War da etwas? Oder doch nicht? Sausten nur die Ohren? Ein Patient hatte den Arzt Hans Loosli* mitten in der Nacht aus dem Bett geläutet. Jetzt war er wieder daheim, und irgendwas stimmte nicht in seinem Haus. Noch heute kann er das in jener Nacht Erlebte kaum beschreiben. «Man hört es, und hört doch nichts; da ist etwas, und es ist doch nichts.»

Loosli hatte ein ungutes Gefühl und glaubte, ein dumpfes Brummen zu hören. Vom dunklen Vierwaldstättersee hinter der Gartenböschung war nichts zu vernehmen. Fieberhaft suchte der Arzt im ganzen Haus nach einer laufenden Maschine. Nichts.

Kaum aus den Ferien zurück, hörte und spürte auch Ehefrau Beatrice Loosli die Veränderung. «Ich hatte das Gefühl, draussen auf der Strasse stehe ein Auto mit einem Motor, der nicht rund läuft», sagt sie. Je kälter das Wetter, desto schlimmer. Je feuchter der Boden, desto schlimmer. Die Quellensuche im eigenen und im angebauten Nachbarhaus blieb erfolglos.

Der Verdacht richtete sich nun auf die Liegenschaft gegenüber. Dort, in ebenso exklusiver Lage direkt am See, war in den letzten Monaten ein prächtiges Doppel-Einfamilienhaus entstanden. Dem Architekten und Besitzer Erhard Haudenschild teilten die Looslis ihre Sorgen mit. Sie befürchteten, dass eine Schwingung über den Fels unten in ihr Haus dringt.

Anzeige

«Besonders störend wirken sich dieses Brummen und Grollen sowie die damit verbundenen Schwingungen und leichten Erschütterungen nachts aus», schrieben sie. Das führe dazu, ergänzte Arzt Hans Loosli, «dass der Schlaf in gesundheitsschädigendem Sinn beeinträchtigt wird». Doch Bauherr Haudenschild, ein liberaler Kantonsparlamentarier mit Hobby «Ökologie», wehrte ab. «Die Geräusche und Vibrationen können unmöglich von unserer Liegenschaft stammen.» Auch die Wärmepumpe, die vom Seewasser ein paar Grad Celsius abzweigt und in die Radiatoren leitet, schloss er als Quelle aus: «Sie entspricht den Lärmschutzvorschriften.»

Das Dröhnen macht schwindlig

Doch für die Arztfamilie Loosli wurde ihr 25 Jahre altes Traumhaus schier unbewohnbar. Mutter Beatrice flüchtete nachts vom Schlafzimmer hinauf ins Wohnzimmer und bald weiter in den Estrich. «Als ich es dort nicht mehr aushielt, schlief ich in der Arztpraxis meines Mannes.» Vater Hans zitterten beim Nähen von Wunden häufig die Hände. Und Sohn Beat, einem Elektrotechnikstudenten, fielen die kleinen Bauteile ständig aus den Fingern. An den Wochenenden kehrte er kaum mehr heim und die Eltern suchten immer häufiger Unterschlupf bei Freunden.

Anzeige

Mit dem diffusen Dröhnen, Beben und Kribbeln blieben die Looslis aber allein. Besucher bemerkten nichts. «So etwas spürt man nicht sofort», sagt Beatrice Loosli. «Wenn wir länger fort waren, ging es die ersten drei Tage recht gut erst dann war alles wieder so schlimm wie vorher.» Der Umgangston innerhalb der Familie wurde gehässig, das Klima gereizt.

Dass die Gesundheit litt, erkannten auch die Arztkollegen. Beatrice Loosli klagte über Schwindel mit Brechreiz der Ohrenarzt vermutete, ein Zusammenhang mit Vibrationsgeräuschen sei «sehr wahrscheinlich». Dem Sohn Beat Loosli attestierte ein anderer Arzt ein Kribbeln «zunächst in den Beinen, vor allem im Sitzen und Stehen, im Bett liegend am ganzen Körper; dazu gesellten sich Muskelverspannungen und Muskelkrämpfe, Schwindel und Ubelkeit».

Nun mussten Zahlen her. Die Familie beschloss, das Brummen und Vibrieren zu dokumentieren. Eine erste Schallmessung eines privaten Büros war wenig hilfreich. Als mögliche Lärmquellen geortet wurden zwei 40 und 100 Meter entfernte Strassenlampen sowie die Ölheizung im angebauten Nachbarhaus. «Ausgeschlossen» sei jedoch eine Lärmübertragung von den Wärmepumpen im Neubau.

Anzeige

Auch die Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) entlastete den neuen Nachbarn im exklusiven Doppelhaus. Sie fand kaum Lärm und Vibrationen, vermutete als mögliche Quelle aber die Heizungs- und Warmwasseranlage im angebauten Nachbarhaus.

Für Looslis war diese Version nach 25 Jahren stiller Nachbarschaft jedoch ausgeschlossen. Seltsam mutet der Rat der Empa an, wie das Ärgernis zu bekämpfen wäre: «Installation einer künstlichen Rauschquelle oder eines Zimmerbrunnens, sodass ein Dauergeräusch erzeugt wird, das die Störung verdeckt.»

Ein banales Experiment brachte doch noch ein Ergebnis. Mit geschärften Sinnen sass die Familie Loosli in ihrem Haus, während ein Elektromonteur die Stromzufuhr zum neuen Doppelhaus in unregelmässigen Abständen dreimal ein- und ausschaltete. Looslis nebenan reagierten prompt. In seinem Protokoll hielt der Monteur fest: «Diese Vorgänge wurden im Nachbarsgrundstück jedesmal festgestellt und mir jeweils nach 60 bis 90 Sekunden korrekt telefonisch mitgeteilt.»

Anzeige

Flucht vor den Erschütterungen

Bestätigt fühlten sich die Geplagten nach einer zweiten Vibrationsmessung. Innert zwei Messwochen registrierte ein Ingenieurbüro über 50 für Menschen fühlbare Erschütterungen. Doch für Architekt Erhard Haudenschild zählte dieses Resultat nicht: «Das Empa-Gutachten hat unsere Wärmepumpen als mögliche Quelle ausgeschlossen», betont er noch heute und beharrt darauf. Vor der Messung hatten die zerstrittenen Nachbarn nämlich eine Vereinbarung unterzeichnet: «Die Parteien anerkennen das Resultat des Gutachtens als verbindlich.»

Hans Loosli sah nur noch einen Ausweg: «Uns blieb nichts anderes übrig als eine Zivilklage wegen übermässiger Immissionen einzureichen.» Das Leben im geliebten Seehaus war unerträglich geworden. Looslis mieteten im Dorfzentrum eine 3-Zimmer-Wohnung. «Die ständige Belastung war zu gross geworden», erzählt der Sohn. Anderthalb Jahre dauerte das Exil.

Anzeige

Erfreut war Hans Loosli, als sich der Gerichtspräsident um einen Lokaltermin bemühte. «Ich sollte ihm mitteilen, wenn ich das Geräusch und die Vibration bemerkte es könne auch mitten in der Nacht sein.» Das war es dann auch: Morgens um vier fuhr der aus dem Bett geholte Richter vor, stand fünf Minuten im Treppenhaus und fällte sein Urteil: «Ein Heulüfter.»

Doch später im Entscheid des Bezirksgerichts hiess es: Der Gerichtspräsident habe «keine der vom Kläger behaupteten Immissionen wahrgenommen». Und: «Die Klage wird abgewiesen.» Das Empa-Gutachten sei von beiden Seiten anerkannt worden es gebe keinen Hinweis auf «einen gravierenden Fehler».

Als «grob fahrlässiges Urteil» taxierte die Familie Loosli diese Niederlage und gelangte ans Kantonsgericht. Doch dieses kam in einem reinen Aktenentscheid zum gleichen Resultat: «Die Berufung wird abgewiesen und das angefochtene Urteil bestätigt.» Erstaunlich bleibt, wie locker die Richter das erfolgreiche Experiment mit dem Ein- und Ausschalten des Stroms vom Tisch wischten: Dieser Test liefere «keine annährend gesicherten Daten», argumentierten sie.

Anzeige

Und jetzt? Das Haus verkaufen? «Wir haben hin und her überlegt, andere Häuser angeschaut und einen Ausweg gesucht», sagt Hans Loosli.

Am Ende blieben sie «wegen der wunderbaren Lage». Dafür rückten die Bauexperten an. Sie isolierten und beschwerten die Aussenwand, belegten die Terrassen mit Platten und zogen im Garten eine zwei Meter tiefe Mauer in den Boden. Die Taktik: dem Haus mehr Masse geben und die Schwingung in den Boden ableiten.

Die 3-Zimmer-Wohnung ist gekündigt, die Familie ist zurück im Haus. «Jetzt geht es einigermassen», sagt Beatrice Loosli. Nur ab und zu ist das seltsame Gefühl zurück. In zwei Jahren geht der Arzt in Pension, dann will er vielleicht doch wegziehen. «Es ist nicht mehr wie früher.»

Das Buwal plant Richtlinien

Auf dem Tisch liegt ein Zeitungsartikel. «Buwal plant Richtlinien gegen lästige Körpervibrationen», verkündete die Presse im Frühsommer. Ein Schweizer Grenzwert für Erschütterungen fehlt. Dies, obwohl die Zahl der Quellen und der Betroffenen ständig zunimmt. Die Experten des Bundesamts für Umwelt, Wald und Landschaft (Buwal) nennen als mögliche Ursachen Strassen, Bahnen, Industrie und Gewerbe, Baustellen oder Hausinstallationen.

Anzeige

Jetzt plant das Amt «verlässliche Aussagen über die Auswirkungen von Erschütterungen auf den Menschen». Als Symptome erwähnen die Experten Unwohlsein, Schlafstörungen, Magenbeschwerden oder Konzentrationsstörungen. Die Vibration werde von den Opfern häufig empfunden «wie Lästigkeit oder das Gefühl, gestört zu werden». Hans Loosli legt den Artikel beiseite. «Gut beschrieben», sagt er, «genau so ist es.»