«Eure Tochter wünscht euch nicht mehr zu sehen»: Diesen Satz bekamen zahlreiche Eltern zu hören, deren Kinder in der therapeutischen Wohngemeinschaft Schnäggehuus in Hosenruck im Kanton Thurgau wohnen. Die Ehepaare Nansen, Beer und Schütz (Namen geändert) bekamen ihre magersüchtigen Töchter seit zwei beziehungsweise vier Jahren nicht mehr zu Gesicht. Grund für die Kontaktsperre: Die Väter sollen ihre Töchter sexuell misshandelt haben. Dies behaupten jedenfalls die «Schnäggehuus»-Leiterinnen.

Die beschuldigten Väter wurden zu dem Vorwurf, den sie ausnahmslos bestreiten, kein einziges Mal angehört. Eine Abklärung, ob dieser von übereifrigen Betreuerinnen stamme, fand nicht statt. Aufgrund der Publikation im letzten Jahr meldeten sich weitere Betroffene beim Beobachter – Nansen, Beer und Schütz sind keineswegs Einzelfälle.

Die Veröffentlichung der Vorwürfe brachte aber auch die Ermittlungsbehörden auf Trab. Mutter Nansen erhielt prompt eine polizeiliche Vorladung. Jetzt erfuhr die Frau, dass ihr Mann vom «Schnäggehuus» angezeigt worden war – wegen sexueller Handlungen an seinem Kind. Vater Nansen ist bis heute nicht befragt worden.

Keine Klarheit auch für das Ehepaar Schütz: Das Untersuchungsrichteramt deutete an, dass gegen sie «und weitere Personen» eine Strafanzeige eingegangen sei. Zum Inhalt derselben seien jedoch «keine genaueren Angaben» möglich.

Sie fehlen bis heute. Genauso bei Vater Beer. Ihm wurde im Februar dieses Jahres, vier Jahre nachdem der Vorwurf via «Schnäggehuus» erstmals auftauchte, vom Ermittlungsbeamten mitgeteilt, er werde «später» Gelegenheit haben, sich dazu zu äussern. Das Amt schweigt bis heute.

«Wir hoffen, dass die haltlosen Vorwürfe endlich abgeklärt werden», so Nansen. «Das Schweigen macht uns krank.»

Ein bisschen Hoffnung entstand Mitte letzten Jahres: Nach dem Beobachter-Bericht wurde eine gutachterliche Bewertung des «Schnäggehuus» als notwendig erachtet. Die klagenden Eltern erfuhren dessen Resultat aus der Zeitung – und die Hoffnung schwand auf der Stelle.

Der Gutachter, Thomas Knecht, leitender Arzt in der Klinik Münsterlingen, habe im «Schnäggehuus» ein «mildes, warmes Klima» festgestellt, hiess es da. Es schaffe bei den Bewohnerinnen «keine besonderen Abhängigkeiten».

Sollen die Heimleiter geschont werden?
Zweifel an der Vollständigkeit dieser Expertise sind aber durchaus angebracht. So wurden dafür lediglich «drei Elternteile» befragt – zum Zeitpunkt der Untersuchung befanden sich zwölf junge Frauen in der «Schnäggehuus»-Obhut. Die maximale Aufenthaltsdauer, heisst es im Gutachten, betrage vier Jahre; nur schon Tochter Beer befindet sich seit acht Jahren in der Obhut des Heims. Die Frage, ob dieses sektenartige Züge aufweise, verneinte eine als Expertin beauftragte Theologin. Die «unabhängige» Gutachterin hat aber auch schon mal mit dem «Schnäggehuus» zusammengearbeitet. Weder die Ehepaare Nansen, Beer noch Schütz wurden kontaktiert; der Vorwurf des Missbrauchs wurde im Gutachten gar nicht thematisiert.

Thomas Knecht will diese Unstimmigkeiten nicht kommentieren: «Gegenstand meiner Untersuchung war nicht der Missbrauchsvorwurf an die Eltern. Meine Arbeit ist abgeschlossen.»

Die Gründer des «Schnäggehuus», Regula Zürcher, Susi Tschopp und ihre Ehemänner, haben auf Mitte 2005 altershalber ihren Rücktritt angekündigt. Möchte die Thurgauer Heimkommission den beiden Paaren einen ehrenhaften Abgang sichern? Der Verdacht drängt sich auf – auch wenn die Verantwortlichen dies weit von sich weisen.

Zurück bleiben zerrüttete Familien – und zahlreiche Eltern mit einem Vorwurf, der ihnen ein Leben lang anhaften wird.

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