Aspettiamo. Warten wir mal ab.» Maurizio Pizza, der junge Inhaber des Restaurants Pinocchio im Zentrum von Bodio, hegt keine grossen Erwartungen. In den kommenden Monaten wird die Grossbaustelle für den Gotthard-Basistunnel errichtet, gleich am Dorfeingang. Das bringt dem Wirt vermutlich mehr Umsatz. Aber damit rechnen? Nein. «Wenn etwas kommt, nehme ich es gern. Aber ich richte meine Geschäftsstrategie nicht darauf aus.»

An der Bar steht Nicola Beffa, Stammgast von Pizza. Auch er macht sich keine Illusionen. «Das grosse Geschäft mit den Alptransitmilliarden machen andere», sagt er. Die Runde lokaler Handwerker, die im «Pinocchio» beim Feierabendbier sitzt, nickt: «Internationale Konsortien bekommen die grossen Aufträge, und uns bleiben die Brosamen – wenn überhaupt.»

Auch Piergiorgio und Maria Grazia Mauri, die ein paar Schritte von Pizzas Beiz entfernt eine Metzgerei führen, haben für das Stichwort Alptransit nur ein müdes Lächeln übrig: «Von diesem Tunnel wird schon seit Jahrzehnten geredet. Wir hoffen nur, dass er tatsächlich kommt.»

Natürlich möchten auch sie profitieren – falls er kommt, der Tunnel. «Doch wer sagt uns, dass die Arbeiter nicht in Kantinen essen, die von auswärts beliefert werden?» Oder – noch schlimmer – «aus einer Kultur, in der gar kein Fleisch gegessen wird»? Dass der Alptransiteffekt in Bodio mehr sein soll als Staub und Lärm, glauben die Mauris frühestens, wenn der erste Arbeiter bei ihnen Salami kauft.

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Bodio bleibt misstrauisch
Die Skepsis in Bodio ist gross. Gut 1000 Einwohner hat das Dorf, und jetzt blickt es dem Bau des längsten Eisenbahntunnels der Welt entgegen. Doch Freudenschreie sind hier nirgends zu hören.

Das kontrastiert auffällig mit den grossen Hoffnungen, die Tessiner Politiker in der Öffentlichkeit wecken. Dank Alptransit bleibe das Tessin am Puls des europäischen Verkehrssystems, was für die Wirtschaft in der italienischen Schweiz von fundamentaler Bedeutung sei.

Das ist Balsam für die Ohren des Publikums. Auch in Bodio: Keine fünf Jahre ist es her, seit Von Roll die Schliessung der Stahlhütte Monteforno in Bodios Nachbargemeinde Giornico anordnete. 330 Arbeiter verloren die Stelle; das Industriezeitalter in der Nordtessiner Talschaft lief de&Mac222;nitiv ab. Monteforno wurde zum regionalen Trauma und zum landesweit bekannten Symbol der Tessiner Wirtschaftskrise.

Die Folgen sind bis heute zu spüren: Familien wanderten ab, Schulklassen wurden geschlossen, und viele der meist über 50-jährigen Monteforno-Arbeiter sind immer noch arbeitslos. Der Versuch, das Von-Roll-Gelände als Industriepark wiederzubeleben, scheiterte kläglich. Heute verlieren sich eine Hand voll Kleingewerbler auf dem riesigen Areal, ein paar Ecken werden als Materialdepots benutzt – und im Untergrund lauert eine Altlast: Der von der Stahlproduktion verschmutzte Boden wurde nie entgiftet.

Da gibt die Megabaustelle für den Alptransit natürlich neue Hoffnung. «Klar», sagt Franchino Sonzogni, der Gemeindepräsident von Bodio, «die Baustelle wird Bewegung ins Dorf bringen, es gibt neue Arbeitsplätze, die Geschäfte und Restaurants können ihren Umsatz steigern.» Aber Illusionen macht er sich keine. Und er hat dafür auch ein Beispiel parat: «Kürzlich hat ein älterer Erwerbsloser an einer Informationsveranstaltung gefragt, was ihm Alptransit an Arbeitsmöglichkeiten anbieten könne. Aber auf der Neat-Baustelle braucht es fast nur speziell ausgebildete, leistungsfähige Arbeiter.»

Romano Rossi, Gemeindepräsident in Bodios Nachbargemeinde Pollegio, versucht solchen Enttäuschungen vorzubeugen. Der Berufsschullehrer ist bereits vor Jahren nach Nordfrankreich gereist, um anhand des Tunnels unter dem Ärmelkanal die fachlichen Anforderungen auf modernen Grossbaustellen zu studieren. Mit Berufskollegen und Sozialpartnern hat er ab 1997 Fortbildungskurse entwickelt, um Arbeitslose und Baufachleute «alptransittauglich» zu machen. Mit Erfolg: 80 Prozent der arbeitslosen Kursabsolventen hätten bereits vor Beginn der Alptransit-Baustelle einen neuen Job gefunden.

Für viele nur eine leere Hoffnung
Problematisch, sagt Romano Rossi, sei die Situation aber für Leute, die körperlich nicht mehr fit oder ausserstande seien, einer Weiterbildung zu folgen. Für sie bleibe Alptransit eine leere Hoffnung. Erschwerend kommt hinzu, dass sich viele Leventinesi in den letzten Jahren darauf verlegt haben, vermeintlich sichere Jobs bei den SBB, den PTT, der Armee oder der Bundesverwaltung zu suchen. Arbeitsplätze in Fabriken oder auf Baustellen überliess man Einwanderern. Jetzt, da auch die einstigen Regiebetriebe Stellen abbauen, fehlt «vielen Leuten die unternehmerische Kultur sowie Risikobereitschaft, die nötig wäre, um bei Alptransit Aufträge zu erhalten», sagt Rossi.

Je näher der Baubeginn beim künftigen Südportal rückt, desto stärker wächst das Bewusstsein, das Jahrhundertbauwerk Alptransit könnte für Bodio nach dem Drama um die Monteforno bloss zu einer nächsten Demütigung werden. Rund 500'000 Quadratmeter wird die Baustelle im Grenzgebiet der Gemeinden Bodio und Pollegio während der voraussichtlich zehnjährigen Bauzeit belegen. Staub- und Lärmimmissionen werden die bereits angespannte Umweltsituation verschärfen.

Umwelt wird noch mehr belastet
Nur wenige hundert Meter breit ist das Tal bei Bodio. In dieser Enge sorgt bereits die Gotthardachse auf Schiene und Strasse für einen konstant hohen Lärm- und Luftschadstoffpegel. Und auch die Timcal SA belastet die Umwelt massiv. Sie produziert Graphit für Schmiermittel und Batterien. Der anfallende Feinstaub lagert sich als schwarze Schicht in ganz Bodio auf Fenstersimsen und Wiesen ab.

Die Alptransit AG, Tochtergesellschaft der SBB und Neat-Bauherrin, gibt sich zwar sehr umweltbewusst. Ein aufwändiges Instrumentarium soll garantieren, dass die ökologischen Auswirkungen der Alptransit-Baustelle minimiert werden.

Weit weniger vorbereitet ist man in Bezug auf die sozialen Auswirkungen des Jahrhundertbaus. «Alptransit ist bisher ausschliesslich als bau- und verkehrstechnisches Projekt verstanden worden. Die gesellschaftlichen Konsequenzen blieben ausgeblendet», sagt Daniele Intraina, Direktor der Tessiner Stiftung zur Bekämpfung von Alkoholproblemen. Immerhin hat die Tessiner Kantonsregierung diese Lücke jetzt erkannt und Intraina als Leiter einer Arbeitsgruppe eingesetzt, die sich der Problematik annimmt.

Doch nicht alle haben Grund zum Klagen: Wo viele Männer sind, da ist bekanntlich auch die Prostitution nicht weit. Gleich drei Restaurants an der Kantonsstrasse ausgangs des grauen Nestes Bodio haben sich in kaum verkappte Stundenhotels verwandelt.

Erotik in der Pizzeria
Unten gibt es Pizza und Merlot, im Obergeschoss kann man Liebesdienste ordern. Die Kantonspolizei hat in den fraglichen Lokalen zwar schon mehrere Razzien durchgeführt, sie hat Frauen ohne Aufenthaltsbewilligungen ausgewiesen und die Geranten verhört. Genützt hat dies bisher allerdings gar nichts. In den drei Absteigen läuft das Geschäft munter weiter.

«Die werden ihren Umsatz bestimmt steigern, wenn die Arbeiter für die Alptransit-Baustelle kommen», sagt «Pinocchio»-Wirt Maurizio Pizza. «Wenn das Militär im Dorf ist, kann ich schon heute meine Kunden oft an einer Hand abzählen. Dafür ists dann bei den andern drei rammelvoll.»