Beobachter: Frau Tschumi, sind Sie ein ­politischer Flüchtling?
Johanna Tschumi: (Lacht.) So ähnlich komme ich mir vor, auch wenn es nicht so dramatisch ist.

Beobachter: Wann beschlossen Sie, aus Bauen zu fliehen?
Tschumi: Am 22. Dezember. Da war klar, dass der Gemeinderat keine Gemeindeversammlung einberufen wird, die mich allenfalls aus dem Amt entlassen hätte. Somit hätte ich am 1. Januar das Amt als Gemeinde­rätin antreten müssen. Da habe ich herumtelefoniert und in der Bauern­schule im benachbarten Seedorf ein Zimmer gefunden. Dort lebe ich jetzt die Woche über im Exil. Aber die Wochen­enden verbringe ich in Bauen. Es ist nämlich der schönste Wohnort meines Lebens.

Beobachter: Wieso wollten Sie nicht Gemeinderätin von Bauen werden?
Tschumi: Die Belastung wäre zu gross neben meinem 80-Prozent-Job als Sozialarbeiterin. Seit ­einer Krankheit vor rund zweieinhalb Jahren muss ich mit meinen Kräften haus­hälterisch umgehen. Reduzieren kann ich meinen Job nicht, weil ich als Gemeinde­rätin kaum etwas verdienen und mir das Geld zum Leben nicht reichen würde.

Beobachter: Waren Sie dabei, als Sie in den Rat gewählt wurden?
Tschumi: Nein. Ich ging absichtlich nicht an die Gemeindeversammlung, weil ich Angst hatte, man könnte mich wählen. Aber weder vor noch nach der Wahl hat man mit mir gesprochen.

Beobachter: Niemand hat gefragt, ob Sie das Amt wollen?
Tschumi: Nein. Das ist ja das Schlimme an diesem Amtszwang. Man muss nicht miteinander reden. Es prägt die Atmosphäre in einem Dorf, wenn jeder Angst haben muss, in ein Amt gewählt zu werden, das er nicht will. Dieser Amtszwang gehört abgeschafft.

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Beobachter: Und wie würde eine Gemeinde wie Bauen ­ohne Amtszwang ihre Gemeinderäte finden?
Tschumi: Dann müssten die Einwohner wie Erwachsene das Problem diskutieren und zusammen eine konstruktive Lösung finden – sei es auch eine Fusion mit einer Nachbar­gemeinde.

Beobachter: Wieso will denn in Bauen niemand Gemeinderat werden?
Tschumi: Sehr viele Bauer machen schon sehr viel, sie sind im Schulrat, im Kirchenrat, im Bürgerrat, oder sie engagieren sich im Musikverein oder im Tourismusverein. Bei lediglich 190 Einwohnern triffts fast jeden. Und da will man halt nicht auch noch in den Gemeinderat.

Beobachter: Die Gemeinde Bauen hat beschlossen, ihre Verwaltung in die Nachbargemeinde Seedorf zu verlegen, wo Sie jetzt wohnen. Fühlen Sie sich verfolgt?
Tschumi: (Lacht.) Nein. Ich mag die Bauer und freue mich immer, wenn ich Leute aus Bauen treffe. Zudem: Die Gemeinden wollen ja nicht fusionieren, man will nur die Gemeindeverwaltung zusammenlegen.

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