Heinz Feisslis Dach war der Himmel von Kaiseraugst AG. Mit Unterbrüchen fast drei Jahrzehnte lang lebte er unter der Eisenbahnbrücke. Nicht aus Not, sondern weil er die Freiheit liebt. Es sei ein wunderschönes Schlafzimmer, sagt der 66-Jährige. In der Nacht komme der Igel auf Besuch, in der Früh weckten ihn die Vögel.

An einem Morgen Ende August waren es jedoch zwei Polizeibeamte, die Feissli jäh aus seinen Träumen rissen. «Was du in Thailand machst, geht uns nichts an», sagte einer der Uniformierten. «Aber hier wollen wir dich nicht!» Feisslis Anwesenheit, so steht es in der Wegweisungsverfügung, sorge bei den Kindern in der Gegend für Unruhe.

«Wir standen damals unter Zugzwang», sagt Hansueli Loosli, Leiter der Regionalpolizei unteres Fricktal. In Kaiseraugst sei der Migrationsanteil recht hoch, und Probleme würden gelegentlich ohne die Polizei gelöst. «Es musste Selbstjustiz Selbstjustiz Haltet den Dieb! Aber wie? befürchtet werden.» Deshalb habe man dem Obdachlosen Feissli mitgeteilt, es sei aufgrund der aufgeheizten Stimmung wohl in seinem Interesse, sich etwas zurückzuziehen.

Wilde Gerüchte

Kurz zuvor hatten Whatsapp-Nachrichten die Runde gemacht. Die Polizei suche einen Pädophilen, der herumschleiche und zerrissene Kleider trage. Ein Abwart hatte gesehen, wie Feissli sich hinter einem Gebüsch erleichterte. Eine Mutter berichtete von ihrer Tochter, die weinend nach Hause gekommen sei, weil ein Mann sie auf dem Schulweg komisch angeschaut habe. Die Gerüchte wurden wilder – und verbreiteten sich rasch.

Was raubt man einem, der bereits alles verloren hat? Seine Würde. Dass er jetzt also auch noch ein Kinderschänder sein soll, wollte Heinz Feissli nicht auf sich sitzen lassen. Er griff zum Telefon und meldete sich beim Beobachter. An einem der letzten warmen Tage des Jahres, eine Woche vor seinem Flug nach Thailand, wo er jeweils den Winter verbringt, sitzt Feissli nun auf einer Bank am Rheinufer in Basel und zitiert aus einem handschriftlich verfassten, 70-seitigen Manuskript. Es ist die Lebensgeschichte eines Genies, das man erst für verrückt erklärt – und dann kaputt gemacht hat.

In langer Tradition

Die Geschichte beginnt so: «Ich war als Kunsthandwerker das dritte Glied in der Kette von Mönch Columban.» Columban war ein Intarsienmeister im Kloster Engelberg. Seine Holzarbeiten sorgten in den siebziger Jahren weltweit für Furore, sogar das New Yorker Museum of Modern Art zeigte Interesse und soll Millionen für ein Werk geboten haben. Bruder Columbans Schüler war ein gewisser Josef Wetzel aus Trogen, der spätere Lehrmeister Heinz Feisslis. Und dieser Wetzel, so schreibt Feissli, habe einst über ihn, seinen talentiertesten Zögling, voller Bewunderung gesagt: «Der Galgenchog sägt nach drei Monaten so gut, dafür brauchen normale Menschen zehn Jahre Übung.»

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Feisslis schmutzige Füsse stecken in ausgelatschten Sandalen. Seit er seinen Schlafsack nicht mehr unter der Brücke ausrollen darf, findet er Unterschlupf im Kaninchenstall eines Bauern. Er bezieht eine bescheidene Rente, rund 1400 Franken im Monat. Heinz Feissli sagt, davon könne er anständig leben. Selbst seinen Händen, den geschicktesten, die in der Schweiz in den letzten fünf Jahrhunderten gewirkt hätten, gehe es besser. Er schreinert und malt, jeden guten Tag.

Der Start ins Leben verlief für Heinz Feissli alles andere als einfach. Er litt als Kleinkind an Polio, war ein halbes Jahr lang gelähmt. «Ich war ein Chrüppeli», sagt Heinz Feissli. Das habe ihn aber nicht daran gehindert, ein blitzschneller Fussballjunior zu werden. «Ich lief allen davon, keiner war geschwinder auf den ersten 30 Metern.» Mit 15 war Feissli Regionalmeister, mit 17 habe er einen mündlichen Vorvertrag mit dem Profiklub Concordia Basel gehabt, sich dann aber für «Kätzli und Joints» entschieden.

Fantastische Geschichten

Seine erste Lehre absolvierte Feissli als Physiklaborant. Später war er Therapiegehilfe in einem Solbad, fuhr im Krankenwagen mit, arbeitete als Geriatriepfleger. Dann brachte ihn das Schicksal mit Josef Wetzel zusammen. In der Intarsienschreinerei, der kunstvollen Verarbeitung verschiedener Hölzer, fand Feissli seine Berufung. Er war gut darin. So gut, dass selbst Kunsthistoriker darauf hereinfielen. Ein Buffet aus Kirschbaumholz wird in einem Band der Reihe «Kunstdenkmäler der Schweiz» dem 18. Jahrhundert zugeordnet. Obwohl Feissli und Wetzel zwei Drittel des Möbelstücks in den Achtzigern angefertigt hatten. Es amüsiert Feissli bis heute, dass die Fachleute ihm damit ein kleines Denkmal gesetzt haben.

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Wer Feissli zuhört, denkt unweigerlich an John Irvings Garp, an Daniel Wallaces Edward Bloom – und wie diese beiden grossartigen Fabulierer der Literaturgeschichte die Welt sahen. Und man fragt sich: Wie wahrheitsgetreu sind Feisslis Aufzeichnungen? An welchen Stellen wird aus der Autobiografie ein Schelmenroman?

Er habe die Dinge immer locker betrachtet, erzählt Heinz Feissli, sei immer schon ein Hippie Gesellschaft Hippies sind immer noch hip gewesen, einer, der nicht so recht ins System passen wollte. Das bescherte ihm Probleme. Erst mit seiner Frau, dann mit den Behörden. Seine drei Söhne habe er nie geschlagen. Wenn er in der Werkstatt arbeitete, hingen sie an seinen Beinen. Erzählten sie ihm von ihren Beobachtungen, wies er sie nie zurecht, sondern dachte drei Tage lang darüber nach. Der Frau passte der antiautoritäre Erziehungsstil Generation ­Nervensäge Das Problem sind die Eltern nicht, erst recht nicht der Schwiegermutter. Kurz vor der Scheidung sagte sie: «Jetzt knall den Balgen doch mal eins!» Feissli machte sich aus dem Staub, seine Frau verabschiedete sich in die Religiosität.

Feissli, der sich inzwischen selbständig gemacht hatte, erzielte im Jahr rund 100'000 Franken Umsatz. Gemäss Steuerrechnung verdiente er aber bloss 1500 Franken im Monat. Ein bekannter Steuerberater aus St. Gallen hatte ihm gezeigt, wie man die Warenumsatzsteuer umgehen konnte. Vor dem Scheidungsrichter flog der Schwindel auf. Seiner Ex-Frau wurden Alimente zugesprochen, die Feissli nicht bezahlen konnte.

Feissli tauchte unter, lebte in seinem Antiquitätenladen in Rheinfelden. Unter dem Existenzminimum Existenzminimum Was muss zum Leben reichen? . Doch die Behörden hatten ihn nun im Visier. Tauchten immer wieder auf, hielten ihn an, beschieden ihm, unter Androhung einer Haftstrafe, die Unterhaltsforderungen begleichen. Und die Militärsteuer fürs Jahr 1987 im Betrag von Fr. 37.95. Um 1990 kam der Rauswurf. Feissli verlor seine Werkstatt, sein bescheidenes Heim. Die Zeit unter der Brücke begann.

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Auch als Obdachloser versuchte er, im Geschäft zu bleiben. Der Zufall wollte es, dass ein Bekannter nun auf einem Haufen alter Möbel sass. «Ich machte aus seinen Böcken kleine Bijous, die in dieser Zeit weggingen wie frische Weggli», erzählt Feissli. Das alte Holz sei ideales Rohmaterial für Fälschungen gewesen. Aus einem verlotterten Bauernschrank bastelte Feissli zwei schmucke Kommoden, Antiquitäten, die sich für Tausende von Franken verkaufen liessen. Doch die Behörden und Ämter waren noch nicht fertig mit ihm.

Bürli, Trauben, Zigaretten

«Nach der zwölften Verhaftung zerbrach ich als Mensch», sagt Feissli. Seine Motorik sei ausser Kontrolle geraten, er habe sich gefühlt wie der tausendarmige Buddha. Schliesslich sei er an einer Taubheit am ganzen Körper erkrankt. Seine Hände waren unbrauchbar geworden. Feissli wurde aufs Sozialamt geschickt. Doch die 520 Franken, die man ihm dort aushändigte, empfand er als Schlag ins Gesicht. Wie sollte er davon leben? Er kaufe sich ein Bürli, Trauben, eine Packung Zigaretten. Ein Betrag, der ihn verhungern liess und zum Bettler machte – Feissli rastete aus. «Ich ging auf die Gasse und verprasste das ganze Geld für Nutten und Champagner.» Am nächsten Morgen ging er wieder arbeiten. Und an jedem Monatsende holte Heinz Feissli voller Vorfreude auf eine weitere wilde Nacht seine 520 Franken beim Sozialamt ab.

Als Obdachloser hält sich Feissli an zwei Regeln: Nie auf dem kalten Boden schlafen. Und nie ohne «Aufwärmbierchen» ins Bett. Eine Zeit lang pflegte er Letzteres im Cabaret La Mamba zu geniessen. Als der Staatsanwalt davon Wind bekam, schrie er ihn an: «Wenn Sie sich das leisten können, vermögen Sie auch Alimente zu bezahlen!»

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Schluss mit Selbstmitleid

Ärzte untersuchten ihn, stempelten ihn zum Simulanten, erklärten ihn für haftunfähig. Also steckte man ihn in die Psychiatrie. Dort wurde Heinz Feissli nach eigenen Angaben mit Schlafentzug «therapiert», und man zwang ihn, stupide Arbeiten zu verrichten. Er, der als Lehrling schon museumsreife Stücke gefertigt hat, höchstwahrscheinlich zu den weltbesten Kunsthandwerkern gehört! Feissli liess sich in den Knast versetzen. Als er diesen verlassen durfte, hatte sich ein Schleier über seinen Geist gelegt. Er konnte sich nichts mehr merken, auch körperlich war er ein Wrack. 

Ein befreundeter Psychiater riet Feissli, nach Thailand auszuwandern – und nie mehr zurückzukehren. Doch kaum setzte der Monsun ein, entzündeten sich Feisslis Hände erneut. Er kaufte ein Rückflugticket. «Ich war nun ein Sklave meiner Hände», sagt Feissli. Während der Trockenzeit lebte er in Asien, im Sommer kehrte er zurück unter seine Brücke in Augst.
 

Er will zurück unter die Brücke. Als Obdachloser, nicht als das Monster, zu dem sie ihn gemacht haben.


Nach einer durchzechten Nacht in Thailand, in der er wegen seiner Trunkenheit vielleicht die Liebe seines Lebens verpasst hatte, entschied sich Feissli, dass jetzt Schluss sei mit Selbstmitleid. Er begann zu zeichnen, Comics, die eine deutschsprachige Zeitung in Thailand abdruckte. Und auch wieder Skizzen für Intarsien. Seine Gesundheit verbesserte sich, vor sechs Jahren nahm er das Kunsthandwerk wieder auf. Im Sommer realisierte er, was er in Asien entworfen hatte. Dann der Hammerschlag. Der Besuch der Polizisten. Die furchtbaren Anschuldigungen. Wer ist Heinz Feissli? Der weltbeste Kunsthandwerker. Vielleicht. Ein begnadeter Geschichtenerzähler. Ganz bestimmt. Ein Kinderschänder? Unmöglich.

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Im nächsten Frühling will Heinz Feissli zurück unter seine Brücke. Als kauziger Obdachloser vielleicht, nicht aber als das Monster, zu dem sie ihn in Kaiseraugst gemacht haben. Polizist Loosli schreibt: «Herr Feissli ist in den polizeilichen Registraturen nirgends als Kinderschänder registriert. Die Wegweisung kann ich jederzeit komplett zurückziehen.» Das Campierverbot auf öffentlichem Grund bleibe jedoch bestehen. Feissli solle sich doch einfach auf dem Campingplatz ordentlich anmelden.

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Peter Aeschlimann, Redaktor

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