Der junge Mann sagt: «Ich bin die Sitzwache», stellt seine Tasche ab und geht auf Ursula Mesmer zu. Die rote Digitaluhr im Stationszimmer E Ost III zeigt 19.26 Uhr. Ursula Mesmer, 33, diplomierte Pflegefachfrau, an diesem Abend zuständig für die Spätschicht im Universitätsspital Zürich (USZ), Sektor Ost, Klinik für Wiederherstellungschirurgie, legt ihre Patientenrapporte zur Seite. «Sehr gut», sagt sie lächelnd, «für Zimmer 35.»

Ruhig erklärt sie «das Problem», das die Abteilung seit Tagen beschäftigt: Zwei Patienten, die rund um die Uhr Betreuung brauchen, teilen sich Zimmer 35. Ohne Sitzwache – externe Helfer, meistens Studenten, die für einen Stundenlohn von 25 Franken arbeiten – sei das nicht zu machen. Einer der Patienten hat einen Suizidversuch hinter sich und wurde mit verstümmelten Armen eingeliefert, der andere, auf der Flucht aus einem psychiatrischen Heim, wurde «in psychotischem Zustand» von der Polizei aufgegriffen. Der «Verwirrte» sei auf der Abteilung «fehl am Platz», leider habe es auf den anderen Stationen aber keine Wachen. Nun bleibe der Kranke, bis man etwas anderes gefunden habe. «Früher war das viel einfacher mit den Sitzwachen», sagt Ursula Mesmer, «aber jetzt merken wir, dass gespart wird.»

Die Gesundheitsdirektion Zürich präsentierte im Juni ein happiges Sparprogramm: 166 Millionen Franken und 208 Vollzeitstellen müssen die Spitäler des Kantons bis 2007 einsparen. Zehn Krankenhäuser sind bereits geschlossen worden, ein halbes Dutzend steht auf der Abschussliste. Wie hoch die Abstriche der verbleibenden Spitäler werden, steht noch nicht fest. Nach der Sommerpause wird der Kanton die Globalbudgets der einzelnen Häuser erstellen. Wer beim «Benchmarking», bei den Fallkosten pro Patient, gut abschneidet, wird weniger hart in die Mangel genommen als jene, die höhere Aufwendungen ausweisen. Der Ausgangspunkt für das neue Budget ist die Buchhaltung, nicht das Bedürfnis.

Das USZ ist das grösste Krankenhaus des Kantons und das zweitgrösste der Schweiz. «Bei uns fallen die 24-Stunden-Notfalldienste, die Spezialsprechstunden, die Lehre und Forschung sowie die teuren und hochkomplexen Fälle ins Gewicht. Deshalb sind unsere Fallkosten deutlich höher als jene anderer Spitäler», erklärt Sprecherin Petra Seeburger. 2003 wurden im USZ, das über 5500 Angestellte beschäftigt, insgesamt 181'000 Patienten ambulant oder stationär behandelt. Dafür brauchte es immer höhere Staatsbeiträge. Jetzt müssen, so die Vorgabe des Kantons, bis ins Jahr 2007 14 Millionen Franken und 31 Vollzeitstellen eingespart werden.

Regelmässige Arbeitszeiten gibts nicht
Die Sitzwache hat Quartier bezogen. Ursula Mesmer stellt die Medikamente für die Nachttour zusammen. An diesem Freitag ist es ruhig, nur sechs Patienten sind noch da. Zum Wochenende hin leeren sich die Betten. Mesmer arbeitet seit neun Jahren am USZ, am Anfang Vollzeit, jetzt noch mit einem festen Pensum zu 30 Prozent und zudem als «Springerin». An die unregelmässigen Einsätze hat sie sich gewöhnt; einmal hat sie Frühdienst von 7 bis 16 Uhr, dann Spätschicht von 14 bis 23 Uhr. Auch Nacht- und Wochenendarbeit macht ihr nichts aus – «ich liebe die Abwechslung». Schwer tut sie sich aber mit den regelmässigen Sparübungen, die inzwischen so sehr zu ihrem Berufsstand gehören wie die weisse Uniform. «2001 sind wir für bessere Arbeitsbedingungen auf die Strasse gegangen. Inzwischen hat sich vieles verbessert; warum will man jetzt wieder von vorne anfangen?»

Der Versuch, die Spitalkosten zu senken, ist – angesichts von Wirtschaftsflaute und Staatsdefiziten – verständlich. Niemand streitet ab, dass die Kostenexplosion im Gesundheitswesen kritische Ausmasse angenommen hat: Das USZ zählte 1980 pro Patientenpflegetag einen Betriebsaufwand von 653 Franken, zehn Jahre später waren es 1488 Franken, im Jahr 2000 bereits 2537 Franken. Innert zwanzig Jahren hat sich der Aufwand pro Pflegetag also vervierfacht. Andererseits sank die Auslastung der Betten: Sie beträgt heute 81 Prozent und ist vom Minimalziel von 85 Prozent noch deutlich entfernt.

Im Jahr 2003 ist die Zahl der stationären Patienten gesunken, abnehmend sind auch die Bettenzahl und die Aufenthaltsdauer der Patienten. Mit 8,4 kostentreibenden Tagen bleiben Schweizer Patienten im Schnitt aber immer noch länger im Spital als im europäischen Mittel. Hinzu kommt, dass viele Spitäler ständig in die Spitzentechnologie investieren, um im harten Kampf um Privatpatienten konkurrenzfähig zu bleiben.

Blumenpflege selbst übernehmen
Station E Ost ist alles andere als eine Hightech-Abteilung. Nur Kranke mit Grundversicherung werden aufgenommen. In manchen Zimmern liegen sieben Patienten dicht an dicht. Nicht einmal fest verlegte Sauerstoffleitungen sind vorhanden. Die Pflegenden müssen jedes Mal «eine O2-Bombe» ans Bett stellen, wie Ursula Mesmer lachend sagt. Der Stauraum ist knapp, die langen Gänge sind mit Rollstühlen und Katheterständern versperrt. An den Zimmertüren kleben Zettel mit der Aufschrift: «Das Personal bittet die Angehörigen, die Blumenpflege selbst zu übernehmen.»

Das kleine Stationszimmer, in dem Ursula Mesmer ihre Arbeit rapportiert, wird vom ganzen Team als Büro genutzt. «Manchmal ist es so eng, dass man sich fast nicht mehr konzentrieren kann.» Bis sie auf die Nachttour geht, trägt Mesmer auf die Minute genau ein, wie lange sie die Patienten gepflegt hat. «Dann weiss man beim Schichtwechsel, wie es jedem geht; das ist wichtig für die Genesung.» Noch wichtiger sei es, genügend Zeit für die Kranken zu haben. Hier ein aufmunterndes Wort, dort eine kurze Massage oder eine Tasse Tee – Mesmer versucht, jeden Patienten «so zu pflegen, wie ers braucht».

Dafür ist die Zeit aber oft zu knapp. Sind die Zimmer voll belegt und nur wenige Pflegende im Einsatz, «müssen wir Prioritäten setzen», sagt Mesmer. Tatsächlich ist im USZ der Personalbestand in der Pflege rückläufig: Gab es 2001 noch 1844 Vollzeitstellen, sind es seit letztem Jahr nur noch 1827. Im März 2004 wurde ein genereller Anstellungsstopp verhängt.

Zusatzbetreuung für Zusatzversicherte
Die Sparsuppe löffeln Patienten und das Personal Tag für Tag gemeinsam aus. Die jüngst verordnete Kostendiät des Kantons listet Massnahmen auf, die eine scharfe Trennlinie zwischen den zwei Patientenklassen ziehen. Wer nur eine Grundversicherung hat, wird künftig weniger intensiv betreut und generell in ein Vierbettzimmer gesteckt. Abstriche gibts zudem bei der Körperpflege, der Menüwahl und den Gesprächszeiten mit Arzt und Pflegenden.

Wer eine Zusatzversicherung hat, wird schonend behandelt. Hier sollen die Leistungen erhalten oder gar gesteigert werden. Grund: Den Krankenkassen laufen die besten Kunden davon. Laut «Sonntags-Zeitung» haben in den letzten acht Jahren eine halbe Million Versicherte ihre privaten und halbprivaten Spitalzusätze gekündigt – weil diese gegenüber der Grundversicherung immer weniger Vorteile bieten würden.

Die Uhr im Stationszimmer zeigt 19.43 Uhr, Ursula Mesmer geht auf die Nachttour. Dem frisch Operierten in Zimmer 33 wird der Verband gewechselt, den beiden Männern im «Sorgenzimmer» 35 werden beruhigende Medikamente verabreicht. In Zimmer 37, dem «Frauensaal», der sieben Betten fasst, liegt einzig eine 85-Jährige. Sie erholt sich nach einem Unfall von Gesichts- und Halsoperationen. «Wollen Sie noch einmal aufstehen?», fragt Mesmer. Nein, sagt die Seniorin, sie putze die Zähne lieber im Bett. Mesmer holt Zahnbürste, Waschlappen, ein frisches Nachthemd; dann reibt sie den Rücken der Patientin mit Lavendelschnaps ein. «Sie sehen schon besser aus», sagt sie zur Patientin, cremt ihr das Gesicht ein und löscht anschliessend das Licht. «Gute Nacht.»

Gute Betreuung senkt die Kosten
Sollte die «Zweiklassenmedizin» Realität werden, dürfte diese Fürsorge für Allgemeinpatienten Vergangenheit sein. Pflegezeit ist kostbar. Wird Aufmerksamkeit inskünftig Luxus für Gutbetuchte? «Ich kann Grundversicherte doch nicht einfach schlechter behandeln», sagt Ursula Mesmer resolut. Wenn eine alte Frau nur noch mit Mühe aufstehen kann, geht es zwar schneller, sie liegen zu lassen und Essen und Toilette im Bett zu erledigen. Wenn man sich aber Zeit nimmt, ein paar Schritte mit ihr geht, beim Essen und Waschen hilft, würden ihre Kräfte mobilisiert und die Heilung verbessert. «Das ist unter dem Strich günstiger, die Leute sind schneller wieder gesund.» Denkbar wäre es für Mesmer, weniger Menüs zur Auswahl zu stellen oder den Komfort zu senken. «Aber die Pflege selbst muss für alle gleich sein.»

Ein weiterer Abbau geht ans Lebendige
Dabei geht es nicht nur ums Wohl der Patienten, sondern auch um das Berufsverständnis der Angestellten. «Die Zweiklassenmedizin ginge auch zu unseren Lasten», meint Mesmer. «Den Clinch müssten wir im Alltag austragen.» Sie fürchtet, dass auf den allgemeinen Abteilungen immer weniger Personal eingesetzt würde. Bei einem weiteren Abbau der Stellen sei die Pflegequalität nicht mehr sicher.

Die Zürcher Gesundheitsdirektion unter der Leitung von Regierungsrätin Verena Diener relativiert solche Befürchtungen. Auf Anfrage des Beobachters meint Sprecherin Marianne Delfosse: «Seit der Bekanntgabe der Sparmassnahmen wurde vieles falsch interpretiert und dadurch Verunsicherung ausgelöst.» Eine Arbeitsgruppe erstelle Vorschläge, wie die Pflegenden die Betreuung reduzieren können, ohne die «Sicherheit oder die medizinische Versorgung» der Kranken zu beeinträchtigen. Was ist mit den Angestellten? Eine Mitteilung des Regierungsrats lässt wenig Spielraum für falsche Interpretationen: «Obwohl die individuelle Arbeitslast des Personals steigen wird», müsse «die Patientensicherheit gewährleistet» bleiben. Weniger Personal soll also mehr leisten, um gleich gute Resultate zu erzielen.

Heikle Entscheidungen fürs Personal
Die Pflegenden werden mit der «Zweiklassenmedizin» vor ethisch schwierige Entscheidungen gestellt. Soll man wie bisher sofort nachsehen, wenn eine Zimmerglocke läutet, oder soll man zuerst nachschauen, ob im betreffenden Bett ein Kranker mit Grund- oder Zusatzpolice liegt? Was gilt für Gespräche, Körperpflege, Sonderwünsche? Muss bald bei jeder Handreichung die Stoppuhr ticken? Ursula Mesmer schüttelt den Kopf: «Wir haben jetzt einen guten Standard; es wäre schade, ihn wieder abzubauen.»

Der «Verwirrte» aus Zimmer 35 tritt im Morgenmantel auf den Flur, glasig der Blick, strähnig das Haar. Er möchte auf dem Balkon, wo Sitztoiletten und Rollwagen gelagert sind, eine Zigarette rauchen. Ursula Mesmer winkt ab: «Strikt verboten!» Dann tönt ihr Piepser. Auf Zimmer 33 konnte der frisch Operierte noch kein Wasser lassen. «Es ist immer mal wieder stressig», sagt Mesmer später in der Personalküche. Aber seit sie nicht mehr zu 100 Prozent arbeite, habe sie bessere Nerven. «Wer in unserem Beruf Vollzeit arbeitet, ist rasch ausgebrannt – oder steigt nach einigen Jahren aus.»

Mesmer hat gelernt, nach Feierabend abzuschalten. Entweder legt sie sich eine halbe Stunde hin, oder sie geht in ihrem Wohnort Lenzburg AG joggen. Ausserdem bildet sie sich ständig weiter: Um ein Masterdiplom in «International Health» zu erhalten, nimmt sie an Kursen in Amsterdam, Paris, London teil. Zudem leistet sie immer wieder mit Médecins Sans Frontières Einsätze in Krisengebieten. Das Schwierigste im Beruf sei, dem Patienten ab und zu wehtun zu müssen. «Einmal hatte ich eine Frau, die sich bei einem Unfall mit Benzin schwer verbrannt hatte. Ich musste ihr immer wieder den Verband wechseln, was sehr schmerzhaft war. Sie hat geschrieen und mich sogar angegriffen – aber es musste sein.»

Der Stress wird nur mässig honoriert
So anspruchsvoll solche Pflege ist, so knapp fallen die Löhne aus. Rund 5200 Franken brutto verdient eine frisch diplomierte Pflegerin monatlich, 4000 eine Hilfskraft. Nacht- und Sonntagsarbeit ist üblich, die psychische Belastung hoch. Für diesen harten Einsatz werden die Pflegekräfte bald noch knapper honoriert: Weiterbildungen, so will es das kantonale Sparpaket, müssen die Berufsleute ab 2005 vermehrt selbst berappen. In manchen Häusern werden auch Funktionen gestrichen, etwa jene der stellvertretenden Pflegeleitung. «So werden die spärlichen ‹Karrieremöglichkeiten› dieser traditionellen Frauenberufe weiter reduziert», bedauert Isabel Tuor, Vorstandsmitglied der Aktion Gsundi Gsundheitspolitik, gegenüber dem Beobachter.

Damit nicht genug: Der Zürcher Regierungsrat plant, ab 2005 die Löhne der Kantonsangestellten linear um drei Prozent zu kürzen. «Das wäre sehr unmotivierend», sagt Ursula Mesmer. Nach den Lohnstreiks von 2001 seien die Saläre endlich angepasst worden, «und jetzt gehts wieder von vorne los». Einige Pflegekräfte müssen gar um ihren Job bangen: Beim angekündigten Abbau seien «Entlassungen nicht auszuschliessen», heisst es beim Regierungsrat. Dabei hat gerade auch das USZ-Personal in den letzten Jahren dafür gekämpft, den langjährigen Unterbestand in der Pflege endlich auszugleichen.

Der Zeitdruck erhöht die Fehlerquote
Zweiklassenmedizin, Lohnkürzungen und Stellenabbau: Unter solchen Umständen sei die sichere Pflege gefährdet, sagt Edith Spörri, Präsidentin der Zürcher Sektion des Verbands der Pflegefachkräfte SBK, auf Anfrage. «Wir bewegen uns in Richtung ‹gefährliche Pflege›.» Die Zeit für den Patienten sei schon heute «äusserst knapp»; weitere Einschränkungen würden «an die Substanz» gehen. Pflegen unter Zeitdruck erhöhe zudem die Fehlerquote und verursache hohe Folgekosten. Allein wegen Spitalinfektionen sei mit einem Mehraufwand von 100 Millionen Franken pro Jahr zu rechnen. Solche Infekte seien umso häufiger, je weniger Zeit das Personal für die Krankenhygiene aufwenden könne.

Kurz nach 22 Uhr kommt die Nachtwache ins Stationszimmer E Ost III. Ursula Mesmer wird ihre Schicht bald beendet haben. Zuvor klärt sie ihre Kollegin auf, wie es den Patienten geht und was jeder im Verlauf der Nacht braucht. «Um 2 Uhr erhält der OP auf 33 ein neues Schmerzmittel.» Dann zieht sich Mesmer auf den Balkon bei der Personalküche zurück, legt die Füsse auf einen Schemel, lehnt sich zurück. Kaum hat sie sich eine Zigarette angezündet, steht sie wieder auf und greift zum Telefon. Ihr ist eingefallen, dass sie für den nächsten Tag unbedingt noch eine Sitzwache bestellen muss – damit der «Verwirrte» auf Zimmer 35 endlich auf die geeignete Abteilung verlegt werden kann.

Anzeige