Es war eine Räubergeschichte, wie sie selbst im «Tatort» nicht farbiger sein könnte. Michael Felder, Teamleiter beim Sicherheitsunternehmen Zürny AG in Aarau, räumte im Januar einen Geldtransporter seines Arbeitgebers aus. Beute: satte zehn Millionen Franken. Schon wenige Tage später wurde der Täter geschnappt, weil er auf der Reeperbahn mit Geldscheinen um sich geworfen hatte.

Der Fall sorgte nicht nur für Schlagzeilen im In- und Ausland, sondern auch für kritische Fragen nach der Seriosität privater Sicherheitsdienste. Wie ist es möglich, dass ein Wachmann einen solchen Coup landen kann? Wie steht es um Ausbildung und Kontrolle im Sicherheitsgewerbe? Gegenüber dem Beobachter wollte Felders ehemaliger Arbeitgeber dazu nicht Stellung nehmen.

Die Homepage der Zürny AG gibt Einblick in ein Metier, in dem sich viele Selfmade-Unternehmer und Hobbydetektive tummeln. Zwar ist von einer «ausgewählten, topmotivierten Mannschaft» die Rede, die dank «stetiger Schulung» auf einem «hohen Stand des Wissens und des fachtechnischen Könnens» sei. Bei der Rubrik «Ausbildung» heisst es allerdings: «Durch ein vielseitiges Arbeitsprogramm kann der Mitarbeiter an den Aufgaben wachsen.» Oder noch deutlicher: «Learning by doing».

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Das wirft kein gutes Licht auf die Branche. Zumal es sich bei Zürny nicht um einen der vielen Newcomer handelt, die nach kurzer Zeit wieder vom Markt verschwinden, sondern um ein etabliertes Unternehmen. 1986 gegründet, zählt Zürny heute 120 Vollzeitstellen und ist in der Schweiz wie auch im Ausland tätig. Damit gehört die Firma zu den mittelgrossen Anbietern; Branchenführer ist Securitas mit rund 1900 Vollzeitstellen, 290 Millionen Franken Umsatz und einem Marktanteil von 65 Prozent. Insgesamt erzielt das private Sicherheitsgewerbe einen Jahresumsatz von gegen 450 Millionen Franken.

Am grossen Geschäft mit der Sicherheit wollen viele teilhaben: Gut 300 Unternehmen mit über 8000 Beschäftigten zählt die Branche in der Schweiz. Mit Ausnahme einiger Westschweizer Kantone, wo Firmengründungen amtlich bewilligt werden, existieren kaum verbindliche Qualitätsrichtlinien. «Jeder, der will, kann eine Uniform anziehen und einen Sicherheitsdienst gründen», sagt Reto Casutt, Sprecher des Verbands Schweizerischer Sicherheitsdienstleistungs-Unternehmen (VSSU). Der Verband ist vor fünf Jahren gegründet worden – mit dem Ziel, «die Professionalität in der Branche zu sichern und zu fördern».

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Heute zählt der VSSU zehn Mitglieder, darunter Securitas, Protectas, Certas, aber auch das Festungswachtkorps und die päpstliche Schweizergarde. Als Aufnahmekriterien gelten Kontinuität (mindestens drei Jahre Existenz) und die Lohnpolitik; der VSSU hat mit der Gewerkschaft VHTL einen Branchenarbeitsvertrag abgeschlossen. Demnach sollen Vollzeitangestellte mindestens 4000 Franken im Monat verdienen, Teilzeitler mindestens 20 Franken pro Stunde. Reto Casutt weiss von Anbietern, die deutlich tiefere Stundenansätze bezahlen «und entsprechend nur schlecht qualifizierte Leute finden». Fast täglich tauche im Handelsamtsblatt eine neue Firma auf und verschwinde eine andere wieder. «Es gibt einige schwarze Schafe in unserem Business», räumt der VSSU-Sprecher ein.

Fachausweis schafft Klarheit
Deshalb legt der Verband vermehrt Wert auf die Ausbildung der Beschäftigten. Ein Novum stellt der Fachausweis dar, den der VSSU zusammen mit dem Bundesamt für Berufsbildung und Technologie (BBT) letztes Jahr eingeführt hat. Beim VSSU als «Meilenstein» gefeiert, soll der Ausweis «ein gesichertes, hohes Ausbildungsniveau» garantieren und den Berufstitel «Fachmann/Fachfrau für Sicherheit und Bewachung» schützen. Ohne vorgängigen Lehrabschluss werden vier Jahre Praxis verlangt, mit Lehrdiplom zwei Jahre. Die Ausbildung schliesst mit einer Fachprüfung und einem Registereintrag BBT.

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So erfreulich dieser Trend zu verbesserter Kontrolle für die privaten Wachleute sein mag – bei der öffentlichen Polizei löst er wenig Freude aus. Seit Jahren beobachtet der Verband Schweizerischer Polizeibeamter (VSPB) den Boom der privaten Konkurrenz mit Skepsis. Generalsekretär Jean-Pierre Monti zeigt sich «sehr besorgt über die geballte Ladung an privaten Angeboten»: «Wir haben in der Schweiz 16000 aktive Polizeibeamte und bereits halb so viele private Wachleute.» Auf keinen Fall dürfe «die innere Sicherheit noch mehr privatisiert werden», warnt Monti, denn es gehe ums Gewaltmonopol des Staats. Sein Vorschlag: «Es braucht zirka 1000 zusätzliche Kantonspolizisten.»

Dafür aber fehlt es in den meisten Kantonen am Geld; die Polizeikorps konzentrieren sich «aufs Kerngeschäft», wie Monti bedauert. In die Lücke springen immer öfter Private. Tatsächlich werden einst klassische Polizeiaufgaben zunehmend privatisiert – vor allem in den Gemeinden. Und dies hört längst nicht bei der inzwischen vertrauten Kontrolle von Falschparkierern oder Abfallsündern auf.

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Irreführende Beschriftungen
Die Gemeinde Egg ZH etwa hat für alle Polizeiaufgaben seit längerer Zeit eine eigene Polizei, bestehend aus Mitarbeitern einer privaten Sicherheitsfirma, die von der Gemeinde vereidigt werden. Die Firma hatte ihr Fahrzeug mit «Gemeindepolizei» beschriftet, musste die Bezeichnung aber auf Druck der Kantonspolizei durch den neutraleren Begriff «Ordnungsdienst» ersetzen. Im Wallis versieht eine private Wachfirma seit vier Jahren für sieben kleine Gemeinden den Ordnungsdienst; die Bezeichnung «Polizei» auf Fahrzeugen und Uniformen soll sie nun aber auf Druck der Kantonspolizei ebenfalls entfernen.

Diese Entwicklung verweist auf ein Defizit, gegen das der Polizeiverband ankämpft: Die Berufsbezeichnung «Polizist» ist nicht geschützt. Seit 1991 bemüht sich der VSPB, einen eidgenössischen Fachausweis «Polizist/Polizistin» zu schaffen. Die Reglemente würden jetzt vom BBT geprüft, informiert Helmut Schmid, Präsident des Polizeiverbands. Ende Jahr dürfte die Anerkennung abgeschlossen sein. Damit wolle man sich nicht nur gegen die vielen Privatpolizeien zur Wehr setzen, sondern den Kantonspolizisten auch neue Perspektiven öffnen. «Ein Polizist könnte dann wie jeder Elektriker von einem Kanton zum anderen wechseln», sagt Schmid, «was den Markt punkto Mobilität, Qualifikation und Löhne beleben würde.»

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Bis es so weit ist, drängen die Privaten vor. Nicht nur haben diese bereits heute die Möglichkeit, einen Fachausweis zu erlangen; das Gewerbe scheint zudem kaum Grenzen zu kennen, wenn es darum geht, neue Marktlücken zu finden. Jüngstes Beispiel: Ein privater Sicherheitsdienst macht den Gemeinden im Kanton Zürich sein Projekt «Rent-a-cop» schmackhaft. Weil die Kantonspolizei überlastet ist, viele Gemeinden aber keine eigene Polizei gründen können, übernehmen Wachleute von Rent-a-cop im Stunden- oder Tagesansatz den Job. Die Geschäftsleitung von Rent-a-cop führt derzeit Gespräche mit mehreren Gemeinden und hofft, diesen Sommer einen Pilotversuch starten zu können.

Das Brisante am Projekt: Die «Polizeisöldner» werden vereidigt und sollen auch hoheitliche Kompetenzen erhalten – Personen kontrollieren, Festnahmen und Hausdurchsuchungen ausführen, Waffen tragen. Für Jean-Pierre Monti, Sprecher des VSPB, ein Horrorszenario: «Wenn Privatpolizisten auch noch eine Waffe tragen – dann Gott bewahre!»

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