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KrankenkasseDer Gemeinderat klingelt bei den Armen

Stephanie Züger und Sepp Bruhin
Gelebte Sozialhilfe: Stephanie Züger und Sepp Bruhin. Bild: Martin Rütschi

Im Kampf gegen unbezahlte Prämien geht Schübelbach SZ neue Wege. Der Fürsorgepräsident schaut persönlich vorbei.

von Andrea Haefelyaktualisiert am 2017 M10 12

Wenn Prämien unbezahlt bleiben, können die Krankenkassen den Verlust auf die Gemeinde überwälzen. In Schübelbach SZ sind das derzeit 374'000 Franken. «Das ist viel Geld für einen Ort mit 9000 Einwohnern», sagt CVP-Gemeinderat Sepp Bruhin. «Wir könnten es gut für anderes brauchen.» Man habe daher schon 2016 die säumigen Zahler angeschrieben, ihnen hinterhertelefoniert, gar mit Anzeigen gedroht. Doch nur 3 der rund 100 Betroffenen reagierten.

Diesmal wollte man in Schübelbach genauer wissen, wer die Krankenkasse nicht zahlt – und wieso. Die Nachforschungen ergaben: Von 114 säumigen Zahlern hatten 80 kein Gesuch für Prämienverbilligung eingereicht. 50 hatten nicht einmal eine Steuererklärung ausgefüllt. Doch ohne Steuerveranlagung gibt es auch keine Prämienverbilligung.

Erst sind die Leute misstrauisch

«Wir kamen schriftlich und telefonisch nicht an die Leute heran», sagt Bruhin. «Und so beschlossen wir, persönlich vorbeizugehen.» Fürsorgepräsident Bruhin wurde dabei begleitet von der pensionierten Treuhänderin Stephanie Züger.

Zuerst seien die Leute jeweils misstrauisch gewesen, doch sobald sie die Worte «Krankenkassenprämien» und «helfen» hörten, habe sich das geändert. Stefanie Züger füllte dann zusammen mit den Betroffenen die Anträge und die Steuererklärungen aus.

«Die meisten versuchen mit aller Kraft, ihr Leben allein zu meistern, ohne Hilfe der Gemeinde und Fürsorge», sagt Sepp Bruhin. «Sie chrampfen und wursteln sich durch, so gut es geht. Aber sie sind massiv überfordert.» Wie der rumänische Mann, der seine Familie als taglöhnender Eisenleger durchbringt – mit im Schnitt 2600 Franken im Monat. 

Oder die Mutter mit drei Kindern, die Vollzeit arbeitet, weil der Mann krank ist. Sie fährt jeden Tag drei Stunden mit dem öffentlichen Verkehr und verdient 2700 Franken pro Monat. 

«Als Gemeinderat muss ich diesen Leuten doch helfen – ungeachtet jeder politischen Ausrichtung», sagt Bruhin. «Diese Working Poor sind eine regelrechte Schattengesellschaft und haben bereits abgehängt. Wir müssen dringend schauen, dass wir sie auffangen und ihnen ein würdiges Leben ermöglichen. Sonst verlieren wir sie als Wutbürger an extreme Parteien – wie in Deutschland, in den USA oder auch bei uns.»

Nicht nur für die Betroffenen, auch für Schübelbach zahlt sich der Einsatz von Sepp Bruhin und Stefanie Züger aus: Bereits in 50 Fällen wurden Prämienverbilligungen gesprochen. Die Gemeinde wird damit schon über 300'000 Franken sparen.

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Reto Stauffacher, Online-Redaktor

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