Stolz zeigt Wolfgang Bulla, Chef des Stadtzürcher Krematoriums Nordheim, eine der unauffälligsten Baustellen der Schweiz. Unter zwei von sieben Öfen des europaweit grössten Krematoriums werden derzeit riesige Filteranlagen eingebaut. Ziel der millionenteuren Arbeiten: den übermässigen Quecksilberausstoss zu reduzieren. Denn das bei Zahnreparaturen eingesetzte Amalgam zersetzt sich bei über 700 Grad unter anderem in Quecksilber. Dieser Stoff – einmal via Kamin in die Umwelt abgegeben – verschmutzt den Boden für Jahrzehnte.

Darum wurde im «Nordheim» vor anderthalb Jahren einer von sieben Öfen mit einem Rauchgasfilter ausgerüstet. Messungen hatten gezeigt, dass die Luftschadstoff-Grenzwerte konstant überschritten wurden – und zwar um bis das Zehnfache, weiss Anton Stettler vom Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft (Buwal).

Betreiber legen sich quer
Aus dem Kamin in die Umwelt geblasen, setzt sich das Schwermetall rund um die Krematorien ab. Jahrzehntelang hatte keine der schweizweit 27 Anlagen einen Filter gegen die giftigen Abgase eingebaut, weil die entsprechende Technologie fehlte.

Doch jetzt gibt es sie, und darum will das Buwal die seit 1986 gültigen Grenzwerte endlich durchsetzen. Selbst wenn man die gesetzlichen Übergangsfristen grosszügig auslegt, müssten theoretisch seit zehn Jahren sämtliche Schweizer Krematorien eine Filteranlage haben. In Wirklichkeit sind erst drei von 58 Öfen (Zürich, Basel, Lugano) damit ausgerüstet. In Zürich werden derzeit zwei weitere Öfen umgebaut, und auch in Aarau laufen die Arbeiten.

«Innert zweier Jahre», sagt Anton Stettler vom Buwal, sollten zumindest die grossen Krematorien saniert sein. Doch das ist wohl nur ein frommer Wunsch: Die Mehrheit der Krematoriumsbetreiber sperrt sich gegen die Auflagen oder zumindest gegen die Fristen. Er finde die Luftreinhaltevorschriften «aufgebauscht», sagt etwa Rudolf Ehrenberg, Präsident der Genossenschaft Luzerner Feuerbestattung. Es gebe grössere Umweltsünder als die Krematorien. «Ich fürchte, dass die Deutschschweiz wieder mal vorbildlich handelt und in der Romandie nicht viel passiert», sagt Ehrenberg. Ohnehin wäre es gescheiter, kein Amalgam mehr zu verwenden – dann löse sich das Problem von selbst.

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Diese Haltung sei zwar populär, aber falsch, erklärt Fredy Spieser von der Bodenschutzfachstelle des Kantons Zürich. Er hat Mitte der neunziger Jahre nachgewiesen, dass sich in den Böden rund um die Krematorien des Kantons Zürich viel mehr Quecksilber abgelagert hat als anderswo. Hochrechnungen zeigen, dass die Quecksilberkonzentration in den Böden noch etwa 35 Jahre lang weiter steigen wird, und zwar ungeachtet der Tatsache, dass sich immer weniger Leute ihre Zahnschäden mit Amalgam reparieren lassen.

Der Grund ist simpel: Immer mehr Leute werden nach ihrem Tod kremiert statt erdbestattet (siehe Kasten). Und pro Einäscherung fallen statistisch gesehen rund drei Gramm Quecksilber an. Allein das Krematorium Winterthur – wegen seiner veralteten Gasöfen ohnehin umstritten – verteilt jährlich 1,1 Kilogramm Quecksilber durch den Schornstein in die Umgebung. Für eine gleich grosse Verschmutzung müsste man mehr als 1100 Fieberthermometer achtlos wegwerfen.

Auch Albert Frölich, Umweltchef der Stadt Bern, widerspricht der Kritik aus Luzern: «Verglichen mit Schwellenländern ist Quecksilber hierzulande tatsächlich kein Problem. Trotzdem können wir nicht einfach nichts unternehmen, denn auch kleine Dosen können langfristig gefährlich wirken.» Das Schwermetall gelangt in die Nahrungskette, was im Extremfall zu Vergiftungen führen kann. Ausserdem können die Böden unfruchtbar werden.

Gleichwohl bestätigt eine vom Schweizer Verband für Feuerbestattung durchgeführte Umfrage die weit verbreitete Gleichgültigkeit: Ein Drittel der Krematorien hat sich laut den unter Verschluss gehaltenen Resultaten «noch nicht mit dem Thema befasst», darunter sogar die beiden erst vor kurzem gebauten Anlagen in Seewen SZ und in Sitten VS. Und ein weiteres Drittel hat noch keinerlei Abklärungen getroffen, wie der Missstand zu beheben ist.

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Leichentourismus floriert
Es gebe kein System, das das Quecksilber zu 100 Prozent filtert, begründet Heinz Billeter, Betriebsleiter des Krematoriums Seewen, die abwartende Haltung. Stimmt. Im Krematorium Nordheim in Zürich werden «lediglich» 99 Prozent zurückgehalten. Doch das reicht längstens, um die Grenzwerte einzuhalten und jede gesundheitliche Gefährdung auszuschliessen.

«In der Schweiz gibt es keine Fachleute auf diesem Gebiet», wendet Peter Saxer als Präsident des Schweizer Verbands für Feuerbestattung ein, «wir sind auf Experten aus dem Ausland angewiesen.» Saxer bestätigt aber, dass sich sein Verband nicht eben vehement für die Sanierungen einsetzt: «Wir haben beim Buwal interveniert, um die Sanierungen zu verhindern, denn wir glauben, dass die Quecksilberbelastung verglichen mit den Kehrichtverbrennungsanlagen gering ist. Wir sind jedoch nicht durchgedrungen und haben uns gefügt.»

Theoretisch könnten zwar die Kantone jene Krematorien schliessen, die ihre Öfen nicht sanieren. Doch einzig der Kanton Aargau hat eine verbindliche Sanierungsfrist verfügt. Mindestens neun Kantone haben sich noch nicht einmal bei den Krematoriumsbetreibern gemeldet und das Thema schubladisiert.

Die lasche Haltung hat neben Platzproblemen und denkmalschützerischen Fragen in alten Gebäuden vor allem mit Kosten zu tun. Knapp eine Million Franken verschlingt der Einbau eines Rauchgasfilters. Fast alle Krematorien melden ihrem Verband: «Finanzierung nicht gesichert.» Die Kosten schlagen auf die Einäscherungspreise durch, die sich manchenorts fast verdoppeln werden. Über die Folge wird in der Branche nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen: «Leichentourismus». Der makabere Begriff meint, dass einige Gemeinden versuchen, ihre Toten nicht im nahe gelegenen, sondern im billigeren Krematorium einäschern zu lassen – auch wenn dies zu Lasten der Umwelt geht. In der Westschweiz und im Tessin sei das bereits Realität, munkeln Brancheninsider. Aber auch einige Deutschschweizer Ortschaften haben sich bereits diskret auswärts nach billigeren Tarifen erkundigt.

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Um diese Entwicklung zu stoppen, wurde auf gutschweizerische Art eine Arbeitsgruppe «Emissionsminderung bei Krematorien» eingesetzt: Sieben Chefs von Luftreinhalteämtern und ein Vertreter der Krematoriumsbranche sollen jetzt Lösungen austüfteln. Vor genau einem Jahr gegründet, fand die erste Sitzung erst im letzten November statt. Und der Präsident der Arbeitsgruppe, der Stadtberner Umweltschutzchef Albert Frölich, glaubt persönlich nicht daran, dass noch vor Sommer 2001 ein «Entwurf für eine Empfehlung» zustande kommt. Ob es die Krematorien noch im 21. Jahrhundert schaffen werden, den Empfehlungen auch Taten folgen zu lassen, bleibt offen.