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Sozialhilfe«Was muss denn noch passieren?»

Sie hat vier Kinder, verlässt ihren gewalttätigen Mann und überlebt den Krebs. Jetzt ist sie am Ende ihrer Kräfte. Doch beim Sozialamt findet sie weder Herz noch Hilfe.

Überall stösst die junge Familie auf Widerstand.
von aktualisiert am 12. April 2018

Beim Beobachter meldet sich Anina Klein* mit zwei kurzen Sätzen: «Die Gemeinde hilft mir nicht. Ich kann nicht mehr.» Anina Klein hat vier Kinder, drei davon unter fünf Jahren. Ausführlicher schreiben kann sie nicht, sie hat keine Zeit. Für jedes Gespräch muss sie jemanden organisieren, der auf die Kinder aufpasst. Jeden Anruf muss sie im Voraus planen. Nach dem ersten Treffen sitzt die 32-Jährige in ihrer kleinen Küche, die Beine an den Körper gezogen, und sagt: «Das war das längste Gespräch, das ich seit einer Ewigkeit hatte.»

Anina Klein fleht seit über einem Jahr beim Sozialamt um Hilfe. Per Mail, per Telefon, am Schalter. Sie bittet um finanzielle Unterstützung. Um Beratung. Etwas Kulanz. Mehrere Male war sie so verzweifelt, dass sie auf dem Amt weinte. Bis heute ist sie schockiert über das Desinteresse, das ihr dort entgegenschlägt. «Sie haben sich immer nur für Geld interessiert. Nicht für mich Sozialämter Die Sozialhilfe spart ohne Plan

 

Nie hätte Anina Klein gedacht, dass ihr Leben so schnell aus dem Ruder laufen könnte.

 

2011 ist sie mit ihrer ersten Tochter aus Berlin in den Aargau gezogen. Weil sie eine gute Stelle als Köchin fand. Und weil sie wollte, dass ihre Tochter in einer natürlichen Umgebung aufwächst. «Eine Grossstadt ist kein Ort für kleine Kinder», sagt Klein. Der Umzug bedeutet aber, dass alle Verwandten, die sie unterstützten, Hunderte von Kilometern weit weg sind. Sie lernt ihren späteren Mann kennen, die beiden heiraten. Und bekommen drei weitere Kinder.

Anina Klein hätte nie gedacht, dass ihr Leben so schnell aus dem Ruder laufen könnte. Es ist Anfang 2017. Ihr Mann war wegen psychischer Probleme lange in der Klinik und hat seinen Job verloren. Sie erholt sich nur langsam von einem schweren Gebärmutterhalskrebs. Trotzdem muss sie allein für ihre vier Kinder sorgen, ist ständig auf sich allein gestellt, kann selten länger als zwei Stunden am Stück schlafen.

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Sie will arbeiten – kann es sich aber nicht leisten

Im Januar wird der dreijährige Sohn operiert. Er war ein Frühchen gewesen, nur 1500 Gramm wog er bei der Geburt. «Ich hab noch das Bild vor Augen, wie er im Bettchen lag», erinnert sich Klein. Überall Kabel und Schläuche, die Bauchdecke war offen. Die Operation sollte endlich seine Schmerzen lindern. 

Anina Klein ist überfordert, seit eineinhalb Jahren in psychotherapeutischer Behandlung. Hilfe im Alltag erhält sie nicht, die Gemeinde will auch keine auswärtige Kinderbetreuung finanzieren. Sie möchte auch wieder arbeiten. Und von der Sozialhilfe wegkommen, auf die die Familie seit dem Burn-out ihres Mannes angewiesen ist. Tatsächlich bekommt sie eine Teilzeitstelle als Köchin. Doch das Sozialamt ist wieder nicht bereit, die Krippe oder eine Tagesmutter für die Kinder zu zahlen Sozialhilfe Beantragen – Welche Rechte habe ich? . «Natürlich sind die Kosten für die Betreuung der Kinder höher als mein Lohn», sagt Klein. «Aber es wäre für mich ein erster, wichtiger Schritt zurück in den Arbeitsmarkt gewesen.»
 

Die Sache mit der Wohnung

Im April 2017 trennt sich Anina Klein von ihrem Mann. Er wird bei Konflikten immer wieder gewalttätig. Einmal erzählt ihr Sohn der Kassierin in der Migros: «Wegen Papa war die Polizei bei uns.» Und beim Hausarzt verkündet die Tochter, dass Papa Löcher in die Türen geschlagen habe.

Anina Klein hat auch Probleme mit der Wohnung. Sie ist zu teuer – 2153 Franken für viereinhalb Zimmer. Das Sozialamt drängt. Wenn sie nicht eine billigere Wohnung finde, werde man ihr das Sozialhilfegeld kürzen Sozialhilfe Das sind die Spartricks der Behörden . Klein sucht intensiv, auch weil sie die Erinnerungen an die zertrümmerten Türen, die durchschnittenen Kabel, das kaputte Geschirr hinter sich lassen will. «Die Kinder waren traumatisiert. Ich hoffte, dass sie an einem neuen Ort wieder aufblühen.»

Aber überall stösst die junge Familie auf Widerstand. Eine Verwaltung meint unverblümt, Sozialhilfebezüger seien nicht willkommen. Anderen sind vier Kinder zu viel – «überbelegt». Vergebens bittet Klein die Gemeinde um Unterstützung bei der Wohnungssuche.

 

Sie findet eine 4,5-Zimmer-Wohnung für 1790 Franken. Zu teuer, sagt die Gemeinde. Sie müsse weitersuchen.

 

Im Sommer schreiben ihre Psychologin und ihr Arzt Atteste für die Gemeinde. «Die Patientin weist schwere gesundheitliche Probleme auf und ist überhaupt nicht mehr leistungsfähig», so der Arzt. Nach der Trennung vom Mann sei es zu einer erneuten «markanten Belastung» gekommen, warnt die Psychologin. «Ich bitte Sie, bei Ihren Entscheidungen den fragilen Gesundheitszustand der Patientin zu berücksichtigen.» Fast jede Nacht kriecht ein Kind in ihr Bett und sucht Trost. Wenn es endlich wieder schläft, schleicht die Mutter in die Küche, setzt sich an den kleinen Tisch und fragt sich, wie sie das alles meistern soll.

Dann ein Lichtblick: Bei ihrer Hausverwaltung wird auf September eine 4,5-Zimmer-Wohnung frei. Sie ist einiges billiger als die alte, kostet 1790 Franken inklusive Nebenkosten. Sofort schreibt Klein eine Mail an die Gemeinde. Sie will wissen, ob diese Miete niedrig genug sei. Eine Woche wartet sie, dann ruft sie an. Es gebe noch keinen Bescheid, sagen die Behörden. Anina Klein will möglichst bald zusagen. Sie hat Angst, dass die Wohnung weitergegeben wird. Ihre Psychologin ruft gar auf dem Sozialamt an, Klein ist zu verängstigt dazu. Zwei Wochen später unterschreibt sie den Mietvertrag – es ist ein Akt der Verzweiflung.

Die Verwarnung der Gemeinde

«Ich hatte solche Angst, dass man mir das Sozialhilfegeld kürzen würde. Wer weiss, wie lange ich auf eine andere Wohnung hätte warten müssen», sagt sie. Die Reaktion lässt nicht lange auf sich warten. Nach der Sitzung des Gemeinderats erhält Klein einen scharf formulierten Brief, der ihr den Atem stocken lässt. Man sei von ihrem Verhalten «schwer enttäuscht». Der Gemeinderat rechnet ihr vor, die neue Wohnung sei 190 Franken pro Monat zu teuer. Klein habe sich nie nach den Mietzinsrichtlinien erkundigt, obschon ihrerseits «offensichtlich eine Holschuld» bestehe.

Klein habe gegen die Mitwirkungs- und Meldepflicht Existenzsicherung Sozialhilfe von A bis Z verstossen, weil sie nicht auf die Rückmeldung der Gemeinde gewartet habe. Der Gemeinderat stösst sich zudem daran, dass nicht Klein selbst, sondern ihre Psychotherapeutin angerufen hat. Die Gemeinde spricht eine Verwarnung aus. Die Umzugskosten von über 2000 Franken werden ihr nicht zurückerstattet – obwohl Kleins Arzt angeordnet hatte, dass sie Umzug und Reinigung keinesfalls selber machen darf. Und die Gemeinde zahlt ab sofort nur 1600 Franken Miete. Anina Klein hat nicht mehr die Energie, sich zu wehren und gegen den Entscheid Beschwerde einzulegen. Auch wenn sie damit vermutlich Erfolg gehabt hätte.

 

Als sie kein Geld mehr fürs Essen hat, bittet sie das Sozialamt um Hilfe. Der Beamte gibt ihr zwei Büchsen Ravioli und eine Büchse Williams-Birnen.

 

Dass ihr nicht die ganze Miete gezahlt wird, schmerzt erst recht, weil ihr Mann die Unterhaltsbeiträge und das Kindergeld nur unregelmässig zahlt. Immer wieder fehlen ihr mehr als 1800 Franken. Teilweise ist das Konto leer. Klein ist krank vor Sorge, magert auf 47 Kilo ab. Jeden Tag steht sie trotzdem für ihre Kinder auf und schminkt sich. «Ein kleines Stück Normalität.»

Weil ihr Anwalt im Eheschutzverfahren Fristen verstreichen liess, muss sie monatelang warten, bis die Gemeinde die Alimente bevorschusst. Wochenlang tischt Anina Klein den Kindern nur noch Teigwaren auf, Äpfel, Orangen, Griessbrei. «Was halt billig ist.» Als sie nichts mehr hat, geht sie zum Sozialamt, bettelt um Hilfe. Zwei Büchsen Ravioli und eine Büchse Williams-Birnen stellt ihr der Beamte hin. Für Klein eine einzige Erniedrigung. 

Entschuldigung für die Kinder?

Anina Klein bewahrt alle Dokumente auf, die ihre Geschichte belegen. Jedes einzelne fotografiert sie, wenn die Kinder am Mittag schlafen, und schickt sie dem Beobachter. 97 Mails insgesamt. Einige Vorwürfe kann sie nicht belegen. Einer der Beamten habe ihre Kinder «Mischlingskinder» genannt, sagt sie. Ein anderer habe sie gefragt, ob sie denn nicht schlau genug fürs Verhüten sei. 

Klein will sich nicht verteidigen. Will nicht von den Ärzten erzählen, die ihr sagten, dass sie nach der Krebserkrankung nicht mehr schwanger werden könne. Von der Stillpille, die nicht funktioniert hat. «Ich muss mich nicht dafür entschuldigen, dass ich vier Kinder habe.» Sie hat jedes Geburtsdatum auf ihren Arm tätowiert.

 

«Muss ich völlig zusammenbrechen, bis man mir hilft?»

Anina Klein*

 

Bis heute versteht Anina Klein nicht, warum die Gemeinde ihr nicht hilft. «Sie wissen, dass die Polizei wegen meines Exmanns bei uns war. Sie wissen von den Arztzeugnissen. Was muss denn noch passieren? Muss ich völlig zusammenbrechen, bis man mir hilft?» Das Gesetz spricht für sie. Denn eigentlich ist eine Gemeinde verpflichtet, bedürftige Menschen finanziell zu unterstützen, und ihnen in Krisen- und Notsituationen persönliche Hilfe zu leisten und beratend zur Seite zu stehen.

Mittlerweile hat sich Anina Klein wieder etwas gefangen. Die Gemeinde bevorschusst die Alimente. Ihre Kinder sind ruhiger geworden. Kopfzerbrechen bereitet ihr nur, dass sie vom Sozialdienst die Weisung hat, ab Oktober eine billigere Wohnung zu suchen. Nur schon der Gedanke daran lässt Anina Klein verzweifeln. «Nochmals das ewige Suchen. Nochmals zügeln mit meinen vier Kindern. Ich weiss nicht, wie ich das schaffen soll.»

 

*Name geändert

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Jessica King, Redaktorin

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6 Kommentare

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georg stamm
Die Frau scheint ja vor 7 Jahren aus Berlin hierher gezogen zu sein. Da kennt sie niemanden, niemand hilft ihr. Wie wäre es denn mit einer Rückkehr nach Berlin. Dort hat sie vermutlich ein familiäres Umfeld (Eltern, ev. Geschwister). Die könnten helfen, einspringen, entlasten, so wie das Eltern resp. Grosseltern oft tun. Wenn es allerdings keine Familie in Berlin mehr gibt, dann wird es schwierig. Das Verhalten des hiesigen Sozialamtes muss man als asozial bezeichnen.
kurto
Wenn ich das lese muss ich kotzen! Soviel behördliche Unfähigkeit ohne das es Konsequenzen hagelt ist wohl der neue Standard in der CH! Das Sozialhilfegesetz regelt klipp und klar, dass diese Frau Anrecht auf Unterstützung hat! Sie sollte eine Anzeige wegen unterlassener Hilfeleistung einreichen! Die Verantwortlichen gehören fristlos entlassen und die Gemeinde öffentlich genannt! Habe auch schon mehrere Missstände aufgedeckt. Es arbeiten zuviele inkompetente Leute in diesen Ämtern!
dellacasa
Die Geschichte ist tragisch. Leider sind wir seit kurzem auch vom Sozialamt abhängig. Und ich kann definitiv bestätigen, es geht nicht um die Person, sondern nur ums Geld. Es wurde uns auch ganz klar gesagt, dass das Sozialamt in erster Linie für die Gemeinde arbeiten würde um die Gesetze so umzusetzen, dass die Gemeinde so viel wie möglich einsparen könne. Schliesslich ginge es um die Steuergelder der Gemeinde und diese müsse man schützen. Dem Sozialamt geht es also darum, die Gesetze zu Gunsten der Einsparung der Gemeinde und nicht zu Gunsten hilfsbedürftiger Personen umzusetzen.
sues_beobachter
So ein Verhalten dieser Sozialhilfe ist für schon kriminell! Wie kann es sein, dass hier nicht geholfen wird? Können solche Mitarbeiter überhaupt noch schlafen mit dem Wissen, dass sie Menschen 'misshandeln'?