Vier Stunden im Bett gelegen und dabei 300 Franken verdient: Auch so kann das Studentenleben aussehen. Zwar hing der Unterarm von Hari Baumann während der ganzen Zeit des Medikamentenversuchs am Universitätsspital Zürich an verschiedenen Schläuchen und Drähten, doch Beschwerden hatte er keine. «Bloss der Katheter, der in die Armschlagader eingestochen worden war, drückte etwas unangenehm.»

Menschliche Versuchskaninchen werden an Anschlagbrettern von Unis und Spitälern immer gesucht. Bereits zum fünftenmal stellte der 27-jährige Medizinstudent Hari seinen Körper als Forschungsobjekt zur Verfügung. «Vor allem, weil ich so in kurzer Zeit viel Geld verdiene.»

Tests an Menschen sind nötig
Seit den grausamen Experimenten der Nationalsozialisten an KZ-Insassen haben Versuche mit Menschen einen fahlen Beigeschmack. Aber eine Gesellschaft, die nicht auf Medikamente verzichten will, muss solche Tests in Kauf nehmen.

Bevor ein Präparat in der Apotheke verkauft werden darf, durchläuft es – stark vereinfacht – mehrere Stufen. Nach Untersuchungen im Labor wird es zuerst an Tieren erprobt. Dann werden die Wirkungen an einer kleinen Zahl gesunder Personen getestet. Darauf werden sie an Patienten erprobt, die an der eigentlich zu bekämpfenden Krankheit leiden. Natürlich immer vorausgesetzt, die vorherigen Ergebnisse waren positiv.

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Ist diese Prozedur beendet, werden die Resultate an die Interkantonale Kontrollstelle für Heilmittel (IKS) eingereicht. Sie prüft die Ergebnisse, registriert das Medikament und gibt es für den Markt frei.

Auch nach der Markteinführung wird oft an Gesunden weitergetestet, beispielsweise, um mehr über Nebenwirkungen zu erfahren. So auch bei dem Versuch, an dem Hari Baumann mitmachte. Die Abteilung Kardiologie des Zürcher Universitätsspitals wollte so mehr darüber herausfinden, wie das Medikament Viagra in Kombination mit Herzmedikamenten auf die Blutgefässe wirkt.

Die Medikamententests boomen: Allein im vergangenen Jahr fanden in der Schweiz 468 Studien an Menschen statt, ein neuer Höchststand. Immer wichtiger wird deshalb der Schutz der Versuchspersonen.

Die Vorschriften darüber sind in internationalen Richtlinien sowie im «Reglement über die Heilmittel im klinischen Versuch» festgehalten. Wichtig ist etwa, dass die Probanden über den Versuch und über eventuelle Risiken aufgeklärt werden und eine Einwilligungserklärung abgeben.

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Jeder Versuch muss von einer kantonalen Ethikkommission bewilligt werden. In diesen sind mindestens drei Mediziner und drei Laien vertreten. Sie haben zu beurteilen, ob der geplante Versuch ethisch und wissenschaftlich sinnvoll erscheint und ob der Schutz der Probanden gewährleistet ist. In den meisten Kantonen gibt es eine oder mehrere solche Ethikkommissionen, meist an den grossen Spitälern.

Bei der Versuchsperson Hari Baumann am Zürcher Unispital lief alles korrekt ab. Das ist aber nicht immer so auf dem «Pharmastrich», wie man diese Art von Geldverdienen in Studentenkreisen nennt.

Asylsuchende als Testpersonen
Vergangenen Sommer sorgte die Firma VanTX Research AG für Negativ-Schlagzeilen. Die in Basel ansässige Firma betrieb in Basel und in Muttenz BL Prüfzentren. Dort testete sie für Pharmafirmen aus dem In- und Ausland, darunter Novartis und Roche, Medikamente an Menschen.

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Gegen VanTX, die inzwischen Konkurs angemeldet hat, läuft bei der Staatsanwaltschaft Basel-Stadt eine Strafuntersuchung. Der Firma wird vorgeworfen, Testergebnisse gefälscht zu haben. Die über hundert Studien, die VanTX für drei Dutzend Firmen durchgeführt hat, sind vorerst auf Eis gelegt.

Der VanTX wird auch vorgeworfen, sie habe Asyl Suchende als Testpersonen eingesetzt – was gegen die internationalen Richtlinien verstösst. Zudem sollen Testpersonen aus Polen und Estland ungenügend informiert und mangelhaft medizinisch nachbetreut worden sein.

Dass VanTX diese Menschen teils für die Dauer der Versuche in die Schweiz eingeflogen hat, ist nach heutigem Recht nicht verboten. Aber es ist fraglich, ob die Osteuropäer bei den Schweizer Honoraren noch frei in ihrer Entscheidung waren.

Die Untersuchung läuft
Durch den VanTX-Skandal geriet auch jene Ethikkommission, die die Versuche bewilligt hatte, ins Zwielicht: nämlich die Freiburger Ethikkommission GmbH (Feki) in Münchenstein BL, ein Ableger der deutschen «Freiburg Ethics-Commission International».

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Pikant: In der Trägerschaft der Ethikkommission sass auch der Geschäftsleiter der VanTX, Cornelis Kleinbloessem – damit war die vorgeschriebene Unabhängigkeit nicht gewährleistet. Offiziell ist die Kommission beim Kanton Basel-Landschaft allerdings noch immer anerkannt. Die Ergebnisse der VanTX-Strafuntersuchung sollen erst abgewartet werden.

Hans-Peter Graf, Präsident der Feki, die «derzeit in der Schweiz nicht mehr aktiv» ist, weist alle Vorwürfe zurück: «Kleinbloessem fungierte bloss als Geschäftsführer, weil wir für den Handelsregistereintrag eine Schweizer Adresse brauchten.» An einer Sitzung habe er nie teilgenommen.

Dass Versuchspersonen aus dem Ausland eingeflogen wurden, wusste Graf: «Aber das ist international üblich.» Auch dass die Versuche nicht korrekt durchgeführt wurden, ficht ihn nicht an. «Eine Ethikkommission muss nur im Vorfeld über die Versuche entscheiden, danach sind die Auftraggeber verantwortlich.»

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Das Kontrollsystem ausgetrickst
Aber auch die sind überzeugt, alles richtig gemacht zu haben. Conrad Engeler vom Verband Interpharma, der auch Novartis und Roche vertritt: «Wir haben sofort reagiert und die Versuche gestoppt.»

Ebenso finden die zuständigen Behörden beider Basel sowie die IKS, sie hätten sich korrekt verhalten. Der komplizierte Regelungswirrwarr müsse aber dringend verbessert werden, fordern sie.

Die VanTX habe es eben «schlau gemacht», sagt Jean-Christophe Meroz von der IKS, in deren Auftrag momentan eine externe Expertengruppe die Lehren aus dem Skandal ziehen soll.

Für Andreas Schuppli vom Sanitätsdepartement Basel-Stadt zeigt der Fall VanTX: «Das heutige Kontrollsystem mit unterschiedlichen kantonalen Regelungen kann man austricksen.» So holte sich VanTX für ihre Tests in Basel die Bewilligung bei der Feki in Münchenstein BL. «Und die war viel larger als die Ethikkommission am Kantonsspital Basel. Zudem ist eine Ethikkommission, die als GmbH organisiert ist und rentieren muss, ein Widerspruch in sich.» Für Schuppli ist klar: «Es fehlt derzeit an Kontrollinstrumenten mit Biss.»

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Der Sozialethiker Alberto Bondolfi lehrt an der Uni Zürich und sitzt in einer Zürcher und einer Aargauer Ethikkommission. Auch er sieht Handlungsbedarf.

«Die Ethikkommissionen müssen Teil der öffentlichen Verwaltung werden.» Problematisch findet er zudem, dass meist unentgeltlich gearbeitet wird. «Pro Versuch muss ein Mitglied über 300 Seiten lesen – das geht nicht so nebenbei in der Arbeitszeit.» Aber auch fachlich müssten sich viele Mitglieder noch verbessern. Mit der IKS hat er nun Kurse organisiert, die Abhilfe schaffen sollen.

Ein schwacher Trost: Die Schweiz ist nicht das einzige Land, das sich mit einer griffigen Regelung der Medikamentenversuche schwer tut. Vor wenigen Monaten deckte die «New York Times» auf, dass in den USA zahlreiche Patienten von ihren Ärzten dazu gedrängt wurden, bei Medikamententests mitzumachen – ohne zu wissen, dass die Doktoren dafür saftige Prämien von den dankbaren Pharmakonzernen einstreichen konnten.

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Hoffen aufs neue Heilmittelgesetz
Immerhin sind rechtliche Verbesserungen unterwegs. In der Wintersession soll das neue Heilmittelgesetz (HMG) im Nationalrat behandelt werden. Damit sollen für die Medikamentenkontrolle nicht mehr die Kantone, sondern der Bund zuständig sein. Ein eidgenössisches Heilmittelinstitut soll die IKS ablösen. Die betreffenden Normen sollen vereinheitlicht und vereinfacht werden. Klar geregelt sind im Heilmittelgesetz die Stellung der Ethikkommissionen und der Schutz der Versuchspersonen, die bisher bloss in Reglementen festgehalten waren.

Ausserdem forderte der Basler SP-Ständerat Gian-Reto Plattner bereits vor einem Jahr den Bundesrat auf, die zahlreichen Ethikkommissionen zu koordinieren und ein «Gesetz betreffend medizinische Forschung am Menschen» zu schaffen.

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Bei den Beratungen im Parlament könnte einer auch eigene Erfahrungen einbringen. Franceso Cavalli, sozialdemokratischer Tessiner Nationalrat und Arzt, hat sein Medizinstudium unter anderem auch durch die Teilnahme an Medikamententests finanziert. «Da ging man hin, schluckte etwas und bekam fünfzig Franken auf die Hand.» In den sechziger Jahren sei die Probandeninformation eben noch kein Thema gewesen: «Da läuft es mir heute kalt den Rücken herunter.»