«Sie werden kein einfaches Leben haben. Sie sind in der Leidenszeit zur Welt gekommen.» Anhand meines Geburtszeitpunktes und -ortes hat Roger Renggli mein Horoskop erstellt. Ort und Zeit bestimmten unser Schicksal, sagt der 52-Jährige. Und das Wetter, muss man anfügen. Ich wurde am Ostermontag geboren. Als eingeleitete Geburt war ich auf den Dienstag angesetzt, aber weil der Wetterbericht schlecht war, rief der Arzt meine Mutter an und fragte, ob man die Geburt vorverlegen könne. Niederkunft dank Niederschlag. «Solche Eingriffe sind nicht harmlos», sagt Renggli. «Sehen Sie diese Störung?»

Quelle: Gian-Marco Castelberg

«Ein tibetischer Schutzengel»

Er studiert mein Horoskop. In drei konzentrischen Kreisen hat er rote und blaue Linien eingezeichnet, Sternzeichen und Planetensymbole. Die Kreisperipherie ist in zwölf Häuser unterteilt. «Häuser sind wie Bankkonten», erklärt er. «Jedes Haus hat ein Thema. Da, wo Planeten drinstehen, da geht was; in den anderen nicht.»

Mein Geldhaus ist leer, nur Jupiter schaut mal kurz vorbei. «Sie haben nicht viel Geld, nicht wahr? Und wenn Sie welches haben, geben Sie es für Reisen aus.» Volltreffer. «Sie werden nie eine Firma aufbauen, Sie sind kein Bill Gates.» Schade, aber vermutlich korrekt. Das Geldhaus wird unbewohnt bleiben.

Auch Rengglis Haus in Weggis ist leer; er lebt allein am steilen Ufer des Vierwaldstättersees. Früher hätten Kapitäne der Schifffahrtsgesellschaft hier gewohnt, sagt er. Doch der Geist der Binnenadmiralität hat anderen Wesenheiten Platz gemacht. In den zwölf Jahren, in denen Renggli hier lebt, ist das Haus zum Tempel geworden.

Vom tibetischen Eingangstor führt ein schmaler, buchsgesäumter Pflasterweg hinauf. Drinnen an den Wänden Skulpturen und Bilder; naiver Strich in satten Farben, meist Rot, Gelb und Blau. «Ich habe einen tibetischen Schutzengel», sagt Renggli.

Neben dem Haus gibt es einen Pavillon und kleine Teiche: «In dem hier hat es Koikarpfen, aber die schlafen zurzeit.» Das Geld für den Tempelbau hat Renggli geschenkt bekommen: eine Million als Dank für eine gute Beratung. Schicksal halt.

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Leider sind die Sterne nicht immer wohlgesinnt: Pluto vergrault mir Freunde, und Lilith – «das ist dieser Fleischerhaken» – im Seelenhaus beschert mir ein verletztes Gemüt. «Haben Sie Bindungsängste?»

Rengglis Geschäft basiert auf Kundenzufriedenheit. Er schaltet keine Inserate und betreibt keine Internetseite. Für ein gewöhnliches Horoskop und die zweieinhalbstündige Besprechung berechnet er 300 Franken. Die Leute kommen zu ihm, weil er weiterempfohlen wird.

Ein Pfarrer trieb ihn aus der Kirche

Rengglis Anwesen widerspiegelt seine Sicht der geistigen Welt. Eine Collage von Astrologie und verschiedenen Religionen. Neben buddhistischen Requisiten findet sich barocker Prunk: Kristallleuchter und vergoldete Stuckaturen. Auch in seinen Malereien und Skulpturen gibt es christliche Motive. «Ich bin sehr katholisch aufgewachsen.» Renggli wurde seinen Eltern als Kleinkind weggenommen und wuchs in Heimen mit geistig behinderten Kindern auf – «weils für den Kanton am billigsten war».

Was ihm davon blieb, war eine magere Schulbildung «weit unter Sonderschulniveau». Eine Anlehre als Konditor scheiterte. «Das geht nicht, wenn Sie nicht wissen, wie viel zehn Prozent von 100 Gramm sind.» Eine angebotene IV-Rente lehnte er ab; er erkämpfte sich ein paar Grundlagen und versagte dreimal an Aufnahmeprüfungen zu verschiedenen Musikschulen. Erst beim vierten Anlauf, in Freiburg, klappte es. Die Lehrer führten ihm darauf jahrelang seine Mittelmässigkeit vor Augen. Renggli war einfach nicht talentiert genug.

Die Musik zahlte sich aber in anderer Hinsicht aus: Während des stundenlangen Übens überkamen ihn Visionen, die immer stärker wurden: «Eigentlich bin ich kein Astrologe, ich bin ein Medium.» Sein Schutzengel beantworte ihm jede Frage. Die Astrologie sei eher eine Bestätigung.

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Dass er besondere Fähigkeiten hat, spürte Renggli schon in der Kindheit. In der Anstalt hätten ihn die Leiter häufig neben die mühsamsten und auffälligsten Kinder gesetzt, erzählt er. Die seien dann stets ruhiger geworden.

Die katholische Erziehung im Heim weckte sein Interesse an Theologie und Spiritualität. Priester zu werden kam aber nie in Frage: «Ich bin ein viel zu erotischer Mensch.» Ausserdem stehe er auf Männer. Einen Job als Kirchenorganist gab er auf, nachdem der Pfarrer die versammelte Gemeinde aufgefordert hatte, für Renggli oder besser gegen dessen sexuelle Orientierung zu beten. «Bis mich die Kirche so leben liesse, wie ich will, müsste ich noch mindestens zehnmal reinkarnieren», sagt er. Er glaubt an den endlosen Reigen der Wiedergeburt.

Meine Wenigkeit ist laut Renggli auch nicht zum ersten Mal hier auf Erden. Und irgendwann muss was schiefgelaufen sein. «Rauchen Sie?», fragt er. «Rauchen Sie ruhig, das kann Ihnen körperlich nichts anhaben. Sie brauchen es für Ihre Seelenheilung.» Doch zu den Knien soll ich Sorge tragen. Zu spät. 20 Jahre Amateurfussball werden ihren Tribut fordern, das ist sicher.

«Ich bin ein Totengräber»

«Sehen Sie dieses Dreieck? Je mehr Dreiecke Sie haben, desto genialer sind Sie.» Da wär noch Raum für ein paar mehr gewesen, stattdessen sind da gestrichelte Linien. «Das sind Quadraturen – Aufgaben, die im Laufe des Lebens zu bewältigen sind.»

In meinem Haus der Kreativität tummeln sich Sonne, Venus, Merkur, Erde und Chiron. Das ist gut, denn sie alle stünden in Opposition zu Pluto, sagt Renggli. «Pluto, das ist der, der krank macht.» Aber dank den anderen fünf würde ich immer die Ressourcen haben, mich zu wehren. Als Widder sei ich sowieso ein Krieger, hartnäckig – und mit der gegebenen Konstellation eigentlich ein fröhlicher Mensch. «Tanzen Sie gern?» So gern wie Katzen schwimmen. «Aber Sie mögen fröhliche Menschen.» Schon, solange sie nicht tanzen. Renggli gibt mir zudem den Tipp, ich sollte vorläufig nicht heiraten: «Sie wären der Typ, der am Altar Nein sagt.»

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Es wär aber ja einer kein Krieger, der die Launen der Götter widerstandslos akzeptiert. «Man kann sich schon wehren, aber es macht einen krank», sagt Renggli. 90 Prozent des Lebens seien vom Schicksal vorbestimmt. Es gebe einen Pfad, den man beschreiten, und Prüfungen, die man bestehen müsse. Sei es nun in diesem oder im nächsten Leben. Renggli muss es wissen. Viele, die ihm nahegestanden sind, seien weggestorben. Das sei klar, wenn man sein Horoskop anschaue: «Ich bin ein Totengräber.» Pluto, der alte Schweinehund.

Der Himmel hängt schwarz über dem Vierwaldstättersee. Hinter den Wolken toben Planeten durch meine Häuser. Planeten, die ihre Bahnen ziehen und meine lenken. Eigentlich hätte ich ein sehr schönes Horoskop, sagt Renggli, auch wenn es ein paar dunkle Stellen gibt. Was solls; ich bin ja ein Krieger.