Mein Vater hat immer alles in sich hineingefressen, die ganze Zeit. Als ich an jenem Abend nach Hause kam, war seine Freundin weg. Sie hatten Krach. Er sagte, sie sei meinetwegen gegangen. Ich ging ins Badezimmer, da ist er hinter mir hergekommen, hat mich von der Toilette gerissen. Dabei bin ich mit dem Hinterkopf gegen die Badewanne geknallt. Er hat ­weiter auf mich eingeprügelt, das heisse Wasser aufgedreht und mich abgespritzt.

Ich bin an ihm vorbei aus dem Badezimmer gerannt, ins Haus nebenan, zu Oma. Die glaubte mir nicht und rief meinen Vater an. Sie wollte es nicht wahr­haben, aber es war so klar, was passiert war: Platzwunde am Hinterkopf, an meinem Hals lief Blut herunter, meine Haare waren nass, mein Auge war zugeschwollen.

Ich rannte raus; zu einer Bekannten, die in der Nähe wohnt. Die hat mal gesagt, ich könne immer zu ihr kommen, wenn ich sie brauche. Sie hat mich verarztet und zur Kinderschutzgruppe ins Spital gefahren. Ich wollte da gar nicht hin; ich dachte, das kommt schon wieder gut.

Das war vor zweieinhalb Jahren, an einem Samstagabend Ende Mai. Damit hat alles angefangen.

Zur Welt gekommen bin ich in Rumä­nien, aber ich habe keine Erinnerung an diese Zeit. Es gibt Fotos von mir und meiner Pflegefamilie; da sitze ich auf einem Kinderstuhl, und meine Adoptiveltern aus der Schweiz sind zu Besuch.

Meine Schwester und ich wussten immer, dass wir adoptiert sind. Wenn ich 18 bin, will ich meine leiblichen Eltern suchen.

Hier in der Schweiz bin ich in einem kleinen Dorf im Kanton Aargau aufgewachsen, mit vielleicht 2000 Leuten. Wir wohnten in einem Einfamilienhaus. In den Häusern ringsum lebten Verwandte meines Vaters; Oma, Opa, Onkel und Tanten.

Die Eltern haben immer öfter Krach

Ab der sechsten Klasse ging ich in die Sek. Ich war eine gute Schülerin; Sport, Deutsch, Mathe habe ich megagern. Meine Noten hätten auch für die Bezirksschule gereicht, aber ich wollte neben der Schule noch etwas Zeit für mich, Fussballspielen und so.

Ich ging auch regelmässig in Jungwacht- und Blauring-Lager. Es gab nie Probleme. Doch, einmal haben sie mich aus einem Lager geworfen, weil ich mich geweigert hatte, auf eine Wanderung mitzugehen. Aber damals waren meine Eltern schon dauernd am Streiten.

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Irgendwann, vor sieben Jahren oder so, fing das an. Sie hatten immer öfter Krach. Wegen Kleinigkeiten. Einmal, weil mein Vater die falschen Bratwürste gekauft hatte. Da ist die Mutter voll ausgerastet. Sie ging in den Keller und wollte die Koffer packen. Es gab immer abends Krach, weil beide ­arbeiten. Und meistens fing die Mutter mit irgendwas an. Bis das losging, habe ich mich zu Hause eigentlich immer wohl gefühlt. Es gab schöne Zeiten. Einmal fuhren wir in den Sommerferien nach Tunesien.

Und dann, vor drei Jahren oder so, als meine Schwester und ich von einem Ferienlager zurückkamen, setzten sich unsere Adoptiveltern mit uns an den Tisch und ­erklärten, dass sie sich trennen und dass meine Mutter auszieht. Sie hatte sich schon eine Wohnung gekauft. Wir hatten gewusst, dass das kommt. Es war nicht toll, aber auch kein Schock. Eher eine Erleichterung.

Wir wussten damals auch schon, dass der Vater eine Freundin hatte. Meine Schwester und ich hatten auf seinem ­Handy SMS-Nachrichten von ihr gelesen. Meine Mutter wusste es, glaub s, nicht. Sie hat wohl einfach sonst Probleme.

Wir wurden nicht gefragt, bei wem wir leben möchten, sondern zogen mit der Mutter in die neue Wohnung. Meinen ­Vater besuchten wir alle zwei Wochen. Ich weiss heute nicht mehr, wie ich mich später entschieden hätte – nach dem, was er mir dann angetan hat.

Das erste Mal geklaut: Parfüm

In der neuen Schule fand ich schnell Anschluss, ich bin ein offener Mensch. Aber ich suchte mir die falschen Kollegen. Wir waren eine ziemlich schlimme Klasse; laut, frech, haben geschwänzt. Der alte Lehrer hat bald gekündigt, und die neue Lehrerin, die für ihn kam, war sehr gut.

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Dann habe ich das erste Mal geklaut. Ein Parfüm im Manor. Und wir wurden ­erwischt. Es gab keine Anzeige, aber die ­Ladendetektive kamen in die Schule und hielten einen Vortrag, weil sie wussten, dass wir nicht die Einzigen in der Klasse waren, die klauten.

*alle Namen geändert

Quelle: Andreas Gefe

Damals gingen wir schon zur Familientherapie, zuerst nur ich und meine Schwester, dann zu viert. Meine Mutter sagte: Ich bin überfordert mit den beiden. Deshalb wohnten wir ab März jeweils eine Woche pro Monat beim Vater.

Dort hatten wir mehr Freiheiten. Wir durften uns schminken, meine Mutter hatte das verboten. Aber Vater gab uns keine Struktur. Dann gingen meine schulischen Leistungen bachab. Weil ich nicht mehr gelernt habe, keine Hausaufgaben machte.

Die Lehrerin schrieb meinen Eltern ­einen Brief, mein Verbleib in der Sek sei gefährdet. Vater wurde hässig. Und ein bisschen strenger. Aber ich habe mich halt trotzdem nicht an seine Regeln gehalten.

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Ab April 2012 wohnte ich ganz beim ­Vater. Meine Mutter wollte nur noch meine Schwester bei sich haben.

Mit der Freundin des Vaters liefs nicht gut. Die ist zwar lieb und nett, hat uns Geschenke gemacht und so. Aber sie versuchte, unsere Mutter zu ersetzen. Das wollten wir nicht. Darum habe ich mit der Schwester abgemacht, dass wir ihr wenig Dankbar­keit zeigen, immer nur die kalte Schulter.

Schickt sie ins Heim, sagt der Vater

Vater sagte immer: Das kommt schon, ist halt eine schwierige Situation. Und dann kam eben dieser Samstagabend, als er mich spitalreif prügelte. Ich hatte eine Gehirnerschütterung. Die Ärzte fragten mich, ob ich meinen Vater anzeigen will. ­Wollte ich nicht, ich dachte ja, das kommt schon wieder gut. Ich wollte nicht ins Heim. Ich war zwölf.

Ich war zwei Wochen im Spital. Vater kam mich besuchen, aber er hat sich bis heute nicht entschuldigt. Und meine Mutter sagte, ich könne nicht zu ihr kommen, sie wolle mich nicht bei sich. Darum habe ich Vater angefleht, er solle mich wieder nehmen. Er hatte mich ja vorher nie geschlagen. Hin und wieder gabs mal eine Ohrfeige oder einen Klaps, aber immer nur von meiner Mutter.

Vater sagte: Schon gut, du kannst wieder nach Hause kommen – aber dem Arzt sagte er: Schickt sie ins Heim. Meine Eltern haben mich dann direkt vom Spital in ein Übergangsheim im Seetal gefahren. Ich sass hinten im Auto, und sie haben mich vollgelabert, das sei alles nicht so schlimm, blabla. Ich hatte riesige Angst.

Das Aufnahmegespräch war dann gar nicht so schlimm. Eigentlich wars dann ­sogar toll dort – eines der besten Heime, in denen ich war.

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Ich weiss gar nicht, warum es mir so ­gefallen hat. Die Betreuer waren streng, es war ein altes Haus, und wir mussten ­wöchentlich Urinproben abgeben. Aber ich ging ja auch immer davon aus, dass das nur vorübergehend ist und ich bald wieder nach Hause gehe.

Manche Leute dort waren voll in Ordnung. Es gab da einen Zwölfjährigen, voll nett, voll normal. Der war nur da, weil ihn seine Eltern nicht mehr wollten. Andere waren von da­heim abgehauen oder nahmen harte Drogen.

Lena wird bewusstlos geschlagen

Einmal sass ich mit einem 17-Jährigen draussen beim Rauchen. Alle im Heim rauchten, da habe ich auch angefangen. Bei Kollegen in der letzten Schule, der schlimmen Klasse, hatte ich noch Nein gesagt.

Jedenfalls sitzen wir da und rauchen, ich aber auf dem Boden. Auf einmal sagt er: Was soll das, warum sitzt du nicht auf dem Bänkli? Ich dachte, er macht einen Witz, gab irgendwas Blödes zurück. Da hat er mich bewusstlos geschlagen.

Er hatte Drogen reingeschmuggelt und war voll drauf. Die Polizei hat ihn dann ­abgeführt. Ich hatte einen gebrochenen Unter­kiefer, bekam so einen Halskragen, hatte Schmerzen und musste wochenlang das Essen pürieren. Schon krass. Zuerst das mit meinem Vater und dann das.

Nach einem Monat im Übergangsheim gabs ein Standortgespräch. Da kam auch die Beiständin, die jetzt für mich zuständig war. Sie erklärte mir, sie wolle mich in einer betreuten Wohngruppe platzieren. Sie war mir nicht sympathisch, aber meine Mutter war überzeugt von ihr.

Zur «Abklärung» in die Psychiatrie

Als ich in dieser Wohngruppe schnuppern ging, fand ichs gut, ich wollte mir gar nichts anderes ansehen. Aber mir war nicht klar, dass ich ja tagsüber zur Schule gehe. Im Übergangsheim warens bloss zwei Halb­tage Unterricht pro Woche gewesen. Und die Schule da ist wohl die schlimmste im ganzen Kanton. Da wird auf dem Pausenplatz gekifft.

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Da habe ich angefangen mit Kiffen und Trinken, auf Partys und so. In der Wohngruppe durfte ich nicht rauchen, nicht weil ich zu jung bin, sondern weil es ein Nichtraucherheim war.

Nach drei Wochen bin ich mal abgehauen für eine Nacht. Wegen all der Regeln da; das hat mich alles gestresst. Wenn man abends sein Handy nicht abgab oder sonst was nicht einhielt, gabs gleich drei Stunden Gartenarbeit.

Und ein paar Tage später gabs da diese Szene im Hausaufgabenraum, wo ich mit einem anderen Mädchen rumgeblödelt habe. Ich habe sie provoziert; ihr ein Spielzeug-Laserschwert weggenommen. Sie lehnte an der Wand, und ich habe so vor ihr gestanden: Nein, du bekommst es nicht mehr, nein. Sie hat geheult, ich solls ihr wiedergeben. Ich fands lustig.

Dann hat mich eine Betreuerin von ihr weggezogen.

Am nächsten Tag stand plötzlich meine Mutter in der Schule, ohne Ankündigung: Sie müsse mich mitnehmen. Die Wohngruppe hatte mich rausgeschmissen.

Die folgenden Tage verbrachte ich bei Mutter im Geschäft. Wir haben nie über die ganze Situation geredet. Ich habe in einem Nebenzimmer gesessen und Zeitung ge­lesen. Kein Handy, nichts. Das war mega­scheisse. Und dann brachte sie mich nach Baden in die Psychiatrie – zur «Abklärung». Ich kam mir vor, als wäre ich voll durch­geknallt oder labil oder so.

Die erste Nacht verbrachte ich in der Isolierzelle, weil sonst alles ausgebucht war. Und wenn du da drin bist, behandeln sie dich wie alle anderen, die da reinmüssen. Immer unter Beobachtung. Auf dem Bett hats kein Duvet, nur so eine Spezial­decke, mit der man sich nichts antun kann. Das Fenster ist ohne Griff, es gibt keinen Schrank, und wenn du aufs WC willst, musst du läuten und dann die Tür offen lassen, und die ganze Zeit steht jemand ­davor und wartet.

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Und die anderen Jugendlichen da – Leute mit Narben vom Ritzen. Und solche mit Waschzwang, die nichts anfassen können, ohne es vorher zu putzen, voll krank. ­Magersüchtige.

Und ich bin doch voll normal. Immer noch.

Die Mutter droht mit der Polizei

Nach zwei Tagen bin ich abgehauen zu meinem damaligen Freund Sebastian. Den habe ich im Übergangsheim kennen­gelernt. Er ist drei Jahre älter als ich und war eine Zeitlang freiwillig dort, weil seine Eltern ­Alkis sind. Mittlerweile wohnte er wieder daheim.

Seine Mutter war nett zu mir, aber sie wollte nicht, dass ich bleibe; sie sagte: Wenn ich nach der Arbeit wiederkomme, bist du weg. Ich verstehe das voll, weil ich ausgeschrieben war und sie sich strafbar macht, wenn sie mir hilft.

Also gingen wir in die Wohnung von ­Sebastians Vater. Die war frei, weil der ­gerade im Entzug war.

Aber nach ein paar Tagen war das voll blöd ohne Geld, deshalb bin ich wieder ­zurück in die Psychi. Doch die sagten: Mit dir können wir nicht arbeiten, wenn du wegläufst. Dann musste mich die Mutter wieder abholen.

Schon am nächsten Tag hatten wir Streit. Sie hat mir eine Ohrfeige gegeben und mich an den Haaren gezogen. Ich sass auf dem Bett, und sie stand so vor mir, da habe ich zurückgeschlagen, sie in den Bauch getreten. Ich lasse mich von keinem Erwachsenen mehr anfassen, von niemandem mehr, nach allem mit meinem Vater und dem Typen im Heim.

Nach dem Streit hat mich meine Mutter rausgeschmissen; sie sagte, ich solle gehen, sonst hole sie die Polizei. Also bin ich zurück zu meinem Freund. Da wars dann auch für seine Mutter okay, wenn ich eine Weile bleibe.

Unterdessen hatte meine Beiständin ­einen Time-out-Platz gefunden, im Jura bei einer Bauernfamilie. Megaliebe Leute, sie hatten Tiere, auch einen Hund, das hat mir sehr gut getan. Aber sie sprechen Französisch. Ich habe kein Wort verstanden, hatte kein Handy, nichts. Und am Wochenende konnte ich nicht mal nach Hause, weil ich dort nicht mehr willkommen war. Es ging mir recht verschissen, ich habe viel geweint. Vor allem Weihnachten war seltsam. Meine Pflegeeltern waren zwar mega­herzig, machten mir Geschenke – aber es waren fremde Leute.

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Mitte Januar, nach vier Wochen, bin ich abgehauen. Ich ging zum Haus meines ­Vaters, um mein Handy zu holen. Er war nicht da, deshalb habe ich die Terrassentür aufgebrochen, mit einem Feuerhaken vom Grillplatz. Mein Vater liess noch am selben Abend das Handyabo sperren.

Lena wird in Handschellen abgeführt

Ich bin zu meinem Freund zurück und ­habe den Sozialarbeiter kontaktiert, der für mich zuständig war. Er brachte mich in ­eine Pflegefamilie im Toggenburg und ­sagte: Wenn du jetzt nicht mitmachst, musst du in die Geschlossene.

Ich bin trotzdem nach zwei Tagen ab­gehauen. Weil es bei diesen Leuten so eklig war. Ich schwörs, im Schrank mit dem Mehl waren Mäuse, und die Katzen haben ihr Futter auf der Küchenablage gefressen.

Nach zwei oder drei Tagen auf Kurve ging ich bei der Oma vorbei, um zu duschen. Sie hat währenddessen den Vater angerufen, um zu fragen, was sie machen soll. Er sagte, er kümmere sich darum. Und dann stand die Polizei vor der Tür. Die ­haben mir Handschellen angelegt und nahmen mich mit. Oma hat geweint, das hat mir mega leidgetan. Auf dem Posten liessen mich die Polizisten drei Stunden auf einem Stuhl warten. Dann kam eine Sozialarbeiterin und hat mich abgeholt.

Quelle: Andreas Gefe
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Die härteste Zeit: In der «Geschlossenen»

Ich bin dann noch mal zu dieser Familie im Toggenburg zurückgegangen und habe mir voll Mühe gegeben, habe mitgemacht und so. Aber nach zwei Wochen kam ein Bescheid: Ich soll am Montag ins Jugendheim Olten eintreten. Meine Beiständin hatte das veranlasst. Die wollte mich schon ­lange in eine Geschlossene stecken, das hat sie schon gesagt, als ich aus der Psychi abgehauen bin.

Dabei hatte ich bewiesen, dass ich mich an Abmachungen halte: Ich durfte mal an einem Sonntag mit meinem Freund zu ­einem Fussballmatch und war danach zur vereinbarten Zeit wieder am Treffpunkt.

Ich ging dann trotzdem in dieses Heim. Bis dahin wusste ich ja nicht, was eine ­Geschlossene ist. Wenn du da reingehst, kommst du nicht mehr raus. Es gibt zwei Türen mit unterschiedlichen Schlüsseln; du wirst gefilzt – also so richtig, du stehst nackt vor denen. Du musst durch einen Metalldetektor; dann auf die Zelle, und dort wirst du eingeschlossen. Also Knast. Man muss sich abschminken, Schmuck abgeben, erst dann wird man rausgelassen.

Und die Regeln: Wer «Scheisse» sagt, wird einen Tag in der Zelle eingeschlossen; wer raucht, zwei Tage; wer einen Betreuer bedroht, kommt in den Sicherheitstrakt.

Einschluss ist schlimm. Man ist den ganzen Tag allein in der Zelle. Ich habe dann immer versucht zu schlafen, aber dann liegt man die ganze Nacht wach.

Als Neue muss man sich in der Gruppe den anderen Jugendlichen vorstellen, und alle müssen sagen, warum sie hier sind. Da war ein 15-Jähriger, der hat seine Mutter umgebracht. Andere haben gedealt oder waren drogenabhängig. Und ich.

Diese drei Monate waren megahart, die schlimmste Zeit. Bei der Eintrittssitzung hatten meine Eltern bestimmt, wer auf die Kontaktliste darf: mein Freund? Nein. Mein Sozialarbeiter? Nein. Meine Schwester? Nein. Niemand. Nur meine Eltern. Das war so fies. Da habe ich ein Glas vom Tisch ­genommen und gegen meine Mutter geworfen. Aber ich habe sie nicht getroffen.

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Damit war auch der Kontakt zu den ­Eltern weg.

Der Freund betrügt Lena

Nach zwei Monaten durfte ich einen Brief an meinen Freund schreiben – und die Betreuer haben ihn gelesen. Keine Privatsphäre, nichts.

Ich habe ihm geschrieben, wie es hier läuft, die Regeln und so. Und dass ich ihn vermisse. Später habe ich herausgefunden, dass er mich in dieser Zeit betrogen hat. Da habe ich Schluss gemacht. Man betrügt einfach nicht.

Die Psychoabklärung hat dann er­geben, dass ich nicht in eine Geschlossene gehöre, sondern in ein Schulheim. Deshalb kam ich nach zwei Monaten zurück ins Übergangsheim, wo ich anfangs schon einmal gewesen war.

Das Gefühl, wenn du aus der Geschlossenen kommst, wenn du da rausläufst, das ist einfach perfekt.

Im Übergangsheim war mir wieder wohl, ich wollte nicht weg. Aber es ist halt nur ein Übergangsheim.

Anfang Juli kam ich dann ins Schulheim in Liestal, das war chillig. Aber die meisten Jugendlichen gingen in den Sommerferien nach Hause, und ich durfte nicht. Meine Mutter erklärte: Sie kann nicht heimkommen. Sie wollte mich nicht.

Darum ging ich mit fünf oder sechs ­anderen aus dem Heim ins Sommerlager nach Italien. Dort haben mich die Jungs wegen des Rauchens verpetzt, und dann haben mir die Leiter die Zigis weggenommen und auch meine Kreditkarte.

Darum bin ich mit einem anderen Mädchen wieder auf Kurve. Am Abend ­waren wir in der Schweiz – keine Ahnung, wie wir das geschafft haben ohne Geld. Zum Teil per Autostopp. Einmal hat uns ­eine alte Dame mitgenommen. Und einmal haben uns Leute im Bus ein Ticket bezahlt, bis nach Locarno.

Und wieder haut Lena ab – und klaut

In der SBB wurden wir ohne Billett erwischt. Wir haben dem Kondukteur erklärt, uns sei das Portemonnaie geklaut worden, und der liess uns so einen Zettel ausfüllen, mit dem wir dann den ganzen Weg nach Hause fahren konnten.

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Ich meldete mich bei der Beiständin, die sagte nur: Geh zurück! Aber es hatte niemand Zeit, mich nach Italien zu fahren.

Also habe ich bei Oma gewartet, bis die Gruppe aus Italien zurück war.

Dann liefs ein paar Monate gut, ich ­hatte im Heim eine neue Bezugsperson, mit der ich mich sehr gut verstand. Sie gab mir Halt, hat zugehört. Aber dann, Ende Februar, sagte sie: Ich muss mit dir reden. Ich wusste, was kommt. Sie hatte gekündigt. Für mich brach eine Welt zusammen.

Ihre Nachfolgerin war zwar auch sehr gut, nur hat sie auch gleich wieder gekündigt, noch in der Probezeit. In dieser Zeit hatte auch noch meine Mutter eine extrem schlechte Phase; hat mich angerufen und gesagt, sie werfe sich von der Brücke, ich hätte ihr Leben zerstört. Völlig labil.

Ich musste weg, sonst wäre ich explodiert. Also bin ich zusammen mit einem anderen Mädchen auf Kurve. Als wir nach zwei Tagen zurückgingen, um zu duschen und Kleider zu holen, hing ein Zettel an der Tür: «Zurück um 22 Uhr». Die Gruppe war auf einem Ausflug.

Wir sind auf einen Balkon geklettert, und meine Kollegin hat die Tür aufgetreten. Im Büro suchten wir einen Schlüssel, damit wir irgendwo duschen können. Da fanden wir eine Kassette. Meine Kollegin sagte: Komm, die brechen wir auf. Ich dachte, die ist eh leer. Aber da waren 1700 Franken drin. Das war die Ferienkasse.

Nach zwei Tagen war das Geld weg, für Kleider, Handy und so – und 200 Franken haben wir einer Kollegin gegeben, die uns auf Kurve geholfen hat. Fürs Essen und so.

Zurück im Heim, wurden wir von der Polizei verhört. Ich sagte nur: Was für ein Einbruch? Dann drohten sie mit U-Haft. Nach den Erfahrungen in der Geschlossenen dachte ich mir: lieber eine Anzeige. ­Also habe ichs zugegeben.

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Im Schulheim wars danach megakomisch. Alle wussten, dass wir das Feriengeld gestohlen hatten. Ich fands gar nicht lustig, ich habs auch bereut. Das war so ein Scheissgefühl.

Also ging ich wieder auf Kurve. Als ich zurückkam, haben sie mich auf die Strasse gestellt. Ich wollte zur Mutter, aber die ­sagte, sie habe Angst vor mir, weil ich sie geschlagen habe. Also ging ich zum Vater.

Lena will zurück in die Schule

Mein Vater hat mich mitsamt meinem Koffer zur Beiständin gebracht: Es sei ihr Job, mir einen Platz zu suchen. Da hat sie ziemlich blöd geschaut. Immerhin haben wir das erste Mal wirklich zusammen geredet.

Doch sie wusste nicht, wohin mit mir, und sie sagte: Jetzt gibts nur noch die ­Geschlossene.

Für die nächsten Tage sollte ich ins Übergangsheim, wo ich schon zweimal war, aber das war voll. Also gab sie mir ­einen Wegbeschrieb und schickte mich ins Schlupfhuus nach Zürich.

Im Schlupfhuus gibts keine Tagesstrukturen. Nach einer Weile ging mir das auf die Nerven. Ich habe in meiner alten ­Schule angerufen und gefragt, ob ich wieder in die Klasse kommen kann. Ich habe da ja nie irgendwas angestellt. Ich kam da nur weg, weil mich mein Vater verprügelt hat. Aber die sagten, sie bräuchten einen Antrag der Beiständin.

Die war aber krank, und ihr Stellvertreter sagte: Kommt nicht in Frage, du gehst in eine Geschlossene.

Ich sollte ins Mädchenheim in Altstätten. Die haben zwar einen Pool, aber es ist trotzdem eine Geschlossene. Und in der Geschlossenen, das ist so ein Scheiss­gefühl; da macht man sich selbst kaputt. Nicht mit Ritzen oder so, dazu hat man gar keine Möglichkeit, die nehmen einem ja ­alles weg. Ich habe mich sowieso nur ein einziges Mal geritzt, nachdem mich mein Vater das erste Mal geschlagen hat.

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Ich wusste nicht, was ich machen soll; ich war vorher nie von zu Hause weg gewesen und dann auf einmal im Heim. Aber ich weiss bis heute nicht, warum ich auf diese blöde Idee mit dem Ritzen gekommen bin.

Der Richter lehnt alles ab

Jedenfalls in dieser Geschlossenen gibts am Sonntag nur vier Stunden Ausgang – da könnte ich von dort gar nie nach Hause, weil ich für einen Weg mehr als zwei Stunden brauche.

Darum habe ich zusammen mit Tom, meinem Sozialarbeiter, eine Beschwerde gegen den Entscheid eingereicht. Ich wollte, dass ich wieder durch ihn platziert werde. Und ich wollte einen anderen Beistand.

Mitte Juli gabs eine Anhörung vor dem Bezirksgericht mit meinen Eltern, mit der Beiständin und meiner Anwältin.

Bei der Anhörung habe ich meiner Beiständin richtig die Meinung gesagt. Ich glaube, sie hatte Tränen in den Augen.

Der Richter sagte: Mein Entschluss wird niemandem hier gefallen. Die Einweisung in die Geschlossene wird abgelehnt, der Beistandswechsel wird abgelehnt, und die Platzierung durch den Sozialarbeiter wird abgelehnt.

Ich dachte: Was läuft jetzt? Was machen sie denn dann mit mir?

Der Richter sagte, ich solle in eine Pflegefamilie und auf eine öffentliche Schule. Das heisst, es wird für meine Eltern teuer, weil diese Unterbringung nicht subventioniert ist – an einem anderen Ort müssten sie nur den Elternbeitrag von 25 Franken pro Tag zahlen.

Ausserdem sagte der Richter, wir sollen eine Familientherapie machen. Ich bin ja bereit, an mir selbst zu arbeiten, eine Psychotherapie zu machen, aber die Familientherapie bringt gar nichts, das ist vorbei.

Unsere Familie ist gewesen, nach diesen letzten zwei Jahren.

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Die Mutter will sich vor den Zug werfen

Nach dem Urteil fragte ich den Richter, ob ich gehen könne, und dann ist meine Mutter im Gericht voll ausgerastet, hat geheult: Deinetwegen kommen wir in die Schulden!

Meiner Beiständin war das nicht recht. Sie hat sich deswegen bei mir mega entschuldigt, sagte, es sei nicht mein Fehler, was hier passiert. Das fand ich gut.

Zwei Stunden später hat dann mein Vater angerufen, sagte, der Gerichtsentscheid gehe gar nicht. Wegen des Geldes, das sei viel zu teuer. What the fuck?! Kinder kosten halt Geld. Aber meinen Eltern ist ja scheissegal, wo ich sitze, Hauptsache, sie müssen möglichst wenig zahlen.

Meine Mutter schrieb mir nach der Anhörung eine SMS; ihr Herz blute, sie werfe sich vor den Zug, blablabla.

Dann hat sie mich auf Whatsapp geblockt. Meine Schwester hat das dann auch getan. Wahrscheinlich haben sie sie dazu gezwungen. Seither habe ich keinen Kontakt mehr zu meinen Eltern. Möchte ich auch gar nicht.

Unterdessen suchte meine Beiständin eine Pflegefamilie für mich. Zu Tom und seiner Vermittlung zurück durfte ich nicht mehr, weil der Richter nicht damit klarkommt, wie die arbeiten. Dabei geht es ja um mich. Ich muss damit klarkommen. Und für meine Eltern wärs sogar ­billiger als die Pflegefamilie; ich habs ausgerechnet.

Bis eine Pflegefamilie gefunden war, sollte ich im Schlupfhuus bleiben. Eines Abends bin ich zum Vater gegangen, weil ich jemanden brauchte. Papi oder so. Ich fragte, ob ich bei ihm schlafen kann, ich mag nicht mehr. Er sagte, er mag auch nicht mehr. Dann bin ich schlafen gegangen. Nach ein paar Minuten kommt er plötzlich ins Zimmer, schreit herum: Du hast nichts im Griff, du bringst es zu nichts! Er hat mich gepackt, aus dem Bett gerissen, geschlagen und in die Rippen getreten. Vielleicht war er betrunken, keine Ahnung.

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Ich habe meine Sachen gepackt, er hat sich dann noch entschuldigt, sagte, ich ­solle dableiben. Ich sagte, ich gehe. Dann verlangte er, dass ich mich abschminke, weil vom Heulen alles verschmiert war. Er sagte: So gehst du nicht aus dem Haus!

Danach bin ich weggerannt, zur gleichen Bekannten wie nach dem ersten Mal. Sie hat mich dann wieder ins Schlupfhuus gebracht.

Dann rief meine Anwältin an, meine ­Eltern hätten den Gerichtsentscheid weitergezogen wegen der Kosten. Unterdessen hatte meine Beiständin eine Pflegefamilie gefunden, irgendwo im Emmental.

Das war gut, denn im Schlupfhuus war ich nur noch über Nacht geduldet. Ich habe einen Klebstreifenroller nach einer Be­treue­rin geworfen, so einen sand­gefüllten. Aber er hat sie nur gestreift, am Kopf. Ich wollte sie gar nicht treffen. Ich habe das Ding beim Rausgehen über die Schulter geworfen. Ich war sauer, weil sie mir kein Geld fürs Zugticket geben wollten. Danach durfte ich nur noch dort schlafen und musste nach dem Aufstehen aus dem Haus.

Ich fands schlimm dort, aber besser als die Geschlossene. Ich dachte, ich versuchs mal. Allerdings war meine Eintritts-Urinprobe positiv. Trotzdem habe ich mich bemüht, habe mitgemacht, war nicht frech. Aber ich habe halt gekifft, weils mir nicht so gut ging. Am nächsten Mittwoch musste ich wieder eine UP geben und sagte: Ich habe gekifft, die wird eh positiv sein. Und die Sozialarbeiterin so: Wenn du kiffst, darfst du nicht zur Schule.

Dabei hatte sie mich bei der Hinfahrt im Auto noch vollgequatscht; von wegen ich verstehe dich, blablabla. Das habe ich schon von so vielen Sozialarbeitern gehört. Diesen Leuten geht es gar nicht um mich, es ist einfach ihr Beruf. Darauf werde ich mich nie mehr einlassen.

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Quelle: Andreas Gefe

Lena steht vor einer hässlichen Wahl

Seither bin ich wieder auf Kurve und ausgeschrieben. Das heisst, die Polizei sucht zwar nicht nach dir, ausser wenn du gefährdet bist. Aber wenn sie dich kontrollieren, nehmen sie dich mit.

Ich habe nur diese Wahl: diese Pflege­familie oder in die Geschlossene. Das stresst mich so hässlich; diese Erpressung: wenn nicht da, dann dort. Ich verstehe nicht, was die Behörde abzieht.

Ich habs mir nicht ausgesucht. Ich bin adoptiert, und die sind nicht fähig, ein Kind aufzuziehen, und nun stecken sie mich irgendwohin.

Ich habe schon auch Fehler gemacht, aber der Ursprung war, dass ich geschlagen wurde und von zu Hause wegmusste. Wenn ich an einem Ort bin, wo ich hinwill und mich wohl fühle, werde ich auch nicht mehr abhauen.

Aber ich habe keine Ahnung, wie ich das anstellen soll. Und das ist eigentlich das Ende der Geschichte.

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Geschichte einer Bevormundung

Lena* wirft nicht mit Kraftausdrücken um sich. Aber wenn sie «Scheisse» sagt, meint sie es auch. Im August meldete sich die 15-Jährige telefonisch beim Beobachter und erzählte von ihrer zweieinhalbjährigen Odyssee.

Statt um Fussball, Deutsch-Rap und Snowboarden dreht sich ihr Leben um Platzierungen, Beistandschaften und Gerichtsentscheide – Themen, bei denen im Beobachter meist nur Behörden, Fachleute und Experten zu Wort kommen.

Lena ist ein ganz gewöhnlicher ­Teenager; trägt Jeans, T-Shirt und Wimperntusche. Wenn sie ­lächelt, glitzert auf ihrem Eckzahn ein ­Ziersteinchen.

In mehreren Begegnungen schilderte die wache junge Frau ihre Geschichte, nüchtern und ehrlich – was es heissen kann für einen jungen Menschen, wenn plötzlich alle anderen bestimmen, was für ihn das Beste ist. Dabei sparte sie nicht mit Kritik; sie sieht aber auch ihre eigenen ­Fehler. Mittlerweile lebt Lena bei einer Pflege­familie, absolviert die neunte Klasse und schreibt Bewerbungen. Sie ­möchte sich zur Fachangestellten Gesundheit ausbilden lassen.