JubiläumWir 68er

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Vor 40 Jahren stiegen die Jungen auf die Barrikaden. Die revolutionären Ideen von damals sind heute Allgemeingut. Nur hat das kaum jemand gemerkt.

von Dominique Strebel und Christoph Schilling

Die 68er sind heute schuld an allen Übeln der Gesellschaft: am Kindermangel, am Werteverfall, an den Pornos, den Talkshows, den Drogen, den Ausländern, an der Areligiosität, am Verfall militärischer Autorität, an der Faulheit und Lustlosigkeit, am Kiffen und Saufen der Jugend, am Sozialmissbrauch und an den Scheininvaliden. «Die Wirkung der 68er ist verheerend», bringt es SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli auf den Punkt (siehe Artikel zum Thema «Streitgespräch: ‹Die 68er führen sich auf wie Kerkermeister›»).

Damit werden die 68er heillos überschätzt. Und zu etwas stilisiert, was sie nicht sind. Denn die 68er gibt es nicht. Es gibt nur einzelne Menschen, die sich damals auf ganz unterschiedliche Weise engagiert haben. Sie machen deutlich, was 68 war - jenseits der politischen Instrumentalisierung in den Jahren danach.

Zwischen Vietnamkrieg und Woodstock
Zum Beispiel der Psychiater Emilio Modena, der Anfang der sechziger Jahre an der Uni Studenten organisiert. Oder die Grafikerin Helen Pinkus-Rymann, die in den sechziger Jahren wegen «groben Unfugs» verurteilt wird, weil sie postkartengrosse Proteste gegen den Vietnamkrieg an Telefonmasten geklebt hat. Oder der Rockmusiker Hardy Hepp, der auf der Zürcher Allmend das erste Love-in der Eidgenossenschaft organisiert.

Modena, Pinkus-Rymann und Hepp sind jung in einer Welt des Um- und Aufbruchs. Jimi Hendrix spielt seine wilde Gitarre. In Vietnam wütet ein Krieg, dessen Bilder erstmals via Fernsehen um die Welt gehen. Die Hippies rufen den Summer of Love aus, in den USA werden der schwarze Bürgerrechtler Martin Luther King und der Präsidentschaftskandidat Robert Kennedy ermordet, und in Prag wird der politische Frühling von den Sowjets niedergewalzt. Bald landet der erste Mensch auf dem Mond, Woodstock wird zum Happening.

Doch die Schweiz bleibt unbeweglich. Sie ist erstarrt in Angst vor dem Kommunismus. Den Eltern sitzen die Entbehrungen des Krieges noch tief in den Knochen, gleichzeitig boomt die Wirtschaft: Kühlschrank, Waschmaschine und Fernseher halten in fast jedem Haushalt Einzug. Die Väter schuften, die Mütter mühen sich mit Haushalt und Kindern ab. Das TV-Programm ist noch übersichtlich: SRG, ARD, ZDF. Der «Tages-Anzeiger» widmet seine gesamte Frontseite «Holidays in Switzerland», der ersten farbigen Eigenproduktion des Schweizer Fernsehens mit Bella Neri, Margrit Rainer, Ines Torelli, Ruedi Walter und einem Bernhardiner.

Der «Sinnlos-Arbeits-Kakao»
«Ich war damals 17», erinnert sich der Rockmusiker Chris von Rohr. «Ich merkte, dass ich in dieser ‹Schaffe, schaffe, Häusle baue›-Gesellschaft nicht als millionstes Rädchen durch den Sinnlos-Arbeits-Kakao gezogen werden wollte, nur um als entnervtes Konsumkalb 60 Jahre später in der Wurmgrube einzuchecken.» Ein Song der Rolling Stones bringt das Lebensgefühl auf den Punkt: «I Can’t Get No Satisfaction».

Unter der satten Oberfläche gärts in weiten Kreisen. Kein Wunder: Frauen haben in der Schweiz kein Stimmrecht. Wer in Zürich im Konkubinat lebt, macht sich strafbar und muss mit morgendlichen Besuchen der Polizei rechnen, die kontrolliert, ob die Betten noch warm sind. Ehemänner können ihren Frauen die Berufsarbeit verbieten. Abtreibung ist immer strafbar, und die Polizei führt Register über Homosexuelle, Freier und Kommunisten.

Eine erste Aktion startet 1967. Auf dem Hirschenplatz in der Zürcher Altstadt stellen sich Emilio Modena und Thomas Held, der heutige Direktor der wirtschaftsnahen Denkfabrik Avenir Suisse, auf eine Kiste und halten Reden gegen die Polizei und den repressiven Staat. «Da passierte etwas Unerwartetes», erinnert sich Modena. «Viele Passanten blieben stehen und stimmten uns zu - mehr als das: Sie wetterten schlimmer als wir gegen Polizei und Establishment. Zuletzt mussten wir wie Polizisten verhindern, dass die aufgebrachten Leute Autos in die Limmat kippten.»

Die Musiker gingen voran
Der Medizinstudent Modena und der Geschichtsstudent Held lesen Mao, Marx und die Frankfurter Schule, haben bereits 1963 die Fortschrittliche Studentenschaft Zürich gegründet und wollen nun nicht nur die Uni, sondern die Gesellschaft mit Politaktionen verändern. Doch rebelliert haben zuerst die Musiker, nicht die Studenten. Gegen das Leiden am Wohlstand und die Prüderie setzen sie den Song. «Wir haben entdeckt, dass man mit Songtexten latente Gefühle der Massen ausdrücken und damit beim Einzelnen und in der Gesellschaft wirklich etwas verändern kann», erinnert sich Beatmusiker Hardy Hepp. «Summer of Love, Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll. Das war und ist für mich wichtig. Nicht der politische Theoriescheiss.»

Gerade diese Aussage zeigt, wie vielfältig die Bewegung war. Nicht nur PolitAktivisten, auch Arbeiter und Kulturleute suchen neue Wege in der erstarrten Gesellschaft. Die einen wollen die Revolution, die andern nur ein Jugendhaus. In Bern sind eher die Hippies und Nonkonformisten rund um Sergius Golowin aktiv, in Basel fordert man ein Gratistram und gründet eine neue Partei - die POCH (die Progressiven Organisationen der Schweiz).

Ermutigt vom grossen Medienecho und von ähnlichen Ereignissen in Deutschland, Frankreich, den USA oder in Mexiko, haben die Jungen das Gefühl, die Welt verändern zu können. «Wir glaubten, es sei alles möglich», sagt die damalige Aktivistin Claudia Honegger, die heute an der Universität Bern Professorin für Soziologie ist. Oder wie damals der französische Studentenführer Daniel Cohn-Bendit sagte: «Die Revolution - wir haben sie so geliebt.»

«1968 war ein Durchbruch»
War 1968 eine Revolution? «Nein», sagt der Zürcher Geschichtsprofessor Jakob Tanner. Es gebe einen Hang der 68er, sich zu überschätzen. Wichtiges sei schon Anfang der sechziger Jahre passiert. «1968 war aber ein Durchbruch. Die Bewegung wirkte wie ein Katalysator, der Veränderungen in der Gesellschaft überhaupt möglich machte.»

Vorerst stellt das Establishment jedoch auf stur. Die Polizei knüppelt Jugendliche 1967 nach dem ersten Rolling-Stones-Konzert und 1968 nach dem Jimi-Hendrix-Konzert im Hallenstadion nieder, und der Zürcher Stadtrat bietet kaum Hand bei der Suche nach einem Jugendzentrum.

Der Protest kocht hoch - bis zu jenem Ereignis, das für die 68er in der Schweiz zum Symbol wurde: dem Globus-Krawall am 29. Juni 1968. «Das war die Konfrontation mit der Staatsgewalt, die über das Fernsehen verbreitet wurde», erklärt Historiker Tanner. «So wurde 68 auch zum nationalen Ereignis.»

Das Niederknüppeln nützt nichts. Denn die «Krawallbrüder», wie sie in den Medien genannt wurden, drücken eine Unzufriedenheit aus, die in der ganzen Gesellschaft gärt. Deshalb verändert sich die Schweiz nach 1968 so schnell. 1971 wird in der ganzen Schweiz das Frauenstimmrecht eingeführt, 1972 wird in Zürich das Konkubinatsverbot abgeschafft.

Heute sind alle froh, dass Homosexuelle, Freier und Kommunisten nicht mehr fichiert werden, dass die Polizei nicht mehr morgens die Betten von Konkubinisten prüft und niemand mit einer Verurteilung rechnen muss, wenn er Protestplakate verteilt. In diesem Sinne profitieren wir alle von 1968.

Zürich, 29./30. Juni 1968: Globus-Krawall

Emilio Modena, 66, Psychiater mit eigener Praxis in Zürich, damals junger Arzt und Mitglied der Demoleitung.

«Die Demo am 29. Juni 1968 sollte friedlich werden. Beim Globus-Provisorium neben dem Zürcher Hauptbahnhof wollten wir uns nur besammeln, dann übers Central zum Bellevue ziehen und auf der Sechseläutenwiese aus Brettern ein Altersheim bauen - wenn uns schon ein Jugendzentrum im Globus-Provisorium verweigert wurde. Die Polizei hatte das Provisorium besetzt. Polizeikommandant Rolf Bertschi stellte uns um 19.07 Uhr per Megaphon ein Ultimatum. Wir sollten bis 19.15 Uhr die Brücke räumen, sonst werde durchgegriffen. Doch gerade in diesem Moment, als wir friedlich abziehen wollten, schoss uns die Polizei mit Wasserwerfern in den Rücken. Das war der Funke zur Explosion. Wir wurden alle wütend, drehten uns um und suchten die Konfrontation.

Ich wurde von einem jungen Polizisten mit dem Knüppel niedergeschlagen und musste mit einer Risswunde am Schädel ins Unispital. Deshalb war ich nur rund 20 Minuten an der Demo. Was mich später rettete: Die Polizei wollte mich wegen Rädelsführerschaft des Landes verweisen, weil ich Italiener bin.

Tags darauf gab es wieder Kämpfe beim Globus-Provisorium. Silvio Baviera, heute bekannter Galerist und Künstler, wurde von der Polizei mit 22 Schlägen niedergeknüppelt. Die Polizei hatte im Keller des Globus-Provisoriums einen regelrechten Schlägerkeller eingerichtet, wo die Leute von mehreren Polizisten verdroschen wurden. Ich weiss das, weil ich Notfalldienst hatte und ihn verarztete.»

Zürich, «Haus zum Raben», Hechtplatz 1: Kommune 1

Hardy Hepp, heute 63, spielte 1967 beim legendären Konzert der Rolling Stones im Hallenstadion im Vorprogramm. Heute lebt und arbeitet er in Wallenwil, malt und tourt mit dem Heppchor.

«Hier am Hechtplatz, zwischen den beiden Künstler- und Intellektuellentreffs Café Odeon und Café Select, war das Epizentrum der kulturellen Eruption der sechziger Jahre. In der Nähe war der «Schwarze Ring», ein alkoholfreies Café, wo sich alle trafen, die in der Bewegung waren - ETH-Assistenten, Schauspieler, Handwerker, Musiker, Prostituierte, Zuhälter, Journalisten oder Fotografen. Hier entstanden die Ideen, zum Beispiel fürs erste Love-in auf der Allmend 1967. Und gleich nebenan im «Haus zum Raben» fand ich 1966 eine Loge. Fünfeinhalb Zimmer. Es wurde die erste Wohngemeinschaft der Schweiz. Schon das war ziemlich revolutionär in einer Zeit, wo das Zusammenleben von Mann und Frau ohne Eheschein strafbar war. Aber freie Liebe fand nur marginal statt. Wir hatten alle unsere eigenen Zimmer, Küche und Bad teilten wir. Und es herrschte ein 24-Stunden-Betrieb. Ich war manchmal nur am Aschenbecherleeren und Kühlschranknachfüllen.

Bei uns in der Kommune 1, wie wir uns in Anlehnung an das deutsche Vorbild nannten, verkehrten im Lauf der Zeit über 500 illustre Gäste, darunter auch viele heutige Prominente. Pepe Lienhard, Jürg Marquard, Christoph Marthaler, Xavier Koller, Urban Gwerder, Freddy Burger, Dieter Meier, Mathias Gnädinger. Auch die Töchter des Zürcher Polizeikommandanten kifften bei uns. Die Töchter jenes Mannes, der den Befehl zum Einsatz gegen die Demonstranten am Globus-Krawall gegeben hatte. Diese WG-Familie wurde mir wichtiger als meine Blutsverwandtschaft. Sie war die Inspiration meines Lebens.»

Zürich, 5. Juli 1969: Kleiderversteigerung am Limmatquai

Helen Pinkus-Rymann, 65, war aktiv in der Frauenbefreiungsbewegung (FBB) und arbeitet heute als freie Grafikerin.

«Da steh ich in der gestreiften Bluse an der Zürcher Riviera am Bellevue, geschminkt nach dem Idealbild der damaligen Mode: roter Mund, künstliche Wimpern, grasgrüne Lidschatten. Dieter Meier bedient das Megaphon, Vreni Voiret hält einen Rock hoch. Wir versteigern Kleidungsstücke, die wir aus dem Warengutschein gekauft haben, den Vreni ein paar Tage zuvor bei der Misswahl auf dem Zürichseeschiff «Helvetia» gewonnen hatte. Sie hatte sich dort, mit unserer Unterstützung, bewusst als Kuckucksei angemeldet, war prompt eine der Siegerinnen und sorgte mit einer Brandrede für einen Eklat: Frauen seien keine Kühe, die nach der Grösse der Euter beurteilt werden wollen, erklärte sie den verdutzten Veranstaltern.

Die Versteigerung am Bellevue war medienwirksam, aber für uns nicht zentral. Viel wichtiger war der Kampf für die Fristenlösung, für die antiautoritäre Erziehung und für die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Wir hatten eine grosse Empörung im Bauch, aber auch viel Spass an politischen Aktionen.

In der Schule war ich als Strafe wegen Schwatzhaftigkeit noch mit dem Lineal auf die Handfläche geschlagen worden. Als Kleinkind wurde ich auf dem Topf so lange an ein Stuhlbein angebunden, bis ich mein Geschäft verrichtet hatte. Als ich mit 20 mit meinem Freund von Biel nach Zürich zog, mussten wir heiraten, da wir unmöglich unverheiratet eine Wohnung mieten konnten.

Die 150 Franken aus der Kleiderversteigerungsaktion haben wir übrigens in einen Antibabypillen-Automaten investiert, den wir am Bellevue aufstellten.»

Was machten Sie 1968?

Viktor Giacobbo, 55, Kabarettist und Komiker
1968: Schriftsetzerlehrling, Mitbegründer des Kritischen Forums, las linke Literatur. «Bei unseren politischen Aktivitäten war auch viel Naivität und Ignoranz dabei. Konnten wir doch die Gedichte Maos lesen, ohne seine brutale Parteidiktatur wirklich zur Kenntnis zu nehmen.»

Susanne Leutenegger Oberholzer, 59, SP-Nationalrätin und Kantonsrichterin BL
1968: Ökonomiestudentin in Basel, wurde durch Vietnam politisiert, engagierte sich fürs Gratistram, gegen AKWs und für Stadtplanungsfragen. «Die Welt stand uns offen, aber die Veränderungen kamen nicht von selbst. Wir mussten kämpfen, dass die Verkrustungen aufbrachen. Diese Kampfeslust und den Mut zum zivilen Ungehorsam vermisse ich bei der heutigen Jugend.»

Claudia Honegger, 60, Professorin für Soziologie an der Universität Bern
1968: Aktivistin bei der Fortschrittlichen Studentenschaft, mit Moritz Leuenberger und Thomas Held; Frauenbefreiungsbewegung. «Es war eine gute und lebhafte Zeit mit politischen Aktionen, Partys, kulturellen Events, guter Musik.»

Rudolf Strahm, 64, Preisüberwacher
1968: Organisierte als Student und Leutnant eine Vietnamdemo, war später in der Dritte-Welt-Bewegung aktiv. «1968 war für mich der Ausbruch aus der geistigen Enge der Weltkriegs- und Heimatkultur. Es war für mich keine grosse Party, sondern verdammt viel und harte Arbeit.»

Christiane Brunner, 60, Rechtsanwältin, ehemalige SP-Ständerätin
1968: Studentin an der Universität Genf, nahm an Demos teil. «Die Frauen hatten in den Organisationen der 68er nichts zu sagen. Sie waren gut, um den Kaffee zu machen, und fürs Bett.»

Filippo Leutenegger, 55, FDP-Nationalrat und Medienunternehmer
1968: Aufmüpfiger 16-jähriger Schüler im Kollegi Disentis, engagierte sich später in der Anti-AKW-Bewegung.«Ich war nie in einer linken Sekte organisiert. Die Kirche, wie ich sie während meiner Schulzeit erlebt habe, reichte mir vollends.»

Chris von Rohr, 56, Rockmusiker und Autor
1968: Wollte unbedingt Schlagzeuger werden, warf ein Jahr vor der Matura den Bettel hin und zog in die Kommune Himbeer im solothurnischen Zuchwil. «Auf unsere Jacken schrieben wir: ‹Wir sind die, vor denen unsere Eltern uns gewarnt haben.›»

Veröffentlicht am 2008 M01 21