Kleider und ein paar Fotos - das ist alles, was Familie Dos Santos am 25. April dieses Jahres in drei Koffern am Flughafen Kloten durch den Zoll trägt. Von diesem Moment an ist die bisherige Heimat für Alberto und Karina Dos Santos Vergangenheit. Ihre Zukunft sehen sie im Herkunftsland von Albertos Grossvater. 1928 wagte der Walliser Bauer Kirino Zeiter das Abenteuer Auswanderung, in der Hoffnung auf ein wirtschaftlich besseres Leben. Seine Frau und er verliessen die Gemeinde Lalden bei Visp, kamen nach einer langen Überseereise im Schiff in Argentinien an und steuerten den Norden des Landes an, die tropische Region Misiones, in der sich in der Zwischenkriegszeit mehrere tausend Schweizer Auswanderer niederliessen.

Acht Kinder brachte die Frau zur Welt. Nach ihrem Tod heiratete Zeiter eine Argentinierin und wurde weitere 16 Mal Vater. Albertos Mutter ist aus dieser zweiten Ehe. Wie sie selbst haben auch ihre fünf erwachsenen Kinder - Mario, Alberto, Sergio, Lilian und Romina - den Schweizer Pass. Aber das Land, dessen Bürger sie sind, kannten sie nur aus Zeiters Erzählungen. Bis sie sich selber auf den Weg machten, eines nach dem anderen. Sie kamen mit derselben Hoffnung, die ihren Grossvater 80 Jahre zuvor in umgekehrter Richtung den Ozean überqueren liess: der Armut zu entfliehen.

Alberto ist der Letzte des Dos-Santos-Clans, der den Sprung gewagt hat. Er wollte das Land seines Grossvaters schon kennenlernen, als er noch ein Kind war - die Geschichten von den Menschen, Bergen und Tieren im Wallis faszinierten ihn. Seine Geschwister hatten ihm in den letzten Jahren Bilder aus der neuen Heimat geschickt, allerdings nicht aus dem Wallis, sondern aus Zürich und Umgebung.

Darauf sah er die vertrauten Gesichter und schöne, grüne Natur. Aber nichts bereitete den 38-Jährigen und seine Frau Karina, 33, auf das vor, was sie hier tatsächlich antreffen würden, im Frühling dieses Jahres: grosse Häuser, viele Menschen und kleine Züge, die auf Schienen durch die Stadt fahren. «Bei uns gibt es keine Trams», sagt er, «auch Trolleybusse habe ich zum ersten Mal gesehen. Und diese Häuser…» Alberto und Karina hatten sich die Schweiz so vorgestellt, wie sie sie auf den Postern gesehen hatten, die in der Wohnung des Grossvaters hingen. «Kühe, Berge, Schnee. Und Chalets - darin wohnen die Menschen, haben wir gedacht.»

Die 1.-August-Feiern in ihrer Gemeinde Ruiz de Montoya, einer Kolonie mit vielen Nachkommen von Schweizer Auswanderern, hatten bestens mit den Posterbildern harmoniert: «Der Nationalfeiertag ist immer ein tolles Fest bei uns», schwärmt Karina, «einige tragen Schweizer Trachten, es gibt Raclette und volkstümliche Musik. Auch Musiker aus der Schweiz sind schon angereist, mit diesen langen - genau, Alphörnern!» Dass die Realität, zumindest in Zürich, etwas anders aussieht, stört die junge Familie indes nicht: «Am beeindruckendsten finde ich, wie gut alles organisiert ist, die Pünktlichkeit, die fleissigen Menschen.» Darin erkennt sich Alberto wieder: Die Freude an der Arbeit, glaubt er, habe er von seinem Grossvater geerbt.

Einsprachige Doppelbürger
Die Arbeit ist auch der Hauptgrund, weshalb die Familie hergekommen ist. Alberto ist Allrounder. Als Bauer, Gärtner und im Baugewerbe war er schon tätig, «aber es gibt bei uns kaum Jobs, und selbst wer einen hat, verdient so wenig, dass es kaum fürs Essen reicht». Hier, so hofft er, «finden wir beide eine Stelle - ich als Gärtner oder auf dem Bau, Karina in der Reinigung. Auto fahren, in einer schönen Wohnung leben, für unser Kind eine gute Ausbildung», das sei ihr Ziel, ihre grosse Hoffnung. «In Argentinien gehörten wir zur Mittelschicht, aber die Inflation machte uns arm. Die Milch kostete an einem Tag plötzlich das Zehnfache des Vortages. Und das Geld ist immer weniger wert. Wer kann, geht.»

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Der Exodus aus dem einst wohlhabenden Einwandererland Argentinien erreichte in den letzten Jahren seinen Höhepunkt: Das Finanzsystem kollabierte im Jahr 2001 komplett, die nachfolgende Wirtschaftskrise gilt zwar als überwunden, aber viele Argentinier bleiben arm. Tausende verlassen das Land. Die meisten gehen nach Spanien oder Italien, je nachdem, wo ihre Vorfahren her sind. Spanischstämmige haben gegenüber den mehreren hundert Schweizern, die seit der Krise ins Land ihrer Ahnen zurückgekehrt sind, einen grossen Vorteil: Sie verstehen die Sprache der neuen, alten Heimat.

Wie die meisten Argentinier mit Schweizer Wurzeln spricht der Doppelbürger Alberto Dos Santos kein Wort Deutsch. «Meine Mutter hatte als Kind zu Hause mit dem Grossvater zwar noch ‹Schwiizertüütsch› gesprochen, aber seit der Heirat mit einem Argentinier nicht mehr.» Auch die Mutter ist mit ihrem Mann in die Schweiz gekommen, 2005. 53 Jahre alt war sie da - zu alt für eine schnelle, unkomplizierte Integration, wie Alberto sagt: «Ihr fehlte der Mut, die Sprache wieder neu zu lernen. Sie war viel zu Hause und fühlte sich isoliert. Nach einer Weile gingen sie zurück, obwohl mein Vater Arbeit gefunden hatte.»

Der unschweizerische Kühlschrank
Zusammen mit den Eltern war auch Albertos kleine Schwester Romina in die Schweiz gekommen. 15 Jahre war sie alt und anfangs nicht begeistert, vor allem, weil sie sich mit niemandem ausser ihren Familienmitgliedern unterhalten konnte. «Ich bin eine Frau, die gerne viel spricht. Am Anfang, wenn ich Schweizer kennenlernte, schämte ich mich für mein gebrochenes Deutsch», sagt die heute 18-Jährige in nahezu perfektem Deutsch. In der Integrationsklasse lernte sie auch ein bisschen Serbisch - «wegen meiner Kolleginnen». Zu Schweizern hat die Schweizerin weniger Kontakt. «Ich finde, sie sind recht zurückhaltend.» Hierzubleiben, als ihre Eltern nach Argentinien zurückkehrten, war für Romina keine einfache Entscheidung. «Aber es war nur schon der Ausbildung wegen vernünftiger. In Argentinien hätte ich nur in einer entfernten Stadt studieren können. Dort hätte ich ein Zimmer gebraucht - was sich meine Familie aber nicht hätte leisten können.»

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Jetzt wohnt sie bei ihrem älteren Bruder Sergio, 37, und seiner Frau in Zürich-Affoltern. Auch sie sind vor drei Jahren gekommen. In Argentinien war Sergio Schulbuschauffeur und Sicherheitsangestellter. Seine Wohnung liegt im sechsten Stock eines Betonblocks, der die ganze Nachbarschaft überragt. Im Wohnzimmer mutet alles unauffällig schweizerisch an - bis auf den stattlichen Kühlschrank. «Der ist mit Fleisch gefüllt», sagt Romina und lacht: «Sergio vermisst die argentinischen Grilladen.»

Rückkehrerfamilien müssen - wie alle Migranten - bei null anfangen: rausfinden, wie hier das Leben funktioniert, von den behördlichen Angelegenheiten über das Schulwesen und den Verkehr bis zur Frage, wo man günstig einkaufen kann. Sozialarbeiter stehen ihnen beratend zur Seite. Glücklich können sich jene schätzen, die Familienmitglieder haben, die bereits in der neuen Heimat Fuss gefasst haben, wie es bei Alberto Dos Santos der Fall ist.

Der Schweizer Pass hilft den Rückkehrern: Sie haben dieselben Rechte wie alle Schweizer. Sie können - theoretisch - vom ersten Tag an arbeiten, abstimmen und sich ohne Umstände überall im Land niederlassen. Den Pass haben jedoch nur jene, deren Grosseltern oder Eltern es nicht versäumt haben, sie beim Schweizer Konsulat im Auswanderungsland anzumelden. Die mitgereisten Ehegatten bleiben Ausländer.

Städte werden bevorzugt
Bevor Sergio Dos Santos und seine Frau nach ihrer Ankunft in Zürich eine Wohnung fanden, lebten sie sechs Monate lang in der Familienherberge Rieterstrasse, einem von zwei Häusern des Sozialdepartements für obdachlose Familien. In den städtischen Familienherbergen Rieterstrasse und Haus Tanne sind rund 40 Prozent der Bewohner Nachfahren von Schweizern, die einst ausgewandert sind. «Sie kommen mit nichts als ihren zwei oder drei Koffern, und die meisten sprechen kein Wort Deutsch», sagt Marc Schrammek, Leiter der Familienherbergen. Ihre Zahl nehme zu. Dass Rückkehrer mehrheitlich in Zürich oder Genf Arbeit und Wohnung suchen, ist für ihn logisch: «In den Berggemeinden, aus denen viele der Vorfahren stammen, hätten sie kaum Chancen, Arbeit zu finden und sich zu integrieren.»

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Die Familienherberge Haus Tanne liegt ab vom Schuss. Die nächste Haltestelle ist jene der Postautos, die stadteinwärts bis Zürich-Wiedikon fahren. 21 Zimmer zählt das ehemalige Altersheim. In jedem stehen Betten mit Metallrahmen, ein Schrank, ein kleiner Tisch. Die Küche und der Raum mit den Kühlschränken - für jede Familie ein eigener - befinden sich im Keller. Dort sitzt an einem Donnerstagmorgen um sieben Uhr die Familie Esquivel-Krohn beim Frühstück: die 31-jährige Sandra, ihr Gatte Antonio, 25, die neunjährige Tochter Marina und der fünfjährige Sohn Esteban. Sie stammen aus Paraguay. Am 18. Februar 2008 sind sie in der Schweiz eingetroffen, im Gepäck Kleider, Fotos, ein Architekturbuch und Tee von zu Hause.

Zwischen den Kulturen
Die Familie Esquivel-Krohn ist wie Familie Dos Santos mangels Perspektiven im eigenen Land in die Schweiz «zurückgekehrt». Vor einem Jahr haben sie sich entschieden, diesen Schritt zu wagen. Neben der Korruption sei auch in Paraguay die Arbeit das grösste Problem, sagt die Hochbauzeichnerin: «Selbst wer eine hat, bleibt arm.» Und ihr Mann ergänzt: «Wenige haben viel, viele haben wenig. Und dazwischen gibt es praktisch nichts.» Wer wie sie eine zweite Staatsbürgerschaft habe, der gehe. «Viele Häuser stehen mittlerweile leer. Die meisten wandern nach Spanien aus - oder nach Argentinien.» Denn in Paraguay sei die Lage noch schwieriger als im südlichen Nachbarland.

Sandras Urgrossvater hiess Gysin und kam aus Basel. Wann genau er nach Paraguay auswanderte, kann sie nicht rekonstruieren, aber es muss in den zwanziger Jahren gewesen sein. Seine kürzlich verstorbene Tochter war die Mutter von Sandras Vater. Dass Sandra so gut Deutsch spricht, verdankt sie aber der Grossmutter mütterlicherseits: «Sie war Deutsche und sprach kein Spanisch.» In Paraguay lebte auch Sandras Familie in einer Kolonie von Auswanderern, Hohenau heisst sie. Die Doppelbürgerin erinnert sich an deutsches Essen, deutsche Gottesdienste, deutsches Bier - ja sogar das Oktoberfest gibt es in Hohenau. Aber auch Schweizer Jodel hat sie gehört, Fondue gegessen und im Radio Nachrichten aus der Heimat ihres Urgrossvaters gehört.

In Kolonien fühle man sich wie zwischen zwei Welten, sagt Sandra: «Unsere Mentalität ist anders als die der Paraguayaner. Wir sind wohl kopflastiger, die Arbeit hat einen höheren Stellenwert.» Eine komische Welt sei das, findet sie selber, «man fühlt sich weder der einen Kultur noch der anderen richtig zugehörig». So ist denn auch in der Schweiz alles ganz anders, als sie es sich vorgestellt hatte, lauter zum Beispiel: «In Paraguay lebt durchschnittlich eine Person pro Quadratkilometer. Es ist sehr ruhig.»

Sie wollen zehn Jahre bleiben, mindestens, vielleicht für immer. Tochter Marina geht bereits zur Schule, Sohn Esteban in den Kindergarten. Um ihre Integration machen sie sich keine Sorgen. Rösti, Cervelat, Spätzli, Raclette - alles gut Schweizerische hat Sandra schon gekocht, ohne Rezept, wie sie betont. Eine Wohnung haben sie aber - trotz täglichen Besichtigungen, trotz Schweizer Pass - noch nicht gefunden. Arbeit auch nicht. Aber die Familie wird sich durchzubeissen wissen - Sandras Vorfahren hatten es schliesslich auch nicht leicht, als sie einst in der Ferne neu anfangen mussten.

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Rückkehr: Hilfe für Auslandschweizer

668'107 Schweizer Staatsangehörige lebten Ende 2007 im Ausland. Die Mehrheit davon - 71 Prozent - sind Doppelbürger. Nach den grössten Auswanderungsdestinationen Frankreich, Deutschland, Italien, USA und Kanada folgt schon bald Argentinien. 15'061 Schweizer waren 2006 dort registriert, in Paraguay 1342.

Wer im Ausland in Not gerät, kann beim Fachbereich Sozialhilfe für Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer (SAS), der dem Bundesamt für Justiz untergestellt ist, Unterstützung beantragen (siehe «Weitere Infos»). Dasselbe gilt für jene Auslandschweizer, die beabsichtigen, in die Heimat zurückzukehren, die Reisekosten aber nicht selber tragen können. 2007 unterstützte SAS 441 Fälle im Ausland und 141 Heimkehrende mit total rund 4,6 Millionen Franken.

Rund 20'000 Auslandschweizer kehren jährlich in die Schweiz zurück, laut Ariane Rustichelli von der Auslandschweizer-Organisation (ASO) sind dies vor allem selber Ausgewanderte, «ihre Nachkommen bleiben meistens im Ausland». Auch die ASO hat einen Fonds zur Unterstützung von Auslandschweizern; in Argentinien lebenden Doppelbürgern hat die Organisation vor allem in den Krisenjahren 2002/2003 mit kleinen Beträgen geholfen.

Rückkehrer können frei wählen, in welcher Schweizer Gemeinde sie sich niederlassen. Für die Unterstützung bei der (Re-)Integration ist dann diese Gemeinde zuständig. Die Rückkehrer müssen sich innert acht Tagen bei der Einwohnerkontrolle der Wohngemeinde anmelden. Arbeitsvermittlung bietet ausserdem das Bundesamt für Migration an (siehe «Weitere Infos»).

Weitere Infos

  • Alles rund um finanzielle Unterstützung bedürftiger Auslandschweizer durch den Bund: www.bj.admin.ch
  • Seite des Bundesamts für Migration, nützliche Infos zur Rückkehr sowie Arbeitsvermittlung für Rückwanderer: www.swissemigration.ch
  • Die Auslandschweizer-Organisation berät Auslandschweizer und setzt sich auf politischer Ebene für deren Interessen ein. Ausserdem organisiert sie jährlich stattfindende Lager für Schweizer Kinder und Jugendliche, die im Ausland leben: www.aso.ch
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