In Au hat die Liebe Hochkonjunktur. Kein anderes Schweizer Dorf hat eine ähnlich hohe Dichte an Bordellen wie der Flecken im Rheintal: Auf 4278 Einwohner zählt man fünf Sexsalons. Unter dem Strich arbeitet etwa ein Prozent der Bevölkerung im horizontalen Gewerbe.

Au ist mit Heerbrugg zur Doppelgemeinde verheiratet und liegt direkt an der Grenze zu Österreich. Ein zurückhaltendes Dorf, behäbig und katholisch. Eigentlich kein Pflaster für Betreiber von Sexsalons.

Bis vor zehn Jahren. Da lag das erste Gesuch um Bewilligung auf dem Pult von Walter Geiger. «Selbstverständlich haben wir es abgelehnt», sagt Geiger. Er war der vorletzte Gemeindepräsident. Der Bordellwirt legte Rekurs ein, der Kanton St. Gallen gab ihm recht. Geiger zog den Fall ans Verwaltungsgericht weiter.

Umsonst. Mehr als «ideelle Emissionen» konnten er und sein Nachfolger Walter Grob bei Gericht nie vorbringen. Doch es reicht nicht, sich auszumalen, was in ­einem Salon abgeht, um den Betrieb ab­zulehnen. Und so eröffnet seit dem Urteil Sexklub um Sexklub, und die Gemeinde erspart sich den Gang durch die Instanzen.

Seit Anfang Jahr amtiert Stefan Suter als Gemeindepräsident. Auch er ist kein Freund der Salons, doch muss er eingestehen, dass es weder mit den Bordellbetreibern noch mit den Frauen noch mit den Freiern Probleme gibt.

Die Dame mit dem Hündchen

Melanie Friedauer verkauft seit Jahren Kafi und Gipfeli in der Bäckerei Nellie. Von den «ideellen Emissionen» hat sie noch nie etwas gehört. Dafür zählen die Damen vom «Haus 45» nebenan und dem «Silvermoon» gegenüber zu ihren Kundinnen. Etwa die Dame mit dem Hündchen. «Die Frauen sind alle sehr nett», sagt Frau Friedauer und fügt hinzu, «und haben schliesslich auch mal Hunger.» Gerade morgens sei ein ständiges Kommen und Gehen, und sie ­sehe «durchaus auch mal bekannte Gesichter». Und wenn man so sehe, was da alles ein und aus geht, denke man sich: «Die armen Frauen! Dann doch lieber WC putzen.»

Frau Friedauer steht mit ihrer Ansicht nicht allein da. Wen man auch fragt, immer heisst es: «Man hört nichts, man sieht nichts, und es ist besser, als wenn sie auf der Strasse stehen.» Andere sagen: Besser Bordelle als Vergewaltigungen oder Kindsmissbrauch. Selbst der örtliche Gemeindeverein, dessen Vorstand sich online in Sennenhemden präsentiert, hat laut Präsident Thuri Messmer keine Mühe mit den Sex­salons und ihren Bewohnerinnen.

Manche sehen darin Vorteile. Etwa ­René Ulrich, ein 33-jähriger Informatiker. Er ist vor ein paar Jahren aus dem Osten Deutschlands zugezogen und holte vor kurzem seine Familie nach. Nun wohnen die Ulrichs in einem gehobenen Neubau neben dem «Studio 45». Für günstig Geld, wie er findet: «Vermutlich drückt die Nachbarschaft auf die Mietpreise.» Gestört fühlt er sich nicht: «Nur einmal habe ich nachts entsprechende Geräusche aus dem Nachbarhaus gehört», sagt er. Und grinst.

Sex diesseits der Grenze, Wetten jenseits

Deutlich katholischer geht es auf der anderen Seite des Rheins zu und her: Vorarlberg ist das einzige österreichische Bundesland, das den Betrieb von Bordellen verbietet. So reist das Gros der Freier in die Schweiz, über den Zoll am Rhein, vorbei an grasenden Schafen, auf den Kreisel zu, wo sich die Zollstrasse mit der Hauptstrasse kreuzt. Manche Firma soll sogar ihre Betriebs­feiern nach Au verlegen, mit anschliessendem Puffbesuch, heisst es.

«Gut die Hälfte unserer Gäste stammt aus Österreich», sagt Meli, eine zierliche, energische Frau mittleren Alters. Sie führt das Studio X quasi als leitende Angestellte. Der Besitzer ist ein Österreicher, der wie Meli aus Bregenz kommt. Dem Gusto der ausländischen Kundschaft wird Rechnung getragen. «Wir haben natürlich auch Vorarlberger Girls, auch weil sich die Kundschaft aus Vorarlberg so mehr zu Hause fühlt.»

Die «Moatle» und die Waschmaschine

Mittagszeit. Draussen brüllt der Verkehr. Nicht so im Studio X. Die «Moatle», wie Meli die jungen Frauen auf Vorarlbergisch nennt, sitzen im kleinen Aufenthaltsraum vor dem Fernseher. Über der spärlichen Arbeitskleidung Strickjacken, an den Füs­sen Wollsocken und Flipflops.

Im oberen Stock läuft die Profiwaschmaschine. Es gibt viel zu waschen in einem sauberen Bordell. Milena, 28, stammt aus Deutschland und arbeitet dank den bila­teralen Verträgen im erleichterten Meldeverfahren 90 Tage im Jahr in der Schweiz. Die Leute im Dorf seien nett, sagt sie, Pro­bleme habe sie noch nie gehabt, weder Anfeindungen erfahren noch Ausgrenzung. Emma aus Ungarn nickt.

Wie in jeder guten Partnerschaft geben auch in der Paarung von Rheintal und Vorarlberg beide Seiten. Au ermöglicht den Österreichern Sex im Puff, Vorarlberg lockt die Schweizer Zocker in Sportwettlokale. Die sind hierzulande verboten.

Kaum hat man den Schlagbaum nach Österreich hinter sich gelassen, wimmelt es von Wettbüros. Viele haben 24 Stunden am Tag geöffnet, 7 Tage die Woche, 365 ­Tage im Jahr. Wie das Wettbüro Star an der Bahnhofstrasse. Gewettet wird auf alles, was sich mit Sport in Verbindung bringen lässt: auf Cricket in Südafrika, auf Darts und auf Snooker, auf die schwedische Feldhockeyliga oder auf einen Fussballcup im fernen China.

In manchen Zockerlokalen stellen die Schweizer 60 bis 70 Prozent der Kundschaft. Sie sind gern gesehene Gäste, denn sie setzen deutlich mehr Geld als die Einheimischen, erklärt eine Angestellte der «Wettbar». Besonders spürbar ist die Einsatzfreude der Eidgenossen in der Hohen­emser Filiale von Cashpoint. Der Wiener Hauptsitz dieser Wettlokalkette will keine Zahlen zu einzelnen Standorten bekanntgeben. Doch eine Angestellte des Hohen­emser Ablegers sagt: «Wir machen hier mehr Umsatz als in allen anderen Cashpoint-Filialen in Österreich.» Und davon gibt es über 50.

2000 Quadratmeter in puffrotem Licht

Mit ebenso vielen Kunden pro Tag rechnet Andreas Tomaschek für sein «Palladium», den jüngsten Zuwachs der Auer Bordell-Landschaft. Es ist das erste Etablissement, das nicht an der Hauptstrasse, sondern im Industriequartier liegt.

Ein Wochentag kurz vor dem Eindunkeln. Tomaschek kommt gerade vom Einkauf im eurogünstigen Österreich: Deko­rationsmaterial für den Klub, der erst vor zehn Tagen eröffnet hat. Es fehlen noch schmückende Elemente, sagt der Chef.

Beworben wird das Lokal, das sich über 2000 Quadratmeter erstreckt, als «Wellness-Oase». Fast wähnt man sich in einem edlen Wellnesshotel, wäre da nicht das puffrote Licht, das gnädig versteckt, dass nicht Leder die Sitzgruppen überzieht, sondern leicht abwaschbares Lederimitat. Und natürlich die halbnackten Frauen.

Dem 50-jährigen Tomaschek sieht man den Bordellbesitzer nicht an. Den üppigen Leib in Jeans und Poloshirt gekleidet, einen Deko-Buddha auf dem Arm, steht er vor seinem Edelpuff wie ein Freier mit einem Geschenk für seine Lieblingsdirne. So weit ist das nicht von der Realität entfernt. «Ich komme zwar nicht aus dem Milieu, habe aber viel Erfahrung als Kunde. Ich besuche solche Etablissements, seit ich 30 bin», sagt er freimütig.

Der Andreas sei in seiner Jugend ein schlanker Mann gewesen, ein richtiger Mädchenschwarm, erzählt eine ehemalige Mitschülerin. Und ein «chronischer Puffbesucher». Nun hat er sein eigenes. «Wir sind aber kein Laufhaus», betont Tomaschek. Es sei ein Ort, wo Männer sich wohl fühlen könnten. Viele Gäste würden einfach ein paar Stunden hier verbringen, bei Zigarren und Kartenspiel, und dann quasi unverrichteter Dinge wieder abziehen.

Die väterliche Fabrik ist nun ein Bordell

Gegenwärtig ist wenig los im «Palladium». Einige der «Damen», wie Tomaschek seine Prostituierten nennt, räkeln sich auf den Liegen. Eine übt an der Pole-Dance-­Stange, die Barfrau poliert Gläser, aus den Boxen hämmert Discomusik.

Tomaschek stammt aus einer Vorarlberger Industriellenfamilie. Der Vater war vor 30 Jahren mitsamt Fabrik nach Au ausgewandert. Man stellte Bauteile für die Textilindustrie her. Vor einigen Jahren hat der Sohn, der auch im Solarpanel-Business mitmischt und gerade in der deutschen Waffenhochburg Isny eine Waffenfabrik baut, den Betrieb nach Deutschland verlegt. In den ungenutzten Räumlichkeiten war eine Werkzeugfabrik eingemietet, bis ihr das Geld ausging.

Jetzt ist die väterliche Fabrik ein Puff. Zweieinhalb Jahre dauerte es, bis Tomaschek die Bewilligung für die Umnutzung in der Tasche hatte. Wieder war es der ­Gemeinderat, der sich gegen die weitere Bordellisierung der Gemeinde gewehrt hatte, gemeinsam mit der Bauherrschaft der neuen Wohnsiedlungen vis-à-vis.

Doch wieder konnten sie nur die alt­bekannten «ideellen Emissionen» als Ablehnungsgrund anführen. Und wieder erfolglos. Das «Palladium» liegt nun mal in der Industriezone. «Und mehr Lärm und Verkehr als eine Werkzeugfabrik mit Vierschichtenbetrieb macht auch ein Sauna­klub nicht», sagt Tomaschek.

Zurück an der Hauptstrasse in Au, wo einen der Durchgangsverkehr lehrt, was wirklich Lärm ist. August Mattle sitzt im Wartehäuschen vor dem Altersheim und wartet auf den Bus. Der 89-Jährige ist auf dem Weg zur Grippeimpfung. Zu den Bordellen sagt er: «Stören tun sie nicht. Und brauchen tu ichs auch nicht.»