Die Bischofszell AG, Calida und Adidas fühlen sich hintergangen. Durch Dritte mussten sie erfahren, dass Waren, die sie einem St. Galler Drogenhilfeverein gespendet hatten, von diesem im Internet weiterverkauft wurden. «Palettenweise holte der Verein unsere Rösti ab», sagt Bernadette Studerus, verantwortlich für Sponsoring bei der Bischofszell AG. Der Lebensmittelproduzent spendet oft an Pfadfinder oder Gassenküchen Waren, die vor dem Verfallsdatum stehen. Von einer Anzeige sieht die Firma ab – zu geringfügig sei der Schaden. Was bleibt, sind Enttäuschung und Misstrauen. Studerus: «Wir werden künftig Spendengesuche genau überprüfen.»

Weit verzweigtes Auffangnetz
Verantwortlich für den Internethandel ist die Interessengemeinschaft Lebensfreude (IGL), auch bekannt als «Verein Lebensfreude, Drogenhilfe durch ehemalige Drogenkonsumenten». Kopf der IGL ist Danny Lüchinger, 41, früher selbst drogen- und alkoholsüchtig. Er tritt als Guru in Sachen Selbsthilfe auf und begann vor zehn Jahren, in St. Gallen ein Auffangnetz für Süchtige zu knüpfen. Zu diesem Netz gehören nicht nur Beratungsstellen und therapeutische Wohnheime, sondern auch ein Videoshop, der sich mit der Zeit zu einem Treffpunkt für Süchtige entwickelt hat.

Zum Internethandel sagt Lüchinger entschuldigend: «Wir bekamen zu viele Waren.» Anstatt die Sachen wegzuwerfen, habe sich die IGL entschieden, die Spenden weiterzuverkaufen. Auf die Idee, die Waren an Süchtige zu verschenken, die im Shop ein und aus gehen, kam niemand.

Auf der IGL-Webseite www.igl.ch bot der Verein nicht nur die Spenden zum Verkauf an – online wickelt er auch einen Video- und DVD-Verleih ab, wobei besonders für Sexfilme die Werbetrommel gerührt wird. Dass eine gemeinnützige Institution mit Erotik Geld verdient, ist für Lüchinger nichts Ungewöhnliches: «Sex ist etwas Wunderbares», sagt er. Und verweist auf seine spezielle Kundschaft: «HIV-Kranke und Süchtige haben auch Bedürfnisse – da bieten Sexfilme Entspannung.»

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Der Grund für die merkwürdigen IGL-Aktivitäten sind die knappen Finanzen: Bereits musste der Verein einige Beratungsstellen und Wohnheime schliessen. Übrig geblieben ist unter anderem das für acht Süchtige konzipierte Wohnheim Minousch, doch auch diese WG ist seit Monaten halb leer. Die Schuld dafür schiebt Lüchinger den Behörden zu: «Man will uns weghaben», glaubt er. Stetig würden die Anforderungen an therapeutische Wohnheime erhöht. Dies mache Selbsthilfeteams wie der IGL das Leben schwer.

Die Behörden distanzieren sich
Im Kanton St. Gallen benötigen stationäre Einrichtungen der Suchthilfe eine Bewilligung. Über eine solche verfügt Minousch, auch wenn dort beinahe jährlich die fachliche Leitung wechselt. «Die WG hält die im kantonalen Suchtgesetz vorgeschriebenen fachlichen Kriterien ein», erklärt Herbert Bamert, kantonaler Beauftragter für Suchtfragen.

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Eine klare Meinung zur IGL hat Jürg Niggli, Geschäftsleiter der St. Galler Stiftung Suchthilfe. «Man muss den Mut haben zu sagen, dass es so nicht geht», meint er. Zu oft würden bei der IGL beide Augen zugedrückt. Damit soll nun Schluss sein: Wegen mangelnder Transparenz und Kontrolle rät die Suchthilfe Amtsstellen ab, Klienten ins Minousch einzuweisen.

Auch andere Amtsstellen gehen zur IGL auf Distanz, darunter die St. Galler Bewährungshilfe. Für sie ist der Verein «eine undurchsichtige Organisation», so Bewährungshelfer Reinhard Heizmann. Aus diesem Grund verweigerte er die Finanzierung von Therapien, was sich nachteilig auf die Belegung des Wohnheims auswirkt. Nicht mehr länger die Augen zudrücken will auch die St. Galler Gewerbepolizei. Weil sie keinen Einblick in die Kassabücher der IGL erhielt, hat sie ihr die Bewilligung entzogen, an der Haustür Geld für ihre Projekte zu sammeln und auf dem Flohmarkt Waren zu verkaufen.

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Danny Lüchinger lässt das kalt: «Wir machen trotzdem weiter.»