Der Metzger hat sie alle ausgetrickst: Auf dem Höhepunkt der BSE-Krise in Deutschland hat er in seinem Laden einen Tag lang Rindfleisch verschenkt – und die Kunden strömten herbei. Am nächsten Tag war alles wieder beim Alten: Zum normalen Preis wollte keiner Rindsplätzchen kaufen.

Auch in der Schweiz senkten die Metzger die Rindfleischpreise, und der Umsatz stieg wieder. Die Freude am Geldsparen war grösser als die Angst vor dem Risiko, sich am kranken Rind anzustecken.

Die Forschung sagt: «Risiko ist ein mögliches Ereignis mit unerwünschter Wirkung.» Der Laie sagt: «Risiko ist, auf dem Motorrad mit 150 Kilometern pro Stunde ohne Helm über die Autobahn zu rasen.» Zwischen den beiden Definitionen liegen Welten. Täglich gehen wir Risiken ein, von denen wir – theoretisch – wissen, welche Gefahren sie in sich bergen. In der Praxis setzen wir uns diesen Gefahren völlig gelassen aus: Wir fahren Auto, essen zu fettig, trinken Alkohol. Und putzen Fenster: Jährlich verunfallen in Schweizer Haushalten hochgerechnet rund 500'000 Personen.

Fast panisch reagieren wir dagegen auf Sachverhalte, die, statistisch gesehen, relativ ungefährlich sind: Wir essen kein Rindfleisch mehr, fürchten uns vor Nitrat im Salat oder schützen uns mit Alarmanlagen vor Einbrechern. Doch wir sehen nicht, dass die Autofahrt zum Metzger viel gefährlicher ist, als ein Rindssteak zu essen.

Ungewissheit macht Angst
«Es ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit so, dass BSE in Form einer Creutzfeldt-Jakob-Variante auf den Menschen übertragbar ist», erklärt Neuropathologe Marc Vandevelde von der Universität Bern. Aber die Wissenschaft weiss noch wenig über den Verlauf der Krankheit. So kennt sie zum Beispiel die Inkubationszeit nicht. «Und das macht den Leuten Angst», sagt Vandevelde. «Je weniger wir über ein Risiko wissen, umso bedrohlicher scheint es.» In der Schweiz ist die Gefahr, die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit zu bekommen, nach heutigen Erkenntnissen klein: Jährlich muss mit einem Fall pro Million Einwohner gerechnet werden. Die Angst, an dieser Krankheit zu sterben, steht also in keinem Verhältnis zum Risiko. Zudem ist dieses Risiko praktisch getilgt, um nicht zu sagen: vertilgt. Der grösste Teil des verseuchten Fleischs muss in den achtziger und Anfang der neunziger Jahre im Umlauf gewesen und schon längst verspeist sein.

Aber die Konsumenten haben schreckliche Bilder vor Augen: von Rindern, die völlig verängstigt und speichelnd versuchen, sich auf den zuckenden Beinen zu halten. Oder von der jungen Engländerin mit Creutzfeldt-Jakob-Krankheit, die apathisch im Bett lag und nur auf den Tod wartete. Die Vorstellung, ähnlich zu enden, macht Angst. Obschon die Chance, in der Schweiz an einer andern nahrungsbedingten Krankheit oder an der Grippe zu sterben, viel grösser ist. «Es mag zynisch klingen: Aber die Leute empfinden es als gravierender, an der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit zu sterben als etwa an Salmonellen», sagt Marc Vandevelde. «Die Salmonellen machen kurzen Prozess: Man stirbt einfach an Durchfall.» Aber die salmonellenverseuchten Hühner sind schon lang kein Thema mehr. Und das hat seine Gründe.

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Samuel Dubno, Projektleiter am Gottlieb-Duttweiler-Institut in Zürich, zeigt am Beispiel von BSE, wie die Öffentlichkeit über vier Phasen auf solche Schreckensmeldungen reagiert.

  • 1. Phase: Konsumentinnen und Konsumenten sowie die Behörden sind schockiert. Sie negieren das Ereignis und spielen es herunter. Es kann nicht sein, was nicht sein darf.

  • 2. Phase: Die Betroffenen realisieren, dass die Gefahr akut ist, und verfallen in planlosen Aktionismus. Es werden Schuldige gesucht. Nie mehr Rindfleisch essen!

  • 3. Phase: Die drohende Gefahr wird verarbeitet und verdrängt. Es tritt eine Gewöhnung ein. Die Medien greifen das Thema nur noch am Rand auf.

  • 4. Phase: Das Ganze ist vergessen und gegessen. Einige Vegetarier bleiben übrig, einige essen Straussenfleisch, und andere geniessen wieder Rindsgulasch – als wäre nichts geschehen.


Eine Konstante in diesem Ablauf: die Medien. Mit ihrer übermässigen Berichterstattung tragen sie dazu bei, dass etwas überhaupt als Risiko wahrgenommen wird. «Das Thema BSE ist zum Medienereignis geworden und gehört ins Ressort ‹Sex and Crime›», sagt Vandevelde.

Auch die Wissenschaft bestimmt die öffentliche Diskussion mit. «Wissenschaftler sind nicht mehr nur neutrale Wissensträger, sondern auch Akteure mit eigenen Interessen», sagt Matthias Haller, Professor für Risikomanagement und Versicherung an der Uni St. Gallen. Der Wissenschaftsapparat wird immer grösser, die Gelder werden knapper. Die öffentliche Diskussion bringt die nötige Legitimation und damit auch mehr Geld für die Forschung.

Wie wir auf Risiken reagieren, hängt demnach sehr wenig von den tatsächlichen Gefahren ab, sehr häufig aber von der Art des Risikos. BSE, Elektrosmog oder Listerien sind Gefahren, die wir nicht freiwillig eingehen, die uns von aussen und unerwartet überfallen. Auch sind weder die Ursachen noch das Ausmass genau durchschaubar. Das lässt die Emotionen hochgehen – besonders, wenn die Gefahr in unserer Nahrung lauert.

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Geht es an das Verarbeiten gesellschaftlicher Risiken und Gefahren, machen wir es uns einfach. Die einen greifen zu bequemen Feindbildern: die Politik, die Bauern, die Metzger. Andere halten sich zur Beruhigung Zahlen und Wahrscheinlichkeitsrechnungen vor Augen.

Nur die ganz Vorsichtigen können nicht zur Tagesordnung übergehen: «Sie sammeln ‹Risiko-Märkli›, bis das Büchlein voll ist. Sie kumulieren die einzelnen Gefahren, und dann klappen sie zusammen», sagt François Stoll, Professor für Angewandte Psychologie an der Universität Zürich. Rein mathematisch betrachtet, macht das aber keinen Sinn: Jedes Risiko ist ein Ereignis für sich. Ob wir nun rauchen oder Rindfleisch essen – das eine Risiko beeinflusst das andere in keiner Weise. Stoll: «Wer weiss schon, ob es ihn morgen oder in zehn Jahren trifft und ob er der eine unter einer Million ist oder der Nachbar?»

Wir sind unser grösster Feind
Anders sieht es bei den freiwillig eingegangenen Risiken aus. «Würden wir sie hinterfragen, müssten wir uns zu unserem eigenen Feindbild machen», sagt François Stoll. Meisterhaft verdrängt der Mensch die Gefahren, die er freiwillig eingeht. Er weiss, dass Rauchen abhängig macht, dass zu viel Stress für Herzinfarkte sorgt, dass Alkohol die Leber schädigt und die Sonne Hautkrebs verursacht. Man könnte mit dem Tram fahren, nicht mehr rauchen, sich mehr bewegen und die Sonne meiden. Aber nein, wir setzen uns täglich ins Auto, obwohl wir wissen, dass jährlich 600 Menschen im Verkehr ums Leben kommen.

«Das Auto ist ein hoch emotionales Gut: Es ist ein bequemes Transportmittel, Statussymbol, Gewohnheit, fast ein Zuhause», sagt François Stoll. «Autofahren ist ein Risiko, das wir – vermeintlich – unter Kontrolle haben: Jeder denkt von sich, er fahre kompetent und routiniert. Es sind nur die andern, die gefährdet sind.»

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Das Auto birgt aber noch eine andere Gefahr: Es ist massgeblich daran schuld, dass uns bald die Luft ausgeht. «An diese ‹Neuigkeit› haben wir uns schon längst gewöhnt», sagt Stoll. «Eine Bedrohung, die so weit weg ist, erfassen wir kaum und verdrängen wir meisterhaft.» Der Mensch überlistet sich selbst und hat keine Motivation, auf etwas zu verzichten, das kurzfristig grossen Komfort bietet. Stoll: «Auch wenn uns die Wissenschaft immer wieder mahnt, sagen sich die meisten Autofahrer: ‹Nur meinetwegen und wegen meines Autos wird das Ozonloch nicht grösser.›»

Auch auf das Thema Drogen reagiert die Öffentlichkeit emotional. Zwar leben die meisten Konsumentinnen und Konsumenten harter Drogen integriert. Aber «die Bilder von verwahrlosten Fixern wirken lang nach und sind sehr medienwirksam», so François Stoll.

Alkohol hingegen ist längst akzeptiert, die Wirkung eines guten Tropfens kennen die meisten. Und dennoch ist die Wahrnehmung der beiden Probleme völlig verschoben: An harten Drogen sterben jährlich «nur» 200 Menschen, an Alkohol 3500. Nikotin fordert sogar jedes Jahr 8000 Menschenleben. «Beim Rauchen», sagt François Stoll, «wird es besonders deutlich: Wenn der Genuss sofort, die Gefahr aber erst in einigen Jahren eintrifft, gehen wir ein Risiko viel leichter ein.»

Zwischen Angst und Lust
Es gibt Risiken, die wir mit Lust auf uns nehmen. Martin Venetz, Psychologe an der Universität Zürich, untersucht zum Beispiel die Motivation von Menschen, die Extremsport betreiben; er ist selber Freeclimber. «Eine Untersuchung hat gezeigt, dass es für Kletterer nicht nur darum geht, Angst zu überwinden.» Vielmehr gehe es um eine positiv erlebte Spannung. «Extremsportler gehen in ihrer Tätigkeit völlig auf.» Sie nehmen zwar Risiken in Kauf. «Doch der Unterschied zum Autofahren ist: Sie gefährden niemand anderen», sagt Venetz. «Und Extremsportler üben ihren Sport sehr diszipliniert aus, kennen ihre Grenzen und können Gefahren genau abschätzen.».

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Wer Extremsport betreibt, für den oder die ist zudem das Körpergefühl ein wichtiger Anreiz – ähnlich wie auf der Achterbahn oder beim Bungee-Jumping. «Hohe Geschwindigkeiten oder auch ein rasches Herunterfallen empfinden wir als stimulierend. Es ensteht eine Spannung zwischen Angst und Lust», sagt der Psychologe Martin Venetz.

Risiko und damit die Risikobewältigung sind so alt wie die Menschheit. «Auch wer das Vaterunser betet, begeht Risikobewältigung», sagt Georg Kohler, Professor für politische Philosophie in Zürich. Früher war die Ernte gefährdet durch Schädlinge oder zu viel Regen; Krankheiten forderten viel schneller Tote als heute.

Freude am Risiko nicht verlieren
«Die Gesellschaft muss mit anderen Gefahren umgehen. Wir leben in einer Risikogesellschaft, deren zentrales Problem die Beseitigung der von ihr selbst erzeugten Gefahren ist», sagt Georg Kohler.

«Und dieser Verantwortung sollten wir uns bewusst sein», meint Martin Venetz. «Die gesellschaftlichen Risiken, die uns alle gefährden, müssen wir minimieren.» Aber darüber dürfen wir die Freude am Risiko nicht verlieren. «Auf die individuellen Risiken sollten wir uns einlassen dürfen, so oft wie möglich.» Nicht umsonst sagen die Engländer: «No risk, no fun.» Es müssen nur die richtigen Risiken sein.