«Wir sind zwar im Krieg», sagt Major Gerhard Wyss und nimmt, die Gitarre geschultert, die Stufen zum Restaurant Nationalhof im Sturmschritt, «doch wir müssen unserem Gegenüber stets mit Achtung begegnen.» Es ist ein kalter Freitagabend im November, die Heilsarmee Zürich-Nord befindet sich auf «Wirtschaftsmission» im Seebach-Quartier. Konkret: Sie besucht jene Beizen, in denen die Stammgäste gerne zur Stange und zum Zweierli greifen, singt religiöse Lieder und verteilt, gegen eine freiwillige Spende, die Hauszeitung «Trialog».

Wyss, ein Hüne von einem Mann in schmucker Uniform, öffnet die Tür, im Schein der karierten Lampenschirme kräuselt sich dichter Zigarettenrauch. «Man weiss nie, wie die Leute reagieren», flüstert der Major, von gehässiger Ablehnung über Gleichgültigkeit bis zu andächtiger Stille sei alles schon vorgekommen. Seine Begleiterinnen, die Salutistinnen Monika Maurer und Ursula Schwendener, folgen Wyss auf den Fersen, bald gruppiert sich das Trio im Halbrund und stimmt ein erstes Lied an: «Ich singe laut halleluja».

Millionen für die Fürsorge
Die Heilsarmee ist in der Schweiz vor allem durch die Topfkollekte bekannt, die sie in der Adventszeit durchführt. Auch dieses Jahr stehen Uniformierte in Genf, Bern, Basel, Zürich musizierend auf Plätzen und Strassen und sammeln Geld. Rund 1,5 Millionen Franken kommen jährlich zusammen, sie fliessen in die lokale Fürsorge. «Wir finanzieren damit zum Beispiel unsere Beratungsstellen oder Weihnachtsfeiern für Bedürftige», sagt Pierre Reift, Mediensprecher der Heilsarmee am Schweizer Hauptsitz in Bern. Dabei ist die Topfkollekte nur ein kleiner Posten im Finanzhaushalt der Salutisten. 2005 verbuchte die Freikirche 183 Millionen Franken Umsatz - 22 Millionen mehr als im Vorjahr.

Im «Nationalhof» klimpern nach den Gitarren die Münzen: Monika Maurer geht in der Gaststube herum und legt den «Trialog» auf die Tische. «Sie dürfen etwas geben, müssen aber nicht», sagt sie. Die meisten Gäste zücken das Portemonnaie und spenden einen Fünfliber oder mehr, selbst wenn sie die Zeitschrift dankend ablehnen. «Die Heilsarmee ist schon recht», meint ein Gast, der mit seiner Frau bei Cüpli und Rotwein aufs Wildgericht wartet. «Sie verschicken nicht nur Bettelbriefe, sondern gehen zu den Leuten und tun etwas.»

Hilfe für Körper und Seele
Tatsächlich tut die Heilsarmee unglaublich viel Nützliches. Sie zählt in der Schweiz 4'800 Mitglieder, beschäftigt 1'300 Angestellte, führt 36 soziale Institutionen wie Heime und Beratungsstellen, Asylzentren sowie 28 Brockenhäuser. Als Kirche verfügt sie über 66 Korps, zuständig für Gottesdienste, Mittagstische und Seelsorge. Seit der Gründung 1865 in London gilt das Motto: «Suppe, Seife, Seelenheil». Will heissen: Der hungrige Bauch muss gefüllt, das schmutzige Gesicht gewaschen sein, ehe Gottes Wort Anklang finden kann. Diese Evangelisation wird weltweit betrieben, auch in Entwicklungsländern: Von Afrika über Lateinamerika bis China und Nordkorea agiert die Heilsarmee mit dem Hilfspaket in der einen und der Bibel in der anderen Hand. Heute zählt sie 1,6 Millionen Mitglieder in 111 Ländern.

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Im «Nationalhof» singt das Trio «Wir loben dich unser Gott» inklusive Jodel im Mittelteil. Im Gespräch mit den Gästen zeigt sich: In die Heilsarmee einzutreten, das kann sich niemand vorstellen. Denn: Salutisten müssen den «Kriegsruf» unterzeichnen und sich zu strikter Abstinenz verpflichten. So heisst es im «Gelübde der Heilssoldaten» unter Punkt 7: «Ich verspreche, mich von alkoholischen Getränken, Tabak, nicht ärztlich verschriebenen Drogen, Glücksspielen, Pornografie und Okkultismus zu enthalten.»

Das 8. Gebot fordert Missionierung («das Evangelium von Jesus Christus weitergeben, andere für ihn gewinnen»); Punkt 9 regelt den Umgang mit dem Mammon: «Ein Teil des Einkommens soll den Aufgaben der Heilsarmee zugute kommen.» Rund 5,5 Millionen Franken, ein Viertel der jährlichen Spenden, zahlen die Mitglieder aus dem eigenen Sack, zudem leisten sie 40'000 ehrenamtliche Arbeitstage.

Gerhard Wyss stimmt «etwas Lüpfiges» an: «O when the saints». Die mächtige Stimme des Majors füllt die Beiz aus, die Gäste müssen sich im Schreiton unterhalten. Mit einem «Bhüet euch Gott» entschlüpfen die Salutisten in die kalte Nacht. Die Mission ist noch lang; «Felsenberg», «Sunneberg», «Ziegelhütte», «Landhus» und «Alte Post» heissen die Stationen.

Angst hätten sie nicht auf der Beizentour, sagen die Salutisten, sie könnten ja auf die Hilfe Gottes zählen. So hat das Trio zu Beginn des Abends nicht nur geprobt, sondern auch für Erfolg gebetet. «Herr, wir wollen nicht nur unsere Lieder singen», sagte Major Wyss mit geschlossenen Augen, «sondern auch die Herzen der Leute öffnen für deine Herrlichkeit. Wir haben Hoffnung, dass du heute Abend durchdringen kannst durch die Dunkelheit der Sünde. Amen.»

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«Allah gibt es nicht»
Die Beratungsstelle Infosekta bezeichnet die Heilsarmee als «Erweckungs- und Heilungsbewegung» im Stil der Methodisten. Für Beraterin Susanne Schaaf ist es heikel, dass «die Aspekte der Bekehrung und Heilung» derart dominieren. Die Freikirche gehe von der «völligen Verderbnis des Menschengeschlechts» aus; Rettung sei allein durch Busse und Heiligung möglich. Dieses evangelikale Konzept basiere auf der Annahme, dass es nur einen Weg zum Glück gebe - «es fehlt die Fähigkeit, die Perspektive zu wechseln». Und was ist vom Motto «Suppe, Seife, Seelenheil» zu halten? «Auf der einen Seite ist das soziale Engagement positiv», meint Schaaf, «anderseits ist es problematisch, wenn die Hilfe für die Bedürftigen an ein derart enges Glaubenskorsett geknüpft ist.»

Unverhofft trifft die Missionsgruppe Wyss in einem Restaurant auf Angehörige der muslimischen Religion. Macht nichts, die christlichen Lieder werden genauso vehement vorgetragen. Das störe sie nicht, sagt die junge Irakerin, «es gibt ja nur einen Gott, egal wie er heisst». Ein prominentes Mitglied der Heilsarmee, EDU-Nationalrat Christian Waber, sieht das anders. Öffentlich bekannte er: «Es gibt nur den dreieinigen Gott. Allah gibt es nicht.» Waber, der gegen Drogenliberalisierung, Abtreibung und Prostitution zu Felde zieht, auch gegen Minarette, Homoehen und Sonntagsarbeit, wurde kürzlich von der «NZZ am Sonntag» zum «unliberalsten Nationalrat» der Schweiz gekürt. Er ist seit 1964 glühender Salutist. Dem Beobachter erklärt er sein Weltbild wie folgt: «Wahrheit ist abschliessend in der Person von Jesus definiert. Deshalb liegt die Zukunft nicht in der Ökumene, sondern im Auftrag von Jesus: Gehet hin und machet zu Jüngern!»

Hier wird das doppelte Gesicht der Heilsarmee sichtbar: Gegen aussen gibt sie sich zwar aufgeschlossen, etwa indem sie auch flippige Gottesdienste und Ferienlager für Jugendliche oder Baby-Song-Treffen und Sporttage für Familien anbietet. Im Innersten aber hat die Truppe, die 2007 das 125-jährige Bestehen in der Schweiz feiert, ihren konservativen, militärisch-missionarischen Geist bewahrt. Im «Dialog», dem internen Organ, beschreibt Territorialleiter Edouard Braun, der oberste Salutist der Schweiz, den Kern seiner Kirche heute noch mit flammenden Worten: «Wir sind von Gott berufene und vom Heiligen Geist ausgerüstete Brandstifter, um verlorene Mitmenschen mit dem Feuer der Liebe Gottes in Brand zu setzen.»

Besuch des Jugendgottesdienstes «Update» in Winterthur. Farbige Luftballone hängen von der Decke, auf der Bühne geben sich aufgeweckte Jungseelsorger das Mikrofon in die Hand. Die Band preist Gottes Güte, der Text kommt per Powerpoint und Beamer auf die Grossleinwand. Man wähnt sich in einem gewöhnlichen Jugendtreff, nur die rauch- und alkoholfreie Atmosphäre ist ungewöhnlich. Andy Fuhrer, 32, seit 16 Jahren Salutist und heute Offizier und Jugendarbeiter, spricht zu gut 70 Teens und ermuntert sie theatralisch, den Weg Jesu einzuschlagen. Er trägt ein T-Shirt, auf dem hinten «Back to the roots» («Zurück zu den Wurzeln») steht, vorne prangt die allgegenwärtige Heilsarmee-Fahne: «Blut und Feuer». Einmal lässt er einen Actionfilm abspielen, ein andermal sagt er im Slang der Kids: «Wir sind eine E-Mail Gottes, jeder trägt die Message des Erlösers in sich!»

Tatsächlich aber hält man sich ans Bewährte: Andy hat seine Frau Patricia, 33, vor zwölf Jahren in einem Skilager der Heilsarmee kennen gelernt, bald machte das Paar einen Ehevorbereitungskurs und heiratete. Drei Kinder kamen zur Welt, 2002 traten die Eltern gemeinsam in die Offiziersschule ein. «Ich habe von Gott die Berufung erhalten», sagt Andy. Zum Thema Familie meint er: «Es ist unsere klare Überzeugung, dass Kinder am besten im verbindlichen Rahmen einer rechtsgültigen Ehe aufwachsen sollten, so wie es uns die Bibel lehrt.» Zum Thema Drogen fällt ihm ein: «Die Abstinenzerklärung empfinde ich als einen Schutz und eine Hilfe.» Und zum Obolus an seine Kirche hält er fest: «Es ist für uns klar, dass wir den zehnten Teil unseres Einkommens spenden.» Nun arbeitet das Paar fast für ein Vergeltsgott: 4800 Franken erhalten Fuhrers für ihren 180-Prozent-Job in der Jugendarbeit.

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Unterstützung für die Behörden
Rund ein Drittel aller Einnahmen stammen bei der Heilsarmee aus Spenden und Legaten, fast ein Viertel von staatlichen Stellen. Mit Kantonen und Gemeinden bestehen Leistungsaufträge über 40 Millionen Franken pro Jahr. Im Kanton Bern ist die Heilsarmee die grösste Anbieterin von Diensten im Asylbereich; sie führt für den Kanton acht Durchgangs- und Spezialzentren und übernimmt für 96 Gemeinden die Asylbetreuung. Und zwar zur vollsten Zufriedenheit der Auftraggeberin, wie die Vorsteherin des Amts für Migration, Gisela Basler, sagt: «Trotz der Verknüpfung von Hilfe und Glaube können wir keine Art von Missionierung feststellen.» Gleich tönt es bei der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza), die die Auslandhilfe der Salutisten mit über einer Million Franken im Jahr alimentiert. «Für uns ist die Heilsarmee eine gute Partnerin», sagt Sprecher Andreas Stauffer.

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Bei den Legaten hat die Freikirche im letzten Jahr wahrlich grosse Fische an Land ziehen können. 31 Millionen Franken flossen ihr aus Erbschaften zu, darunter war ein einzelnes Traumlegat von 19 Millionen. Nicht umsonst bringt die Heilsarmee eine eigens für diesen Zweck kreierte Broschüre unters Volk: «Spuren hinterlassen - die Vorteile einer geregelten Erbschaftsplanung». Und sie veranstaltet Vortragsabende, an denen ein Salutist und Finanzberater über den letzten Willen, den Pflichtanteil, die Freiquote referiert. Dann gibts Kaffee und Kuchen, damit die Zuhörer noch etwas mit dem Fachmann plaudern können.

Doch obwohl die Heilsarmee erfolgreich Sozialarbeit und Fundraising betreibt: Ihre Mitgliederzahlen sinken, der Nachwuchs bleibt aus. Uniform, Kriegsrhetorik, Abstinenz - den meisten Leuten ist dies zu streng. Sollte die Organisation aufhören, eine Kirche zu sein, und sich nur noch sozial betätigen? Sprecher Reift schüttelt den Kopf: «Glauben und Handeln gehören für die Heilsarmee zusammen. Sozialarbeit ohne den geistlichen Aspekt wäre für uns unvorstellbar. Der Slogan ‹Suppe, Seife, Seelenheil› hat nichts an Aktualität eingebüsst.»

«Du kannst alles wenden», singt die «Wirtschaftsmission» im Zürcher «Sunneberg». Hoffentlich, denn die Beiz ist menschenleer, das Geschäft läuft harzig. In einer Pause setzen wir uns bei Orangensaft und Pfefferminztee an einen Tisch und diskutieren über Gott und die Welt. Mit Nachdruck verrät Major Wyss, was er aus eigener Anschauung erfahren habe: Das Gebet unter Salutisten habe schon geholfen, Magersüchtige zu heilen und Satanisten zu bekehren. Und Alkoholiker, denen man auf einer Beizentour zuhauf begegnet? «Unsere Aufgabe ist es nicht primär, die Leute vom Alkohol wegzubringen», sagt Wyss lächelnd. «Wir wollen sie zu Gott führen - dann hören sie ganz von selber auf.»

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