Roger Imboden, Gemeindepräsident von St. Niklaus im Oberwalliser Mattertal, fixiert den Journalisten und den Fotografen mit festem Blick: «Schreiben Sie, dass die Verantwortlichen bei Bund und Kanton unbedingt einen Zahn zulegen müssen. Die Schutzkonzepte sind seit Jahren bekannt, doch realisiert wurde leider noch nichts.»

Der Mann führt uns zum Dorfeingang, wo sich die beiden Talflanken gefährlich nahe kommen und die Matter Vispa kaum Platz für die Kantonsstrasse lässt. Imboden stellt sich auf ein Abflussgitter am Strassenrand und zeigt auf das breite, geröllbedeckte Gerinne am Hang: «Der Ritigraben ist eine ständige Gefahr für unser Dorf. Das «Milchsieb», auf dem ich stehe, ist bloss eine Schönwetterlösung.»

Roger Imboden übertreibt nicht. Der Ritigraben zieht sich gut 2000 Meter die Talflanke hoch bis zum Gabelhorn. Seit 1922 haben sich hier zwölf grössere Murgänge ereignet - sechs allein zwischen 1987 und 1997. Besonders kritisch wird es immer dann, wenn es während Tagen in Strömen giesst. Auf einer Höhe von 2500 Metern liegen zwischen 200'000 und 300'000 Kubikmeter Schutt und Geröll, die bei intensiver Schneeschmelze und kräftigem Regen jederzeit ins Tal donnern können.

Einen Vorgeschmack auf eine mögliche Katastrophe erlebte St. Niklaus im September 1993, als Brig überschwemmt wurde. Damals stauten 90'000 Kubikmeter Schutt aus dem Ritigraben die Vispa und hinterliessen schwere Schäden.

Berge bröckeln
«Zurzeit scheint der Berg zwar ruhig, wie uns regelmässige Messungen im Gelände bestätigen. Doch wie lange noch?» fragt sich Imboden. Selbst wenn er - wie diesen Sommer - mit der Familie für 14 Tage nach Griechenland in die Ferien reist, schweifen seine Gedanken immer sorgenvoll zum Ritigraben zurück. Nicht, dass der 42jährige Angst hätte: «Wer hier aufwächst, lernt mit den Naturgefahren umzugehen», sagt Imboden. Aber die Resultate des Nationalen Forschungsprogramms «Klimaänderungen und Naturkatastrophen» (NFP 31) stimmen ihn sehr nachdenklich. Die Klimaforscher haben die Vispertäler exemplarisch durchleuchtet und Beunruhigendes zutage gefördert: Setzt sich die Temperaturerhöhung der letzten Jahre fort, werden durch «das Schwinden der Gletscherfronten immer grössere Flächen nichtverfestigten Materials freigesetzt». Gleichzeitig verflüssigt sich das Eis im Boden - der sogenannte Permafrost. Bisher wirkte das Bodeneis in steilen Geröllhalden wie die Armierung im Beton. Zerfällt jedoch der Permafrost, bröckeln die Berge. Die alarmierende Prognose der Nationalfonds-Forscher: «In Zukunft könnten sich entlang von Gerinnen wie dem Ritigraben Murgänge ereignen, für die hinsichtlich Intensität und Häufigkeit in der Vergangenheit nichts Vergleichbares existiert.»

Für den Gemeindepräsidenten ist klar, was zu tun ist: «Das haben uns die Fachleute längst gesagt - eine Galerieverbauung für die Strasse, eine Art Bypass für die Vispa, um den Fluss nach einem Murgang umzuleiten, und Murgangbremsen im Gelände zum Schutz der nahen Weiler.»

Der Bleifuss Bürokratie
Für die geplanten Verbauungen sind im Gemeindebudget zwar längst eine halbe Million Franken reserviert. Doch der Murgangschutz wird mindestens zehn Millionen kosten - zuviel für St. Niklaus. Imboden: «Jetzt sind Bund und Kanton gefordert.»

Zumindest kantonale Hilfe ist bereits zugesagt, wie Charles Wuilloud, Leiter der kantonalen Sektion Naturgefahren, bestätigt: «Läuft alles nach Plan, beginnen wir nächstes Jahr mit der Ritigraben-Verbauung.» Grund für das nun schon jahrelange Verschleppen der Verbauungsarbeiten ist das Kompetenzgerangel zwischen Bundes- und Kantonsstellen. Eine der Knacknüsse sind Rodungsbewilligungen am Gerinne, um Schutt und Geröll abzulagern. «Das braucht viel Verständnisarbeit», seufzt Wuilloud.

Auch Gemeindesekretär Ewald Gruber hat jeden Tag das Risiko vor Augen, wenn er zu seinem Arbeitsort nach Randa fährt. Hunderte von Metern türmt sich eine Geröllhalde auf - Mahnmal eines gewaltigen Bergsturzes, der vor sieben Jahren das 600-Seelen-Dorf nur ganz knapp verfehlte. Am Eingang zu Grubers Kanzlei hängt ein Bild, das die Staubwolke zeigt, die nach der Katastrophe das Tal einhüllte. Damals wurde ein Weiler samt Ställen und Tieren plattgewalzt. Ein Teil von Randa stand unter Wasser, weil sich die Vispa zurückstaute.

Mit High-Tech gegen die Natur
Der Gemeindesekretär weiss, was er seinem Arbeitgeber schuldig ist, und markiert Zuversicht: «Randa glaubt an seine Zukunft. Niemand ist wegen des Bergsturzes weggezogen.» Strasse und Bahnlinie wurden inzwischen verlegt, tonnenweise wurde Geröll weggeschafft, und die Vispa erhielt einen unterirdischen Kanal für den Notfall. Wenn der Berg wieder kommt - Millionen Kubikmeter Lockergestein sind absturzgefährdet -, soll der Bypass verhindern, dass die Vispa das Dorf überschwemmt. Gefahr droht jedoch auch von der rechten Talseite, wo der Dorfbach oft mächtig rumort. 1992 wurde im Bachbett oberhalb Randas eine Murbremse eingebaut, die das Geröll zurückhalten und das Wasser abfliessen lassen soll. Das System funktioniert: Mehrere kleinere Murgänge haben hier in den letzten Jahren tonnenweise Material abgelagert, überwacht von einer Videokamera. Doch was passiert, wenn in der Anrisszone hoch oben ein grösserer Teil der 300'000 Kubikmeter Schutt zu Tal donnert? Dann dürfte nicht nur das Videobild schwarz werden.

Je wärmer, desto gefährlicher
Das Jahr 1998 schlägt bisher weltweit sämtliche Wärmerekorde. Die Durchschnittstemperatur liegt hochgerechnet um 1,3 Grad über dem langjährigen Durchschnitt. Dennoch bleiben die Klimaforscher vorsichtig. Die Temperaturveränderung ist für sie nur eine unter vielen möglichen Ursachen für die Naturkatastrophen. Oder auf Expertendeutsch: «Die natürliche Veränderlichkeit der Hangmurgänge oder der Gerinnemurgänge übersteigt in der Regel jene für diese Regionen erwarteten klimatischen Veränderungen beträchtlich.» Sicher ist: Die Risiken nehmen zu. Das hängt auch damit zusammen, dass Häuser, Verkehrswege und touristische Infrastrukturen immer näher an die Schuttkegel in den Mündungsbereichen der Gerinne heranrücken.

Der Bergsturz mit Erdbebenstärke drei hat selbst das abseits gelegene Hotel Dom am oberen Dorfrand von Randa durchgeschüttelt und zentimeterdick eingestaubt. «Das war für alle ein Schock, der noch lange nachwirkte», sagt Ida Hauser-Pollinger, seit einem Vierteljahrhundert «Dom»-Chefin. Untergangs-stimmung will sie deswegen nicht aufkommen lassen: «Es sind allgemein schwierigere Zeiten. Das hat mit dem Bergsturz nichts zu tun.» Ihren Gästen drückt sie den Dorfprospekt in die Hand. Er empfiehlt «besinnliche Spaziergänge durch blühende Bergwiesen, Wanderungen durch urchigen Hochwald, Gletscherüberquerungen oder Ruhe, Erholung und Abwechslung». Auf den Fotos und im Text bleibt die Katastrophe von 1991 unerwähnt.

Täsch: Flutwelle möglich
Nebst Bergstürzen und Murgängen droht auch Hochwassergefahr. Seit Wochen lässt sich Charles Wuilloud aktuelle Daten über einen See am Weingartengletscher oberhalb von Täsch liefern: Hoch oben, auf 3000 Metern und hinter einem Moränenwall, stauen sich rund 80'000 Kubikmeter Gletscherwasser. «Solange der Permafrost den Wall zusammenhält, ist das Risiko kalkulierbar», so Wuilloud, «sonst müssen wir den See entwässern.» Der Entscheid soll in den nächsten Tagen fallen. Bräche der Damm, würde das halbe Dorf weggespült. An die katastrophalen Folgen wagt niemand zu denken. Dabei ist gerade Täsch ein Beispiel, wie Profitgier den Blick für die Gefahren trüben kann. Auf dem Murkegel der Täschalp ist eine ganze Ferienhaussiedlung entstanden.

Die Klimatour führt uns hinaus aus dem Mattertal nach Münster im Goms VS. Den 24. August 1987 werden die Bewohner wohl nie vergessen: Damals wälzten sich 30'000 Kubikmeter Schlamm und Geröll durch das Vorzeigedorf. Der Dreck ist längst weggeräumt, geblieben sind aber die Sorgen um das instabile Tobel unterhalb des Minstigergletschers: Innert 40 Jahren hat sich der Eispanzer über der steilen Schlucht völlig zurückgezogen und viele Tonnen loses Material freigelegt. Starker Regen könnte Abrisse verursachen.

Der Rhonegletscher schrumpft
Von Münster ist es nicht mehr weit hinauf zum Furkapass, vorbei an der Frontseite des Rhonegletschers - dem Schweizer Vorzeigegletscher schlechthin. «Der wird auch immer kleiner», murmelt der Fotograf, der das Eisfeld in den letzten Jahren verschiedentlich abgelichtet hat. In mächtigen Sturzbächen schiesst das Wasser aus dem Gletscher, und die Geröllhänge an den Rändern werden immer höher.

Im Schnitt haben die Schweizer Gletscher seit 1850 rund einen Drittel ihrer Ursprungslänge und des Volumens eingebüsst. Dieser Rückgang entspricht einem Eiswürfel mit einer Kantenlänge von 3,2 Kilometern - schlechte Aussichten für das frisch herausgeputzte Hotel Belvedère am unteren Rand des touristisch attraktiven Rhonegletschers.

Gefährliches Zelten am Fluss
Letzte Station der Klimareise ist ein idyllisch gelegener Campingplatz am Ufer des Medelser Rheins bei Disentis GR. Das Terrain liegt nahezu auf Flusshöhe, geschützt nur durch ein paar Brechsteine. Teile des Platzes stehen denn auch immer wieder unter Wasser. Das scheint ein paar unentwegte Camper nicht abzuschrecken: Sie haben ihre Zelte direkt am Flusslauf aufgeschlagen. Dabei zeigt ein Blick auf die Hangseite gegenüber auch noch mehrere Murganggerinne. Ausserdem hat der Katastrophensturm Vivian im Februar 1990 die meisten Bäume an der Talflanke wegrasiert. Jetzt drohen bei Starkregen Rutschungen.

«Es braucht zumindest einen Alarmplan, um den Zeltplatz notfalls evakuieren zu können», fordert Josef Sauter, Raumplaner aus Chur und wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Nationalen Forschungsprogramm «Klimarisiken und Naturkatastrophen». Die bestehenden Gefahrenzonenpläne beurteilt er als unzureichend. Immerhin: Eine Erweiterung des Campingplatzes hat die Kantonsregierung vorerst abgelehnt. Zudem muss die Gemeinde Disentis ihre Nutzungsplanung anpassen. Heisse Zeiten im herbstlich-kühlen Graubünden.

Wissenswertes zum Klimawandel

  • Stephan Bader, Pierre Kunz: Klimarisiken - Herausforderung für die Schweiz, Schlussbericht NFP 31; vdf Hochschulverlag, 1998, 78 Franken.

  • Beat Glogger: Heisszeit - Klimaänderungen und Naturkatastrophen in der Schweiz; vdf Hochschulverlag, 1998, 48 Franken.
  • «Auf den Spuren des Klimawandels»: Wissenswertes zum Klimawanderweg in Pontresina und Samedan. Die Broschüre gibt’s für 15 Franken bei den Verkehrsvereinen, der Academia Engadina und beim WWF.
  • CD-ROM: Climate Effects; vdf Hochschulverlag, 1998, 68 Franken.
  • Videokassette VHS: Die Klimaverschwörung - ein Wissenschaftskrimi; vdf Hochschulverlag, 1998, Fr. 39.90.

Sturmwarnung für die Schweiz
Die globale Erwärmung hat drastische Folgen für die Schweiz - die Krisenszenarien der Klimaforscher.

Weitgehend einig sind sich die Experten des Nationalen Forschungsprogramms «Klimarisiken und Naturkatastrophen» darin, dass momentan zwei Entwicklungen zusammentreffen: der Treibhauseffekt und eine natürliche Phase der Erderwärmung. Die Folgen für die Schweiz: - In 100 Jahren werden drei Viertel der heutigen Alpengletscher verschwunden sein.

  • Schuttlagen oberhalb von 2400 Metern, bisher vom Bodeneis festgehalten, werden locker. Es entstehen Murgänge von bisher unbekanntem Ausmass.
  • Auf der Alpensüdseite nehmen heftige Niederschläge markant zu.
  • Winterliche Sturmtiefs vom Typ Vivian werden häufiger.
  • Die Nullgradgrenze steigt und verkürzt die Schneeperiode. Statt dessen regnet es mehr, was die hohen Wasserstände in Gewässern auf die Zeit von April bis Oktober ausdehnt.
  • Auch die Saison für Murgänge und reissende Wildbäche verlängert sich.
  • Sind die Schweizer Skigebiete nur noch über 1500 Meter schneesicher, muss der Wintertourismus mit jährlichen Einbussen von 2,3 Milliarden Franken rechnen.
  • Hochwasser, Murgänge und Stürme werden Kosten von mehreren hundert Millionen Franken verursachen. Vor allem auch, weil Wohnbauten und Infrastrukturen immer häufiger in heiklen Zonen stehen.
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