Die Zahlen müssten bei der katholischen Kirche Bauchschmerzen auslösen: 28 Prozent der Katholiken in der Schweiz denken «ernsthaft» oder «ab und zu» über einen Kirchenaustritt nach. 44 Prozent derjenigen, die schon ausgetreten sind, taten dies in den letzten fünf Jahren. Das ergab jüngst eine repräsentative Befragung des Forschungsinstituts GfS. Damit stehen die Katholiken erstmals schlechter da als die Reformierten, die bisher stärker an Mitgliederschwund litten. Aufhorchen lassen aktuelle Zahlen aus dem Kanton Zürich: 2009 traten 3864 Menschen aus, 52 Prozent mehr als im Jahr davor.

Die zahlreichen in den vergangenen Monaten ans Tageslicht gekommenen Missbrauchsfälle, aber auch frühere umstrittene Entscheide der obersten Kirchenleitung dürften wesentlich zur miesen Stimmung beigetragen haben. Genaueres weiss man nicht, es existieren weder aktuelle nationale Statistiken zu den Kirchenaustritten, noch werden die Beweggründe der Ausgetretenen systematisch erfasst und ausgewertet.

Kirchensteuer: Rom kriegt gar nichts

Mit ihrer Basis verliert die katholische Kirche langfristig Steuereinnahmen. Rund 650 bis 700 Millionen Franken erhält sie jährlich von ihren Mitgliedern, weitere 250 Millionen von Unternehmen und aus Staatsbeiträgen. Die Einnahmen sind vor allem konjunkturabhängig: «Wenn eine grosse Firma eingeht, reisst das ein grösseres Loch in die Kasse als ein paar enttäuschte Katholiken», sagt Daniel Kosch, Generalsekretär der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz. Kurzfristig seien die Austritte deshalb kein Riesenproblem. Langfristig gebe es aber durchaus Grund zur Sorge: «Eltern, die aus der Kirche austreten, geben die Religion nicht an ihre Kinder weiter.» Es kommt zu einem Schneeballeffekt.

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Und dieser trifft am Ende die Falschen, denn die Kirche ist nicht der Papst. Die Steuer wird von der lokalen Kirchgemeinde eingezogen. Nach Rom fliesst kein Rappen. Durchschnittlich 13 Prozent der Einnahmen gehen an die Kantonalkirche, je ein Prozent an die Zentralkonferenz und ans Bistum. 85 Prozent bleiben in der Kirchgemeinde. Das Geld wird dort hauptsächlich für Seelsorge und Diakonie verwendet. Dazu gehören beispielsweise die Jugendarbeit, kirchliche Sozialdienste, Beratungsstellen oder soziale Angebote wie Mittagstische für Randständige.

Für Vertreter staatlicher Institutionen ist das kirchliche Engagement unentbehrlich. «Ein Seelsorger kann sich mehr Zeit nehmen und sich intensiver um die Leute kümmern. Die Kirche deckt einen Bereich ab, den wir in diesem Ausmass gar nicht übernehmen könnten», sagt etwa Herbert Lauper, Leiter des Quartierteams Oerlikon im Sozialzentrum Dorflinde der Stadt Zürich. Die kirchlichen Anlaufstellen seien auch flexibler: «Bei uns betreut ein Sozialarbeiter durchschnittlich 100 Fälle. Da können die Leute nicht einfach vorbeikommen, sie müssen sich anmelden und Formulare ausfüllen, wenn sie wirtschaftliche Sozialhilfe beantragen.»

Auch Rolf Schuppli, Leiter des Bereichs Wohnen und Obdach bei den Sozialen Einrichtungen und Betrieben der Stadt Zürich, schätzt die Arbeit der kirchlichen Hilfswerke: «Sie sind nicht zuletzt deshalb wichtig, weil sie im Gegensatz zu städtischen Einrichtungen auch Leuten ein Dach bieten können, die nur vorübergehend in der Stadt sind und in Not geraten.»

Wie immer trifft es die an der Front

Wer aus Ärger über den Papst aus der Kirche austritt, entzieht letztlich diesen Angeboten das Geld – es sei denn, er spendet. In diesem Fall kann er den Betrag sogar von den Steuern abziehen.

So oder so müssen für das Versagen einzelner Kirchenmitglieder und des Vatikans die Mitarbeitenden an der seelsorgerischen Front den Kopf hinhalten. Wie sie die Situation erleben, ob sie selber an der Kirche zweifeln und wie sie mit der Glaubwürdigkeitskrise ihrer Arbeitgeberin umgehen, erzählen auf den folgenden Seiten vier von ihnen: Der katholische Flughafenseelsorger Claudio Cimaschi, Christoph Balmer-Waser von den kirchlichen Sozialdiensten St. Gallen, der Luzerner Kapuziner Gebhard Kurmann und die Anwältin Regula Dick, die in Zürich im Auftrag der Kirche Arbeitslose berät, geben einen Einblick in ihren Alltag.

Diakon Claudio Cimaschi

52, katholischer Flughafenseelsorger, Kloten

Quelle: Tanja Demarmels


«Meine Kirche hat mich vor 13 Jahren als Seelsorger auf den Flughafen geschickt. In unserem Dreierteam ist jeder ein bisschen Berater, Organisator, Psychologe – und manchmal sogar Kriminalist. Wir kümmern uns häufig um Menschen, die aus irgendeinem Grund am Flughafen gestrandet sind. Beim ersten Kontakt erzählen sie meist nur ungern, weshalb sie tage- oder gar wochenlang hier leben. Ich bin dann manchmal sehr direkt und stelle klar: ‹Erfinde keine Geschichten, erzähl einfach, wie es ist, sonst kann ich dir nicht helfen.› Das wirkt. Viele der Hilfesuchenden haben einfach kein Geld. Gerade heute früh stiess ich im Andachtsraum auf einen weinenden Mann. Er hatte sein letztes Geld einer Frau in Fernost geschickt, die angeblich zu ihm in die Schweiz kommen und hier mit ihm leben wollte. Sie sass aber nicht im Flieger. Vermutlich existiert sie gar nicht. Der Mann ist einer kriminellen Bande auf den Leim gekrochen. Für ihn brach eine Welt zusammen. Ich versuchte, ihn zu trösten, und gab ihm einen Gutschein, damit er überhaupt wieder nach Hause konnte.

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Bei Katastrophen wie Flugzeugabstürzen oder Terroranschlägen wie 1997 in Luxor koordinieren wir das 100-köpfige Careteam. Oft betreuen wir auch Angehörige von Menschen, die auf einem Flug unerwartet gestorben sind. Am häufigsten kommen aber Mitarbeitende von am Flughafen an­sässigen Firmen mit ihren Alltagssorgen zu uns. Sie suchen einfach jemanden zum Reden, der vorurteilslos zuhört und verschwiegen ist. Kürzlich klingelte das Pfarramts-Handy um ein Uhr nachts, weil einer wissen wollte, was ich vom Islam halte. Ein anderes Mal kam eine geschiedene Mutter, die es zwischen Kindererziehung, Job und ihrem kleinen Budget fast zerreisst. Wir sind ein Auffangbecken. Flughafen-Insider wissen: Wenn du keine Ahnung hast, wohin du jemanden mit seinem Problem schicken könntest, dann gibt es noch das Flug­hafenpfarramt. Als Lückenbüsser komme ich mir aber nicht vor. Das ist schliesslich unsere Aufgabe: Wir sind von der Kirche ausdrücklich gesandt, um uns Zeit für die Menschen zu nehmen. So tragen wir zur Vermenschlichung des Flughafens bei.

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Auf die Missbrauchsfälle in kirchlichen Institutionen hat mich bisher kaum ­jemand direkt angesprochen. Im Bekanntenkreis wurde ich aber schon gefragt, wie ich denn noch für diese Kirche arbeiten könne. Im Team diskutierten wir oft über dieses Thema. Die Vorkommnisse beschämen mich zutiefst und stimmen mich traurig. Doch man muss auch sehen: Es handelt sich um Einzelfälle, um Verfehlungen von einzelnen Menschen mit einer gestörten Persönlichkeitsentwicklung. Ihre Taten sind keinesfalls zu entschuldigen. Doch es gibt in jeder Familie schwarze Schafe. Schlimm ist, dass man so etwas fast nicht sagen darf, weil es ­sofort nach Rechtfertigung tönt. Ich erfreue mich und leide an dieser Kirche.»

Christoph Balmer-Waser

44, Leiter der Diakonie-Projekte, katholischer Sozialdienst Ost, St. Gallen

Quelle: Tanja Demarmels

«Mich ärgern die Missbrauchsfälle im Umfeld der katholischen Kirche sehr, und ich finde es bedenklich, dass immer mehr Menschen aus der Kirche austreten. Ich kann den globalen Imageschaden, den die Kirche dadurch erlitten hat, natürlich nicht korrigieren. Das wäre Don-Quichotte-Arbeit. Die Institution muss Verantwortung übernehmen, die Täter müssen Verantwortung übernehmen und dürfen sich nicht als Opfer des Zölibats sehen. Ich bin froh um die klaren Strukturen, die das ­Bistum St. Gallen schon früher wegen Übergriffen einrichtete. Es käme mir nie in den Sinn, wegen dieser schrecklichen Vorfälle aus der Kirche auszutreten oder den Arbeitsplatz zu wechseln. Wichtig ist doch, was wir hier in unserem Lebensraum machen. Hier haben wir Gestaltungsmöglichkeiten.

Beim katholischen Sozialdienst haben wir zwei Schwerpunkte. Wir verfolgen viele Diakonie-Projekte, zum Beispiel in den Bereichen Integration, in der Quartierarbeit oder für Alleinerziehende und ältere Menschen. Dort ist Freiwilligenarbeit ein ­wesentlicher Bestandteil, und auch das Coaching der Freiwilligen gehört dazu. Ausserdem beraten wir Menschen in persönlichen Problemlagen und vermitteln sie allenfalls an andere Fachstellen, auch an staatliche. Viele kommen erst zu uns, wenn es schon fünf nach zwölf ist. Einstiegsthema ist meist das Geld. Wir versuchen, Orientierung oder eine Überbrückungshilfe zu geben. Finanziert werden wir über die Kirchensteuer. Die Überbrückungshilfe, die wir Bedürftigen gewähren, stammt aus Spenden.

Oft kommen Leute, die Kirchensteuer zahlen, aber nicht in die Kirche gehen. Sie haben ein Problem und denken: ‹Aha, da gibt es noch den katholi­schen Sozialdienst, wir zahlen Steuern, also, jetzt möchten wir eine Gegenleistung.› Diese Dienstleistungsmentalität finde ich nicht einmal schlecht. Diese Menschen kommen wenigstens, bevor sie ­ihre Situation nicht mehr verkraften. Besonders ­ältere Menschen kommen aber auch zu uns, weil es für sie unvorstellbar wäre, direkt zum Sozialamt zu gehen. Ein ganz wichtiger Aspekt ist, dass sie auch etwas zurückgeben können. Wir können sie einsetzen, etwa zur Mitarbeit bei unserem Mittagstisch. Das ist eine der Stärken der Kirche, dass wir Menschen einen Ort anbieten, an dem sie dabei sein können. Darum arbeite ich gern hier.»

Bruder Gebhard Kurmann

68, Kapuziner im Kloster Wesemlin, Luzern

Quelle: Tanja Demarmels

«Ich bin in der Nachbarschaft der Quartierseelsorger. Im Kloster führen wir seit eh und je eine Suppenstube. Jeder, der sie braucht, bekommt umsonst eine warme Mahlzeit. Neuerdings klopfen viele junge Menschen, vor allem Männer, an unsere Pforte. Sie haben keine Arbeit, kein Dach über dem Kopf und bitten uns um ein paar Franken. Manche kommen immer wieder. Manchmal wird man als Ordensmann auch übers Ohr gehauen, und es kommt einer, der es nicht so dringend nötig hätte. Aber damit muss man leben. Letztlich macht eben dies die Kirche aus, dass hier jeder Hilfe bekommt.

Die Diskussion über die Missbrauchsfälle verläuft meiner Meinung nach sehr einseitig. Es ist klar: Jeder Fall ist einer zu viel und muss sorgfältig abgeklärt werden. Man muss die Opfer ernst nehmen und die Täter bestrafen. Aber als Geistlicher steht man unter Generalverdacht. Dabei vergessen viele die historische Komponente. Man beurteilt die früher angewendeten Erziehungsmethoden aus heutiger Sicht. Ich will keinesfalls Übergriffe und Missbräuche rechtfertigen. Aber die pau­schale Verurteilung tut mir weh.

Wie die oberste Kirchenleitung sich bei alldem verhalten hat, macht mich sternsverruckt. An ­Ostern sagte ein Kardinal zum Papst, das sei doch nur Geschwätz. Eine Ohrfeige für alle, die diese Probleme ernst nehmen und Lösungen suchen, wie das unsere Bischofskonferenz getan hat. Die zentrale Kirchenleitung in Rom kann doch nicht alle Bereiche bis ins Detail selber regeln wollen und wenn dann Probleme auftauchen, sagen: ‹Das geht uns nichts an, diese Probleme sollen die Bischöfe in den einzelnen Ländern und die Ordensleitungen gefälligst selber lösen.› Das ist eine Arroganz sondergleichen und schadet der Arbeit an der Basis. Ich wurde öfters gefragt, in was für einem Laden ich eigentlich arbeite. Das verletzt und belastet mich. Viele können nicht verstehen, wie so etwas in der katholischen Kirche passieren kann. Aber die vielen guten Kontakte mit unterschiedlichen Leuten machen meinen Einsatz sinn- und wertvoll.»

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Regula Dick

42, Leiterin der kirchlichen ­Fachstelle bei Arbeitslosigkeit (DFA), Zürich

«Ich komme zwar nicht aus dem kirchlichen Umfeld, doch ich kann mich gut mit dem damit verbundenen Menschenbild identifizieren. Ich möchte primär etwas Sinnvolles tun – und sei es nur im Kleinen.

Seit fünf Jahren arbeite ich als Anwältin für die DFA, die ich seit einigen Monaten auch leite. Wir werden hälftig von der katholi­schen und von der reformierten Kirche finanziert. In der Rechtsberatung helfen wir Menschen, denen fristlos gekündigt wurde oder die den Lohn nicht erhalten. In letzter Zeit beraten wir viele Frauen, die während einer Schwangerschaft zu Aufhebungs­verträgen gedrängt werden. Ein anderes Mal kam eine Verkäuferin, die unmittelbar nach der mündlichen Kündigung vom hauseigenen Sicherheitsdienst durch den Laden hinausgeführt wurde. Das war für sie eine fast unerträgliche Demütigung. Sie hatte danach einige Zeit psychische Probleme. Bei der DFA arbeiten auch Sozialarbeiter, die psychosoziale Unterstützung anbieten. Wenn nötig vertreten wir unsere Klienten vor Gericht. Den Stellensuchenden stehen Computer mit Internetanschluss zur Verfügung, und es ist immer eine Beraterin anwesend und unterstützt sie bei Bewerbun­gen. Die Leute können Kaffee trinken und sich austauschen. Einige Gesichter sehe ich jeden Morgen, für sie ist der Besuch hier ein Fixpunkt im Tagesablauf. Unsere Leistungen sind gratis und stehen allen aus dem Kanton Zürich offen, unabhängig von ihrem Glauben.

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Die Missbrauchsfälle in der Kirche sind hier kein Thema. Persönlich war ich aber schockiert und habe grosses Mitgefühl mit den Opfern. Ich finde es wichtig, dass alles aufgedeckt wird und sie Hilfe erhalten. Das Thema der sexuellen Belästigung ist uns nicht fremd. Wir hören immer wieder von Leuten, die am Arbeitsplatz sexuell belästigt werden. Ich finde es schade, dass wegen der Missbrauchsfälle viele aus der Kirche austreten. Das schmälert die finanziellen Ressourcen, und auch wir werden eventuell gezwungen, Stellen zu kürzen. Die Leidtragenden sind die Ratsuchenden.