1. Home
  2. Bürger & Verwaltung
  3. «Kinder in Not»: Hilfswerk mit Selbstbedienung

«Kinder in Not»Hilfswerk mit Selbstbedienung

Der Verein Kinder in Not ist zerstritten. Seit über einem Jahr geht kein einziger Spendenfranken mehr an Bedürftige. Das Geld fliesst an Anwälte – und an den diktatorischen Gründer.

«Kinder in Not»: Was als gutes Werk begann, endet nun in einer Schlammschlacht des Vorstands.
von

Die Schafskälte treibt bleierne Wolken über den Himmel an diesem Junimorgen, und im Saal 4 des Zürcher Bezirksgerichts sorgen klamme Gesten und eisige Blicke für ein kühles Klima. Immer wieder zieht der Richter die Augenbrauen hoch. Dann kratzt er sich am Kopf und blickt nach links und rechts zu seinen beiden Kollegen.

Schliesslich wendet er sich an Eva Gfeller. Die 57-Jährige ist die frühere Generalsekretärin des Hilfswerks Kinder in Not (KIN). Sie ist als Auskunftsperson geladen, wirkt gefasst, beinahe trotzig.

Richter: «Ist es nicht merkwürdig, dass man nach einer Vorstandswahl nicht weiss, wer gewählt wurde?»

Gfeller: «Das war nur eine von vielen Merkwürdigkeiten damals.»

Richter: «Warum gingen Sie persönlich trotzdem davon aus, dass Frau Klameth nicht mehr im Vorstand war?»

Gfeller: «Wenn Herr Hyppolite sagte, es sei so, dann war das damals so. Auch wenn es nicht so war.»

Übrig bleibt ein Scherbenhaufen

Gfeller schüttelt dabei den Kopf, als staune sie über ihre eigenen Worte. Brave Hyppolite schnaubt verächtlich. Der 86-Jährige – in gut sitzendem Anzug und Krawatte – repräsentiert vor Gericht sein Lebenswerk, das Hilfswerk Kinder in Not, das nach über 35 Jahren Wohltätigkeit darniederliegt.

Seit Anfang 2014 ging kein einziger Spendenfranken mehr an bedürftige Kinder. Die Website ist ausser Betrieb, ehemalige Mitarbeiter klagen gegen ihre Entlassungen – und eben: Der Vorstand bekriegt sich vor Gericht.

Die Vorgänge, die hierhin führten, sind zum einen ein bizarres Lehrstück zur Bedeutung von Verbindlichkeit und Verantwortung im Vereinswesen. Und zum anderen eine dreieinhalb Jahrzehnte dauernde Geschichte über Barmherzigkeit und Liebe, über Macht und Geld – viel Geld –, in der alle Beteiligten jeden Fehler begingen, den sie begehen konnten.

Christine Stückelberger als Zugpferd

Die Geschichte beginnt Anfang der achtziger Jahre, als Brave Hyppolite das Hilfswerk Kinder in Not ins Leben rief; allein und aus dem Nichts: «Ein Mann, eine Idee, ein Franken», lautet sein Mantra aus der Gründerzeit. Mit der Vision «Sauberes Wasser für Afrika» und charmantem Französisch scharte der wortgewandte Schweiz-Haitianer Helfer um sich. Etwa Christine Stückelberger. Die Olympiasiegerin im Dressurreiten diente 33 Jahre lang als Aushängeschild. «Am Anfang waren wir nur ein paar Leute, die gelegentlich für einen guten Zweck Honig verkauften. Das war alles, wir waren Kinder in Not», sagt die 68-Jährige.

In herbstlicher Kälte harrten sie stundenlang an den Ständen aus – Stückelberger, Ursula Klameth und die Schauspielerin Anne-Marie Blanc selig. Auch Hyppolite sei damals sehr engagiert gewesen.

In jenen Jahren überwies KIN nur ein paar tausend Franken an Projekte in Afrika, mehr gab der Honigverkauf nicht her. Darum beschloss Hyppolite, die Standaktionen aufzugeben und stattdessen Bettelbriefe zu versenden. Mit Erfolg. Kinder in Not wuchs zu ­einer respektablen kleinen Wohltätigkeitsorganisation heran. Ende der achtziger Jahre stiess Eva Gfeller dazu und übernahm die Administration – anfangs allein, später mit zwei, drei Angestellten.

Hyppolite bestimmte letztlich alles

Die Beteiligten versäumten es, Strukturen aufzubauen. Der Trägerverein, zu dem sich das Grüppchen formierte, stand von Beginn an auf wackeligen Füssen. Ein jährlicher Mitgliederbeitrag wurde nicht festgelegt. Einmal Aufgenommene verblieben ohne ihr Zutun im Verein, ein aktuelles Mit­gliederverzeichnis gab es keins. An Versammlungen wurden weder Stimmenzähler noch Protokollführer gewählt; die Vorstandsmitglieder hatten keine Ressorts und keine näher beschriebenen Verantwortlichkeiten.

«Wenn man etwas kritisierte, hiess es immer: ‹So müssen Sie nicht mit mir reden, Madame!›»

Ursula Klameth

Wozu auch? Es ging ja um eine gute Sache, nicht um Formalitäten. Deshalb nahmen die Beteiligten wohl hin, dass Hyppolite stets Traktanden bestimmte und Sitzungen dominierte, auch in den Jahren, in denen er auf dem Papier nicht Präsident war. Immerhin ist er der Gründer, wie er bei jeder Gelegenheit gern betont.

«Seine weitschweifigen Selbstbeweihräucherungen waren fester Bestandteil eines jeden Treffens», sagt Ursula Klameth. «Und wenn man etwas kritisierte, hiess es immer: ‹So müssen Sie nicht mit mir reden, Madame!›»

Keiner hat widersprochen

Hyppolite kann so aufbrausend wie charmant sein. Kritische Stimmen brachte er mit «ewigen Wutausbrüchen» (Stückelberger) und «Herum­geschrei» (Gfeller) zum Verstummen. «Manchmal hat er sich aufgeführt wie ein kleiner Diktator», sagt Klameth vor Gericht. Im angenehmeren Fall habe Hyppolite die Fragen einfach zerredet.

Wer dessen müde war, kehrte dem Verein den Rücken. Zu besten Zeiten kamen vielleicht 20 oder 30 Leute zur Hauptversammlung, dann war es nur mehr eine Handvoll. Keiner widersprach, keiner fragte nach – zum Beispiel, was es mit dem «Förderverein» namens «Freunde von Kinder in Not» (FKIN) auf sich hatte, den der umtriebige Hyppolite nebenbei geschaffen hatte. «Wenn man Genaueres wissen wollte, sagte er, das sei gar kein richtiger Verein, sondern nur etwas für Prominente», sagt Stückelberger.

Jahresbericht interessierte nicht

Auf seiner Website schmückte sich das Hilfswerk mit bekannten Namen, die sich irgendwann für KIN engagiert hatten: zum Beispiel der Zürcher FDP-Ständerat Felix Gutzwiller, Bernhard Russi, Ex-GC-Goalie Roger Berbig, Kurt Aeschbacher, Stephan Eicher. ­Eine wirkliche Vereinstätigkeit gab es aber nie. De facto bestand FKIN aus Hyppolite und immer wieder wechselnden Promis. Stückelberger bezeichnet FKIN mittlerweile als «Schattenverein» – obwohl sie dort selbst im «Vorstand» sass.

Für Treuhänder Herbert Heusser sind KIN und FKIN «Schwestervereine». Der 75-Jährige erledigte jahrelang die Buchhaltung beider: Der Förderverein übernahm zum Beispiel ad­ministrative Kosten, was die Bilanz des Hilfswerks schönte. Aber manche KIN-Vorstandsmitglieder lasen nicht einmal den Jahresbericht.

Hyppolites Bezüge frassen Gewinn

Der Beobachter berichtete 1999 über dieses undurchsichtige Geflecht und die «mangelnde interne Kontrolle». Zweck des Fördervereins war gemäss Selbstbeschrieb die «Unterstützung des Kunstkartenverkaufs und die Durchführung von Sport- und Kulturveranstaltungen zugunsten des Hilfswerks». Tatsächlich wirtschaftete FKIN aber vor allem zugunsten von Hyppolite, sagt Treuhänder Heusser: «Seine monatlichen Bezüge dürften den Gewinn von FKIN weitgehend aufgefressen haben.»

Bloss sechs Monate nach dem kritischen Beitrag im Beobachter gewährte der FKIN-Vorstand Hyppolite eine «Kompensation» in der Höhe von 484'000 Franken, «in anerkennender Würdigung der geleisteten Dienste». 183'000 Franken wurden in den fol­genden Jahren ausbezahlt. Es blieben 300'000 Franken übrig; Hyppolite liess sich 2005 eine lebenslange monatliche Rente in der Höhe von 5175 Franken zusichern – ab «dem von Herrn Hyppolite selbstgewählten Datum des Eintritts in den Ruhestand».

Dabei hielt Heusser – ganz Buchhalter – «aus rein versicherungs­risikotechnischer Sicht» fest, dass die durchschnittliche Lebenserwartung bei Männern bei rund 78 Jahren liege – Hyppolite war damals 76 Jahre alt.

Die Spendengelder flossen – aber nicht dahin, wofür sie eigentlich vorgesehen waren.
Quelle: Nicolas Bischof

Doch bis heute ist Hyppolite nicht in den Ruhestand getreten. Als Aktiver verdient er deutlich besser: Die Rente wurde damals auf Hyppolites «heutigem massgebenden Gehalt» berechnet, wie in Heussers Empfehlung stand: 9500 Franken, «nicht erhöht seit neun Jahren». Mit anderen Worten: Der brave Hyppolite hat in den letzten 18 Jahren rund zwei Millionen Franken kassiert. Das ist sicher nicht im Sinne der Kunden, die mit dem Kauf von Kunstkarten darbende Kinder unterstützen wollten.

Der Beobachter-Artikel verursachte ein wenig Aufruhr, danach lief Hyppolites Regentschaft ohne Nebengeräusche weiter. Ende 2011 versuchte er zunehmend, seine Macht auch formell zu festigen. Vermutlich weil er spürte, dass ihm von unerwarteter Seite die Unterstützung wegzubrechen drohte: Ausgerechnet Eva Gfeller, die Generalsekretärin, die Hyppolite, wie er sagt, «über 20 Jahre geformt und ihr alles beigebracht» hatte, begann zu zweifeln, ob ihr Mentor noch zum Besten des Hilfswerks handle.

«Einmal wollte er von einem längst beschlossenen 100'000-Franken-Projekt plötzlich nichts mehr gewusst haben»

Eva Gfeller, frühere Generalsekretärin des Hilfswerks Kinder in Not

Von aussen gesehen hatten die zwei eine untrennbare Einheit gebildet. Doch über die Jahre sei Hyppolite ­autoritärer und unberechenbarer geworden. «Einmal wollte er von einem längst beschlossenen 100'000-Franken-Projekt plötzlich nichts mehr gewusst haben», sagt sie. Es war ihr nicht klar, ob das an Hyppolites Gedächtnis oder an seiner Laune lag. Hyppolite wiederum beklagt «die Ungeduld der Generalsekretärin», die Kenntnisse, die sie sich während ihrer langjäh­rigen Zusammenarbeit angeeignet ­habe, «sehr rasch» und «allein» ein­setzen wollte. Diesen Machtverlust wollte er nicht akzeptieren.Hyppolite habe sie dazu gedrängt, eine Auszeit zu nehmen, sagt Gfeller: «Er wollte mich loswerden, und ich liess zu, dass er mir einredete, ich sei psychisch krank», sagt Gfeller.

Die Suche nach Allianzen trieb Hyppolite zu Vorstandsmitglied Ursula Klameth. «Er versuchte, mich gegen Eva Gfeller aufzubringen, und weil ich mich nicht überzeugen liess, wollte er mich rauswerfen.»

Von der Intimfreundin zur Intimfeindin

So kam es zur Vorstandssitzung vom 25. September 2012, um die nun vor Gericht gezankt wird. Entschlossen, auch auf dem Papier Herr der Dinge zu werden, verlangte Hyppolite zum 35-Jahr-Jubiläum von Kinder in Not hin, zum Präsidenten gewählt zu werden. Nur für die Dauer des Jubeljahres, wie er versicherte. Amtsinhaberin Stückelberger und der Restvorstand lies­sen sich überrumpeln und segneten unter dem Traktandum «Mandate» den Führungswechsel ab. Unklar und darum umstritten ist aber seither der Status von Ursula Klameth; konkret, ob sie zurückgetreten, abgewählt, nicht wiedergewählt oder nichts von allem – also weiterhin im Vorstand – ist. Klameth konnte bei der Sitzung nicht dabei sein.

In jener Zeit kam Gfeller nach Treffen mit Hyppolite öfter verheult ins Büro zurück. «Es war ein Ablösungsprozess», sagt Klameth. Was wie eine «Vater-Tochter-Beziehung» (Klameth) aussah, war tatsächlich ein über Jahre gewachsenes Abhängigkeitsverhältnis, aus dem Gfeller erst mit psycho­logischer Unterstützung herausfand.

Heimliche Affaire dauerte 20 Jahre

Im Frühling 2013, während eines Streits im Büro, riss sich Gfeller schliesslich von Hyppolite los. Und die anwesende Belegschaft nahm verblüfft zur Kenntnis, dass der Gründer und die Generalsekretärin im Geheimen fast 20 Jahre lang eine Beziehung geführt hatten. In diese sei sie in ihren ersten Jahren bei KIN «reingeraten», sagt Gfeller. Sie sei damals jung und naiv gewesen – «und alleinerziehend». An Hyppolites Seite habe sie bald verinnerlicht, dass jeder Widerspruch zwecklos war und Mitarbeiter einfach entlassen wurden, «weil sie es gewagt hatten, anderer Ansicht als Hyppolite zu sein».

Der Bruch hatte Folgen: Gfeller klärte den Vorstand über Hyppolites Bezüge auf. Das Staunen war gross. Dass Gfeller und die anderen Mitarbeiter Löhne bezogen, war allen klar. Die Vorstandsmitglieder aber engagierten sich alle ehrenamtlich.

«Leider beharrte in all den Jahren nie jemand auf einer genauen Auskunft zu den Zahlen», sagt Buchhalter Heusser. Er selbst sah keinen Grund, von sich aus den KIN-Vorstand zu informieren. «Es gab ja einen FKIN-Vorstandsbeschluss für diese Bezüge.»

Schlösser ausgetauscht

Nach dem Eklat entliess Hyppolite Gfeller fristlos, weil sie «illoyal gehandelt» habe. Der Hinauswurf spaltete KIN in zwei Lager: Hyppolite und zwei Vorstandsmitglieder auf der einen Seite, auf der anderen die Generalsekretärin, zusammen mit den Angestellten und der Mehrheit des Vorstands – wenn man Ursula Klameth dazuzählt. Dieses Lager sprach Eva Gfeller das Vertrauen aus, und Klameth reichte gegen ihren Ausschluss aus dem Vorstand Klage ein.

So arbeitete Gfeller weiterhin für KIN. In den folgenden Wochen liessen die Mitarbeiter die Schlösser der KIN-Geschäftsstelle austauschen – «um Ruhe zu haben», sagt Gfeller. Denn Hyppolite wohnt direkt über den KIN-Büros. «Er kam immer wieder hinunter und hielt alle von der Arbeit ab. Obwohl er mit dem Tagesgeschäft längst nichts mehr zu tun hatte», so Heusser.

Hilfswerk am Boden

Als Hyppolite erkrankte und län­gere Zeit im Spital lag, beruhigte sich die Lage im KIN-Büro – bis zum Morgen des 17. März 2014. Ein Hilfswerk­angestellter sass im Büro an der Zürcher Forchstrasse, als plötzlich die Tür aufging und der greise Vereinspräsident zusammen mit seinem Anwalt das Büro betrat.

Nachdem Hyppolite die Mitarbeiter aus den Räumen gescheucht hatte, liess er seinerseits die Schlösser austauschen – «um als operativer Leiter die Kontrolle wiederzuerlangen», wie es sein Anwalt darstellt.

Tatsächlich brachte Hyppolite das Hilfswerk damit zum Stillstand. Anrufe und Briefe blieben unbeantwortet, Löhne und Rechnungen unbezahlt, die Spendengelder gingen zurück.

Die Angestellten verlangten mehrmals Einlass, um den FKIN-Kunst­kartenkatalog beizeiten versenden zu können, doch Hyppolite verweigerte ihnen den Zutritt. Die Bestellungen blieben aus, seine verlässliche Einkommensquelle versiegte.

«Allein der Vorstand hätte zu entscheiden»

Für diesen Fall hatte Hyppolite längst vorgesorgt. In der Rentenempfehlung von 2005 liess er festhalten, es wäre «wünschenswert», wenn das Hilfswerk die finanziellen Verpflichtungen gegenüber ihm «ganz oder teilweise erfüllen würde», sollte FKIN dazu einst nicht mehr in der Lage sein.

«Natürlich», steht da unschuldig, «hätte allein der Vorstand des Hilfswerks Kinder in Not über ein allfälliges Gesuch zu entscheiden.»

Darum hatte Hyppolite alles da­rangesetzt, in ebendiesem Vorstand formell die Macht zu übernehmen. Nach der Spaltung der Vereinsleitung hatten er und seine beiden Getreuen weiterhin als KIN-Vorstand getagt, und Gründer Hyppolite liess sich in dieser Funktion die ersehnte lebenslängliche Rente zusprechen.

56'000 Franken Spenden für Anwalt

Einzig die Tatsache, dass Hyppolite nur zu zweien zeichnungsberechtigt ist, verhinderte, dass er uneingeschränkt auf das Vermögen der Stiftung zugreifen konnte. Der zweite Zeichnungsberechtigte ist Vorstandsmitglied Lorenz Homberger – aus dem Lager von Ursula Klameth.

Um Homberger zur Unterzeichnung zu bewegen, erstellte Hyppolite Zahlungslisten, in denen er die Be­gleichung völlig unbestrittener For­derungen wie Büromiete, Löhne der Angestellten oder Druckkosten für die Kunstkarten mit Honorarzahlungen an sich und seinen Anwalt verknüpfte. «Entweder würden alle Zahlungen ausgelöst oder gar keine», sagt Homberger. Auf diese Weise bezog Hyp­polite 50'000 Franken direkt aus dem Spendenvermögen und rund 56'000 Franken für seinen Anwalt. An Kinder in Not ging kein Rappen.

Nachdem Homberger die ersten Listen unterzeichnet hatte, um Betreibungen gegen das Hilfswerk abzuwenden, weigerte er sich, weitere Zah­lungen zu verantworten. «Hyppolites Forderungen waren mit dem Vereins­zweck unvereinbar und nicht im Inte­resse des Hilfswerks», sagt er. Schliesslich muss Homberger befürchten, irgendwann für diese Zahlungen haftbar gemacht zu werden – immerhin ist nach wie vor offen, wen das Gericht rückwirkend als Vorstand anerkennt.

Die Spendengelder flossen – aber nicht dahin, wofür sie eigentlich vorgesehen waren.
Quelle: Nicolas Bischof

Das Zürcher Bezirksgericht glänzte bisher nicht mit Weitsicht. Mit einer vorsorglichen Massnahme, für die es sich ein halbes Jahr Zeit nahm, liess es den Verein mit sechs Vorstandsmitgliedern und ohne Präsident zurück: auf der einen Seite Gründer Hyppolite und seine Getreuen, auf der anderen Klägerin Ursula Klameth und ihre Mitstreiter. Eine Pattsituation.

Folglich war der Vorstand weiterhin nicht in der Lage, eine rettende Mitgliederversammlung einzuberufen, um Neuwahlen durchzuführen.

Dies wäre aber unerlässlich – sonst droht KIN zum Selbstbedienungs­laden zu verkommen. Denn selbst nach einem imageschädigenden Debakel dieses Ausmasses werden dem Hilfswerk noch jahrelang Spenden zufliessen – in Form von Legaten, die bereits in Testamenten festgeschrieben sind. Wie Hyppolites Anwalt vor Gericht angab, sind allein in den letzten zwei Jahren Nachlässe in der Höhe von einer Million Franken eingegangen; im einen Fall war sogar eine Immobilie dabei.

«Gebührenden Respekt»

Zugegeben: Das Bezirksgericht hatte nicht ahnen können, dass sich zwei der Vorstandsmitglieder, Jean-Christophe Aeschlimann und Matthias Ezioba, bedingungslos auf Hyppolites Seite schlagen würden. Ihre Erklärung dafür fällt dürr aus: Das Vorgehen der Generalsekretärin und der anderen Vorstandsmitglieder sei nicht richtig gewesen.

Hyppolite habe einen «dezenteren Abgang verdient», schreibt Ezioba. Das Hilfswerk solle von Personen weitergeführt werden, die vor dem Gründer «gebührenden Respekt haben».

Ezioba hat von KIN mehrere tausend Franken zum Bau eines Brunnens in seiner Heimat Nigeria bekommen. Das Projekt sei aber nicht einmal Eziobas Idee gewesen, sagt Eva Gfeller. «Ich weiss das, weil ich selbst in Hyppolites Auftrag den Begleitbrief geschrieben habe, den Ezioba uns dann zuschickte.» Ob aus dem Brunnen je Wasser fliessen wird, ist unklar. Auf Anfrage des Beobachters teilt Ezioba mit, das Projekt sei vor zwei Jahren «wegen eines finanziellen Engpasses zum Stillstand gekommen».

Es ist schwer nachvollziehbar, wie und warum Hyppolite all die Jahre derart schalten und walten konnte. Ein Punkt seien sicher sein stattliches Alter und seine ewigen Rücktritts­versprechen gewesen, sagt Eva Gfeller. «Wir dachten immer wieder: ‹Okay, lassen wir das noch einmal über uns ergehen. Danach können wir nach vorn schauen.›»

Die Situation ist völlig verfahren

Der Blick nach vorn ist heute aber fast so unangenehm wie jener zurück: Die Bruchlinien ziehen sich durch den Verein: einerseits zwischen den beiden Parteien, anderseits aber auch zwischen Mitarbeitern und Vorstand im Lager von Klameth sowie zwischen Gfeller und anderen Angestellten.

Die Chronologie der Ereignisse ist selbst den Beteiligten nur ungefähr klar. Die Richter im Saal 4 des Zürcher Bezirksgerichts scheinen nur eine Ahnung der Vorgänge zu haben, die ihnen die Rechtsvertreter in einem nicht enden wollenden Singsang vortragen, begleitet vom Tastaturklacken der Protokollführerin.

«Ich wollte das Hilfswerk retten.»

Ursula Klameth

Der Richter wendet sich an Ursula Klameth. Die Klägerin wird als Auskunftsperson befragt, ist aber so nervös, als wäre sie selbst angeklagt.

Richter: «Worum geht es Ihnen in der Klage?»

Klameth zögert und blickt hilfesuchend umher: «Um … um die Kinder.»

Richter: «Aber was wollten Sie mit der Klage erreichen?»

Klameth: «Ich wollte das Hilfswerk retten.»

Richter: «Vor wem?»

Klameth: «Vor Hyppolite.»

Richter: «Seit wann wussten Sie von Ihrem angeblichen Ausscheiden aus dem Vorstand?»

Das ist eine sehr entscheidende Frage im Verfahren. Es geht darum, ob die Klage innerhalb der gesetzlichen Frist eingereicht wurde, also überhaupt zulässig ist. Wenn Ursula Klameth mit ihrer Klage durchkommt, könnte das bedeuten, dass alle Beschlüsse nichtig sind, die Hyppolite und seine beiden Getreuen in den vergangenen zwei Jahren gefasst haben – das Hilfswerk wäre gerettet.

Klameth sieht zu ihrem Anwalt, hadert, zaudert und sagt schliesslich: «Ich weiss es nicht.»

«Sie verbraten hier Spendengelder»

Am späten Nachmittag appelliert der Richter an die Vernunft der Beteiligten: «Das sind schliesslich Spendengelder, die Sie hier verbraten.»

Allein in diesem Verfahren fallen auf beiden Seiten Anwaltskosten von Hunderttausenden Franken an. Ein vom Gericht vorgeschlagener Vergleich ist kürzlich gescheitert, es wird zu einem Urteil kommen – das dann wiederum weitergezogen werden kann.

Zudem laufen gegen KIN weitere Verfahren: Eva Gfeller und andere ehemalige Angestellte, denen nie rechtsgültig gekündigt wurde, die aber keinen Lohn mehr erhalten haben, klagen vor Arbeitsgericht. Neben den Prozesskosten drohen Lohnnachforderungen, die ebenfalls in die Hunderttausende gehen dürften.

Wer ist hier das Raubtier?

Gegenüber dem Beobachter wollte Brave Hyppolite mit Verweis auf seine angeschlagene Gesundheit nur schriftlich Stellung nehmen. Auf die Fragen zu seinem Arbeitseinsatz für KIN, der sein Gehalt rechtfertigen würde, schreibt er, er mache «keinen Unterschied zwischen Leben und Arbeiten», und zählt die KIN-Anlässe der vergangenen 30 Jahre auf – angefangen bei den Honigverkaufsständen. Bei Fragen zu konkreten Zahlen bleibt er vage und verweist auf «die Abwesenheit des Buchhalters».

Alles in allem sieht sich der brave Hyppolite als Opfer der Macht- und Rachegelüste seiner Gegner und einer «Atmosphäre der Xenophobie, die nicht zulässt, dass ein Schweizer Hilfswerk von einem haitianischen Präsidenten und einem nigerianischen Vorstandsmitglied geleitet wird».

In weinerlichen Briefen an die Vorstands- und Vereinsmitglieder klagt er, diese prédateurs, «Raubtiere», machten sich über sein Lebens- und Hilfswerk her. Dabei hat er selbst die grössten Bissen herausgerissen.

Veröffentlicht am 21. Juli 2015