Der Händedruck ist überraschend sanft für zwei, die sich in der härtesten Fussballliga der Welt durchboxen wollen. Soeben haben Damian und Yago Bellon vor dem Stadioneingang für den Fotografen posiert; wer die 17-jährigen Zwillinge aus Goldach SG in ihren schicken weissen Jacken gesehen hat, dürfte an Modeaufnahmen gedacht haben. Jetzt verabschieden sie sich höflich von den Besuchern, und bevor sie ins Taxi steigen, ruft Yago: «Kommt wieder, wenn wir hier spielen!» Grinst und deutet hinter sich, wo mächtige Tribünen in den Nachthimmel ragen. Sie gehören zum Villa Park, dem Stadion des englischen PremierLeagueKlubs Aston Villa. Wer hier spielt, hat es ziemlich weit gebracht im Haifischbecken Profifussball.

«Sie sind gut», hat ein paar Stunden zuvor Tony McAndrew, Jugendtrainer der Aston Villa Academy, wo der Traditionsverein aus Birmingham seinen Nachwuchs schmiedet, über die Jungspunde aus der Schweiz gesagt. Doch der kahlköpfige Schotte, ein 50Jähriger mit Profivergangenheit als rustikaler Aussenverteidiger, schiebt ein lang gezogenes «aaaber» hinterher: «Sie sind gut, aber sie müssen sich unserem Fussball noch anpassen.» Zur Verdeutlichung schlägt McAndrew die geballten Fäuste aneinander. Will heissen: Hier sind Stahlarbeiter gefragt, keine Feinmechaniker. Dann schreitet «TM», wie er auf seinem Trainingsanzug angeschrieben ist, raus aufs Spielfeld, um seinen Jungs zu zeigen, dass es ihm ernst damit ist.

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«Wir sind hier, um den nächsten Schritt zu tun»: Yago (links) und Damian im Umkleideraum der Fussballakademie von Aston Villa in Birmingham


Das Team übt Passspiel bei hohem Tempo. Yago läuft, stellt sich frei, kontrolliert den Ball, spielt ihn weiter - seine technischen Fertigkeiten sind offensichtlich. Dass «TM» der Sinn nach etwas anderem steht als nach Absatztricks und gefinkelten Kurzpässchen, weiss der Schweizer U18Nationalspieler mit spanischen Wurzeln allerdings genau: Tackling heisst das Zauberwort - «den Gegner robust vom Ball trennen», so die holprige Übersetzung in deutschsprachigen Fussballbüchern. «Man muss in jedem Training Vollgas geben», sagt Yago nach der zweistündigen Einheit. Und fügt an, nicht ohne Gespür für Dramatik: «Da draussen hast du nur Feinde.»

«Das ist der Dschungel»
Gegen 30 16 bis 18jährige Talente brennen darauf, zu jener Handvoll zu gehören, die dereinst den Laufsteg zur lukrativen Premier League betritt. «Das ist der Dschungel, der wirkliche Existenzkampf», sagt dazu Christian Gross. Der Trainer des FC Basel ist einer jener Experten, die hoffnungsvolle Nachwuchskicker davor warnen, allzu früh das warme Nest des heimischen Fussballs zu verlassen.

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Yago Bellon und seinen um 18 Minuten älteren Bruder Damian, der an diesem Morgen wegen einer Verletzung ein Sondertraining absolviert hat, kümmert das nicht. Sie zählen zur Generation jener Aufsteiger, die sich den Herausforderungen mit unschweizerischem Selbstbewusstsein stellen: Wir wollen etwas erreichen, wir können etwas - was sollte also schief gehen? Mit Überheblichkeit hat das nichts zu tun. Hier, im Aufenthaltsraum der Aston Villa Academy, wo es nach Turnhalle riecht und alles in den Klubfarben weinrot und hellblau gehalten ist, stehen zwei wohl erzogene Teenager, die unbefangen von ihrem Alltag erzählen und sich die gute Laune durch ehrgeizige Konkurrenten und Nörgler aus der Heimat nicht verderben lassen wollen. «Wir sind hier, weil wir den nächsten Schritt tun wollen», spielt Yago einen Steilpass, den Damian verwertet: «Und ganz nach oben schaffst du es nur im Ausland.»

Das Auswärtsspiel in den englischen Midlands hat für die Fussballzwillinge aus der Ostschweiz im letzten Sommer begonnen. Aston Villa offerierte den umworbenen Nachwuchstalenten nach monatelangem Flattieren einen Dreijahresvertrag mit der Option, das renommierte Ausbildungsprogramm des Vereins zu durchlaufen. Das war erstrebenswert genug, alles auf eine Karte zu setzen, Familie und Freunden den Rücken zu kehren, die Berufsmittelschule abzubrechen. Übers Geld schweigen sich die Bellons, ganz Profis, aus. Vielmehr schwärmt Damian: «Hier haben wir alles, um vorwärts zu kommen.»

Nicht ganz so enthusiastisch war der Empfang bei den Leuten von Birmingham. «These foreign whizkids look a bit skinny», kommentierte ein skeptischer Fan, als die Verpflichtung der Brüder mit Foto auf der Internetseite des Klubs verkündet wurde. Die «mageren ausländischen Wunderkinder» werden denn auch behutsam ans athletische Spiel auf der Insel herangeführt. Vorderhand kommen die beiden Mittelfeldspieler vor allem im Nachwuchs zum Einsatz, seltener in der zweiten Mannschaft der «Villans».

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Alle Zeichen auf Fussball
1000 Kilometer entfernt, in der elterlichen Hochhauswohnung in Goldach, wird jeder dieser Auftritte fein säuberlich dokumentiert. Camilo Bellon führt akribisch Buch, seit seine Söhne als Vierjährige mit dem Fussballspielen begonnen haben. Als hätte er darauf gewartet, seine Aufzeichnungen endlich jemandem zeigen zu können, springt er vom Sofa auf und kramt aus der Wohnwand ein Notizheft. Darin ist jeder Match erfasst, den Damian und Yago in all den Jahren beim FC Rorschach, bei St. Gallen und GC gespielt haben - kein Tor fehlt, keine gelbe Karte. Das Wichtige weiss der Vater auswendig: Mit 14 Jahren, 11 Monaten und 14 Tagen sei erstmals ein Bellon in der ersten Mannschaft des FC St. Gallen eingesetzt worden.

Bellon senior redet ohne Punkt und Komma, wenn er vom sportlichen Werdegang der «Kinder» erzählt, wie er die fast erwachsenen Zwillinge nennt. Tagtäglich ging er, früher selber Profi, mit ihnen auf die Grünflächen der Siedlung, um zu trainieren. Heute lächeln seine Söhne von Autogrammkarten eines Grossvereins in der führenden Liga Europas. Stolz, Señor Bellon? Die Antwort ist ausweichend. «Das ist nicht wichtig», sagt der gebürtige Spanier, der seit seiner Einwanderung 1979 im Verteilzentrum von Nestlé arbeitet. «Wichtig ist, dass es den Kindern gut geht.»

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Ausser einem Bild, das Damian und Yago bei der Erstkommunion zeigt, stehen in der engen Stube der Bellons alle Zeichen auf Fussball. Keine Fläche ohne Pokal. Auch im Kinderzimmer, an dessen Tür ein HarryPotterPlakat hängt, türmen sich die Auszeichnungen. Doch man merkt: Hier wird kaum mehr gewohnt; vor Weihnachten waren die Zwillinge letztmals für ein paar Tage zu Besuch. Heute wird der Kontakt via Computer aufrechterhalten. «Wir schreiben uns jeden Tag», versichert Camilo Bellon, der Familienmensch. Still geworden sei es, seit auch ihre Jüngsten ausgeflogen seien, sagt Beatriz Bellon, die Mutter. Sie wiederholt die Redensart aus ihrer galicischen Heimat, mit der sie die 17Jährigen ermuntert hat, die Chance zu packen: «Wenn der Zug vor der Tür hält, muss man einsteigen.» Immerhin seien ihre Buben gemeinsam in die Fremde gezogen.

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Lamentieren liegt nicht drin
Die Jungsöldner selber drucksen ein wenig herum, wenn man sich erkundigt, ob sie den Schritt ins Ausland auch allein gewagt hätten. «Ja, sicher», sagt Yago schliesslich, ehe Damian einen Augenblick später vorsichtiger meint: «Vielleicht schon.» In der Komik des Moments wird auch unausgesprochen klar: Hier sind zwei ziemlich glücklich darüber, dass sie einander haben in der neuen Heimat.

Die neue Heimat: Sutton Coldfield, ein Vorort von Birmingham. Dort ist der Doppelpack bei einer Gastfamilie untergebracht, dort besuchen sie dreimal pro Woche das College und gehen abends aus. Gern würden sie auch die angefangene Berufsmittelschule fertig machen, falls dies im Fernstudium möglich wäre. Sie hätten sich gut eingelebt, sagt Yago, Heimweh sei kein Thema. «Nur das Essen und das Wetter sind nicht so toll.» Beides very british.

Ansonsten besteht der Alltag aus Fussball. Ausser sonntags und wenn Schule ist, kommt morgens ein Bus vorbei, um die Jungprofis zum Trainingszentrum zu bringen. Dort wird den ganzen Tag gearbeitet. Die Atmosphäre in der Academy, weit draussen im grünen Gürtel um die graue Millionenstadt, erinnert an ein Internat: Einheitskleidung und strenge Disziplin. Als die Junioren am Nachmittag ihren letzten Match am Video analysieren, spricht nur einer: «TM», der Trainer. Lautstark kreidet er Yago Bellon einen Stellungsfehler an, worauf dieser nur gottergeben nickt - gross lamentieren ist nicht angesagt. Ein Aushang am schwarzen Brett unterstreicht, dass es auf dem Weg nach oben keine Halbheiten verträgt: «Wenn du nicht mit Begeisterung dabei bist, wirst du mit Begeisterung rausgeschmissen.» Die Realität im Wartezimmer der gleissenden Fussballbühne ist ganz schön nüchtern.

Zuhinterst in der Academy liegt das Büro von Direktor Bryan Jones, «BJ». Bei einer Tasse Tee erzählt der Gentleman im Trainingsanzug, wie er die Zwillinge 2005 bei einem Länderspiel in Wales entdeckt habe. «Sie waren herausragend, und ich dachte mir: ‹Die sollten wir zu uns holen.›» Die Berichte der Scouts bestätigten Jones’ Befund - den Talentspähern, die bei internationalen Juniorenspielen jeweils einen guten Teil des Publikums ausmachen, waren die Vorzüge der Schweizer schon länger aufgefallen. Dass das Buhlen um die Bellons gegen namhafte Konkurrenz wie den PSV Eindhoven schliesslich zugunsten von Aston Villa ausfiel, freut «BJ» doppelt: «Das ist gut für sie. Und gut für uns.»

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Internationaler «Rohstoffhandel»
Im Milliardenbusiness Fussball ist die Jagd nach den kostbaren Stars von morgen längst ein Kerngeschäft. Zwischen den Spitzenklubs Europas hat ein regelrechtes Wettrüsten eingesetzt. Geheimdiensten gleich, haben sie ein Netz von Beobachtern über die wichtigsten Fussballmärkte ausgebreitet, das immer jüngere Kinder erfasst. So sicherte sich der FC Barcelona vor zwei Jahren die Dienste des Deutschen Dennis Krol - der Junge war damals zwölf.

Die Talente aus der Schweiz werden hoch gehandelt, wie Hansruedi Hasler, technischer Direktor des Fussballverbands, bestätigt: «Sie haben eine gute Grundausbildung, sind lernwillig und anpassungsfähig.» Von allen Nachwuchsnationalmannschaften, zwischen der U15 und der U19, seien jeweils vier, fünf Spieler entweder bereits im Ausland oder zumindest heiss umworben. Hasler steht der Entwicklung zwiespältig gegenüber. Einerseits sei das Ausland zweifellos eine Chance für junge Fussballer. Anderseits: «Prestige und Geld sind nur ein Aspekt der Karriereplanung - und sie werden massiv überschätzt.» Den Bellons attestiert der Kenner der nationalen Szene zwar ein überdurchschnittliches Talent, beurteilt den frühen Wechsel nach England aber kritisch. «Besser wäre gewesen, sie hätten sich zuerst in der höchsten Schweizer Liga etabliert.»

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Sinnbild einer akribischen Karriereplanung: das Ehepaar Bellon.


Im internationalen «Rohstoffhandel» interessiert das niemanden. Camilo Bellon zählt mehr als 20 Vereine auf, die sich in den letzten Jahren mehr oder weniger intensiv um die Dienste seiner Söhne bemüht hätten. Wenn es gut läuft bei Aston Villa, ist davon auszugehen, dass das Interesse an Damian und Yago hoch bleibt. Deshalb die Frage an die Begehrten: Wohin soll es euch verschlagen, wenn ihr wünschen könntet? Im Tribünenbauch des Villa Park, wo die modischen Teens aufs Taxi warten, tönt es nach kurzem Abwägen aus einem Mund: «Barcelona!»

Daheim in Goldach schaut Camilo Bellon den Fragesteller nachdenklich über seine Lesebrille an. «Wo die Kinder in fünf Jahren sind?» Achselzucken. Und dann: «Vielleicht sind sie wieder hier. Im Fussball weiss man nie, was morgen ist.»

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