjenigen Kanton verlegt werden müssen, der die jeweilige Strafuntersuchung führt. In jeder der 26 kantonalen Strafprozessordnungen ist festgelegt, innerhalb welcher Frist der Transport zwingend über die Bühne gehen muss. Gewalttätige Häftlinge transportiert die Securitas nicht. Um deren Transport kümmert sich die Polizei.

Einige Stunden später trifft der Zug wieder in Kloten ein. René Handschin notiert in seinem Tagesrapport: «In Zelle 16 klemmt das Schloss. Besondere Bemerkungen: keine.»