Sprechen Esther Brechbühl und Johny Padua von ihrem Alltag als Pflegefamilie, sagen sie «unser Arbeitsalltag». Beschreiben sie, wie viel Lebenserfahrung sie als Pflegeeltern sammeln, dann bedauern sie, dass es dafür keinen anerkannten Nachweis gibt. Eidgenössisch diplomierte Pflegeeltern – so ein Beruf existiert noch nicht (siehe Box, weiter unten). Aber so sehen sich die beiden. Das ist ihr Selbstverständnis.

«Eine grosse Familie ist etwas Lässiges», sagt Esther Brechbühl. Vier bis sechs Kinder und davon nur die Hälfte leiblich – so stelle sie sich das vor, seit sie denken könne. Sie grinst breit, steckt ihn an, und in dem gemütlichen Wohnzimmer mit dem grossen Holztisch flackert kurz das Glück auf. «In Indien ist eine Familie mit all den Onkeln, Tanten, Cousins immer eine Grossfamilie, immer sind zehn oder zwölf Kinder da», sagt er.

Während eines Auslandsemesters ihres Studiums der Indologie lernte sie ihn kennen – und blieb in Indien. Sie begleiteten einige Jahre den Aufbau eines Kinderdorfs. Heute sind sie diplomierte Heimleiter. Sie gründeten das «Tüftellabor Einstein», eine Freizeit-Werkstatt für Kinder und Jugendliche, und arbeiten nun hauptsächlich an diesem Projekt, Teilzeit, mehr liegt nicht drin. «Pflegeeltern sein ist manchmal harte, anstrengende Arbeit.» Ihr erster Sohn kam in Indien zur Welt. Bevor der zweite kam, kehrten sie in die Schweiz zurück. Jeremy Pavan ist heute 17. Simon Pran 14. Vor zehn Jahren nahmen sie den wenige Wochen alten Andrian als Pflegekind auf, später adoptierten sie ihn.

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Arbeitsvertrag verpflichtet zu Weiterbildung und Supervision

Vor drei Jahren kam Sima als Pflegekind in die Familie. Sie war ein Jahr alt. Der Traum von der Grossfamilie. Aber auch Empörung. Als Teenagerin hörte Esther Brechbühl vom Skandal rund um das Projekt «Kinder der Landstrasse». Die Stiftung Pro Juventute entriss mit Unterstützung der Vormundschaftsbehörden in den fünfziger und sechziger Jahren fahrenden Familien die Kinder. Zu Hunderten. «Ich war so schockiert und wütend. Damals dachte ich: Sollte ich irgendwann in der Lage sein, ein Kind aufzunehmen und es besser zu machen, werde ich das tun.»

Sima also. Vater unbekannt. Ein Schwarzer. Manchmal taucht er auf in Simas Gedanken. «Der andere Vater» – so nennt sie ihn. Sie fragt sich, immer häufiger, wie er aussieht. Dann holt Johny Padua jedes Mal Papier und Malstifte, und zusammen zeichnen sie diesen anderen Vater. Biografiearbeit nennt man das. Die Lücken in der Lebensgeschichte auffüllen. Ein starkes Fundament bauen. «Das ist eine wichtige Aufgabe der Pflegeeltern», sagt Johny Padua. Auch Simas Erinnerungskiste mit Fotos und Spielzeug aus dem ersten Jahr im Heim gehört dazu.

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Über Simas Mutter soll nichts im Beobachter stehen. Einmal im Monat besucht sie Sima. «Sie ist stark genug, ihr Kind in eine Pflegefamilie zu geben», sagt Esther Brechbühl. Pflegekinder kommen meist aus schwierigen Verhältnissen, sind oft traumatisiert. Die Eltern leiden unter Sucht- oder psychischen Krankheiten, leben in sozialer und finanzieller Not. Häufig sind sie schon damit überfordert, die Verantwortung für sich selber zu tragen. «Die gute Beziehung zu Simas Mutter ist uns sehr wichtig», sagt Brechbühl. Alles andere würde Sima in einen schweren Loyalitätskonflikt stürzen.

Sima stibitzt Kekse aus der Küche, spielt unter dem grossen Holztisch schlafender Hund, knallt Türen zu. Man sieht ihr nichts an von der ständigen Verlustangst. «Pflegekinder haben oft ihr Urvertrauen verloren», sagt Johny Padua. «Wir können ihre Erfahrungen nicht ungeschehen machen, das Rad der Zeit nicht zurückdrehen – damit müssen wir leben.» Tausendmal am Tag überprüfe Sima, ob sie noch geliebt werde. Sie sei endlos fordernd, eifersüchtig, wolle überall dabei sein. «Es hört niemals auf. Manchmal bin ich nur noch erschöpft. Dann fängt meine Frau mich wieder auf, und es geht weiter.» Bereut haben sie es nie, da schütteln beide heftig den Kopf und schauen Sima mit einem Lächeln an, das ihre ganze Liebe enthüllt.

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Der Umgang mit der Herkunftsfamilie, mit einem traumatisierten Kind, die Biografiearbeit – wie kriegt man das auf die Reihe? Sozialpädagogin Claudia Ryter macht ein ernstes Gesicht. «Viele unbegleitete Pflegeverhältnisse scheitern daran.» Ryter ist Koordinatorin bei Espoir, einer Organisation, die Pflegeplätze vermittelt und Betroffene begleitet. Auch Esther Brechbühl und Johny Padua wandten sich an Espoir, als sie wussten, dass sie ein Pflegekind wollen.

Das Gespräch mit Claudia Ryter findet im Zug statt. Ständig ist sie unterwegs, besucht Pflegefamilien. Als sie die Arbeitsweise ihrer Organisation erklärt, wird klar: Pflegeeltern sein, so, wie Esther Brechbühl und Johny Padua das betreiben, ist wie eine Arbeitsstelle – mit Bewerbung, Arbeitsvertrag, Pflicht zur Weiterbildung, Mitarbeitergespräch.

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Erst mussten sie einen Fragebogen ausfüllen: Motivation, Religionszugehörigkeit, solche Fragen. Es gab einen Hausbesuch von Espoir-Mitarbeitern, später ein Orientierungsseminar, an dem man sie darüber informierte, worauf sie sich da überhaupt einlassen. Schliesslich nahm Espoir sie in die Kartei auf. Jetzt begann das sogenannte Matching. Welches Kind passt in die Familie? «Bei Sima hatten wir uns überlegt, dass sie wegen ihrer dunklen Hautfarbe gut zur Familie passen würde», sagt Ryter. Espoir organisierte ein Treffen zwischen leiblicher Mutter und Pflegefamilie. «Die Herkunftsfamilie muss unbedingt von Anfang an miteinbezogen werden», sagt Ryter. Die Mutter war zufrieden mit der Wahl.

Esther Brechbühl und Johny Padua sind nun Espoir-Angestellte mit Arbeitsvertrag und einem Lohn von 80 Franken pro Tag, plus Spesen und Nebenkosten. Sie sind zur Weiterbildung verpflichtet, besuchen Kurse mit Titeln wie «Das verletzte Kind – das Kind, das verletzt». Es gibt obligatorische Standortgespräche mit allen Beteiligten: Pflegeeltern, Mutter, Grossmutter, Beistand, Claudia Ryter, jemand von der Vormundschaftsbehörde und – in einigen Jahren – Sima. Esther Brechbühl und Johny Padua nehmen mit drei weiteren Paaren auch an einer Supervision teil. «Pflegeeltern können sich häufig nicht mit Freunden über ihre Kinder austauschen», sagt Ryter. «Sie werden oft nicht verstanden. Und sie unterstehen der Schweigepflicht.» Ryter selbst besucht die Pflegefamilie alle zwei Monate. Sie kontrolliert Simas Entwicklung und berät die Pflegeeltern. «Wir sprechen etwa darüber, wie sie sich gegenüber der Herkunftsfamilie besser abgrenzen können, ohne sie zu verletzten, oder wie sie mit dem schwierigen Verhalten von Sima umgehen sollen.» Und sie regelt die mühsamen Behördenquerelen: «Je nach Gemeinde müssen die Pflegeeltern für jede noch so kleine Ausgabe um Erlaubnis fragen und um die Rückerstattung der Kosten kämpfen.» Da sei sie ein willkommener Puffer.

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Pro-forma-Aufsicht ist noch die Regel

Esther Brechbühl und Johny Padua: die Profi-Pflegefamilie, in der die Rädchen perfekt ineinandergreifen und um die sich ein enges Netz aus Kontrolle und Unterstützung spannt. Der Normalfall ist das nicht. «Die meisten Platzierungen in der Schweiz sind vermutlich unbegleitet», sagt Franziska Frohofer, Vorstandsmitglied der Fachstelle Pflegekinder-Aktion Schweiz. Das ist für die Gemeinden – kurzfristig gesehen – billiger: Das Paar mit Pflegekinderwunsch meldet sich bei der Vormundschaftsbehörde seiner Gemeinde, wird in die Kartei aufgenommen. Dann ist ein Kind da, das dringend einen Platz braucht. Die örtliche Vormundschaftsbehörde kennt das Kind kaum, es kommt aus einer anderen Gemeinde. Trotzdem muss sie abklären, ob es zum Paar passt, ob das Paar sich überhaupt als Pflegefamilie eignet. «Das sind häufig reine Pro-forma-Besuche, damit man den Platz offiziell bewilligen kann», sagt Frohofer. Das Kind zieht bei der Familie ein, und eigentlich wäre seine Herkunftsgemeinde für die Aufsicht zuständig. «Mangels Kapazität und Know-how geschieht das oft in ungenügender Form. Vielleicht gibt es jährlich einen Besuch, wenn überhaupt», sagt Frohofer. «Die Pflegefamilien werden mit ihren Problemen allein gelassen. Bei der ersten Krise sind alle überfordert, und das Kind kommt in eine neue Familie.»

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Esther Brechbühl und Johny Padua: die Ausnahme. Nicht mehr lange vielleicht. Die Professionalität, die sie umgibt, will der Bundesrat nun allen Pflegefamilien und Platzierungsorganisationen vorschreiben. Im Juni hat er seinen Entwurf zur Totalrevision der Pflegekinderverordnung aus dem Jahr 1977 vorgelegt. Bis 15. September war der Entwurf in der Vernehmlassung – und erntete Kritik. Viele befürchten eine Einmischung des Staates in die Privatsphäre der Familie. Eine «Entmündigung des Bürgers» sei diese neue Pflegekinderverordnung, wetterte etwa FDP-Präsident Fulvio Pelli.

Ist das so? Zurück an den grossen Holztisch: «Natürlich ist es eine Einmischung», sagt Esther Brechbühl. Aber es stört sie nicht. Für sie ist das ein Zeichen, dass der Staat die Verantwortung nicht an die Pflegefamilie abschiebt. «Wir brauchen dieses enge Netz aus Kontrolle und Unterstützung um uns herum.» Pflegeeltern müssten bereit sein, ihr Leben transparent zu machen. «Wer das nicht will, soll besser eine Bed-and-Breakfast-Unterkunft eröffnen.»

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Mehr Professionalität im Umgang mit Pflegekindern

Die Pflegekinderverordnung aus dem Jahr 1977 soll total revidiert werden. Im Juni schickte der Bundesrat deshalb einen ersten Entwurf zu einer neuen Verordnung in die Vernehmlassung.

Hauptziel: mehr Professionalität in der Kinderbetreuung. Kernstück der neuen Verordnung sind die Pflegeverhältnisse, also die Umstände, die darüber entscheiden, ob Kinder in ihren Familien ­leben können oder ein neues ­Zuhause brauchen. Neu soll etwa das Kind mehr Mitspracherecht im Platzierungsverfahren erhalten. Ausserdem sollen die Kantone verpflichtet werden, die Kontrolle über das Pflegekinder­wesen wahrzunehmen. Mit speziellen Fachstellen, die einerseits für die ­Platzierung von Pflegekindern zuständig sind, andererseits die Pflegeverhältnisse kontrollieren und begleiten.

Der Entwurf erlaubt den Kantonen, ­die Aufgaben an eine Platzierungs­orga­nisation zu delegieren – wenn ­sie den hohen Anforderungen ­genügt, die der Entwurf vorschreibt. Und in Zukunft braucht es auch für die ­Betreu­ung von Pflegekindern durch Verwandte eine Bewilligung. Bis zum 15. September war der Entwurf in der Vernehmlassung. Die neue Verordnung dürfte in ein bis zwei Jahren in Kraft treten.