Ob seine Eltern und Geschwister noch am Leben sind, weiss Sami Kurteshi nicht. Die jugoslawische Armee hat auch seine Heimatstadt Gjilan im Südosten der Provinz Kosovo überrollt.

«Die Ungewissheit ist kaum zu ertragen», sagt der 39jährige Albaner mit sanfter Stimme. Doch es sei jetzt wichtig, einen kühlen Kopf zu bewahren. «Ich werfe nicht alle Serben in denselben Topf. Ich weiss, was es heisst, pauschal verurteilt zu werden.» Kurteshi erinnert an das Bild des «kriminellen Kosovo-Albaners», wie es noch vor kurzem durch die Medien geisterte.

Versöhnliche Worte eines Mannes, der wegen seines Kampfes für die Unabhängigkeit seiner Heimat gefoltert wurde und sieben Jahre in einem Gefängnis in Serbien sass.

Nach der Haftentlassung 1990 trat Kurteshi dem Menschenrechtsrat in Pristina bei, baute ein Netzwerk von entsprechenden Büros im ganzen Land auf und war Kosovo-Delegierter an den Tagungen der Uno-Menschenrechtskommission in Genf. Als er 1996 erneut vor ein serbisches Gericht zitiert wurde, war für Kurteshi klar, «dass ich aus dem Land fliehen musste».

Heute lebt er mit seiner Freundin in Neuenegg bei Bern, studiert Politikwissenschaften und ist Vizepräsident des Vereins albanischer Auswanderer. In öffentlichen Diskussionen setzt er sich für einen «ehrlichen Dialog» zwischen den zerstrittenen Volksgruppen ein. «Ich mache keinen Unterschied zwischen Serben und Albanern, denn es gibt keinen Unterschied.»

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So bald wie möglich will Sami Kurteshi in den Kosovo zurückkehren und zwischen den Parteien vermitteln. «Mit der Politik der Rache muss Schluss sein», sagt er plötzlich sehr bestimmt. «Es darf auch nicht passieren, dass die Albaner später Gleiches mit Gleichem vergelten und Greueltaten an den Serben begehen.»

Und er hat einen Traum: «Ich wünsche mir, dass viele Exil-Albaner, aber auch andere junge Leute aus ganz Europa, in den Kosovo gehen und beim Aufbau eines demokratischen Staats mithelfen.»