Der Graben zieht sich durchs Dorf wie die Aare durchs Mittelland: breit und nicht wegzudiskutieren. «Wir wehren uns gegen die Vereinnahmung unseres Dorfs, unserer Schule, unseres Wohnraums», sagen die ­einen. Von Mobbing, Besitzstandswahrung, Neid und Eifersucht reden die ­andern. Und: «Die grüssen nicht einmal», heisst es auf beiden Seiten.

Die einen, das sind die alteingesessenen Bewohner von Lüsslingen-Nennigkofen, einem 1010-Seelen-Dorf am Fuss des Bucheggbergs, nur fünf Autominuten entfernt von Downtown Solothurn.

Die andern sind die Angehörigen der Kirschblütengemeinschaft. Eine esoterische Gruppierung mit rund 200 Mitgliedern, die Hälfte davon Kinder. Ein Grossteil stammt aus Deutschland. Sie haben sich hier im Solothurnischen niedergelassen, um möglichst nahe bei ihrem spirituellen Vorbild zu sein, dem Psychiater Samuel P. Widmer.

Sämi, wie ihn seine Freunde nennen, macht seit Jahrzehnten von sich reden: mit seiner promisken Lebensweise – er hat nicht nur eine Ehefrau, sondern zusätzlich eine Zweitfrau und wechselnde Gespielinnen; mit seiner Variante der Psycholyse, einer umstrittenen, drogengestützten Psychotherapie, die er hart am Rande der Legalität praktiziert; und mit mehr als ­fragwürdigen Schriften zu etwas, was er «ehrbaren Inzest» nennt. Zudem schliesst der Therapeut auch sexuelle Beziehungen mit Patientinnen nicht aus.

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Daran, dass bei ihnen Leute leben, die ihre Sexualität offen in wechselnden Kombinationen ausleben, haben sich die Dörfler schon lange gewöhnt. Auch daran, dass Besucher und Angehörige der Gemeinschaft öfter, nun ja, «höchst abwesend ­unterwegs sind und fast schon durchs Dorf schweben», wie ein Dorfbewohner es ausdrückt. Daran, dass ihr Dorf über die Landesgrenzen als Heimat eines «Sex-Gurus» fragwürdige Berühmtheit erlangt. Daran, dass die Kirschblütler im deutschen Privatfernsehen erzählen, sie würden von der Dorfgemeinschaft gemobbt.

Doch viele Nennigkofer und Lüsslinger fühlen sich mittlerweile bedroht durch die schiere Grösse der Gemeinschaft – allein in den letzten vier Jahren hat die Zahl der Widmer-Anhänger um rund 50 Prozent zugelegt, sie machen mittlerweile einen Fünftel der Einwohnerschaft aus. Im gleichen Zeitraum hat sich die Zahl der Häuser im Besitz der Kirschblütler von 18 auf 34 fast verdoppelt.

Unter den Augen der Dorfbewohner hat sich eine Parallelwelt gebildet. Und in den Augen etlicher eine Macht, der Konter gegeben werden muss. Einige Einwohner gründeten sogar eine Interessengemeinschaft als Gegenpol zur Kirschblütengemeinschaft. Mit Traktandenlisten und Ressortverantwortlichen. Aber ohne Kirschblütler: «Widmer und seine Gefolgschaft haben sozusagen einen eigenen Verein, mit der IG haben wir nun unser eigenes Forum», erklärt Gründungsmitglied und Präsident Reto Sollberger. Zum ersten Treffen kamen immerhin 70 Personen.

Doch wie kann es so weit kommen, dass eine sektenähnliche Gemeinschaft ein Dorf so vereinnahmt? «Wir waren vermutlich zu lange zu gutmütig und zu naiv», wagt eine Dorfbewohnerin eine Erklärung. Jahrelang hiess es: Die Kirschblütler führten zwar ein Leben, das nicht nach jedermanns Geschmack sei. Aber wirklich stören würden sie nicht. Man habe sich an­einander gewöhnt. Nur selten wurde der heimliche dörfliche Unmut zu öffentlichem Mut.

Tod durch Psychodrogen

Dabei hatte Widmer schon 2009 äus­serst schlechte Presse – und mit ihm das Dorf des «Sex-Gurus»: Damals starben bei einer psycholytischen Sitzung in Berlin zwei Menschen. Und der schuldige Arzt Garri R. war Widmers Schüler gewesen.

Gut vier Jahre später kann von Ge­wöhnung und friedlichem Nebeneinander keine Rede mehr sein. Heute ist Angst ein Wort, das häufig fällt, wenn man sich erkundigt, wie es sich denn so zusammenlebe mit den Kirschblütlern. Bedenken werden gut schweizerisch nur hinter vorgehaltener Hand geäussert. «Einen anderen, eigenen Standpunkt zu haben wird ­einem nicht zugebilligt», sagt ein Dorf­bewohner. «Wer es wagt, öffentlich etwas gegen die Gemeinschaft zu sagen, der wird auf der Strasse abgepasst und zur Rede ­gestellt.» Das sei unangenehm und zeit­raubend. «Irgendwann mag man sich dem einfach nicht mehr aussetzen.» Diese Erfahrung macht auch Reto Sollberger mit seiner IG: «Selbst in dieser geschützten Umgebung ist es schwierig, die Leute zum Reden zu bringen», sagt er. «Viele haben Angst vor den Konsequenzen.»

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Einer, der reden muss und beide Seiten kennt, ist Herbert Schluep, Biobauer a. D. und Gemeindepräsident mit 40-Prozent-Pensum. Sein Arbeitsort: das Gemeindehaus, ein renovierter Riegelbau im Ortsteil Nennigkofen, an der Hauptverkehrsader der Doppelgemeinde Lüsslingen-Nennigkofen, die am 1. Januar 2013 durch Fusion entstand. Draussen herrscht Grau-Weiss, die Landschaft ist mit Raureif überzogen. Eiszeit im Dorf. Im Gemeindehaus empfängt Schluep am grossen Sitzungstisch. Dezent kariertes Hemd, wache Augen und ein winziges, in Friseurkreisen «Soulpatch» genanntes Kinnbärtchen. Auf dem Tisch steht jahreszeitengerecht eine Schale mit Erdnüsschen und Mandarinen.

Der 62-Jährige ist ein «Gmögiger», kein Freund von Streit. «Ich bin als Gemeindepräsident für alle Einwohner zuständig», sagt er. Man glaubt ihm den guten Willen. Er weiss aber auch, was es bedeutet, Widmer und seinen Clan als Gegner zu haben: Nervenkrieg, viel Schreibkram, endlose Diskussionen und enorm viel Juristerei.

Der Grabenkrieg bindet Energie und Arbeitszeit. Immer wieder hat Schluep mit Einsprachen zu kämpfen. Wegen der Planungszone, die man im Zuge der Fusion einrichtete. Wegen unerlaubter Fo­lien­tunnel auf den Gemüsebeeten der Gemeinschaft, die erst ein Bundesgerichtsentscheid aus dem Dorf verbannen ­konnte. Wegen eines riesigen Tipis, für das ­keine zonenkonforme Bewilligung vorliegt. Schluep weiss auch um die Kampfzone Schule, wo Schulplan auf Ideologie trifft. Erlebt mit, wie fast jedes Gebäude, das zum Verkauf steht, im Besitz der Kirschblütengemeinschaft endet. «Doch erst die Sache mit den Roma brachte die Volksseele wirklich zum Kochen.»

Für die Kirschblütler wiederum ist der Auslöser der dörflichen Eiszeit die Einrichtung jener Planungszone, die ein grösseres Bauprojekt der Gemeinschaft blockiert, ­eine Mehrfamiliensiedlung samt Laden und Werkstätten. Sie sehen darin nichts Geringeres als Mobbing – ein Wort, das ­ihnen schnell über die Lippen kommt. «Wir werden seit Jahren von Teilen der Gemeinde und der Dorfbewohner gemobbt», lässt sich Marianne Principi zitieren. Sie ist die offizielle Nebenfrau und Buchhalterin von Samuel Widmer und damit im inneren Machtkreis der Kirschblütler. Mit der ­Einrichtung der Planungszone sei ihnen Unrecht geschehen: «Alles Weitere sind Reaktionen auf dieses Unrecht gewesen.»

Alles Weitere, das waren zum Beispiel die Roma. Als das Bauprojekt auf Eis gelegt wird, beschliessen die Kirschblütler im Sommer, auf jenem Brachland mitten im Dorf Fahrende ein­zuquartieren. Erst kommen zwei Gruppen von Schweizer Jenischen, die je 30 Tage campieren. Die Gemeinde stellt sich quer: Ein Entsorgungskonzept fehlt genauso wie Toiletten. Als auch der zweite Clan wieder abgezogen ist, organisiert Kirschblütler ­Roland Mullis ­einen Trupp ­Roma. Die sind da noch in Frankreich, rund 300 Kilometer von der Schweizer Grenze entfernt, machen sich aber sofort auf den Weg und auf dem ­Gelände breit. Im Dorf denkt man: Das ist reine Schikane.

Es ist ein heisser Spätsommer. Die ­Folgen der fehlenden Sanitäranlagen sind unübersehbar und weitherum riechbar. Die Roma verrichten ihr Geschäft überall auf dem Areal, das gleich neben den Bio­gemüsefeldern der Kirschblütler liegt. ­Eines Tages zieht der Clan ab, erstaun­licherweise vor Ablauf der gesetzlich erlaubten 30 Tage. Wer oder was die Roma dazu bewogen hat, ist nicht überliefert. ­Gesichert ist, dass nicht die Gemeinde den Platz räumen liess.

Anzeige wegen des Ausdrucks «Zigeuner»

Mit den Interventionen gegen die Zu­stände auf der Brache zieht Gemeinde­präsident Schluep endgültig den Zorn der Kirschblütler auf sich. «Eine Frau aus Widmers Umfeld hat tatsächlich Anzeige gegen mich erstattet, weil ich bei einer Gemeindeversammlung das Wort ‹Zigeuner› verwendet hatte.» Angenehm sei es nicht, so eine Anzeige am Hals zu haben, sagt er. «Man ist sich das ja nicht gewohnt.»

Zum Erstaunen aller und Amüsement vieler benutzte Guru Samuel Widmer kurz darauf an einer Gemeindeversammlung das Z-Wort selber. Die Frau, die Schluep angezeigt hatte, sei fast im Boden ver­sunken, so Augenzeugen. Später sollte sich herausstellen: Die Staatsanwaltschaft trat auf die Anzeige gar nicht erst ein.

Dann war da die Sache mit dem Schulweg. Die Kirschblütler verlangten von der Gemeinde einen neuen Fussgängerstreifen, damit ihre Kinder sicher zur Schule ­gelangen. Just in einer Kurve der Hauptverkehrsachse. Zwar gibt es einen offiziellen und sicheren Schulweg, doch ist der 150 Meter länger und führt nicht entlang dem lauschigen Eymattbächli. Der Gemeinderat befand: Ein Umweg von 150 Metern sei für Schulkinder zumutbar, ein neuer Fussgängerstreifen also unnötig. Um die Kirschblüteneltern dazu zu bewegen, ihre Sprösslinge auf dem offiziellen Weg zur Schule zu schicken, liess der Gemeinderat sogar einen entsprechenden Aufruf in der «Solothurner Zeitung» veröffentlichen. Umsonst. Dafür zierte eines Tages ein falsches, mit Kinderzeichnungen dekoriertes Kindergrab die fragliche Stelle. «Hier wird ein Kind sterben», stand auf einem Schild.

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Erst das Verdikt des Kantons brachte Ruhe im Karton. Die besagte Stelle sei für einen Fussgängerstreifen zu gefährlich und nicht strassenverordnungskonform. Wer das Kindergrab aufgestellt hat, ist nicht ­aktenkundig. Genauso wenig ist bekannt, wer böswillig 16 Obstbäume der Kirschblütler angebohrt und zerstört hat.

Doch die Schule bleibt Kampfzone. Man ist sich in Sachen Lehrplan wie auch Erziehungsmethoden nicht einig. Insbesondere die Tatsache, dass auch mal Strafen ausgesprochen werden, wenn ein Kind Regeln missachtet, stösst den Kirschblütlern sauer auf. «Herr Widmer hat sogar ­versucht, die Bestrafung dreier Kinder zu verhindern, indem er ankündigte, sie ge­gebenenfalls krankzuschreiben», erzählt Schulleiter Christoph Felber. Die Kinder selber seien kein Problem, betont er. Es ­seien aber die Eltern, die Pro­bleme machten, manche versuchten, massiv Einfluss zu nehmen. «Das setzt die Lehrerinnen ­unter grossen Druck.»

Nicht unbemerkt bleibt im Dorf auch, dass manche der Kinder im Winter oft ­ohne Socken zur Schule kommen und im Sommer mit schmutzigen Füssen. Dass manch ein Schüler nicht mit einem Kirschblütlerkind die Schulbank drücken will, «weil es stinkt». Und dass Widmers Kinder in der Schule gehänselt werden, weil ihre Mütter im deutschen Privatfernsehen nackt mit einem fremden Mann zu sehen waren. «Die Kinder tun einem manchmal einfach leid», sagt eine Dorfbewohnerin. «Man ist ja selber Mutter.»

Ortstermin im «Fröschernhaus» im Dorfteil Lüsslingen. Definitiv kein architektonischer Wurf, aber nichts weniger als die Keimzelle der Kirschblütengemeinschaft. Das Einfamilienhaus, das wenige Meter von der fast stillgelegten Bahnlinie entfernt ist, beherbergt Therapie- und Büroräume, hier werden bei Sitzungen auch mal Drogen verabreicht. Anke Edelbrück, Sprecherin der Kirschblütengemeinschaft, steht in Strümpfen und mit grünem Filzhut in der Haustür. Dazwischen wallendes Gewand. Schuhe ausziehen, heisst es. Im grossen Therapieraum wartet Widmer-Nebenfrau Marianne Principi, 45, Mutter von fünf Kindern. Der Empfang ist verhalten.

Sämi und Jesus teilen das Geburtsdatum

Sämi Widmers Trupp muss gerade ohne sein geistiges Oberhaupt auskommen. Der Guru, der mythosstiftend an einem 24. Dezember geboren ist, weilt wie jedes Jahr um Weihnachten im Ausland. Es gilt, auch andere Länder zu beglücken: Schliesslich, so ist seinen unzähligen Schriften und Interviews zu entnehmen, weiss er, wie und wo das Glück der Welt zu finden sei. Wüsste sogar, wie der Israel-Palästina-Konflikt in Liebe umgewandelt werden könnte, wäre er Präsident der Welt.

Dieses Jahr feiert Sämi seinen und Jesu Geburtstag wieder einmal in Indien. Hauptfrau Danièle Nicolet durfte schon mit, Nebenfrau Marianne wird nachreisen, wie sie leicht trotzig erklärt. Sie müsse erst die Schulferien der Kinder abwarten.

«Was ist hier eigentlich los, mit den Fahrenden, dem Kindergrab? Generell mit den Fronten im Dorf?» – «Nach aussen hin wird immer alles verdreht. Meist ist es genau andersrum», sagt Edelbrück. Widmers Zweitfrau nickt grimmig. Die Sache mit den Fahrenden habe mit Schikane oder ­einem Racheakt nichts zu tun. «Wir haben nur versucht, ein Problem fantasievoll zu lösen», sagt sie. «Und das mit dem Kindergrab, das war keiner von uns.»

«Aber die Dorfbewohner sagen, dass ihr Kirschblütler sie nicht grüsst, als wärt ihr etwas Besseres...» – «Sehen Sie, auch das wird verdreht, es ist eigentlich genau andersrum.» Und wie erklären sich die beiden Frauen, dass die Dörfler «alles verdrehen»? «Die Menschen im Dorf sehen, wie glücklich wir sind. Möglicherweise produziert das auch Neid und Missgunst», sagt Marianne Principi.

Eine Dorfbewohnerin sieht das anders: «Das Problem ist, dass die Kirschblüten­gemeinschaft nur die Regeln akzeptiert, die ihr passen oder nützen.» Sie nimmt nicht teil am allgemeinen Dorfleben oder am Vereinsleben. Keiner ist in der freiwilligen Feuerwehr, und man leistet auch nicht Frondienst am Gemeindewald, wie Anke Edelbrück gern behauptet, sondern räumt nur das eigene Stück Wald auf. Dafür profitiert man vom Muki-Turnen.

Ein Segen für die Demokratie im Dorf

Immerhin: Etwas Gutes kann Gemeindepräsident Schluep dem Schlamassel in seinem Dorf durchaus abgewinnen: «Seit den Dorfbewohnern klarwurde, dass die Kirschblütler mit ihren 43 Stimmberechtigten bei Abstimmungen eine echte Macht darstellen könnten, kommen wieder viel mehr an die Gemeindeversammlung. Wir haben eine unglaublich hohe Stimmbeteiligung von 18 Prozent.» Der Schweizer Durchschnitt liegt bei fünf Prozent.