Florian pflückt eine Olive, beisst hinein. Sofort spuckt er sie wieder aus. «Bäh.» Nächste Woche wird geerntet. Doch bevor man die Steinfrüchte essen kann, müssen sie gewässert und in Salzlake eingelegt werden, um ihnen die Bitterstoffe zu entziehen.

Im Hain wachsen wilder Spargel, Löwenzahn und Hahnenfuss, zwischen den Olivos wuchern Wildpfirsichbäume. «Ich wäre längst nicht mehr hier, wenn es mir nicht gefallen würde», murmelt Florian. Er meidet den Blickkontakt. Schaut auf seine weissen Turnschuhe. Dann ein flüchtiger Blick in die Umgebung. Er steht auf einem Hügel in Umbrien, der Blick geht in die Tiberebene, gegen die blendende Herbstsonne. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht. Florian weiss: Ohne seinen Willen geht nichts. Anderseits: Nimmt er jetzt nicht alle Kraft zusammen, vertut er seine letzte Chance.

Heim, Psychiatrie, Gefängnis
Time-out heisst die erzieherische Notmassnahme, die in den letzten Jahren einen regelrechten Boom erlebt. Das Erfolgsrezept heisst: raus aus dem Schweizer Alltag, rein in ein neues Umfeld im Ausland. Oft ist das Time-out die letzte Möglichkeit, eine sich anbahnende Heim-, Psychiatrie- und Gefängniskarriere zu verhindern – oder eine bereits eingeschlagene zu unterbrechen.

«Das Time-out ist ein bewährtes Mittel, um Bewegung in eine verfahrene Situation zu bringen», sagt der renommierte Jugendpsychologe Josef Sachs, Leiter des Jugendpsychiatrischen Dienstes der Klinik Königsfelden. Zum Beispiel dann, wenn sich ein Jugendlicher in der Totalopposition verschanzt.

Seine Geschichte hat Florian (Name geändert) schnell erzählt: «Ich bin einfach nicht zur Schule gegangen», sagt er. Die zweite Sekundarschulklasse habe er gerade mal zwei Tage lang besucht. Wieder muss er grinsen, in seinen Augen Stolz und Scham zugleich. Der alte Klassenlehrer sei krank geworden, den jungen Ersatzlehrer habe er nicht ausstehen können. «Und den militärischen Turnlehrer habe ich gehasst wie die Pest.»

Der heftige Emotionsausbruch währt nur einen Augenblick. Dann wendet sich Florians Blick wieder nach innen. Er schweigt. Nachdem ihn der Sportlehrer wegen eines kleinen Missgeschicks vor der versammelten Klasse abgekanzelt hat, ist er nie wieder zur Schule gegangen.

Monatelang hing der schlaksige 14-Jährige rum, hat gekifft und getrunken. Stieg nachts zu Hause aus dem Fenster, schlug sich in der Stadt die Nächte um die Ohren. Schmiss Autoscheiben ein, beschädigte S-Bahn-Züge. Die berufstätige Mutter war ratlos, ebenso der von der Familie getrennt lebende Vater. Florian stand am Beginn einer klassischen Schwererziehbaren-Laufbahn, deren Stationen in der Regel heissen: Erziehungsheim, Psychiatrie, Knast. Bis das Sozialamt eingriff. «Das Erste, was mich der Sozialarbeiter fragte, war, ob ich mich prostituiere», erzählt Florian. Der Dialog war beendet.

Arbeit statt Playstation
«Wir arbeiten mit ganz schwierigen Jugendlichen sehr bewusst im offenen Rahmen», so Fredi Küffer, Projektleiter beim Burgerlichen Jugendwohnheim in Bern. Er nutzt das Time-out in Italien vor allem als Krisenintervention, um Betreuungsabbrüche zu verhindern. Küffer: «Es geht darum, den Horizont zu öffnen und neue Motivation zu finden.» Ein moderner erzieherischer Ansatz, dessen Ziel es ist, dass die Jugendlichen Verantwortung für sich selbst übernehmen.

«Florian sagt: ‹Das mach ich. Das mach ich nicht.› Er ist sehr klar und verlangt diese Klarheit auch von mir», sagt seine Betreuerin Birgit. «Manchmal denke ich, dass er nur klare Grenzen fordert, um sich besser dagegenstellen zu können.»

Seit Ende August ist Florian nun schon bei Birgit, 38, und Leandro, 41. Sie stammt aus Berlin und arbeitet als Heilpraktikerin. Er ist Mailänder und Goldschmied. Gemeinsam haben sie zwei Töchter, Ilaria, 8, und Tamara, 5. Seit die Familie vor fünf Jahren auf den Hügel bei Collepepe zog, betreut sie junge Menschen in akuten Krisensituationen und erwirtschaftet damit einen kleinen Nebenverdienst. «Bei uns sind die Jugendlichen ein Teil der Familie», sagt Birgit. «Es ist klar, dass unser Leben dabei bisweilen durcheinander gerät.» Dafür würden sie alle viel über einen respektvollen gegenseitigen Umgang lernen.

«Die Betreuung durch Nichtprofis ist Konzept», sagt André Spring. Er ist Gründer und Leiter der Organisation Ombrello Umbro, die Pflegeplätze in der Toskana, Umbrien und den Marken anbietet. Die Jugendlichen kommen meist aus intensiven Behandlungen mit Sozialpädagogen und Psychologen und sind derer überdrüssig. «Wir achten deshalb sehr darauf, dass die Jugendlichen bei uns auf authentische Lebenssituationen treffen», sagt Spring. Denn nicht Therapie steht beim drei- bis zwölfmonatigen Time-out im Vordergrund, sondern das Bestehen im Alltag. «Manchmal hilft die Arbeit beim Bauern mehr als Reden», ist er überzeugt.

Nachdem er in den verschiedensten Jugendinstitutionen tätig gewesen war, hat sich der 58-jährige Sozialpädagoge aus Bern 1994 selbstständig gemacht. «Ich wollte weg vom Punktesystem, das noch heute in den meisten Institutionen zur Anwendung kommt», sagt er. Ressourcenorientiert, heisst sein Zauberwort – die Jugendlichen dort unterstützen, wo sie Stärken haben, statt auf ihren Schwächen herumreiten. Ombrello – Italienisch für Schirm – bietet derzeit 16 Familienpflegeplätze für schweizerische und deutsche Institutionen an.

Womit sich die Jugendlichen am schwersten tun, ist – die Zeit. Sie sind aufgewachsen mit Fernsehen, Internet, Playstation, Telefon, SMS und Unterhaltungsindustrie. Nichts von all dem im Time-out, und wenn, dann sehr dosiert. Florian beispielsweise darf einmal in der Woche mit seinen Eltern telefonieren. Mit Freunden sprechen oder mailen ist ihm untersagt. «Die Reduktion der Reize ist zentral bei der Krisenintervention», erklärt Heimleiter Fredi Küffer. «Es braucht diese gewisse Leere, um neue Ziele zu definieren.»

Immer mehr fliegen von der Schule
Aufrecht sitzt Florian am Tisch, folgt der Unterhaltung zwischen Leandro und seinen Töchtern. Bevor er Salat auf seinen Teller hebt, fragt er, ob sonst noch jemand möchte. «Sogar Pasta isst er mit Messer und Gabel», bemerkt Birgit belustigt. «Ich kann das auch, aber ich will das nicht», erklärt die kleine Tamara trotzig. Florian isst schweigend weiter. «Er verlernt hier noch seine guten Tischmanieren», lacht Birgit. Mindestens sechs Monate wird Florian hier bleiben, in Haushalt und Garten helfen und zusammen mit Birgit versuchen, seine schulischen Lücken aufzuarbeiten.

Letzte Woche habe er einen Tag lang eine italienische Schule besucht, erzählt Florian. «Das war total laut und wild», sagt er beeindruckt. «In einer solchen Schule wäre ich kaum aufgefallen.»

Eine Behauptung, die der Jugendpsychologe Sachs stützt. «Schweizer Normklassen sind immer weniger tragfähig für verhaltensauffällige Schüler», sagt er. Diese Tendenz findet auch Ausdruck im Gesetz. In mehreren Kantonen werde derzeit der vorübergehende Schulausschluss von verhaltensauffälligen Schülern erheblich vereinfacht. In den Kantonen Basel-Stadt, Bern, Luzern, Neuenburg, St. Gallen, Zug und Zürich sind die gesetzlichen Grundlagen für vorübergehende und dauerhafte Schulausschlüsse bereits vorhanden. Rund 250 Schüler fliegen in der Schweiz jährlich von der Grundschule. «Der Bedarf nach Time-out-Plätzen wird weiter stark zunehmen», so Sachs’ Einschätzung.

Zum Zmorge eine Dose Bier
«Irgendwann sagte meine Mutter: ‹Jetzt kannst du deine Sachen packen›», erzählt Stefanie. «Das war vor zwei Jahren. Oder drei? – Ich weiss nicht mehr so genau.» Sie trägt dickes Make-up und enge Bluejeans, weisse Bluse mit tiefem Ausschnitt, spitze Schuhe, die Fingernägel lackiert. Und der Vater? «Ts», macht sie nur und wendet sich ab. Wenn sie ihre Lippen trotzig schürzt, sieht sie aus wie ein Kind. Stefanie wird nächste Woche 20.

Nachdem ihre Mutter sie rausgeschmissen hat, lebt sie auf der Strasse, zeitweise in einem besetzten Haus im Berner Nobelquartier Elfenau. Crack, Kokain und Hasch geben den Rhythmus vor: nachmittags schlafen, abends auf die Gasse. Die Nacht: ein Rausch. Und wenn Stoff und Geld gegen Morgen verbraucht sind, geht sie zum Betteln in den Bahnhof. «Früher trank ich zum Frühstück eine Dose Bier», sagt Stefanie verlegen. Ihre Schneidezähne sind schwarz vom Crackrauchen.

«Als Stefanie nach Italien kam, war sie ein richtiger Rotzbengel. Verwahrlost und gerissen», so André Spring von Ombrello Umbro.

«Hier ist die Grenze», sagt Renate, Stefanies Betreuerin. «Die Kinderzimmer von Lina, Tilla und Nora sind für die Jugendlichen tabu.» – «Dafür haben sie im unteren Stock ihr eigenes», so René. Für die Unterstufenlehrerin und den ehemaligen Messebauer aus Zürich muss eine räumliche Abgrenzung unbedingt sein.

Die untere Etage: Das ist ein riesiges Gartenzimmer, eigentlich ein Studio mit Küche und Bad. «Die Idee wäre, dass sich Stefanie selbstständig macht. Dass sie sich beispielsweise ihr Frühstück selbst zubereitet», sagt Renate. Das wäre die Idee, die Realität indes sieht anders aus. «Wenn man ihr nicht immer wieder sagt, was sie tun soll, tut sich nichts», sagt Renate. «Manchmal hat man das Gefühl, sie habe etwas gelernt», ergänzt René. «Im nächsten Moment ist alles wieder beim Alten.» Eine gewisse Müdigkeit und Resignation ist ihnen ins Gesicht geschrieben. «Jugendliche, die hier landen, haben grosse Probleme», sagt Renate. «Manchmal vergessen wir das.»

Vor zwölf Jahren sind Renate, 52, und René, 56, nach Umbrien ausgewandert. Seither sind sie dreimal umgezogen. Sobald ein Haus umgebaut war, zogen sie weiter ins nächste. «Mich zieht es schon wieder weg», sagt René. Aber die Kinder, 10, 14 und 16 Jahre alt, sind dagegen. Sie sind fleissig in der Schule und erfolgreich in Karate, sind aufgehoben in ihrem Freundeskreis. «Wir haben die Jugendlichen normalerweise nur für eine kurze Zeit», sagt Renate. «Auf lange Frist ist es eine zu grosse Belastung für die Familie.»

Die Familien sind mit ihrer verantwortungsvollen Aufgabe nicht allein. Ombrello Umbro begleitet die Betreuer mit einem Netz von Fachleuten aus der Schweiz und aus Deutschland. Zwei- bis dreimal im Monat führt die Erziehungsleiterin mit den Pflegefamilien und den Jugendlichen Gespräche. Zudem veranstaltet Ombrello Umbro mehrmals jährlich Weiterbildungskurse, die den Betreuern Einblick in die neusten Erziehungsmethoden geben.

«Wie hältst du das bloss aus?»
«Die Arbeit mit seelisch Behinderten ist sehr anspruchsvoll», sagt André Spring. Manchmal würden ihn Freunde fragen, wie er diese Arbeit aushalte. Dann erzähle er jeweils folgende Anekdote: Er habe einmal Einsicht in ein Dossier eines damals zwölfjährigen Deutschen bekommen. Seit dem achten Lebensjahr sei dieser in geschlossenen Jugendheimen oder psychiatrischen Kliniken versorgt gewesen. «Er konnte kaum drei Worte aneinander reihen, war extrem zerstörerisch und therapieresistent», so Spring. «Da habe ich sofort gewusst, dass ich den nach Italien holen muss.» Es sei auch diese Herausforderung, die ihn reize: «Was kann ich erreichen, wo andere gescheitert sind?» Aber auch die Hoffnung, diese extremen Kräfte, die er für den Widerstand braucht, positiv nutzen zu können.

«Es ist ein bisschen wie Archäologie: Man weiss nie recht, worauf man stossen wird», sagt die Psychotherapeutin Petra Rupprecht über die komplexen Problemfelder der verhaltensauffälligen Jugendlichen. Die meisten würden an überhöhten Ansprüchen an sich selbst scheitern: «Scham und Schuld sind grosse Themen.» Viel kann sie in der kurzen Zeit, in der die Jugendlichen in Italien sind, aber nicht erreichen. «Ich bin mehr Begleiterin denn Therapeutin», sagt sie. Heisst: sich vorbehaltlos auf die Gespräche mit den Jugendlichen einlassen, ohne zu urteilen. Rupprecht: «Ich kann ihre Geschichten nur aushalten. Abnehmen kann ich ihnen ihr Schicksal nicht.»

Als würde sie eine Rolle proben
Ein lautes und anhaltendes Weinen hallt durch das Treppenhaus. Im Türrahmen ein Mann, er klimpert mit den Münzen in der Hosentasche. Endlos langsam zieht der verglaste Lift vorbei, darin eine alte Frau an Krücken. Leere Blicke, bleiche Gesichter, triste Stimmung im örtlichen Altersheim. «Bruna, amore! Come va?» Die Alte bricht in Tränen aus und stimmt ein nicht enden wollendes Klagelied an. Stefanie macht ein Pflegepraktikum. Sie trägt einen weissen Arztkittel. Es ist, als würde sie für eine Rolle proben. Es ist Sonntagabend, eigentlich müsste Stefanie gar nicht arbeiten. «Ich will endlich etwas durchstehen», sagt sie. «Ich muss das üben.»

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