Die Beamten der Zürcher Drogenfahndung und der Bezirksanwaltschaft sprechen kein Albanisch. Den Dolmetscher hätten sie sich für die Einvernahme von Enver T. trotzdem sparen können. Die drei Wörter, die der Kosovo-Albaner bei den Befragungen unablässig wiederholte, verstehen die Fahnder mittlerweile bestens: «Nuk e di!» Ich weiss nicht.

Entsprechend frustriert ist der Zürcher Bezirksanwalt Renato Walty: «Was wir da machen, hat mit einer Untersuchung nicht viel zu tun. Wir stossen auf die sprichwörtliche Mauer des Schweigens.» Dennoch ist es der Zürcher Bezirksanwaltschaft und der Drogenfahndung mit Hilfe der italienischen Polizei gelungen, den Dealerring zu knacken, für den Enver T. als Kurier gearbeitet hatte. Bei der Grossaktion «Sippe» wurden innerhalb von drei Jahren 98 Personen festgenommen. Die Fahnder beschlagnahmten fast 300 Kilogramm Heroin, 7 Kilo Kokain, 1,2 Millionen Franken Bargeld, Wertsachen und Waffen.

Ein beachtlicher Erfolg. Doch Strafrechtsprofessor Marcel Niggli von der Universität Freiburg kann darüber nur müde lächeln. «Das ist doch nur ein winziger Fisch. Die Gefahr, die uns von der organisierten Kriminalität droht, liegt sicher nicht in der offensichtlichen Delinquenz auf der Strasse.»

Nach Schätzungen der Uno erwirtschaften kriminelle Organisationen weltweit über 600 Milliarden Dollar Reingewinn pro Jahr. Allein in Italien wird der gesamte Umsatz der «industria del crimine» auf etwa 15 Prozent des gesamten Brutto-Inlandprodukts geschätzt.

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Auch die Zahlen rund um den aktuellen russischen Schmiergeldskandal, bei dem die Regierung um Boris Jelzin ins Gerede kam und an der die Tessiner Firma Mabetex sowie die russisch-schweizerische Finanzgesellschaft Andava beteiligt sein sollen, sind beeindruckend: Seit 1991 wurden offenbar zwischen 100 und 150 Milliarden Dollar von Kriminellen, Politikern und Geschäftsleuten illegal ausser Landes geschafft.

Angesichts der enormen Geldsummen wird klar: Die relevanten international tätigen Organisationen haben vor allem eines gemeinsam. Sie müssen astronomische Geldsummen legal reinvestieren, um operationsfähig zu bleiben. Und genau hier droht die eigentliche Gefahr, insbesondere für die Schweiz.

Schweiz dient als logistische Basis
Die wirklichen Mafiosi in der Schweiz benehmen sich nicht wie Filmgangster aus Hollywood, sondern wie respektable Geschäftsleute. So landen Gelder aus Drogen- und Menschenhandel im Finanz- und Bankensektor, in legal wirtschaftenden Unternehmen oder im Wertpapierhandel.

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Die wirklich gefährlichen Gruppen in der Schweiz lassen weitgehend die Finger von der schmutzigen Basiskriminalität, weiss der St. Galler Jurist Christof Müller, einer der führenden Kenner der Materie: «Gruppen, die neben der Gewinnmaximierung auch noch einen gewissen politischen Machtanspruch haben – etwa die südamerikanischen Kokainkartelle oder italienische und russische Organisationen –, benutzen die Schweiz vor allem als logistische Basis. Zum Beispiel für die Geldwäscherei und für Waffenbeschaffung sowie als Ort für Treffpunkte und Vermittlungstätigkeiten, für ärztliche Betreuung oder ganz einfach als Rückzugs- und Ferienland.»

Dabei schätzen diese Organisationen laut Lagebericht des Bundesamts für Polizeiwesen (BAP) vor allem die gute Infrastruktur und – welche Ironie – das hohe Mass an öffentlicher Sicherheit in der Schweiz.

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Die Strukturen sind nicht fassbar
Derweil schlagen sich die Schweizer Ermittler mit «gewöhnlicher» Bandenkriminalität herum. Vor allem Drogen- und Waffenhandel sind gemäss aktuellem BAP-Lagebericht in den Händen kleinerer Organisationen. Für den Basler Staatsanwalt Beat Voser ist aber klar: «Das ist allenfalls Kanonenfutter. Zwar gibt es Anzeichen, dass hinter dieser Bandenkriminalität grosse organisierte Strukturen stehen – allein schon wegen der Unmengen von Nachschub und der grossen Mengen von Diebesgut, die ja irgendwo wieder umgesetzt werden müssen. Aber an diese Strukturen kommen wir einfach nicht heran.» Auch der Zürcher Bezirksanwalt Renato Walty räumt ein: «Das ist ein Fass ohne Boden. Egal, was wir machen: Man kann kaufen, was und so viel man will.»

Die Gruppierungen aus Nordalbanien, Mazedonien und dem Kosovo, die derzeit unter dem Sammelbegriff «Albanermafia» in aller Munde sind, sind nur die neusten Mitspieler auf dem Feld der organisierten Kriminalität. Der Zusammenbruch des sozialistischen Staatensystems hat ein ideales Umfeld zur Bildung neuer krimineller Organisationen geschaffen. Allein die Moskauer «Solntsevskaya» – sie geriet letztes Jahr durch den Genfer Prozess gegen ihren angeblichen Boss Sergei Michailow in die Schlagzeilen – verfügt laut Bundespolizei über ein weit verzweigtes Netz von Finanzunternehmen und Firmen, mit denen die Einnahmen aus dem Handel mit Drogen, Menschen, Waffen und geraubten Kunstgegenständen «gewaschen» werden. Und die Solntsevskaya ist nur eine von etwa 200 in Westeuropa aktiven russischen Organisationen.

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Die «Produkte- und Dienstleistungspalette illegaler Unternehmungen ist kaum noch überschaubar», sagt der St. Galler Mafiaexperte Müller. Neben der klassischen Basiskriminalität wie Vermögensdelikten, Drogen- und Waffenhandel, Gewaltverbrechen, Erpressung und Prostitution haben die kriminellen Organisationen ihr Tätigkeitsfeld enorm ausgedehnt.

Wenn Armutsflüchtlinge massenweise nach Westeuropa oder in die USA geschleppt werden, verdienen daran kriminelle Organisationen mit. Und zwar doppelt und dreifach. Laut Karoly Racz, dem Leiter der Kriminalabteilung des ungarischen Innenministeriums, werden die Flüchtlinge bei der Einreise oft als «Lastesel» für Drogen, Waffen oder Falschgeld missbraucht.

Weil sich die meisten Flüchtlinge die Schleppergebühren zwischen 1000 und 50000 Franken nicht leisten können, müssen sie ihre Schulden mit illegaler Arbeit abstottern. Sei es mit Drogenhandel, Prostitution, Schwarzarbeit, organisiertem Versicherungsbetrug, Fahrzeugdiebstahl oder mit der illegalen Entsorgung von Sondermüll. Und überall verdienen die mafiösen Organisationen mit. Laut dem BAP-Lagebericht über organisierte Kriminalität stehen zurzeit allein 194 Firmen mit Schweizer Sitz in Kontakt mit der russischen Mafia. Ausserdem räumt der Bericht ein, dass weitere Organisationen aus Italien, den USA, Kanada, Mexiko, Kolumbien, Kroatien, Brasilien, dem Libanon, Albanien und der Türkei hierzulande aktiv sind. Dennoch konnten im Verlauf der letzten zehn Jahre nur gerade 36 grosse Fälle der organisierten Kriminalität zugeordnet werden.

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Den Fahndern fehlen die Mittel
Der damalige Uno-Generalsekretär Boutros Boutros-Ghali sagte schon 1994: «Das transnationale Verbrechen gefährdet die Demokratie, und keine Gesellschaft bleibt vor den Mächten der Finsternis verschont.» Auch die Schweiz nicht. «Aus unseren mangelhaften Erkenntnissen», so der Basler Staatsanwalt Beat Voser, «kann man natürlich schliessen, dass es bei uns kein organisiertes Verbrechen im grossen Stil gibt. Oder man kann mutmassen, dass diese Strukturen bereits so gut organisiert sind, dass sie mit unseren Mitteln schon unangreifbar sind.»

Besonders ärgert sich Voser darüber, dass die wenigen effizienten Ermittlungsinstrumente, die ihm zur Verfügung stehen, durch aktuelle technologische und wirtschaftliche Entwicklungen zunehmend wertlos werden: «Trotz neuen Gesetzen wie etwa dem Geldwäschereiartikel werden wir immer hilfloser. Mit den neuen Möglichkeiten zum unkontrollierbaren Geldtransfer via Internet und mit der Liberalisierung des Telekommunikationsmarkts werden uns die einzigen Fahndungsinstrumente aus der Hand geschlagen.»

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Ein Beispiel: Bei der Aktion «Sippe» wurde eine kleine Gruppe von Leuten überwacht, die über einen kurzen Zeitraum sage und schreibe 28 Natels und 52 verschiedene SIM-Karten einsetzten. 100000 Franken kostete es die Beamten, in diesem Natelwirrwarr den Uberblick zu behalten – Dolmetschergebühren und zusätzlicher Personalaufwand nicht eingerechnet.

«Wenn man als Ermittler darüber lamentiert, heisst es, das sei eben der freie Markt», sagt Voser. «Die beteiligten Firmen und Behörden müssen sich schon die Frage gefallen lassen, ob sie wirklich so sträflich dumm sind oder absichtlich das organisierte Verbrechen begünstigen.»