Beobachter: Wie oft werden Männer fälschlicherweise des sexuellen Missbrauchs bezichtigt?
Silvia Mülli-Killias:
Eine Statistik gibt es nicht. Solche Anzeigen kommen oft von schlecht beratenen Müttern. Stutzig machen mich stereotype Wiederholungen in den kindlichen Schilderungen; manchmal ist auch der Wortschatz von Erwachsenen erkennbar – bis hin zu identischen Formulierungen der Mutter, die natürlich separat einvernommen wird.

Beobachter: Zürich gilt in der Befragung von Kindern als vorbildlich. Warum?
Mülli-Killias:
Wir sind wohl am häufigsten mit solchen Anklagen konfrontiert. In der Professionalisierung wurden wir zudem von Politik und Justiz kräftig unterstützt. Sieben Frauen und elf Männer sind bei uns ausgebildete Befragungspersonen. Wir haben eigene Befragungsräume mit hochsensiblen Aufnahmegeräten; eine spezielle Kamera zum Beispiel zeigt die Reaktionen des Kindes gross im Bild. Wir legen grössten Wert darauf, dass es bei Kindern bei einer einzigen Einvernahme bleibt. Sie dauert, je nach Alter und Temperament, zwischen 30 und höchstens 90 Minuten.

Beobachter: Welches sind Ihre wichtigsten Befragungsgrundsätze?
Mülli-Killias:
Das Kind soll sich wohl fühlen. Es soll merken, dass es der wichtigste Teil des Gesprächs ist. Die Grenzen setzt das Kind. Es ist verboten, das Kind unter Druck zu setzen. Es darf durch die Befragung nicht traumatisiert werden.

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Beobachter: Was tun Sie, wenn Zweifel auftauchen?
Mülli-Killias:
Es empfiehlt sich, Zweifel zu benennen. Ein Mädchen zum Beispiel erklärte – nachdem es von zahlreichen Gräueltaten berichtet hatte –, es sei gleich danach «eingeschlafen». Das konnte ich nicht glauben. Zum Glück fragte ich nach. Es stellte sich heraus, dass ihr ganz einfach die Worte fehlten. Sie wollte mir sagen, dass sie wie betäubt und innerlich weggetreten war.