Lydia* macht Schwierigkeiten: Zum dritten Mal innert kurzer Zeit ist sie beim verbotenen Horten von Medikamenten ertappt worden. Schlimmer noch, sie hat die Pillen am Abend alle aufs Mal eingeworfen. Eine Überdosis, keine lebensbedrohende, aber doch ein klares Signal an die Aussenwelt, dass es ihr schlecht geht. Genau wie die kleinen Schnitte, die sie sich mit dem Messer selbst zugefügt hat. Lydia ist für eine offene Wohngruppe wie die «Libelle» zu einem Grenzfall geworden. Als Sofortmassnahme verfügt Betreuer Stefan Schoch, dass Lydia ihre Medikamente in den kommenden Tagen unter Aufsicht einnehmen muss. Dann ruft er ihren Arzt an. Er fürchtet, dass Lydia ihrem Kummer bald ein weiteres Ventil öffnen wird; wer weiss, was sie dann anstellt. Lydias Psychiater teilt Stefan Schochs Sorge und wird sie heute noch empfangen. Vielleicht muss Lydia in die geschlossene Akutabteilung der nahen Psychiatrischen Klinik Schlössli eingewiesen werden.

Brutal aus dem Leben gerissen
Wer in der «Libelle» leben will, muss seine Medikamente selbst und korrekt einnehmen können. Muss in der Lage sein, halbtags in den geschützten Werkstätten zu arbeiten und sein Zimmer eigenhändig in Ordnung zu halten. 129 Franken kostet der Aufenthalt pro Tag, finanziert wird er durch Gelder und Zusatzleistungen der IV. Die Wohngruppe mitten im zürcherischen 4000-Seelen-Dorf Oetwil am See bietet maximal 17 psychisch Behinderten Platz. Menschen, die allesamt bereits eine jahrelange Psychiatriekarriere hinter sich haben.

Zum Beispiel Francesco, der im grossen Aufenthaltsraum in den Fernseher schaut. Sein Leidensweg begann 1992, als seine Frau das zweite Kind erwartete. Eine schwere Depression, deren Ursache auch er nicht kennt, riss ihn überraschend und brutal aus dem aktiven Leben. «Ich habe vieles versucht, um wieder Tritt zu fassen, schon damals», sagt er. Noch 1993 fand er eine neue Stelle als Betreuer und bestand die Taxiprüfung. Ende 1993 wurde er zwangsweise in die Psychiatrie eingewiesen, in einem «hyperaktiven, psychotischen Zustand», wie er es selber ausdrückt. Es folgten Monate in geschlossenen und offenen Abteilungen, in Tageskliniken, erste Abklärungen der IV, eine überstürzte Flucht in die USA, die Trennung von Frau und Familie, der Einzug der Taxifahrerlizenz, die Diagnose manisch-depressiv. Kurzzeitig fand Francesco immer wieder mal einen neuen Job. Bei der Spitex, bei Mobility. Zusammenbrüche, aggressive Ausfälle und Zwangseinweisungen bereiteten den Integrationsversuchen jeweils ein jähes Ende.

2001 kam es erneut zum Klinikaufenthalt, anschliessend zum Übertritt in ein Wohnheim in Egg ZH, wo er nicht zurechtkam. Schliesslich fand sich ein Platz in der «Libelle», wo er seit einem halben Jahr wohnt. «Es ist nur eine Notlösung», sagt Francesco. «Aber allein in einer Einzimmerwohnung, das geht nicht.» Man glaubt es ihm, auch wenn er alles versucht, mit der Welt der «normal» Funktionierenden in Tuchfühlung zu bleiben. Francesco liest regelmässig die Zeitung und besucht alle zwei, drei Wochen seine beiden Kinder, die inzwischen 12 und 14 Jahre alt sind. «Sonst habe ich kaum Kontakte zur Aussenwelt», sagt er, der «ganz schön abgehen» kann, wenn die Krankheit durchbricht. Seit er in der «Libelle» ist, hat er sich halten können. Alle und in allererster Linie er selbst hoffen, dass das so bleibt: «Ich darf mir nicht zu viel vornehmen. Erst wenn ich sicher bin, dass mein Zustand stabil bleibt, kann ich wieder an eine eigene Wohnung denken.» Vorderhand ist sein Zuhause ein kleines Zimmer mit einem schmalen Bett, einem Tisch, einem Stuhl, einem Schrank, einem Lavabo. Ohne eigene Toilette oder Dusche.

«Hier drin verfaulst du»
Viele Bewohner finden in der «Libelle» eine dauerhafte Bleibe bis ins Alter, auch wenn eine Überführung in eine offene Wohnform manchmal möglich wäre. Nur gerade ein einziger Bewohner zog 2003 in eine eigene Wohnung um. Das weiss auch der Geschäftsleiter der Stiftung, Josef Hollenstein, 55. «Die Wohngruppe entstand aus der Einsicht, dass Langzeitpatienten in der Psychiatrie am falschen Ort sind», erzählt er. «Mit unseren betreuten Wohngruppen schufen wir eine willkommene Alternative.» Insgesamt kann die «Stiftung für psychisch Behinderte» in der «Libelle» und den benachbarten Wohngruppen «Linde» und «Häxehüsli» 43 Plätze anbieten. Noch, denn ständig neue Sparübungen des Bundes machen das Erstellen der Budgets immer schwieriger. Nur die Nachfrage nach Plätzen in den Wohngruppen, die sinkt nicht.

Den Traum von der eigenen Wohnung, von der Rückkehr in ein selbstbestimmtes Leben, hegen aber trotzdem viele Bewohner. Auch der 28-jährige Paolo mit seinem Befund chronische Schizophrenie. «Hier drin verfaulst du», erzählt er vor dem Fernseher. «Alle bekommen alles mit. Wenn ich zum Beispiel eine Freundin hätte, würden es alle wissen.»

Aber Paolo weiss auch, was er an der «Libelle» hat. Die eigene Wohnung ist ein Traum, der bei ihm nicht funktionierte. Unendlich einsam war er in seiner Einzimmerwohnung in Dübendorf, alkoholabhängig, arbeitslos, verängstigt. «Ich kam nicht aus der Wohnung. Ich getraute mich nicht mal mehr zu meinem Psychiater, der nur zehn Minuten entfernt war», berichtet er. Einkaufen, einzahlen, nichts davon ging mehr, er war der Welt und schamlosen Profiteuren, die seine Gutmütigkeit ausnützten, hilflos ausgeliefert. Wildfremde Leute begannen sich in seiner Wohnung einzunisten und liessen ihn selbst nicht mehr rein.

In der «Libelle» schätzt Paolo, dass er eine Struktur hat. Er geniesst die Arbeit in der ebenfalls von der «Stiftung für psychisch Behinderte» betriebenen geschützten Werkstatt. Am liebsten würde er den ganzen Tag arbeiten. «Wenigstens mache ich am Morgen etwas und habe einen Grund, aufzustehen.» Dazu gibt es Sackgeld. Zwischen Fr. 2.40 und maximal fünf Franken pro Stunde richtet die Werkstätte leistungsgerecht aus und ist damit für viele Bewohner der «Libelle» die einzige Barquelle. Niemand hier hat mehr als 500 Franken Sackgeld im Monat. Weit reicht das nicht. Wenn Sonderausgaben fällig sind, für neue Schuhe oder Kleider etwa, muss bei der Wohngemeinde ein Antrag auf Kostengutsprache gestellt werden. Paolo schätzt die Fr. 3.20 pro Stunde, sie sind auch eine Form von Anerkennung. Vor allem aber ist er stolz, dass er etwas lernen kann und beschäftigt ist.

Denn viel läuft sonst nicht. Neben der dreistündigen Arbeit in der Werkstätte, der täglichen Bewohnerversammlung und der Erledigung abwechselnder kleiner «Ämtli» im Haus schauen die Leute vor allem fern, rauchen Zigaretten oder schlafen in ihren Zimmern. Dies obwohl sie durchaus etwas unternehmen könnten; in der Gestaltung ihres Alltags sind die Bewohner frei. Sie können die regelmässig angebotenen Freizeitaktivitäten nutzen, zu denen sie die Betreuer mit sanftem Druck zu bewegen versuchen, und an Gruppenferien teilnehmen. Oder selbst aktiv sein. Jeder Bewohner hat einen eigenen Hausschlüssel und kann rein- und rausgehen, so oft er will. Auch nachts, wenn die Bewohner unter sich sind. Die «Libelle» ist eine offene Wohngruppe: Der letzte Betreuer verlässt das Heim um 20.30 Uhr, der erste kommt um sieben Uhr morgens.

Das siebenköpfige Betreuerteam teilt sich 590 Stellenprozente und leistet vor allem viel Motivationsarbeit. Der Auftrag lautet: Eigenverantwortung und Selbstständigkeit der Bewohner fördern, so gut das halt geht. Das hehre Ziel einer Rückintegration in die Gesellschaft ist aller-dings blasse Theorie. «Man darf sich keine Illusionen machen», sagt Sozialpädagoge Bernd Stöwer. «Fortschritte geschehen hier, wenn überhaupt, nur sehr, sehr langsam. Das aushalten zu können ist die grosse Anforderung an uns.» Seine Kollegin Marjatta Kivelä, die ihre Psychiatrielehre in Finnland absolvierte, ergänzt: «Für die meisten ist es schon ein grosser Erfolg, dass sie in einer Wohngruppe leben können.»

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Der Tsunami wirkt noch immer nach
Wir sitzen am Tisch im Betreuerbereich. Gelegentlich treten Bewohner ein und schlucken ihre Medikamente: Leponex, Temesta, Risperdal, Efexor, Clopixol. Das Team hält Mittagsreport. Lydia kann um vier zum Psychiater, Felix hat Gegenstände durch die Küche geworfen und soll jetzt morgens zusätzlich ein Temesta nehmen, Paolo hat sich bei seinem Vormund über einen Mitbewohner beschwert.

Betreuerin Madeleine Liebert verabschiedet sich nach unten; es ist Zeit für die tägliche Bewohnerversammlung im grossen Aufenthaltsraum. Sie registriert, dass zwei Bewohner fehlen. Laut den anderen sind sie in ihren Zimmern und schlafen. Madeleine versucht die Gruppe zu motivieren. Nach Männedorf ins Hallenbad? Ein Spaziergang? Ein Gespräch? Wie meistens lauten die Antworten nein. Zu müde, keine Lust, kein Bedarf, nach fünf Minuten ist die Versammlung beendet. Madeleine erstellt mit Bewohner Francesco die Einkaufsliste; seine Gruppe wird heute Abend kochen, und vorab müssen sie noch zum Einkaufen in die Migros.

Geschäftsleiter Hollenstein kommt zur Tür rein, er hat sein Büro im ersten Stock. Bewohner Daniel nutzt die Gelegenheit und fordert mehr Sackgeld. Die acht Franken am Tag reichten ihm nicht, reklamiert er ziemlich laut. Ihm als Kettenraucher, ihm, der er in Kleidern aus dem Brockenhaus herumlaufen müsse. Josef Hollenstein versucht ihn zu beruhigen – darüber müsse er mit seiner Vormündin sprechen, er werde einen Termin ausmachen. Daniel verstummt abrupt. Schlurft übers hellbraune Linoleum davon. Roboterhaft, urplötzlich versunken in seine eigene Welt. Daniels Diagnose lautet auf Schizophrenie. Nach Jahren relativer Stabilität hat sich sein Zustand jüngst wieder verschlechtert, erzählen die Betreuer. Auslöser war der Tsunami in Asien, mit dem Daniel nicht fertig wird. Er kann sich nicht mehr im Spiegel sehen und sieht überall Leichen. Kündigte an, sich aus Solidarität mit den Opfern umbringen zu wollen.

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Das Recht auf Ruhe
Das Nachtessen steht bereit. Asiatische Nudeln mit Gemüse und Rindfleisch. Die Bewohner sitzen zusammen an zwei langen Tischen. Die meisten essen schweigend. Wenn gesprochen wird, dann über abwesende Mitbewohner und ob die ihre Medis genommen haben. Beni, der von Verstrahlungsängsten geplagt ist, trägt eine Sonnenbrille. Das Essen ist schnell vorbei, die Kochgruppe räumt auf, einige Bewohner ziehen sich auf ihr Zimmer zurück, andere verschwinden im Raucherzimmer. Ins Dorf ein Bierchen trinken oder nach Zürich in den Ausgang geht auch heute keiner, obwohl das durchaus erlaubt wäre. Stattdessen erzählt Igor seinem besten Kollegen Martin im Raucherraum eine wilde Geschichte, wie ein Freund ihn anpumpte, um Speed zu beschaffen. Martin will nichts von Drogen hören, er träumt von seinen Drehbüchern, die ihn reich machen werden. Francesco nimmt unten seine Medikamente, die schizophrene Silvia, 46, sagt in ihrem Zimmer wie jeden Tag ihr Sprüchli auf, das garantieren soll, dass es mit ihrem Freund, der in einem anderen Wohnheim lebt, weiter gut läuft. Wenn ihr das Aufsagen des Sprüchlis misslingt, wird sie tränenüberströmt zusammenbrechen. Das Ritual hat für sie ungeheure Bedeutung. Heute klappt es, zum Glück.

«Man entdeckt immer wieder das Gesunde, das Feine in diesen Menschen», sagt Marjatta Kivelä, bevor sie geht. Um 20.30 Uhr verabschiedet sich auch Stefan Schoch, und die Bewohner der «Libelle» bleiben unter sich. Bis zum Morgen, zum Frühstück und den nächsten Medikamenten. Niemand lebt hier, weil es Spass macht. Und doch tun es viele gern. Die Wohngruppe Libelle bietet ihren Bewohnern nicht mehr und nicht weniger als die Möglichkeit eines äusserst bescheidenen, aber menschenwürdigen Lebens. Noch haben in diesem Land auch psychisch Behinderte ein Recht darauf. «Herumgedoktert wurde an den meisten genug», sagte Bernd Stöwer am Nachmittag. «Es gibt auch ein Recht, in Ruhe gelassen zu werden.»

* Namen der Betroffenen sind geändert.

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