Die Fahrt durch den Simplontunnel muss dem Lokführer vorgekommen sein wie ein Alptraum: Vor einem roten ­Signal versagen die Bremsen aller 20 Wagen. Die Fracht: Lastwagen. Mit über 1000 Tonnen im Nacken funktionieren nur noch die Bremsen der beiden Lokomotiven. Zufällig ist der Zug 43610 nicht voll in Fahrt, und so kommt er im letzten Moment zum Stehen.

Die BLS verweigert dem Beobachter zum Vorfall Anfang Juli konkrete Antworten: «Da aus unserer Sicht in diesem Fall das Vorgehen geordnet und angemessen verlief, verzichten wir auf die detaillierte Beantwortung Ihrer Fragen», schreibt die Medien­stelle. Schon damals begnügt sich die BLS mit der simplen Meldung «defekter Bremsschlauch» an die RAlpin. Diese betreibt im Auftrag des Bundes die rollende Autobahn und stellt die Wagen zur Verfügung. Der Schlauch war aber nicht geplatzt, was ab und zu vorkommt, sondern verstopft. Und das ist hochgefährlich. Denn um Eisenbahnwagen zu bremsen, muss der Lokführer den Luftdruck im Bremssystem senken können. Bleibt er hoch, versagen die Bremsen.

Solch gravierende Vorfälle müssten der Unfalluntersuchungsstelle des Bundes gemeldet werden. Doch die BLS winkt ab: «Aufgrund des Wissensstands über die möglichen Ursachen gingen wir im Juli von einem einmaligen Ereignis aus, weshalb keine kurzfristigen Sofortmassnahmen für den Bahnbetrieb ergriffen wurden.»

Der Zug stoppte nicht

Doch es bleibt nicht bei einem Vorfall. Einen Monat später lösen sich wieder Teile, verstopfen den Bremsschlauch, und die Bremsen versagen. Diesmal entgeht die BLS mit dem LKW-Zug in Spiez nur knapp einer Katastrophe. Gemäss Informationen des Beobachters springt das Einfahrsignal des Bahnhofs im letzten Moment auf Grün. Bei Rot wäre der Zug schlimmstenfalls auf einen anderen geprallt. Offenbar hatte der Zug das Si­che­­rungs­system ausgelöst, weil er zu schnell aufs rote Signal zufuhr. Doch die automatische Bremsung blieb wirkungslos. Nun informierte die BLS das Bundesamt für Verkehr. Die RAlpin ersetzte die Bremsschläuche an ihren 31 Wagen, in denen die LKW-Chauffeure mitfahren.

Verstopfte Bremsschläuche sind selbst für Experten aus­sergewöhnlich. «Bremsversagen bei der Bahn ist extrem selten, aber sehr gefährlich», sagt Walter von Andrian, Chefredaktor der «Schweizer Eisenbahn-Revue». Doch die Nachforschungen des Bundesamts für Verkehr lassen aufhorchen: «Die aufgetretene Bremsschlauchproblematik könnte auch andere Fahrzeugtypen betreffen.» Solche Bremsschläuche sind zu Tausenden im Einsatz. Das Bundesamt für Verkehr warnt jetzt die Branche in einem Brief, sie solle ein spezielles Augenmerk auf Bremsschläuche richten.

Dieser Artikel kam aufgrund von ­Hinweisen zustande, die dem ­Beobachter über seine Whistleblower-Plattform www.sichermelden.ch gegeben wurden.