Die Zigis als Muntermacher beim nächtlichen Wachtdienst, ein paar Stangen Bier im Ausgang und der Joint am Sonntagabend beim Einrücken. Im Juli beginnt die Sommer-Rekrutenschule – willkommen im Sündencamp für junge Männer.

Immer wieder sorgen die Soldaten für Schlagzeilen. So kam es Anfang April im Bahnhof Birmensdorf ZH zwischen acht betrunkenen Rekruten zu einer Prügelei. Und Mitte Mai blieben in Mels SG 16 von 17 Soldaten einer Festungs-RS in einer spontan angeordneten Urinprobe hängen – sie hatten Cannabis konsumiert.

Den Höhepunkt aber lieferten, ebenfalls im Mai, sechs Aspiranten einer Festungstruppen-Offiziersschule: Sie wurden kurz vor der Beförderung zum Leutnant als Kokser und Kokainhändler entlarvt – und sofort suspendiert. Einer aus dem Sextett goss noch Öl ins Feuer: «Mindestens ein Drittel der Kompanie hätte entlassen werden können, wenn alle Kokainkonsumenten erwischt worden wären», sagte der 21-jährige Thomas gegenüber «L’Hebdo».

Aspiranten als Kokser – wie peinlich, hatte doch Heerchef Jacques Dousse vor zwei Jahren in einem offenen Brief versucht, die künftigen Offiziere in seinen Kampf gegen Drogen einzubinden: «Helfen wir mit, das Problem in den Griff zu bekommen – wir als Chefs!» Die Soldaten, so Dousse, müssten «sauber» sein.

Die jungen Männer erleben das Militär immer mehr als stressig und belastend. Der Griff zum Suchtmittel wird zur persönlichen Therapie. 1999 wurden Rekruten danach befragt, was sie vor und während der RS konsumierten. Die Zahl der Biertrinker stieg von 88 auf 92 Prozent, die Raucherquote blieb mit 58 Prozent auf hohem Niveau stabil, und die Anzahl Kiffer sank von 38 auf 29 Prozent.

«Spiegel der Gesellschaft»
Daraus schliesst Peter Bolliger, der Chef des Psychologisch-Pädagogischen Dienstes (PPD) der Armee, «dass die Rekrutenschule offenbar nicht der Einsteiger für Drogen ist». Die meisten Männer seien lang vor der RS mit den Suchtmitteln konfrontiert. Ähnlich äusserte sich Wehrminister Samuel Schmid im Nationalrat: «Die Milizarmee ist ein Spiegel der Gesellschaft.»

Mag sein. In den Umfragen nicht erhoben wurde jedoch die konsumierte Menge pro Person. Und wer sich bei Militärroutiniers umhört, kommt zum Schluss: Der Soldat raucht, kifft und trinkt meistens mehr als der Zivilist. Ein Indiz dafür, dass das Problem zunimmt, sind die Disziplinarfälle in den Rekrutenschulen. Von 100 Straffällen betrafen im Jahr 2000 noch 27 den Drogenmissbrauch. Ein Jahr später stieg die Quote auf 40 von 100 Disziplinarstrafen.

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Mit der geplanten Armee XXI dürfte sich die Lage noch verschärfen. Denn die RS wird von heute 15 auf 18 oder 21 Wochen ausgedehnt. Den Rekruten bringt das drei bis sechs Wochen mehr Stress. PPD-Chef Peter Bolliger betont lieber die positive Seite: «Die längere Dauer gibt uns mehr Zeit für die Prävention.» Das Angebot soll ausgebaut und verbessert werden.

Auf Anfrage des Schulkommandanten präsentiert der PPD heute den Rekruten einen Armeefilm über den neuen Alltag im Militär, den Umgang mit Belastungen. Die Botschaft: Man kann den Stress destruktiv mit Suchtmitteln abtöten – oder sich konstruktiv kleine Freuden in der Freizeit gönnen und Nischen suchen wie zum Beispiel lesen, ein Hobby pflegen, Sport treiben, Musik hören. Oder sich aktiv über den Dienst informieren statt auf Befehle zu warten. Der Film sei gut, sagt Peter Bolliger, der Anlass aber «eine anonyme Grossveranstaltung». In Zukunft sollen zusätzlich speziell ausgebildete Mediatoren mit Gruppen von Rekruten zusammensitzen und das Gespräch suchen.

Bereits steht ein neues Gespenst am Horizont: die Legalisierung weicher Drogen. Kiffende Soldaten auf Panzern? Das werde es nicht geben, versichert Bundesrat Samuel Schmid. Während der Dienst- und Arbeitszeit werde «wie beim Alkohol ein generelles Konsumverbot gelten».

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